Kapitel 92
 

Kapitel 92 

 

 

Als brannte die Welt in der einen Götterdämmerung, zogen von Westen her die ersten feuergeladenen Dampfwalzen, hier auf der überschütteten, verfluchten Erde, die ihre eigenen Sünden nicht kannte…

Die Zeit lief ab, so lange sie es noch konnte. Denn stand das Ende ins Haus, so würde auch die Zeit nicht mehr dahin ticken können… 

Als brannte die Welt in der einen Götterdämmerung, hörte man von weitem die sterbenden Klagerufe der letzten Menschen, die in jenen Minuten von Ganondorfs Kindern wie Vieh, erbarmungslos und kalt, abgeschlachtet wurden. Für Dämonen wie Ganondorf waren Menschen Vieh… Vieh zum Foltern. Vieh zum Töten…

Und als brannte die Welt in der einen Götterdämmerung gab es noch ein einziges Gebet, welches von kämpfenden Lippen stammte. Es gab noch einen Hoffnungsschimmer, weit in den Lüften verborgen, geschwächt, aber am Leben…

 

Als sich der Nebel und der Rauch, die Produkte des heftigen Knalls, legten, herrschte Stille am Horizont. Und als die Luft rings um die Kirche wieder klarer wurde, konnte man endlich erkennen, welche Ausmaße die beiden energiegeladenen Waffen von Link und seinem Kontrahenten besaßen. Das Dach der Kirche hatte so großen Schaden genommen, dass davon nicht viel übrig geblieben war. Der Turm der Kirche war noch erhalten, ebenso einige Meter altes mit Schiefer bekleidetes Holz, und doch ragte aus der Mitte des Daches ein riesiger Krater…

 

Der junge, verletzte Heroe lag hechelnd auf dem Bauch, mit geöffneten Augen, direkt am Abgrund. Nur wenige Zentimeter weiter und er wäre durch die Wucht der beiden Attacken über den Abgrund hinausgeschleudert worden. Er atmete schleppend und pfeifend. Ein schmerzverzerrtes Jaulen drang durch die Luft, fordernd nach einer helfenden Hand, die jedoch nicht kommen würde. Es hatte ihn ziemlich schwer erwischt, ja, das wusste er. Er musste grinsen, als er versuchte sich auf seine Arme zu stemmen. Nur ein Versuch, nicht mehr…

Er trug eine Platzwunde am Kopf, seine grüne Mütze hatte er verloren.

Tastend mit der linken Hand über seinem Brustkorb vermutete er zwei, drei Rippenbrüche. Und an seinem rechten Oberschenkel stak ein großes Holzstück tief im Fleisch…

 

Er brach wieder nieder, kniff die Augen zusammen und versuchte einen klaren Kopf zu bewahren, versuchte sich wach zuhalten…  Nicht weit von ihm entfernt lag der goldene Schild der Götter zusammengebeult und unbrauchbar. Das Masterschwert war nicht in Sicht. Und Link hatte Sorge, dass es in die Tiefe gestürzt und nicht mehr auffindbar war.

Er öffnete seine tiefblauen Augen erneut und blickte zu seiner rechten Hand, die am meisten schmerzte… Auch das noch, brummte er in Gedanken. Sein Mittel- und sein Ringfinger waren umgeknickt. Ein schauriges Bild… aber es war nicht das erste Mal und Link wusste, wie er dies beseitigen konnte. Plötzlich knackte es unangenehm und ein impulsiver Befreiungsschrei entkam Links Lippen, als er seine beiden Finger wieder einrenkte…

Noch immer hechelnd drehte er sich um, sodass er in den blutroten, weinenden Himmel blicken konnte. Der Vorhang des Todes zog sich langsam zu, dort im Westen fing es an. Ein Farbenmeer aus rot, violett und schwarz sich vereinend zu dem Dunkel, welches die Welt übertünchen würde.

 

Er schloss die Augen, nur um sie sofort wieder aufzureißen. Erst jetzt bemerkte er, dass nicht nur sein Hecheln sich wehleidig durch die Lüfte zog. Wenige Meter weiter schnaufte und murrte der Fürst des Schreckens über seine eigenen triefenden Wunden…

Ganondorfs muskulösen Beine waren unter schwerem Holz und Schiefer begraben und blutiger Speichel tropfte von seinen Mundecken. Angelehnt lag er an dem Turm der Kirche, ganz und gar nicht königlich. Ganz und gar nicht wie der kraftprotzende Herrscher, der er sein wollte…

 

Das Aufrichten fühlte sich für Link an, als stemmte er einen ausgewachsenen Goronen in die Höhe. Seine Arme zitterten und seine Atmung beschleunigte sich ungewollt. Es war schmerzhaft, sich auf die Arme zu ziehen, aber es gelang…

Seine Hände zu Fäusten geballt, zog er sich ein Stückchen weg von dem feurigroten Abgrund, der die Welt am Grund wie ein heilendes Eiland wirken ließ…

Links Augen tränten, einerseits vor Schmerz überall und nirgends, andererseits wegen dem reißenden Wind in diesen Höhen, welcher Kälte und Nässe näher trug.

Das dicke Holzstück in seinem Oberschenkel begutachtend, entschied sich der Heroe dafür, es dort zu belassen. Er würde nur noch durch die Gegend humpeln können, aber besser als eine gefährliche Blutung zu riskieren. Er presste die linke Hand auf den Brustkorb und spukte ebenso etwas Blut, keuchte leise, keuchte mehrmals…

War das nun das Ende, fragte er sich und blickte verschwommen hinauf an den Horizont. Und je länger er den finsteren Himmel fixierte, umso klarer und lebendiger wurden die Engel, die er von dem zerstörten Firmament sinken sah. Es waren glitzernde Punkte. Rein. Ehrlich und Unschuldig… Es tat gut…

 

Link verschwendete in diesem Augenblick keinen Gedanken daran, dass die Engel, die er in den Lüften tanzen sah, nicht nur Illusionen waren. Es war immer ein Geben und Nehmen. Ein Hin und hergerissen sein für das wenige Gute in einer von Nacht umhüllten Welt zu kämpfen. Es war niemals leicht. Und wenn die Zweifel über ihn kamen, dann kamen sie vernichtend.

Was wäre, wenn er Ganondorf nun besiegen könnte? Wie sollte ein Leben auf der Erde aussehen? Jetzt, da mehr zerstört wurde als noch im Begriff war zu wachsen?

Eine Welt in Frieden. Eine Welt ohne das Triforce. Ein neues Hyrules…

Würde es eine solche Welt denn wirklich irgendwann geben?

Er lachte über sich selbst, während die vielen glitzernden Punkte am Firmament sich zu einem Wesen vereinigten.

Würde seine eigene Seele und diejenige von Zelda irgendwann Ruhe finden?

Er bezweifelte es immer mehr.

Er verlor den Glauben daran mit jedem neuen Gedanken…

 

Die weißen Lichtpunkte rührten den geschwächten Heroen zu Tränen. Sie waren so hell, dass er daran erstarren könnte. Hier, wo das scharlachrote Gewand sich über die Welt legte, zündete ein letztes heiliges Wesen eine Flamme der Wärme für Link. Nur für Link…

 

Das Wesen lächelte und bildete sich alsbald zu einem grünäugigen Mädchen mit blauen Schleifen im Haar und da erkannte Link sie. Zu seiner Überraschung trug sie mit ihren beiden kleinen Ärmchen sein Schwert umher.

 

„Navi?“ Sie grinste bitter und kniete sofort zu ihm nieder.

„Du bist ein Vollidiot, eine solche dumme Attacke zu riskieren. Mann müsste dir zusätzlich einen belehrenden Schlag auf deinen idiotischen Gehirnkasten geben…“

Link grinste unverbesserlich. Wie recht sie hatte. Mit zitternden Armen richtete sich der Heroe ein wenig auf, unterdrückte ein wehleidiges Wimmern, wollte nicht noch mehr Navis Zanksucht schüren, obgleich sie frohen Mutes vor ihm saß.

„Man kann dich echt nicht alleine lassen“, murrte sie.

„Wohl nicht…“, hauchte er, leise aber ironisch. Link hustete ein weiteres Mal und schaute verwundert zu seiner heiligen Waffe.

„Guck‘ nicht so überrascht. Du kannst froh sein, dass ich zufällig in der Nähe war. Dein Schwert ist bis zum Boden gefallen, direkt hinein in einen Wald. Hätte ich es nicht bemerkt, dann sähest du jetzt mehr als alt aus…“

„Danke… meine kleine Nervensäge…“, sagte Link leise und lächelte dabei.

„Außerdem kannst du froh sein, dass es nicht zu tausend Teilen zerschellt ist… mich wundert es mehr als alles andere, dass der harte Aufprall keine Spuren am Masterschwert hinterlassen hat. Also dank den ersten sieben Weisen, dass sie bei der Erschaffung des Schwertes keinen Mist gebaut haben…“

Und je mehr sie sich aufregte, so wusste Link, desto mehr machte sie sich Sorgen um ihn.

 

Vorsichtig streckte Link eine Hand nach Navis Wange aus und hinderte sie an ihrer Radaulust mit einer Berührung.

„Navi… reg‘ dich nicht so auf… ich weiß, du bist froh, dass ich noch lebe… du willst deine Freude ja bloß verstecken…“ Link lächelte seine einstige Begleiterin dankbar an.

„Du Dummkopf“, schimpfte sie und schluchzte.

„Ich hab‘ dich vermisst, Navi, meine Gefährtin auf den Abwegen der alternativen Zeit…“ Sie weinte dann. „Ich dich auch, Link. Es freut mich, dass du deine Erinnerungen wieder hast.“

„Und mich erst...“, lachte er und griff sich sofort wieder an den Brustkorb.

„Gebrochene Rippen, was?“

Link nickte. „Was sonst…“

„Is ja nicht das erste Mal…“, meinte sie schnippisch, aber lächelte dann.

„Wie wahr…“, hauchte der Heroe.

 

Navi nahm alsdann das heilige Schwert des Guten in ihre kleinen Kinderhände und schleifte es mühevoll näher. Sie drückte das Heft dem geschwächten Heroen in die Hand und zwinkerte.

„Es bedarf ein Stückchen Herzfleisch um alles zu beenden, Link… Gib‘ sie auf, deine Ehre… Ganondorf hat seine verspielt… Geh‘!“ Mit diesen Worten sahen sowohl Link als auch Navi dem übel zugerichteten Ganondorf in seine halbgeöffneten, eisigen Augen. Und obwohl er zu schlafen schien, war der bösartige, rote Schimmer in seinen Augen genug Offenbarung für seine Niedertracht.

 

„Was nützt es dir ehrenvoll zu kämpfen, wenn du damit nur dir selbst schadest… ich weiß, du hast nie aus Leidenschaft oder Freude gegen das Böse gekämpft. Du hast es getan, um diejenigen zu beschützen, die du liebst. Du hast es getan, weil du musstest. Natürlich liebst du den Kampf, aber doch nur- und nur dann solltest du deine Ehre wahren- wenn du dein Talent zeigen möchtest, wenn du einen freundschaftlichen Kampf gewinnen willst…“

Erstaunt lauschte der Heroe Navis Worten. Wollte sie, dass er endlich so unfair kämpfte wie Ganondorf? Wollte sie, dass er Ganondorfs unterlegene Situation endlich ausnutzte?

„Tu‘ es endlich und töte ihn für immer, Link…“

„Aber Navi… ich bin kein… Killer…“, sprach er klar und deutlich, fürchtete sich fast vor seinen eigenen Worten. Wo stimmten diese Worte noch? Er hatte soviel getötet und soviel Last auf seiner Seele, dass es für mehrere Mörder ausreichte…

„Erinnere dich an die alternative Zeit… damals hast du Ganondorf auch den Todesstoß geben können, ohne lange nachzudenken…“, sprach das Kind, welches Navi doch war.

„Ja, das stimmt… aber die Zweifel kamen später… ich weiß, ich habe keine Wahl, aber ich hätte ihn lieber in einem anderen Moment ins Jenseits geschickt, als ihm am Boden liegend den Rest zu geben…“

 

Als Link sich auf seinem Schwert in die Höhe zog, fühlte er sich fast ein wenig besser. Es schien, als übertrugen sich ein paar Bruchstücke der Kraft des alten Schwertes auf seinen Körper und seinen Geist.

„Geh‘ Link, und beende es…“, sprach Navi noch einmal, bevor sie ihre Sichtbarkeit nicht länger halten konnte und in jenen glitzernden Punkten verschwand, in denen sie erschienen war.

 

Entschlossen, aber mit einem Funken Mitleid in seinen tiefblauen Augen humpelte Link mit einem zum Töten bereiten Masterschwert näher zu dem Fürsten des Schreckens. Ganondorf trug selbst in seiner Ohnmacht ein barbarisches Grinsen.

Da lag er, der stolze König aus der Gerudowüste. Gebrochen.

„Wer ist nun das Häufchen Elend, Ganondorf?“, sprach Link japsend nach Luft. Er musste sich auf seinem Schwert abstützen, um sich auf den Beinen halten zu können, aber es wurde besser.

„Wach auf, Mistkerl. Sieh‘ mir wenigstens in die Augen, wenn ich dich vernichte!“, röhrte Link, so laut wie er konnte. Ungeduldig trat er mit dem gesunden Bein nach Ganondorfs rechten Arm. 

„Wach‘ auf!“, brüllte Link und hob das weißleuchtende Masterschwert richtend in die Höhe. Wie ein letztes Licht der Welt erstrahlte es hier auf dem Dach der Kirche umgeben von rotem Schein…

 

Und Ganondorf erwachte… wie auf Befehl hoben sich seine Augenlider nach oben. Der gleiche Hohn. Der gleiche Wahnwitz wie immer lag in Ganondorfs rotfunkelnden Augen. Auch jetzt, da er unterlegen schien.

„Na Heldchen? Was jetzt?“, schnalzte er und spukte schwarzes Blut auf Links Füße. „Willst du mich mit deinem lächerlichen Zahnstocher aufspießen?“ Angewidert ließ Link das scharfe Schwert sinken und stützte die Spitze der heiligen Klinge direkt auf den zerrütteten Stoff von Ganondorfs Bauch, dort, wo in etwa der Nabel saß. Ob Ganondorf überhaupt einen Nabel hatte? Ob diese Bestie einst Vater- und Mutterliebe erfahren hatte? 

 

„Sag‘ mir, welchen Sinn hatte dein Leben jemals! Hat dein abscheuliches Dasein überhaupt einmal einen Nutzen für irgendwen getragen?“

„Es war gut genug, um dein Leben und das deiner Prinzessin zu zerstören, nicht?“, japste er, während schwarzer Speichel an seinen Mundecken entlanglief.

Kochende Wut raste in Links Venen entlang. Selbst im Angesicht des Todes wagte es dieses Scheusal noch sich über ihn und Zelda zu amüsieren. Der Heroe presste die Lippen aneinander, um seine eigene Bestie, die sich wieder regte, unters Joch zu zwingen.

„Ich habe kein Mitleid mehr mit dir. Genug von deinen läppischen Reden. Genug von dem, was du dem Gleichgewicht der Erde und dem von Hyrule angetan hast… heute wird alles enden“, sprach Link, wusste um den Mord, den er auch jetzt zu verantworten hatte. Aber war dieser Mord denn nicht ein gerechtfertigter? Menschen töteten, manchmal wahllos. Richter verhängten Todesstrafen in dieser Welt…

Warum also auf ein menschliches Gewissen hören?

 

„Sieh‘ einer an, wirst du langsam vernünftig?“, hechelte Ganondorf. Er spürte bereits die gnadenlose Spitze der weißen heiligen Klinge seines Gegners. Es brannte ein wenig auf seiner Haut, brannte genüsslich, brannte irgendwie heilsam… 

„Nun mach‘ schon, beweise deinen Mut!“, lachte der Dämon.

Denn noch immer zögerte Link, hatte ein schlechtes Gefühl dabei. Aber was war besser als die Welt von Ganondorfs Klauen zu reinigen?

Kollernd umfasste der Fürst des Schreckens von Links Zögern beleidigt die Klinge, spürend, wie sich seine Fingerhaut an dem Material versengte.

„Was…?“, entkam es den trockenen Lippen des Helden. Und es war, als würde die heilige Klinge wie von selbst, zärtlich und einprägsam ihren vorbestimmten Weg finden. Aber nicht durch Links Hände allein…  

Ganondorf grunzte viehisch, als sich der Stahl in seinen Bauch hineinbohrte. Aber das Glimmen, weitreichend und erschreckend, sagte dem Heroen, dass jenes Spiel, makaber und grausam, noch lange nicht beendet schien.

„Einen letzten Trumpf habe ich noch, Held der alten Welt… erst wenn du diesen schlägst, hast du gewonnen…“, murmelte der Dämon, schloss die Augen. Aber um seine Mundwinkel erschuf sich jenes unheilvolle Lächeln, das das Heer der Toten ins Leben gerufen hatte.

Gleichzeitig schlossen sich auch Links tiefblaue Augen. Er träumte, halluzinierte… er wusste nicht mehr, wie ihm geschah… er wusste und erfuhr nur einen Schmerz, den er nicht erwartet hätte.

 

„Link…“, sprach Zelda hilflos, während sie sich in der Dunkelheit vorwärtsbewegte. Vor wenigen Sekunden war die gesamte Kirche, einschließlich der Kanalisation, durch einen so heftigen Knall erschüttert worden, dass die Prinzessin schon das schlimmste befürchtete. Und hier, wo sie sich entlang bewegte, waren unzählige Gesteinsbrocken aus dem Mauerwerk geschleudert worden. Zelda konnte von Glück reden, dass sie unverletzt blieb.

„Link… was ist geschehen…“, murmelte sie, während ihr die Angst im Nacken saß. Ihr Magen verkrampfte sich und ihr wurde übel, so sehr, dass sie sich zunächst auf die Knie sinken lassen musste. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Link quälte sich…

Den Namen ihres Helden weiterhin auf den Lippen zog sie sich weiter, zog sich mühevoll durch die violette Pforte und trat in den zerstörten Kirchenraum, wo neben riesigen Gesteinsbrocken, zerfetzten Schieferplatten und durchtrennten Holzbalken wütendes Feuer loderte. Zelda wischte sich ihre klebenden, blonden Haare von den verdreckten Wangen und besah sich den glühendroten Schein, der seine glutbeladenen Ausläufer von oben herab in den Kirchensaal schickte.

Die Prinzessin erstarrte zunächst angesichts des riesigen Loches an der Decke. Ihre müden, himmelblauen Augen musterten mit Entsetzen die Ausmaße der Kräfte der beiden Duellanten.

 

„Link!“, rief sie. „Wo bist du!“ Panisch wand sie sich hin und her, bis sie sich schleppend einen Weg durch Feuer und Gestein suchte. Sie rief fortwährend nach ihm und vielleicht hätte er ihr sogar geantwortet, wenn er Herr seiner selbst wäre…

Vor dem verschmutzten Altar, wo noch immer das schwarze Bild die Wände verzierte, fand sie ihn endlich. Unbeeindruckt stand der junge Heroe ohne Mütze mit dem Rücken zu seiner Prinzessin.

„Link…“, sprach Zelda leise. Er schien nicht zu reagieren, obwohl er seine Liebste sonst ohne zu Überlegen in die Arme geschlossen hätte. Und als dann in Zeldas Magen erneut eine bittere Übelkeit aufstieß, belehrte das Schicksal die Prinzessin, auf der Hut zu sein…

Beunruhigt trat sie näher und wiederholte den einprägsamen Namen des Heroen deutlich.

Seine wiesengrüne Tunika war noch zerrütteter als vorhin. Die vielen Blutspuren an dem Stoff und das dicke Holzstück in seinem Bein beunruhigten Zelda zusätzlich. Aber der Held stand wacker auf den Beinen und musste daher keine ernsteren Verletzungen tragen, entschied Zelda.

Sein Schild und das heilige Schwert seines eigenen Schicksals fehlten. Noch etwas, was Zelda alarmierte. 

 

„Link…“, sagte sie erneut, diesmal liebevoller und endlich hielt sie nicht mehr länger an sich. Sie trat näher und umschlang seinen mitgenommenen Körper mit ihren Händen, die sich sogleich auf seinem Bauch wiederfanden. Er seufzte lediglich. Ohne seine angenehme Stimme zu erheben.

„Was ist geschehen?“, sprach Zelda im Flüsterton und drückte ihren eigenen Kopf auf seine rechte Schulter. Sie spürte sein zerzaustes Haar an ihrer rechten Wange, spürte dann eine unangenehme Kälte, die seinen Körper wie ein Schutzschild umrahmte.

„Du bist so kalt…“, sagte sie besorgt, damit rechnend, dass er irgendetwas sagte, aber er blieb stumm wie vorhin auch. Skeptisch löste sich Zelda von ihm und trat vor ihn, blickte durchdringend in sein blasses Gesicht, wo die goldblonden Haarsträhnen seine tiefblauen Augen verdeckten. 

Sie streichelte mit ihren zitternden Fingerspitzen über seine rechte Wange, spürte seine kalte Haut nun noch deutlicher. Zaghaft strich sie dann die blonden Haarspitzen von seinen Augen, um darin lesen zu können, um zu wissen, was ihn bedrückte, und zu erkennen, warum er nicht mit ihr redete. Und erst jetzt erkannte sie, dass er seine Augen fest verschlossen hielt…

„Link… bitte so sag‘ doch etwas…“, sprach sie nun ein wenig verzweifelt. Warum stand Link so unbeteiligt vor diesem dämlichen, schwarzen Gemälde? Warum reagierte er nicht auf sie?

„Tut dir etwas weh?“ Sie umarmte ihn innig und versuchte ihn aus dieser Trance zu reißen, ohne zu realisieren, dass Link nicht hier weilte. Ohne endlich zu begreifen…

 

Manchmal gab es Ereignisse in den Geschichten, die mit Magie geschrieben wurden, welche der Erzähler nie plante. Und manchmal musste auch ein liebender Mensch einen bitteren, letzten Schritt wagen. Zelda würde ihn wagen müssen, dann, wenn sie erkannt hatte…

 

„Link…“ Hilflos hing die junge Prinzessin an ihm und wusste nicht mehr weiter. Sie tastete seinen Hals ab, suchte nach seinem Puls. Sie fand ihn, aber das wenige Pochen unter ihren Fingerspitzen, flüchtig, unlebendig, bescherte ihr die Zweifel grausamer Vorstellungen. Gelüste im Nebel. Herzenswärme im Trugschein…

 

Sie begann ihn zu rütteln und sagte seinen Namen eindringlicher, bis plötzlich seine Augenlider nach oben flatterten. Er keuchte, aber er spielte mit seiner Stimme so unsauber, so anders als sonst, dass es Zelda zunächst verwirrte. Sie umarmte ihn, versuchte ihn weiterhin mit ihrer eigenen Wärme aus diesem Zustand zu reißen, bis Links Arme sich dann suchend auf den nassen Stoff ihres Rückens legten. Er streichelte ihr nicht wie sonst über den Rücken, beruhigte sie nicht wie sonst mit seinen innigen Berührungen, kündigte nicht wie sonst die Zuneigung an, die ihm für sie innewohnte, sondern drückte einfach nur fest zu. 

Zelda entließ einen überraschten Seufzer, als er sie so fest an seinen Körper drückte, dass ihr das Atmen schwerer fiel. Es war ihr unangenehm und tat sogar ein wenig weh. Sie musste ihn beherzt von sich wegstoßen, um in seine Augen sehen zu können. Und als sie darin versank, so tief und ehrfürchtig wie noch nie, wünschte sie sich, zu träumen. Etwas Befremdendes lag in dem stürmischen Tiefblau, welches sie immer geliebt und verehrt hatte.

Zorn. Erniedrigung. Aber auch zügellose, kranke Begierde.

 

Ohne Vorwarnung presste er seine kalten Lippen auf ihre, verleugnete jeden Hauch Wärme und Liebe in dem Kuss, beschmutzte sie vielleicht sogar mit einem unreinen, gebieterischen Zungenspiel, welches ihr einen eisigen Schauer den Rücken hinunter jagte.

Sie stöhnte angewidert auf, wollte ihn von sich wegstoßen, aber das ließ er nicht zu. Ein gehässiges Lachen erhob sich aus seiner Kehle und im Wahn jenes Lachens drückte er sie gebieterisch an die raue Wand hinter ihr.

„Link… hör‘ auf!“, rief sie befehlend hinein in seinen Mund. Ihre Worte wurden von weiteren groben Küssen verschluckt. ,Was war nur los mit ihm?‘, dachte sie. Sicherlich waren sie manchmal auch ein wenig gröber und wilder, wenn sie in ihren Liebesgefühlen untergingen. Aber so, wie sich Link im Augenblick verhielt, so primitiv, so brutal, regte sich eine Angst vor ihm in Zeldas Inneren, die ihr noch nie wiederfahren war. Sie spürte eine Lähmung gegenüber Link, ausgerechnet vor dem Mann, den sie über alles in der Welt liebte…

 

„Link!“, weinte sie. „Lass‘ das!“ Er wich einige Zentimeter zurück und gerade als Zelda dachte, er wäre aus seiner Trance aufgewacht, begann er ungeniert und breit grinsend zu kichern.

„Hab‘ ich dir Angst gemacht, Prinzessin?“, sprach er. Doch seine sonst so warme, zärtliche Stimme war überschattet von dem Unheil vergangener Grausamkeiten. Er lachte wieder, trat noch näher an Zeldas erschöpften Körper heran und ergriff ihre beiden Hände, nur um sie roh über Zeldas Kopf an die Wand zu drücken. Sie wimmerte spürend wie höllisch ihre Triforcewunde angesichts dieser Bewegung zu brennen anfing.

„Link, du tust mir weh!“, schluchzte sie.

„Dann verrate ich dir etwas: Ich tu‘ dir gleich noch mehr weh“, sprach seine Stimme, und sprach sie doch nicht…

Es war schauerlich von blutigen Händen wie denen Ganondorfs berührt zu werden, aber von dem eigenen Geliebten so spöttisch, so hinrichtend, behandelt zu werden, machte Ganondorfs Berührungen fast schon taktvoll…

Zelda weinte nun endgültig. Doch es interessierte den Mann nicht, der ihr gegenüber stand. Es kümmerte ihn nicht, als wäre sie die Hure, an welcher er im Augenblick Interesse hatte, die er aber später wegwerfen konnte. Sie fühlte sich so austauschbar, so gedemütigt.

 

Zelda schloss krampfhaft die Augen, als er seine Lippen wiederholt auf ihren Mund presste. Und als er sich langsam mit den Zähnen an ihrer rosa Unterlippe festbiss, hallte von Ferne, hallte weit weg, aber stetig und ausdauernd ein kleiner Funke Gefühl. Dort in ihren Gedanken war jemand, der blutete. Irgendwo in ihrem Herzen rief jemand nach ihr, der weinte, als sie von der Gestalt vor ihr geküsst wurde.

,Zelda…‘, sprach die Stimme im Nebel. Zärtlich, so warm… so, wie sie seine Stimme kannte.

,Zelda… bitte…‘ Und je häufiger er ihren Namen rief, umso unruhiger trommelte ihr verletztes Herz. Denn mit jeder einzelnen Silbe schien die Stimme schwächer zu werden. Mit jeder einzelnen Silbe erkannte sie den Schmerz, der seine Stimme verriet.

Fassungslos öffneten sich Zeldas himmelblaue Augen wieder für den Körper, der sie abtastete, der sie schleimig umgarnte. Etwas stimmte nicht, nun noch mehr als vorher. Auch das mulmige Gefühl im Magen fing wieder an.

,Zelda… ich brauche dich… bitte hilf‘ mir…‘ Links Stimme. Das war Links Stimme in ihren Gedanken und er flehte, als würde ihm das Herz bei lebendigem Leibe aus dem Körper geschnitten werden. Er rief, entsetzlich und klagsam. Aber er stand doch auch direkt vor ihr. Oder nicht?

„Link…“, sprach Zelda wimmernd, als wollte sie der Stimme antworten, die in ihrem Herzen rief. Ein wenig entschlossener machte sie sich bereit, auf diese innere Stimme zu antworten.

,Geh‘ weg von ihm…‘, winselte es in ihrem Inneren und da erkannte sie die Wahrheit.

 

„Du schmeckst so unschuldig wie ein Blümchen, das sich der Sonne entgegenstreckt… wahrlich sündenvoll, nur einmal von deinen Lippen zu trinken…“, sprach der Held direkt vor ihr. Der Held, der doch keiner war. Seine tiefblauen Augen sprachen mehr als Worte es hätten tun können. Sein erkaltetes Herz erzählte ihr noch einen Tropfen mehr von der grausamen Wahrheit. Sich vergewissernd blickte sie auf den rechten Handrücken des jungen Mannes und was sie sah, bestätigte nur noch die Zweifel über die Echtheit Links…

„Entschuldige… Liebling…“, sagte Zelda vorwarnend und ein wissender Ausdruck legte sich auf ihr verdrecktes Gesicht. Ein wenig Heimtücke. Ein wenig Sicherheit. „Aber ich denke, wir haben etwas zu klären.“

Zelda hob ihr Knie, schnell und zielsicher, und traf den wohl empfindlichsten Bereich des männlichen Körpers überhaupt mit einem schmerzhaften, dumpfen Schlag. Der vermeintliche Heroe sank entkräftet nieder, während aus seiner Lunge ein aufstöhnendes, ärgerliches Gebrüll strömte.

 

In dem Augenblick flatterten die olivgrünen Augenlider Ganondorfs nach oben. Angewurzelt saß er oben auf dem Dach, dort an dem Kirchturm angelehnt, verwundet überall. Gelbliche Augen, in denen aber der sonst so vernichtende, eisige Schimmer des Teufels fehlte, sanken nieder zu dem heiligen Schwert, welches labend, tief und schmerzvoll in dem Bauch seines Opfers steckte.

Ganondorf entließ einen heftigen Schrei, als er endlich bei klarem Bewusstsein seine Umgebung und den blutroten Himmel wahrnahm. Und vielleicht zum ersten Mal tropfte eine Träne von seinen Augenwinkeln, eine schwarze Träne aus Schmerz, Kummer und der Niederlage, die seine Seele akzeptieren musste.

 

„Zelda…“, murmelte er mit einer Stimme, die in den Ohren für ihn befremdend klang. Und die Güte in seinen Augen, die beinah unwirklich schien, verfestigte sich. „Verdammter Hurensohn…“, rief er, so laut wie er konnte. Und während er rief, umfassten seine eisigen, zitternden Hände den Griff der heiligen Klinge, die ihn bannte. Doch entgegen aller Erwartung glühten seine Hände nicht, noch verbrannte er sich an dem Griff.

„Na warte… Ganondorf“, murrte er. „Ich bin noch lange nicht tot…“

Mit einem Schrei, den sowohl Zelda als auch der vermeintliche Link in der Kirche hören konnten, zog er sich das Schwert aus dem Leib. Die Wunde blutete bestialisch und sog die letzten Kräfte aus diesem alten, dämonischen Körper. Dennoch… wenn er jetzt nicht noch einen Schritt tat… wenn er jetzt nicht wenigstens Zelda warnen konnte, dann stand ihm kein Titel mehr.

 

Zähneknirschend richtete sich der Körper auf dem Dach der Kirche auf, spürte den starken Blutverlust, hechelte und keuchte. „Verdammt“, winselte er. Immer und immer wieder.

“Verdammt! Warum habe ich nicht besser aufgepasst!” Seine Augen, die doch nicht die seinen waren, blickten hinab auf die linke Handfläche, wo sich etwas preisgab, was seine wahre Identität symbolisierte. Strahlend leuchtete das Triforcefragment des Mutes ihm entgegen, fieberte…

Es war Link… Eingesperrt in einem falschen Körper, sollte er nun das Ende akzeptieren?

War es das, wovor Ilona noch warnen wollte, bevor Ganondorf sie aufspießte?

 

Marternd zog sich die tapfere Seele im falschen Körper auf die Knie, spukte mehr Blut als vorher, aber er musste kämpfen. Er musste weitermachen, selbst in diesem ranzigen Körper. Er hasste den Geruch des Körpers, verabscheute die pelzige Zunge im Mund, ekelte sich vor diesen Armen, vor diesen Beinen…

 

Kriechend schleppte er sich vorwärts, bis er an dem riesigen Krater der stolzen Kirche hinab in den Innenraum blicken konnte. Am Altar fand er Zelda, und seinen eigenen Körper…

 

Es war seltsam, sich selbst sehen zu können, wenn man in einem anderen Körper steckte. Es war bizarr und schrecklich…

Immer mehr Müdigkeit überfiel ihn, während er zum Altar blickte. Er wollte rufen, er wollte Zelda noch einmal mit Liebe in den Augen anschauen können, aber es ging nicht. Nicht im Moment…

Unsauber atmend hing er an dem Rande des riesigen Lochs und sah dem Blut zu, welches aus der Wunde des Bauches hinunter in die Flammen rieselte, die schon fast den gesamten Innenraum einnahmen.

 

Einige Sekunden verstrichen und es wurde kurzzeitig besser… es schien als steckten in Ganondorfs dämonischen Körper einige überschüssige Selbstheilungskräfte, die sich Links bemächtigten, ohne dass er es wollte. Oder es war der Verdienst des Fragmentes des Mutes, dass er trotz der starken Blutung noch immer genug Kraft hatte, um durchzuhalten. 

Mit einem Anflug von Verzweiflung und Übermut zog er sich näher an den flammenden Abgrund. Er musste grinsen, bitterlich grinsen, aber ihm blieb kein anderer Ausweg…

 

Und als ob der Körper Ganondorfs nicht schon beansprucht genug auf Erlösung wartete, da sprang der junge Heroe gefangen in dem falschen Körper einfach die vielen Meter hinunter. Er kreischte, während er fiel, hasste die Stimme, die von verrosteten Stimmbändern produziert wurde und ekelte sich vor sich selbst.

Knackend schlug er auf den Boden auf, aber jener Aufschlag war für ihn in diesem muskelbepackten, jäh schwer verletzten Körper nicht fühlbar.

Er orientierte sich zunächst und erblickte durch eine Feuerwand hindurch seine Prinzessin und einen am Boden hockenden Link, der sich fluchend die Hände ans beste Stück hielt.

 

Link im falschen Körper musste unwillkürlich grinsen. Es schien, als hätte Zelda die Situation unter Kontrolle… Dennoch, er musste sie damit erschrecken, in einem anderen Körper zu stecken, wenn sie es nicht bereits schon ahnte…

 

Schleppend zog sich der wahre junge Heroe vorwärts, trat auf die Beine und presste eine Hand auf den offenen, blutenden Bauch, während die andere das Masterschwert hinter sich her schleifte.

„Zelda!“, röhrte er. Sein Ruf kam stockend und schmerzerfüllt. Er durchbrach die Feuerwand vor ihm, bis er auf die Knie sank.

„Zelda…“, murmelte er. „Ich…“

 

Und endlich nahm auch sie ihn wahr. Sie hastete näher, obgleich der Anblick von Link in dem Körper des Feindes sie erschreckte. Sie legte ihm eine Hand auf die Wange.

„Es ist okay…“, flüsterte sie, entließ überfällige Tränen ihre Wangen hinab tropfen und küsste ihn trotz Widerwillens kurz auf die trockenen, vernarbten Teufelslippen.

„Ich weiß Bescheid…“ Die Erleichterung überschwemmte den Heroen, als sie sprach. Ihre Stimme war so ruhig, so unglaublich tröstend. Wenigstens hatte sie die Wahrheit akzeptiert…

„Verzeih‘ mir…“, sprach Link winselnd und presste nun beide Hände auf die grässliche Wunde am Bauch. Das Masterschwert ruhte unbeachtet neben ihm.

„Es ist nicht deine Schuld…“ Sie umarmte ihn zögerlich, spürte seine Schwäche und seine Kräfte schwinden.

 

Im Hintergrund begann sich Ganondorf im jugendlichen Körper immer mehr zu amüsieren. Es war genüsslich für ihn in diesem gesunden, blutjungen Körper zu stecken. Eine Erfahrung, die er nicht mehr wegwerfen wollte. Und das Witzigste für ihn war die Tatsache, dass Link und Zelda nur einen Ausweg hatten, um das Böse aus diesem frischen, knackigen Körper zu holen. Ein einziger Weg und dieser wäre gewiss nicht tödlich für Ganondorf selber…

Er lachte dreckig, erfreut über die neue Stimme, die er so verschandeln konnte, wie es ihm beliebte. Es war einfach nur herrlich. Er schwang die Arme, schlug einen Rückwärtssalto und war schlichtweg fasziniert…

Der Körper dieses dummen, grünbemützten Etwas hatte seine Vorzüge.

Kollernd blickte er zu den beiden Gestalten, die Arm in Arm auf dem Boden hockten. Ein schauriges Bild… Zelda umarmte Ganondorfs Körper. Und dann auf eine so tröstende Weise, dass es dem wahren Fürst des Schreckens nichts als ein beträchtliches Schmunzeln über die Lippen fahren ließ. Wie schwach sie beide aussahen. Und nichts hatten sie gewonnen. Ärmlich saßen sie dort zusammengekauert und brachten sich selbst nur noch mehr in ihre Verzweiflung.

 

„Wie hat er das gemacht?“, fragte Zelda leise. Link schüttelte den Kopf, schwieg, gedemütigt und gebrandmarkt. Ganondorfs wahres Ich im gesunden, frischen Körper übernahm stattdessen das Wort. „Du enttäuschst mich, Prinzessin. Wo ist denn dein Scharfsinn geblieben?“ Ganondorf lachte mit der Kämpferstimme des Heroen.

„Du weißt genau, dass ich ebenso mein Ass im Ärmel trage…“ Belustigt fuhr Ganondorf mit seinen neuen Händen über den stahlglatten Bauch dieses herrlichen Körpers.

„Dein Heroe war nicht hinreichend schnell mir das Masterschwert in den Bauch zu rammen… ich hatte genug Zeit um in meinem Kopf alte Formeln der Gerudohexen zu zelebrieren. Dankbar bin ich Kotake und Koume heute noch für die vielen Sprüche, die sie mich gelehrt haben…“

Er schüttelte sich das blonde Haar aus den Augen und strich sich eine Falte an der grünen Tunika glatt.

„Und egal, was ihr beide noch tut, ich bin auf alles vorbereitet…“ Amüsiert reckte er die rechte Hand des blutjungen Körpers in die Höhe. Es gefiel ihm so sehr, in diesem Fleisch zu stecken, dass er alles andere vergessen könnte. Er spielte mit seiner halbentstellten Teufelsklinge, die bei jedem weiteren Schlag auseinanderbrechen könnte.

 

„Und was ich nicht alles mit diesem Körper anstellen könnte…“, lachte er und trat näher.

„Liebst du diesen Körper denn nicht, Prinzessin? Hat dich dieser Körper nicht unzählige Male schon unsittlich berühren dürfen?“

Der wahre Link murrte gefährlich auf diese Bemerkung hin und wich auf den Knien nach vorne, Zelda jedoch hielt ihn zurück. Sie schüttelte den Kopf. „Lass‘ dich nicht reizen, bitte, wir wissen nicht, was passiert, wenn du dich in Ganondorfs Körper nicht unter Kontrolle hast…“ Sie sprach zitternd, aber mit genug Klarheit um ihren Heroen zu überzeugen.

 

„Na, Heldchen… wie fühlt sich mein Körper an?“, sprach er gehässig und knackte mit den Gelenken.

„Wie wohl… es wundert mich, dass du mit diesem schwächlichen, verrotteten Körper überhaupt noch einen Schritt machen konntest!“ Der wahre Link richtete sich auf und stützte sich sachte an Zelda ab. Er hielt das Masterschwert zitternd in die Höhe und trat an seinen Feind heran.

„Gib‘ mir meinen Körper wieder, Bestie…“, befahl der Heroe und richtete das Schwert an die Kehle seiner selbst…

„Und was wenn nicht? Ich sagte schon einmal, dass du mir keine Befehle erteilen sollst, Früchtchen…“ Genüsslich spielte der Dämon mit den starken Armen im jungen Körper, begann an den Kratzern und anderen Schürfungen auf der braungebrannten Haut entlang zu streicheln. Es widerte sowohl Link als auch Zelda an, wie er sich in diesem Körper lobpreiste. 

„Was jetzt, Ganondorf? Willst du ewig in meinem Körper stecken?“

Der Angesprochene hängte den Kopf schief. „Mmh… ich muss sagen, dein Körper gefällt mir ganz gut.“

„Das beruht nicht gerade auf Gegenseitigkeit…“, seufzte Link. Jener im falschen Körper holte darauf hin aus und stieß mit dem heiligen Schwert auf seinen eigenen Körper ein. Er wusste, dass er keine Kraft mehr hatte… und er wusste, dass er keine Chance mehr hatte. Aber sollte er vor Ganondorfs dreckigen Füßen um Gnade betteln? Niemals…

 

Ganondorf lachte, erfüllt mit Genugtuung, erfüllt mit Wahnwitz und schlug dem Heroen mit der aufgeladenen rechten Faust das Schwert aus den Händen. Noch ehe Zelda und Link etwas tun konnten, zischten schwarze Fesseln aus dem rechten Handrücken, wo Weisheit und Kraft miteinander verfeindet schienen. Ganondorfs Körper wurde von den Fesseln umhüllt und mit einem jauchzenden Schrei schlug der geschwächte Heroe an eine der alten, gerissenen Wände auf. Zappelnd hing er dort, wurde durch viele schwarze Bänder höher gezerrt und konnte nur noch zusehen. Er konnte sich nicht rühren, konnte sich nicht wehren…

 

„Zelda!“, rief Link im geschwächten, falschen Körper. „Nimm das Schwert!“

Sie schaute nur hilflos zu ihm hinauf. „Ich bitte dich… töte ihn… das ist die einzige Möglichkeit… er kann mit meinem Körper nicht richtig umgehen. Das ist deine Chance…“

Die Prinzessin Hyrules konnte kaum glauben, was Link da sagte. Töte sie diesen Körper, dann tötete sie Link damit! Das konnte sie nicht… sie konnte nicht den Körper des Mannes verletzen, den sie liebte. Sollte sie in der Hölle schmoren, aber diesen Mut würde sie nicht aufbringen.

 

Sie schüttelte den Kopf und blickte abwechselnd von Link zu Ganondorf.

„Bitte Zelda… ich will nicht, dass er noch länger in meinem Körper sitzt und damit macht, was er will… es ist die einzige Möglichkeit!“ Seine Stimme wurde flehender. Sein Kopf hing lethargisch nach unten.  Und irgendwo spürte Zelda, dass Link die einzigen Worte sprach, die richtig schienen. Es war der einzige Weg… und sie wusste es, auch wenn sich ihr Inneres mit aller Gewalt dagegen sträubte.

 

Eine schwarze Träne tropfte aus den Augenwinkeln von Ganondorfs grünlichem Gesicht und vermischte sich mit den Schweißperlen, die auf jener Haut glänzten. „Zelda… du schaffst das… bitte töte mich… für die Erdenwelt… für unser altes Hyrule…“ Link kniff die Augen zu und schien seine Prinzessin vor lauter Verzweiflung anzubetteln.

„Bitte…“, wiederholte er. Er hielt es in diesem dreckigen Körper nicht länger aus, es brannte inzwischen überall und Link wusste nicht warum. Es schmerzte und schändete seine Seele, so sehr, dass er den Tod in Kauf nahm…

 

Ganondorf zwinkerte ihr zu, keineswegs so wie Link es manchmal getan hatte. Er zwinkerte auffordernd, fast schon verspottend.

„Komm‘, Prinzessin, beweise deinen Mut und deine Ehre! Ich warte schon auf dich“ Er winkte ihr zu, lud sie ein mit dem Schwert des Guten auf diesen Körper zu zustoßen, lud sie ein, ihn zu vernichten.

„Du bist doch eh‘ zu schwach und feige dafür!“, hisste er.

 

Sie hatte Zweifel, tausende…

Sie hatte Angst. Vor ihrem Feind. Vor ihrer Liebe…

 

Links Stimme erklang erneut, doch sie verdrängte es, wollte das dumme Gerede nicht mehr hören, welches aus dem Mund stammte, den sie so leidenschaftlich sehnte küssen zu können. Und sie wollte nicht mehr hören, was seine Stimme, sonst so warm, so liebevoll, in ihr hervorrief.

Fest um krallte sie das Schwert, hörte es wispern und singen. Ein Gesang von Tod und Frieden. Eine Hymne voller Zweifel, die sich legen könnten…

Sie schloss die Augen im Zeichen der gnadenvollen Gewissheit. Im Zeichen von Ehre und Liebe.

,Nayru, steh‘ mir bei…‘, sagte sie in ihren Gedanken. Das Fragment der Weisheit, welche in Ganondorfs Besitz ruhte, würde ihr helfen, es zu beenden…

 

Sie nahm nicht wahr, ob Links Körper gelähmt wurde von dem ihrem Fragment, blauschimmernd und einsatzbereit. Sie wollte es nicht, sie wollte es nur beenden und Links letzten Wunsch erfüllen…

Zelda kniff die Augen fester zusammen. Das Schwert des Guten in beiden Händen, zielstrebig und strotzend nach vorne gerichtet, schritt sie auf Links Körper zu.

Tränen perlten sich über ihren Wangen, denn sie wusste, dass ihre Prophezeiung, immer wieder verdrängt, immer wieder in Frage gestellt, nun vielleicht doch ihre Bewandtnis fand…

Die Tränen waren klar, schimmerten dann leicht und wurden blau wie die See…

 

Zuerst spürte sie nur einen leichten Gegendruck, den das Schwert ihr bot, als es auf Haut und später auf Fleisch traf. Dann war es schwer, unglaublich schwer…

Sie stieß zu, mit allem, was sie hatte, mit allem, was sie aufbringen konnte…

Sie rammte ihm das Schwert mitten ins Herz, welches von dunklem Gemüt geschwärzt wurde…

 

Sie hörte Link keuchen. Seine Stimme. Seine vertraute, warme Stimme.

Sie spürte das edle Blut an der Schwertklinge hinab laufen, und auf ihre Finger tropfen. Es war warm, so warm…

Und sie weinte, kummervolle, warme Tränen…

 

Und als sein Körper langsam nachgab, sich dem Schwert in der Brust nicht mehr wehrte und das Schicksal hinnahm, das ihm wiederfahren war, konnte sie nichts anderes tun als ihn aufzufangen…

Sie sackte nieder, mit Links Körper, der sich auf ihren Schultern abstützte.

Sein Blut an ihren Händen…

Todesschuld auf ihrer Seele…

 

Seine tiefblauen Augen gewannen in Sekundenbruchteilen die Güte zurück, die sonst immer darin stand. Diese edlen, blauen Augen, die sie immer an soviel erinnert hatten. Aber vor allem an das Meer. Unberechenbar und stürmisch…

Jetzt stand Leid in ihnen, aber auch Dankbarkeit.

Und Zelda wusste nun, dass Link seinen Körper wiederhatte, wenn auch nur für einige sterbende Sekunden.

 

„Link…“, brachte sie stotternd hervor, wollte nicht glauben, was sie gerade eben getan hatte. Sie hatte seinen Tod zu verantworten…

Er lag in ihren Armen, wieder er selbst. Gewonnen hatte er nicht, aber er hatte seinen Körper wieder. Dank Zelda.

Er führte eine bebende linke Hand hinauf zu ihrer rechten Wange, streichelte jene bang. Und als Zelda sein Lächeln traf, ein warmes, stilles Lächeln, weinte sie umso mehr.

„Danke…“, sprach er, nahm Abschied, wie noch nie zuvor. Sein Lächeln brannte sich in ihr ein. Warum hörte er nicht auf zu lächeln, schrie sie innerlich, aber der Knoten in ihrem Hals ließ sie die Worte nicht sagen. Sie war betäubt. Unfähig zum Reden. Nur fähig zum Weinen.

Sie schüttelte den Kopf und rückte sein Gesicht mit ihrer rechten, geschundenen Hand so, damit er sie ganz genau anblickte. ,Du kannst nicht sterben… du kannst mich nicht alleine lassen, nicht schon wieder…‘, wollte sie sagen. Sie wollte soviel sagen. Aber das Schicksal würde ihr die Worte nicht gönnen.

Blut tropfte von seinen Mundwinkeln, sagte ihnen beiden, dass immer weniger Sekunden blieben, um den Abschied voneinander hinzunehmen.

„Deine Prophezeiung…“, sprach Link und wurde von Zeldas Lippen gestoppt. Zärtlich streichelten jene über seine für einen letzten Kuss. Einen Kuss, der Zelda in ihren Träumen verfolgen würde. Sie nickte und die blauen Tränen von ihren Augen tropften auf Links Gesicht. Er zwinkerte, ein letztes Mal, als er jene Tränentropfen spürte. 

„Kümmere… dich… um Klein-Link…“, hauchte Link und ließ ebenfalls einer Träne freien Lauf. Er hasste sich dafür, gehen zu müssen, Zelda dem Bösen zu überlassen… Er würde sich auf ewig dafür hassen…

„Hoffnung stirbt zuletzt… Zelda…“ Sie nickte. ,Wir werden uns wiedersehen…‘, sagte er in Gedanken und wusste, sie würde lauschen.

 

Dein auf ewig. Dort, wo die Schriften nicht mehr geführt wurden, um Ereignisse wie diese niederzuschreiben. Dein auf ewig. Möge uns der Tod nicht finden…

Dein auf ewig. Dort, wo das Schicksal mit uns Kindern spielt…

 

Und es war in dem Moment, als sich Links Augen schlossen, dass in Zeldas Augen die blaue Farbe schwand.

Er war nun auf dem Weg in die andere Welt, würde Ilona folgen, die vielleicht sogar auf ihn wartete…

 

Zelda jedoch weinte sich die Augen leer. Blau um Blau. Gefangen in Kristallen, die auf den Boden purzelten, während in der Kirche noch immer das Feuer tobte…

Sie weinte… flehte…

 

Links Herzschlag wurde leise, stoppte, zeugte von dem genommenen Leben… und sein Kopf, ansehnlich, aber blass, sank leblos zur Seite. Die Zeit der Helden Hyrules tickte dem Ende entgegen, so wie die Welt ihrem eigenen. Die Zeit der strahlenden Träger des Mutes war zu Ende…

 

Wimmernd hielt Zelda sich an der blutüberströmten Tunika fest, klammerte sich daran, als könnte sie Link damit zurückholen und sprach Worte, die sie noch nie zu ihm sagte. Sie sang, zittrig, aber verständlich…

Sie sang ihm das alte Wiegenlied…

 

„Like a rivers flow

Time will one day show

What the meaning is about this…

About a place like this…

About the dream we lived,

About you and me and this destiny…“

 

In dem Augenblick bildete sich das alte Medaillon um Links Hals, verließ Zelda…

Sie war fehlbar geworden, gewiss…

 

„Komm‘ zurück“, brüllte sie und begann den leblosen Heroen mit aller Kraft zu rütteln, die sie noch hatte. „Komm‘ zurück, Link…“

Das Medaillon schillerte. Alle drei Farben glühten noch einmal auf und erloschen dann…

 

„Ich hätte Ja gesagt… ich hätte Ja gesagt…“, weinte sie und klammerte sich an Links Brust fest, in der Hoffnung noch etwas von seiner Wärme fühlen zu können. Er war sogar noch warm, viel zu warm… 

„Hörst du… ich hätte Ja gesagt…“

 

Auch Ganondorf war nun zurück in seinem Körper, grinste makaber und seine trockenen Mundwinkel rissen auf, als er den Mund verzog. Die Fesseln um seinen Körper schwanden und langsam, geschmeidig, segelte er hinab auf festen Grund, nur wenige Meter weiter weg von Zelda und dem leblosen Heroen, der in ihren Armen ruhte.

Die Wunde am Bauch schwächte ihn ein wenig, aber nicht genug, um nicht seinen Sieg auszukosten.

„Ich habe gewonnen…“, lachte er ungläubig. Er hatte tatsächlich gesiegt! In Hunderten von Kämpfen, wo er gegen den grünbemützten Heroen verloren hatte, hätte er sich niemals träumen lassen, einmal, wenn auch nur ein einziges Mal, diesen Genuss auszukosten. Der Stolz den vom Schicksal erwählten Heroen niederzuringen, war unbeschreiblich. Er würgte ein wenig Blut aus dem Mund und lachte dann wieder…

„Endlich! Endlich siege ich!“, schrie er.

 

Was dann folgte, nahm die Prinzessin des Schicksals nicht mehr wahr. Sie hatte das verloren, was ihr das Wichtigste im Leben schien. Das Liebste… Das Teuerste…

Sie ignorierte, floh in ihre eigene Welt und spürte schon nicht mehr, dass Ganondorf sie mit einem gemeinen Ruck am Genick packte, von Link wegzerrte und sie mit sich schleifte.

Am Altar hielt er still und warf sich die junge Prinzessin über die Schulter. Es schien, als grübelte er ein wenig, wusste nicht mehr, was er jetzt noch tun sollte. Der Heroe weilte im Jenseits…

Prinzessin Zelda war nun in seinem Besitz…

Mmh, es war merkwürdig, aber nun, da Link tot war, hatte Ganondorf nichts mehr, worauf er zuarbeiten konnte. Die Welt lag unter seiner Gnade. Seine ausgewachsenen Kinder versklavten gerade die letzten Menschen. Er fühlte schlichtweg eine Langeweile in sich aufkeimen.

,Merkwürdiges Wort‘, dachte er. Noch nie war ihm langweilig gewesen… und jetzt…

Er grunzte und presste eine Hand auf die offene Wunde. Wie auch immer, er musste sich erstmal um seine Wunde kümmern.

Er legte Zelda, deren Augen so leer waren, als wäre das Leben aus ihr gewichen, auf dem Stuhl ab, wo er das Fragment aus ihr herausgeschnitten hatte, hielt beide Hände über seinen Bauch und drückte schwarze Magie hinein in die Wunde…

 

Verborgen in den schattenreichen, knackenden Feuern, die inzwischen die Kirche verzerrten, gab es jedoch noch ein Wesen, welches tränenreich die Geschehnisse beobachtete. Doch er, entgegen der Prinzessin, hatte noch Hoffnung. Eine letzte Hoffnung, so wie Link gesprochen hatte. Er würde nicht aufgeben, so wie sein großes Vorbild…

Ein paar rotbraune Stiefel erzeugten leises Taptap, als eine Gestalt aus den Schatten kroch. Blaue Augen funkelten gewissenhaft und vorsichtig umher, suchend nach einem günstigen Moment. Eine Idee. Ein Ausweg. Himmelhochjauchzende Zuversicht in seinem kindlichen Blick. Und das ansehnliche Grinsen, welches Link so ähnelte wurde breiter. Schnell hastete er näher zu dem toten Körper eines Menschen, den er sehr verehrte. Es war grausam für ihn, sein Vorbild hier liegen zu sehen, nicht in die tiefblauen Augen blicken zu können, die auch ihm Kraft für eine Existenz gegeben hatten. Und deshalb musste er etwas tun, auch wenn er nicht wusste, ob es funktionierte…

Ein glühender Schein von draußen verlor sich auf ihm und da erkannte ein Beobachter den Knaben, welcher aus zwei wunderbaren Essenzen gemischt, vielleicht doch irgendwann Leben erfahren sollte.  

„Du kannst nicht einfach sterben…“, flüsterte seine helle Kinderstimme.

„Du kannst Zelda nicht einfach alleine lassen…“, wimmerte er leise, und den Dämon stets im Blickfeld.

„Schau‘ dir das hässliche Schwein dort an… er hat alles so geplant. Er wird mit Zelda machen, was er will, wenn du nicht kämpfst…“, sprach der Junge. „Deshalb…“ Sein Kinderlächeln war mild und anteilnehmend. „… kann ich dich leider nicht im Jenseits lassen, Papa…“ Und das sanfte Lächeln wurde dreist.

Der Bengel erinnerte sich genau an die Vergangenheit Hyrules und es war ein Satz von Zerudas schönen Lippen, den er noch im Hinterkopf hatte. Ein bedeutender Satz!

Er kicherte, leise, aber wahrhaftig. Und er würde den wohl notwendigsten, genialsten Schritt in diesem Kampf tun. Zelda würde ihm so dankbar sein, dass sie ihn knutschte.

 

Grinsend schaute er auf das alte Relikt, auch genannt Medaillon der Mächtigen, welches schlaff und augenscheinlich nutzlos um Links Hals hing. Es war schön, ein wenig abgenutzter als in der Vergangenheit, aber seine Kräfte waren da. Kräfte, die es jenen Mächtigen versprach, die es erschaffen hatten.

Noch einmal rief der Bengel den schicksalhaften Satz in seinen Gedanken auf, der von Zerudas verführerischen Lippen stammte. ,Aktiviert es durch edles Blut…‘ und dann irgendwann sagte sie etwas von den Mächten des Reliktes, dass es Vorfahren rufen könne und dass es Lebenszeit zurückdreht…

 

,Aktiviert es durch edles Blut.‘

 

Ganz klar, dachte Klein-Link. Er musste das Blut von Link, und es war edel, keine Frage, einfach nur auf dieses Medaillon tropfen und vielleicht… vielleicht…

Spannung zerriss seinen Kinderkopf und er wurde hektisch.

,Verdammt, ich muss es tun, solange Links Blut noch nicht geronnen ist!‘, sagte er innerlich. Und er hoffte, wie sehr er doch hoffte…

Er nahm vorsichtig und erneut zu dem Teufel blickend die Kette von Links Hals. Und erst als er die hässliche Wunde in seiner Brust betrachtete, wurde ihm das Ausmaß der Folter bewusst, die Link erfahren haben musste. Sein Herz musste vom Schwert auf eine sehr qualvolle Weise durchstoßen worden sein. Da hing blutdurchtränktes Fleisch aus der Wunde heraus und tiefer kam helle Knochensubstanz zum Vorschein. Noch immer sickerte warmes Blut an jener Stelle aus seinem Körper. Und das war Klein-Links große Chance.

Zaghaft öffnete er die Klappe des Medaillons, sah den Schicksalsbaum in der Mitte verwelken als ein Zeichen des Herbstes, der hier in Schicksalshort herrschte. Und dann, ein wenig unbeholfen, aber mutig, drückte er das Medaillon mit aller Kraft gegen Links zerfetztes Herz…

 

Zuerst geschah gar nichts. Und die Sekunden kamen dem Götterkind vor, als wären sie eine Strafe für ihn. Er konnte nicht mehr still da sitzen. Er wurde noch verrückt wegen diesem Spannungsgefühl in sich. Aber er hoffte und seine Hoffnung war entscheidend.

Dann endlich vernahm er ein Ticken. Ein wunderbares, aber ungewöhnliches Ticken, welches beinah wie eine Melodie klang. Schicksalsmelodie sollte man sie nennen, dachte er.

 

Glücklicherweise war Ganondorf über die Maßen von sich selbst eingenommen und rechnete mit keinem Ereignis mehr, welches seine Pläne noch durchkreuzen könnte. Er hatte alles. Und er war sich dank seines eingebildeten Stolzes sicher, dass es niemanden mehr gab, der ihn aufhalten könnte.

Gerade das würde Klein-Link ausnutzen. Denn noch immer hielt es der Fürst des Schreckens nicht für notwendig sich nur einmal umzudrehen. Klein-Link kicherte, auch wenn er sich zusammenreißen musste. Aber er konnte nicht anders…

 

Seine himmelblauen Kinderaugen blickten erneut geduldig zu dem Medaillon. Und das Ticken um Leben und Tod wurde lauter. Die Melodie verfestigte sich. Es war eine schöne Melodie, ähnlich der Hymne der Zeit, die man in der alten Zitadelle lauschen durfte. Ein reiner Klang, produziert von einem Chor, der vergessen das alte Lied sang. Ein Lied für den einen Helden.

Ein Held mit tausenden Gesichtern.

Ein Held für alle Ewigkeit…

 

Dem Götterkind wurde warm ums Herz, als er dem Flüstern zuhörte. Die Hymne geboren aus Stille, Tod und Zweifel war so einschneidend. Sie war wunderschön…

Es rührte ihn zu Tränen. Und als eine Träne von Klein-Link zu Boden tropfte, bemerkte er erstmalig, wie seltsam das aussah, was im Gange war…

Die riesige Blutlache, in welcher der erwachsene Heroe lag, nahm ab. Klein-Link rieb sich die Augen, um es auch wirklich als wahr erachten zu können. Es passierte wirklich.

Wie ein magischer Strom, floss das edle Blut Links zurück in seinen Körper. Das Blut um ihn wurde weniger, bis es endgültig verschwand…

 

Dann erhob sich das Medaillon von Links Brust und die Wunde schloss sich schrittweise. Erst heilten die Knochen. Dann bildete sich helles Fleisch. Und dann wuchs die Haut dort wieder zusammen, wo sie von der legendären Klinge des Guten durchstoßen wurde…

Das Götterkind hielt den Atem an, aus Ehrfurcht und Erstaunen. Er legte seinen Kopf auf den Brustkorb seines großen Vorbildes. Zuerst hörte er nichts und dann… unerwartet, hetzend und aufrührend, entfesselte sich ein erster Herzschlag. Nur ein einzelner, aber er sagte alles, was es zu sagen galt.

In dem Augenblick zuckte Links Körper quälerisch auf. Seine Arme und Beine bewegten sich krampfartig, als durchfuhr ihn ein Stromschlag. 

Das Götterkind wurde unruhiger und blickte von Link, der darum kämpfte ins Leben zurückzufinden, hinüber zum Altar, wo Ganondorf lachend noch immer seine scheußliche Wunde am Bauch heilte. ,Okay‘, dachte Klein-Link. ,Ein paar Sekunden hast du noch, Papa…‘

 

An einem anderen Ort, wo kein Atemzug mehr genommen werden konnte. Weit weg, in anderen Sphären, segelten Unmengen von gläsernen Booten hinweg. Boote mit schneeweißen Flügeln, mit  Dächern, welche auf großen weißen Pfeilern gebaut waren.

Sie zogen durch Nacht und Nebel, durch Rauch und Endlosigkeit…

Unzählige unschuldige, und bösartige Seelen befanden sich auf den Schiffen, die ins Jenseits die letzte Reise antraten. Auch Link war unter ihnen. Starrend in die unendlich scheinende Weite des Universums saß er in einem der Boote. Verzweifelt. Aber auch erleichtert…

Er hatte alles zurückgelassen. Und mit dem letzten Atemzug seine geliebte Prinzessin allein gelassen. Sicherlich, es bescherte ihm Kummer, versagt zu haben, die Welt nicht retten zu können, aber hier umgeben von Seelen, die sich leise wispernd über Ungesagtes unterhielten, schien alles so friedvoll… so leer… und so unwichtig.

Link wunderte sich ein wenig, dass er hier auf diesem Boot sogar noch hören, sogar noch sehen und sogar noch fühlen konnte. Aber wer wusste schon, was man nach dem Tod fühlte? Wer wusste schon, ob der Tod nicht vielleicht seine eigene Endgültigkeit nicht einhalten konnte…

Der junge Heroe seufzte, verwundert, dass er überhaupt seine Stimme spielen lassen konnte. Und zum Trotz seufzte er noch einmal…

In dem Augenblick zupfte ein Mädchen an einem seiner grünen Ärmel und riss ihn aus seinen Gedanken. Verwunderlich, hier auf den magischen Booten, die Todgeweihte ins Jenseits beförderte, konnte er sogar noch denken…

 

Link seufzte erneut und blickte das Mädchen an. Er kannte es nicht, aber sie lächelte mit dunklen, fast schwarzen Augen aus einem blassen Gesicht hervor. Abgerundet war das Gesichtchen des vielleicht sechs Jahre alten Mädchens von schwarzem Haar. Etwas Asiatisches lag in ihrem Blick. Und es war diese Eigenheit, die Link zum Grübeln brachte.

Er verstand nur das Wort ,Link‘, welches sie sprach. Ja, sie redete in ihrer eigenen Sprache. War es japanisch? Sie redete lauter, bis sich weitere Personen auf dem Boot nach Link umdrehten.

Erst als ein älterer Herr, der seiner Sprache mächtig war, das Wort erhob, wusste der Heroe, worum es ging.

Die Menschen auf dem Boot, die das Zeldaspiel kannten, kannten auch ihn. Und es schien, als wussten sie hier im Tode um Links Echtheit. Denn hier nach dem irdischen Leben herrschten andere Gesetze als auf der Erde. Wenn man hier sah, sah man alles…

 

„Du bist der Junge, von dem die Legende erzählt hat, nicht wahr?“, sprach der ältere Mann.

Sein faltenreiches Lächeln war äußerst beruhigend für Link. Und ermutigend…

Link nickte lediglich und fühlte sich nun gebrandmarkt. Wenn die Seelen auf diesem weißen Boot wussten, wer er war, dann ahnten sie sicherlich auch, dass er versagt hatte. Jämmerlich versagt hatte…

„Du erlaubst?“, fragte jener Mann, gekleidet in einem braunen Umhang, wirkte jener alte Mann wissend und freundlich. Link nickte noch einmal und besah die warmen, gütigen Augen des Mannes, über denen dicke weiße Augenbrauen standen.

„Welch Irrsinn, dass „The Legend of Zelda“ tatsächlich nicht nur ein Spiel ist…“, sprach der Mann. „Das Geheimnis hinter den vielen Dimensionen ist wahrlich ein unlösbares…“ 

 

Link stützte seinen Kopf auf beiden Händen ab. „Wie meint ihr das?“, fragte er interessiert.

„Schau‘ dich um, Held…“ Ziellos blickte sich jener im Universum um, sah unendlich viele Sternenlichter in der Dunkelheit funkeln, sah viele weitere geisterhafte Boote auf dem Weg. Und alle steuerten sie in die gleiche Richtung.

„Die Boote der Toten, die du hier siehst, kommen aus vielen Welten, die wir nicht für denkbar halten. Welten, die in anderen Welten nur Spiele, vielleicht sogar nur Gedanken sind. Aber jede dieser Welten ist einzigartig, jede dieser Welten hat einen Sinn. Ob nun als Spiel oder als Gedanke ist eigentlich unwichtig…“ Der Mann hob seine Hand und umrahmte mit dieser die vielen Menschen dieses Bootes in einer Bewegung. „Siehst du diese Menschen hier? Sie alle stammen von der Erde… von der einen Welt, die nun in Flammen steht… getötet von Ganondorfs Kindern warten sie auf ihre Anhörung bei den Göttern des gesamten Weltenreiches.“

 

Erschrocken sah Link auf. „Ist die Zeit etwa schon abgelaufen? Bin ich schon so lange tot?“ Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Nein, auf der Erde, wo menschliche Zeit tickt, bleiben noch ein wenig mehr als drei Stunden ehe alles endet, ehe der Puls des Lebens stillsteht, und ehe Ganondorfs Feuersbrunst und das Heer aus seinen Kindern, die letzten Menschen vernichtet haben werden… es sei denn… es gibt noch Hoffnung… Sag‘ mir, Held, gibt es sie noch?“

Link ballte seine linke Faust und sah selbst hier im Tode, das Fragment des Mutes ihm noch Folge leisten. „Ja…“, sprach er, jedoch zu leise, als das es errettend klang. „Ja, es gibt sie noch… stirbt Hoffnung nicht zuletzt?“ Der alte Mann nickte. „Deshalb ist es deine Entscheidung, ob du dich für diese Hoffnung entscheidest… Dreh‘ dich um, Held…“

Zögerlich wand der junge Heroe sein Blickfeld nach hinten und sah den blauen Planeten nicht weit weg von ihm vergehen. Ein Band aus Feuer breitete sich vom Äquator aus. Ein flammendes Band, welches die Erde wie einen Ring umrahmte. Die Welt brannte. Die Welt verging…

„Wer sollte gegen Ganondorf kämpfen, wenn nicht der Held, der geboren ward ihn zu vernichten? Du bist diese Hoffnung, Link…“ Erbost hüpfte Link auf die Beine.

„Ich soll diese Hoffnung sein?“, rief er und rüttelte die ruhigen Seelen aus ihrer Eintracht. „Wie kann ich Hoffnung sein, wenn ich doch tot bin?“

In dem Moment durchfuhr den Heroen ein erschreckendes Gefühl. Ein dumpfer Schlag, direkt in seinem Herzen. Ein Schlag… als ein ungebändigtes Zeichen des Lebens. Link riss seine tiefblauen Augen erschrocken auf, fühlte das Leben und fühlte die Hoffnung…

 

Auch die vielen Seelen auf dem Boot sahen zu Link auf. „Die Menschen auf diesen Booten vertrauen auf ihre Hoffnung. Sie wissen um das Gute und um das Böse. Einige von ihnen sind fehlbar. Einige von ihnen sind nicht gerade die besten Menschen… aber sie alle haben diese eine Hoffnung…“, sprach der alte Mann. Und schließlich klatschten die Menschen mit den Händen, die doch nicht mehr lebendig waren. Sie jubelten und feierten den einen Helden.

„Sie alle sehen zu dir auf, Held.“

Doch Link sah nur betreten zu Boden. Wie konnten diese Menschenseelen an ihn glauben? Er war doch nur eine Spielfigur!

Das Mädchen von vorhin zupfte an der grünen Tunika und lächelte aufmunternd.

„Wer sagt, dass eine Spielfigur nicht unsere Hoffnung sein kann?“, meinte sie leise, diesmal verstand Link ihre piepsigen Worte. Unweigerlich musste der Heroe grinsen.

 

Er lachte dann, schüttelte den Kopf und kam sich mittlerweile sehr beschämt vor. Diese Menschen hier, alle blickten sie ihn an, als wäre er ihr Retter.

Warum also konnte er nicht einfach dieser Retter sein? Warum sollte er nicht weiterkämpfen können? Konnte der Held der Zeit, der als Held der alten Welt wiedergeboren ward, nicht jene großartige Hoffnung sein?

Link lächelte und presste seine linke Hand gegen das Herz, welches wieder schlagen wollte. ,Ich kann das tun…‘, sagte er innerlich. ,Ich kann diese Welt retten und ich kann für ein neues Hyrule kämpfen. Ich muss nur daran glauben.‘

Es war plötzlich wie, als käme der Heroe zur Besinnung, als loderte ein wunderbarer Schein der Wärme und des Mutes auf seinem Gesicht.

 

„Die Boote steuern uns direkt in die Heiligen Gefilden am Ende des Universums… wenn du jetzt nicht handelst, kannst du nicht mehr zurück…“, sprach der alte Mann von vorhin.

 

Und schließlich war da ein zweiter Schlag in Links Brust. Ein auffordernder, freudiger Schlag eines tosenden, mutigen Herzens, welches den Tod umgehen würde. Noch ein Schlag und noch einer… und mit jedem weiteren Herzschlag, wenngleich dieses Schlagen nicht regelmäßig oder menschlich schien, gewann Link eine Zuversicht, eine Hoffnung, die er niemals hätte anzweifeln dürfen…

Sein Weg war das Leben. Nicht der Tod.

Sein war der Sieg über Ganondorf. Sein war die Gunst der Schicksalsgötter…

 

„Was muss ich tun?“, sprach Link dann und schaute zu dem blauen Planeten, der sich mehr und mehr in eine armselige Feuerkugel verwandelte.

„Zurück… du musst umkehren…“, sagt der Mann. 

„Ja, aber wie?“, sprach Link und blickte sich hastig in dem Boot um.

„Du musst die Steuermänner des Bootes überlisten…“

 „Wer steuert diese Boote?“

 „Siehst du jene Pfeiler, die um das Boot aufgebaut sind. Sie wirken wesenlos, sie wirken tot, aber in Wahrheit sind es Geschöpfe, die die Toten daran hindern aus den Booten zu entkommen.“ Link setzte eine Hand ans Kinn und grübelte: „Seelenwächter?“

Sein Gegenüber nickte.  

„Was geschieht, wenn man versucht zu flüchten?“, flüsterte Link.

„Ich weiß es nicht, keiner hat es je auf diesem Schiff versucht, Held…“

„Dann werde ich wohl der erste sein…“, meinte Link dümmlich und erhob sich. Vorsichtig schlich er näher und schaute über den Abgrund hinaus. Von diesem Schiff aus, sah das Universum so bedeutungslos aus, so düster und unwillkommen…

 

Nein, es ging nicht anders. Link musste von diesem Schiff stürzen, egal, was dann auch mit ihm geschehen würde. Es war immerhin ein Versuch.

Umsichtig beugte er sich über die Kante und hörte rechts und links neben sich ein ärgerliches Brummen der Pfeiler. Aus dem Mauerwerk jener Säulen wuchsen plötzlich weißliche Arme und Beine und stießen ihn mit einem heftigen Ruck zurück in das Boot.

„Ah… das war unfair…“, murmelte der Heroe und lag rücklings auf dem Boden. Der alte Mann von vorhin reichte ihm eine Hand und trotz der augenscheinlichen Gebrechlichkeit zog jener den einstigen Hylianer schnell und schmerzlos auf die Beine.

„So scheint es nicht zu funktionieren, Held.“

„Wohl nicht…“, lachte Link unsicher und rieb sich den Hinterkopf.

„Aber dafür haben die Menschen auf dem Boot eine Idee. Sie werden dir helfen und dich unterstützen…“, sagte der Alte. Und plötzlich standen alle ungefähr Hundert Menschen in dem Boot auf, jubelten und entließen laute Freudenrufe. Sie alle riefen dem Heroen zu, sagten ihm, dass sie ihm helfen wollten. Und zur Überraschung Links näherten sie sich alle, egal, ob jung oder alt gestorben, egal ob Mann, Frau oder Kind, den vielen Pfeilern, die als Wächter das Boot steuerten. Sie lenkten jene Geschöpfe des Jenseits ab, und umzingelten sie.

„Los Link, das ist deine Chance.“

Der Heroe nickte, nahm Anlauf und rannte, rannte direkt auf eine Lücke zu, die Verstorbene für ihn bereit hielten. 

Die Seelenwächter grölten entsetzlich, schimpften und schlugen erbarmungslos um sich, aber als Link mit einem gefährlichen, mutigen Absprung das Boot nicht länger berührte, war es zu spät. Keiner der Seelenwächter würde ihn mehr zurückhalten können und keiner würde ihm folgen.

Link verließ das Boot und segelte hinein in die Flammen des blauen Planeten.

 

„Habt Dank… alle“, rief Link, als er das Boot weit hinter sich ließ „Ich werde euch nicht enttäuschen! Möge die Welt wieder im Licht der Sonne erstrahlen…“

 

Der alte Mann nickte angeberisch. Das faltenreiche Gesicht wurde jung. Und die gütigen Augen erhielten das rehbraun zurück, welches sie einst besaßen. Ein Grinsen strahlte aus einem ansehnlichen Gesicht.

„Viel Glück, Link. Ich komme bald nach…“, sagte er gerade dann, als Link es nicht mehr hören konnte.  

 

Zurück in der alten Kirche zuckte Links Körper weiterhin. Seine kalten Hände ballten sich zu Fäusten. Dann endlich entkam seinen Lippen ein hetzendes Keuchen. Ein tiefes, unsauberes, krächzendes Luftholen, als hätte er noch nie geatmet. Aber er kämpfte, kämpfte fortwährend.

Er wusste nicht, wo er war. Und er wusste nicht warum. Er wusste nur eines.

Vor ihm lag ein nebulöser Weg. Und am Ende des Weges war ein Licht. Dort am Ende war das Leben.

Der Ort, wohin er finden wollte.

Der Held der Zeit sah, was ihm vorbestimmt schien.

Der Held der Zeit erinnerte.

Der Held kam von den Toten zurück…

 

Und als durchfuhr ihn ein weiterer heftiger, elektrischer Schlag, schossen Links Augen auf und sein Oberkörper schnellte nach oben. Wie paralysiert saß er da, starrte das Feuer an, welches sich ihm näherte, und schaute dann verwirrt zu dem Bengel, der anfing zu schäkern.

Der Heroe konnte nicht reden, konnte nicht einmal seine Gesichtsmuskeln bewegen. In jedem Körperteil steckte der Tod, aber das Leben würde ihn auch noch aus der letzten kleinen Zelle verscheuchen…

Es brauchte nur ein wenig Zeit…

 

Das Götterkind deutete erst auf das Medaillon, dann zu dem Altar, wo Zelda, scheinbar bewusstlos auf dem Folterstuhl hockte, und Ganondorf seinen Bauch zu heilen begann. Schwankend begann sich Link zu erheben. Seine anderen Wunden hatte das Medaillon nicht geheilt, aber er fühlte sich am Leben. Ein Ausdruck von Wut und Erbarmungslosigkeit auf seinem blassen Gesicht.

Er nickte seinem ,Fast-Sohn‘ dankbar zu, verstand nun auch den Umstand, dass er lebte, und krallte sich das blutbenetzte Schwert…

Langsam und stockend, aber mit Entschlossenheit, humpelte Link auf seinen halbgelähmten Beinen näher. Das Überraschungsmoment auf seiner Seite…

Er atmete schleppend. Er atmete unsicher. Aber er atmete überhaupt.

Ein heimtückisches Grinsen legte sich auf sein Gesicht.

,Du wolltest mich tot sehen, Ganondorf… ich war tot, aber ich lasse diejenige, die ich liebe, nicht einfach im Stich!‘, sagte er innerlich. Und er brannte wie besessen darauf dem Fürsten des Bösen eins auszuwischen!

 

Sein Wolfsgesicht kam für wenige Augenblicke zum Vorschein, aber er ließ es nicht frei, nährte sich lediglich an seiner Macht, an seinem Zähneknirschen…

Es tat gut. Es tat unbeschreiblich gut. Gefüttert mit Leben und der Kraft seiner eigenen Bestie trat er näher. Seine Schritte nun schneller, aber noch immer so leise, so unvorhersehbar, dass Ganondorf ihn nicht bemerken konnte. Ganondorf durfte sich auf einen Schmerz gefasst machen, den er noch nie gefühlt hatte. Links Zorn war erwacht…

 

Das Masterschwert glühte in einem faszinierenden Spektakel weißer und goldener Punkte, hinterließ einen kalten Schauer, den es in der Kirche umher schickte. Selbst das Feuer fürchtete sich nun vor dem Heroen, der mehr als sauer war.

Jener sammelte seine Kräfte und machte sich bereit für eine schnelle, gerechte Attacke.

 

Noch immer mit sich selbst beschäftigt, realisierte Ganondorf zu spät. Wie ein Blitz hetzte der Heroe mit der scharfen Klinge um den Schreckensfürsten umher, der gerade seine Hände reflexartig heben wollte, um die Attacke abzufangen.

Doch auch das lag in Links Voraussicht.

Mit einem eleganten Schwung und einem Blick, der den Tod versteinern konnte, raste die heilige aufgeladene Klinge direkt auf die rechte Hand Ganondorfs zu. Aufgeladen, glühend bildete sie das perfekte Ziel für Link.

Sicher und gnadenlos schlug der Heroe dem Dämon die rechte Hand ab und erwischte ihn in einem weiteren, gefährlichen Klingenspiel. Ein weiterer Schnitt über der Brust und der Fürst des Schreckens sackte nieder.

Ganondorfs rechte Hand flog in hohem Bogen hinein in eine der Feuersbrünste. Und es würde nur noch Sekunden dauern, ehe die Hand in dem Flammenmeer zu Asche wurde. Und dann würde sich das Fragment der Weisheit und jenes der Kraft erheben und sich seinen wahren Meister wieder suchen…

 

Mit verschreckten, riesigen Augen, blutunterlaufen und gespenstisch, starrte Ganondorf in die eisigen Blicke seines Gegenspielers.

Links Körper war selbst noch zu kalt, um ihn strotzend vor Lebenskraft nennen zu können. Und er atmete schwerfällig. Sein Herz trommelte unregelmäßig und krankhaft. Aber das hielt ihn nicht davon ab, dieses dreckige Häufchen Elend hinzurichten.

„Wie hast du…“, brachte der Dämon hervor und starrte mit einem Blick voller Angst und Zweifel in die anklagenden Augen seines Widersachers.

Link fühlte sich des Redens überdrüssig. Was sollte er mit einem Teufel reden, der nur krankhafte Pläne, dumme Ausreden, einfältiges Denken in seinem überflüssigen Schädel hatte?

Es war genug. Link hatte im wahrsten Sinn des Wortes die Schnauze voll von diesem unfairen Gefecht, von diesem sinnlosen Hin und Her. Die Zeit war reif und sie war auf seiner Seite.

Der Tod war ihm gekommen, hatte ihn verlassen und würde sich ein neues Opfer suchen…

 

Nun, da Ganondorf geschwächt seinem Ende entgegen sehen musste, verlor er jede Farbe im Gesicht. Wohin waren denn seine vielen Trümpfe, die er lobpreisend besaß. Was war er ohne sein Fragment der Kraft? Ein Nichts… ein jämmerliches Häufchen Dreck.

Link kannte keinen Grund diesen Wurm noch länger am Leben zu lassen. Und niemand kannte einen.

„Warte…“, bettelte der Fürst des Bösen. Sein feuerrotes Haar hing schmutzig und abgenutzt in seinem schweißgetränkten Gesicht, während er sprach. Und seine Augen. Diese kranken, dummen Augen ließen endlich etwas erkennen, was sich Angst nannte. Angst vor dem einzig wahren Tod.

„Worauf, Ganondorf!“, kreischte Link. „Auf ein Gebet von deinen perversen Lippen?“

Er zupfte sich an seinem roten Bart und erblickte hinter Link sich die beiden Fragmente erhebend. Sie tanzten wie zwei lebendige Wesen, tanzten näher.

„Denkst du, ich bin blind für deine Versuche den Kopf aus der Schlinge zu ziehen?“, brüllte Link und fühlte, wie sein mitgenommenes Herz nach Ruhe und Schlaf schrie.

„Schluss…“, sagte Link dann und sein Schwert raste wütend und summend auf Ganondorf zu. Ein weiteres Klingenspiel, bis Link voller Wut und Hass die Heilige Klinge in die Brust seines Gegners bohrte. „Das ist für Rick, für Ilona, Molly und all‘ die anderen Menschen, die du auf dem Gewissen hast…“ Und mit einem heftigen, reißenden Jauchzen zog Link das Schwert wieder zurück.

 

In dem Augenblick schnellte das Triforcefragment der Kraft näher, verband sich mit der freien Hand des Dämons und ließ ihn brüllen. Seine blutströmende Brust angaffend, begann er wieder zu grinsen. Mit einem letzten Griff krallte er sich das Medaillon der Mächtigen und riss es von Links Hals herunter. In einem Spektakel dunkler Punkte löste er sich dann auf… verschwand feige… verschwand wie immer…

 

Auch Zeldas Fragment tanzte näher und vereinigte sich endlich wieder mit seinem rechtmäßigen Träger.

 

Beunruhigt sah Link um sich. Irgendetwas stimmte nicht. Das Gefühl von sich nähernder Gefahr schlich sich nun nach seinem vermeintlichen Tode noch festigender durch die Venen. Aber es gab eine Sache, die ihm wichtiger war. Zelda…

 

Schwächlich atmend trat Link näher zu seiner Geliebten. Das Fragment der Weisheit drang befreiend und erhaben zurück in ihre rechte Hand, heilte die hässliche Wunde und hinterließ lediglich eine dreieckige Narbe auf Zeldas Hand…

Sie blinzelte. Mehrmals und gleichzeitig erschrocken, als sie die Macht ihres Fragmentes wieder in sich aufnehmen durfte.

Dann sah sie ihn.

 

Als er ihr in die sanftmütigen, unglaublich traurigen Augen schaute, kam er nicht umher sich schuldig fühlen zu müssen. Sie sagte kein Wort, nicht ein einziges, sondern trat schwankend auf ihre Beine. Sie führte ihre rechte Hand zu der zerfetzten Brusthälfte, wo sein Herz schlug. Ihre kalten Fingerspitzen spielten zittrig und leicht gehemmt mit seiner Haut. Das Masterschwert hatte selbst das Kettenhemd durchstoßen und eine Narbe hinterlassen. Schmal. Aber sichtbar. Es würde Zelda immer an ihr Werk erinnern…

Sie weinte dann, realisierend, dass Link wirklich lebendig vor ihr stand. Er hatte zwar Unmengen von Wunden, aber sein Herz schlug. Und könnte dieses Glück nicht schon genug sein, hatte Link ihr das Fragment der Weisheit zurückgeholt. Was wollte sie mehr?

Und während sie weinte, erhielten ihre himmelblauen Augen wieder jene Ausdrucksstärke, die sie vorhin verlassen hatte. Sie suchte seine Umarmung und wollte nicht verstehen. Egal, was geschehen war, sie wollte nur bei ihm sein…

Link begann ruhiger zu atmen und verweigerte ebenso die Worte, die jetzt notwendig wären. Sie mussten diesen Moment auskosten, so lange es ging.

 

Er streichelte über ihre verdreckte, noch immer feuchte blaue Bluse. Der sanfte Druck und das zärtliche Gefühl seiner Hände ließen sie wissen, dass wirklich Link es war, der in ihrer Umarmung seufzte. Seine Lippen, die ihre Stirn vorsichtig berührten, ließen Zelda wissen, dass kein Seelensplitter von Ganondorf mehr in diesem Körper steckte…

„Es tut mir so leid… dass ich vorhin von dir verlangt habe… mich zu töten… verzeih‘ mir dafür…“ Seine Stimme klang schwach. Und es waren nicht nur seine Worte, sondern auch der Halt, den er bei ihr suchte, der Zelda mitteilte, wie beansprucht sein Körper war. Sie könnte schwören, dass er üble Schmerzen hatte, nicht nur in der Brust, da sich sein Herz noch nicht vollständig erholt hatte, sondern auch die anderen Wunden beunruhigten Zelda. Die Schnitte an seiner Schulter, über seinem Bauch. Einige Holzsplitter in seinem Rücken und das große Holzstück in seinem rechten Oberschenkel.

„Ich wusste nicht… mehr weiter…“, sagte er leise. Inzwischen stützte sich der Heroe ein wenig mehr an Zelda ab, war so dankbar, dass sie mit ihrem Fragment auch einen großen Anteil Energie zurückgewonnen hatte. Er seufzte und legte dann seinen müden Schädel auf ihre rechte Schulter, sagte etwas, was Zelda nicht verstand, murmelte und atmete immer regelmäßiger.

Er war so müde, dass er auf der Stelle einschlafen könnte…

Als Zelda immer noch nichts sagte, und Link ihre salzigen Tränen auf der Haut seines Halses fühlte, blinzelte er wieder.

„Du warst sehr mutig… meine Prinzessin…“, sprach er sanft, versuchte sie aufzuheitern, versuchte ein paar Worte aus ihrem Mund zu locken, aber sie schwieg und umarmte ihn inniger.

Link blinzelte wieder, wollte Schlaf, wollte nach Hause, sich in seinem Bett verkriechen. Sogar die Weisheit verhunzenden Predigten seiner Mutter Meira vermisste er…

Während er jedoch blinzelte, fiel ihm etwas Merkwürdiges an seiner Prinzessin auf… ein heller, blauer Strahl ähnlich einer Blutader schimmerte durch die Haut ihres rechten Armes und lief bis zum Fragment. Er folgte dem hellen Strahl nach oben und er endete erst an Zeldas Nacken, welcher von durchgeschwitzten, blonden Haarsträhnen überdeckt wurde.

Er blickte auf ihren Rücken, wo sich ebenfalls diese hellblauen Linien bildeten und wusste sich keinen Rat…

„Zelda…“, murmelte er fragend. Sie antwortete ihm nicht, schluchzte ein wenig und zog die Nase nach oben. Sie konnte nicht antworten, weil sie weinte, das wusste der Heroe. Vielleicht spürte sie selbst, dass eine Veränderung ins Haus stand und dass auch sie ein Teil von Veränderung darstellte.

„Fühlst du dich in Ordnung?“, murmelte der Heroe, worauf Zelda nickte und sich einige Tränen aus den Augen wischte. Er umarmte sie wieder und blickte neugierig zu den hellblauen Linien, die durch das Gewand hindurch schimmerten. Er verfolgte jene, bis zu Zeldas Hüfte und sah dann etwas auf dem Boden liegen, was vorher nicht da war…

Dort auf dem Boden lagen mehrere, vielleicht zehn, weiße Federn, die eine sanfte hellbraune Musterung besaßen. Große, schöne Federn wie die von einem Falken oder einem Adler…

 

Verwundert unterbrach er die Umarmung und deutete auf die Federn. Wieder sagte Zelda kein Wort, sondern lächelte nur…

Sie küsste ihren Heroen dann… bis…

 

In dem Augenblick kam Klein-Link mit einem lauten Schrei angerannt. Er redete so durcheinander, dass sie ihn beide zunächst nicht verstehen konnten.

„Jetzt nochmal langsam…“, murmelte Link erschöpft und kniete nieder. Just gab es einen erschütternden Knall und sie wurden allesamt mit einem lauten Schlag zu Boden geworfen. Ein ungewöhnlicher Druck bildete sich in der Kirche und außerhalb sah man die Wolken und den Himmel in Sekundenbruchteilen vorbeiziehen. Die Holzbänke in der Kirche verschoben sich wieder. Große Gesteinsfetzen wurden durch die Gegend geschleudert.

„Die Kirche stürzt ab!“, kreischte der Junge. „Wir müssen raus hier!“

Der Bengel rannte hin zu dem großen, schwarzen Gemälde und schaute dann auffordernd zu Link und Zelda hinüber. „Wir müssen durch das Bild. Anders geht es nicht…“

Ungläubig musterte der Heroe den Jungen. „Aber es lässt keine Berührung von uns zu… Ganondorfs Macht ist darin verwurzelt…“

„Nicht mehr… kommt schon, folgt mir!“ Und mit einem aufmüpfigen Satz, sprang der kleine Bengel einfach hinein in das Bildnis, verschwand dahinter. Hinein in eine andere Zeit und Welt.

Link und Zelda folgten beide mit einem Lächeln, glitten hindurch und wurden auf der Erde für viele Sekunden nicht mehr gesehen…

 

Eine weiße Feder, schimmernd, mit rotbraunen Musterungen, fiel vor dem Bildnis nieder… und das war alles, was von den drei Heldengestalten blieb…

 

Die Kirche aber stürzte wie ein Komet vom Himmel nieder, hinterließ ein weiteres Zeichen für die Menschen. Ein ungewisses Schauspiel der einen Götterdämmerung…

 
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