Kapitel 96
 

 

Kapitel 96: „Ein neues Land… aber es wird nicht Hyrule sein...“ Teil 1

 

 

„Zeit und Wind dienen als Vorboten für frevelhaftes Schicksal. Da das Verderben uns heimsucht, wandeln wir auf seidenen Pfaden… die Kräfte eines neuen Gleichgewichtes der Macht erfüllen unsere Welt im Schimmer von Eis und Kristallen… Ein Hyrule, geschöpft aus Hoffnung und Magie. Eine Welt, die sucht nach seiner Königin. Unsterblich soll sie sein. Ihr Name ward ewig. Ihr Lächeln überwand den Tod…“

 

In einer anderen Zeit, einer Welt weit abseits, wehte in wolkenverhangener Nacht ein frischer Wind, der anders als vorige roch. Ein Wind, der wie ein farbloses, lästiges Band auf der Zunge lag. Bitter. Betäubend. Und sehr trocken. Er kündigte Frostigkeit an, Schnee und arktische Temperaturen.

Ein beleuchtetes, prachtvolles Segelschiff bretterte dahin, auf in ferne Sphären. Weit weg von vertrauten Orten, durchbrach es Nebel und stürmische Gewässer. Es schien als floh es vor dem Untergang der Abenteuer, die die Welt zu bieten hatte. Es floh vor der Vergangenheit.

 

An Bord des glanzvollen Schiffes beobachtete ein junger, in einem zerschlissenen Mantel eingehüllter Mann, nicht älter als siebzehn Jahre, das weite Meer, und verfluchte in seinen Gedanken den lästigen Wind, obwohl es immer der Wind war, der ihm einen ehrvollen Dienst geleistet hatte. Von Beginn an seiner Abenteuer war der Wind sein ruheloser Begleiter gewesen.

Der Bursche trug eine Kapuze, die sein Gesicht fast vollständig verdeckte. Allein seine Nasenspitze stach unter der Kopfbedeckung hervor.

Und was der blutjunge Mann sah, in der Ferne und noch weiter… war nichts als Meer.

Meer… Riesige, dunkelblaue Wellen, die über die See hetzten, alles mit sich rissen, was sie begehrten. Nichts als schäumende Wogen.

Ein leeres, trauriges Meer.

Meer… unendliche Weite, die keinen Anfang und kein Ende hatte, deren einziges Ziel sich darin zeigte, zu beherrschen, was unentrinnbar ist…

Und er mitten darunter, fühlte sich krank, fühlte sich irgendwie betäubt von dem bitteren Wind, der wie ein Stromschlag durch seine Glieder tobte.

 

Er wühlte schließlich in einer Seitentasche seiner moosgrünen Tunika und nahm daraus einen schiefrigen, mehrfarbigen Stein, den er einst am Grund des Meeres als Erinnerungsstück eingesammelt hatte. Ein wunderschönes Andenken an das alte Hyrule. Er schimmerte an manchem Stellen und besaß alle Farben der Welt. Der junge Mann ließ jenen ein wenig in seiner linken Hand wandern, und warf ihn so weit wie er nur konnte hinaus, beobachtete, wie er über das Wasser hüpfte, bis er unterging und dann irgendwo am Grund des Ozeans liegen bleiben würde.

Am Grund des Ozeans, wo etwas schlief, dass er vermisste, dass er einst kannte. Eine Welt ohnegleichen.

Er hasste diese Gedanken. Er musste endlich mit der Welt am Grund des Meeres abschließen, so wie er den schiefrigen Erinnerungsstein soeben weggeworfen hatte. Aber immer wieder krochen die alten Bilder an die Oberfläche. Der blutrünstige Kampf am Grund des Meeres. Diese alte, geheimnisvolle Welt am Grund des Meeres, die für immer vergessen sein sollte, mitsamt ihrer Wunderwerke… Er hasste vor allem diesen Gedanken.

Sicherlich, er ermahnte sich immer wieder, besann sich auf die letzten Worte des stolzen Königs der alten Welt. Jener hatte einst gesprochen, wie es nur ein König tun konnte…

 

„Irgendwann wird sich für den Helden des Windes alles in Frage stellen, irgendwann wird er wissen, welchen Weg das Schicksal für ihn vorgesehen hat. Und er wird verstehen, begreifen, sich wünschen, vieles wäre nie geschehen, seine Entscheidungen wären andere gewesen. Zeit und Wind sind Vorboten für das Unumgängliche…“

 

Dennoch, wie lange sollte er noch darauf warten? Seit fünf Jahren suchten seine Gefährten und er nun schon nach einem neuen Land, hatten viele Dinge erlebt, zuletzt den Schrecken mit der sagenhaften Phantomuhr.

Um seine Mundwinkel erschuf sich ein mehrdeutiges Grinsen. Nun, zumindest war er nicht der einzige, dem es so ging. Er war nicht der einzige, der ungeduldig auf die Erfüllung der Prophezeiung wartete. Es gab jemanden, der diesbezüglich noch viel ungeduldiger war. Auch wenn sie es nicht so sehr zeigte.

 

„Du stehst immer noch hier draußen?“, erklang es in dem Augenblick direkt hinter ihm. Es war eine vertraute, befehlsgewaltige Stimme, die er im Schlaf erkennen würde.

Ein wenig verwundert wand er sich dennoch um die eigene Achse und schaute ein Mädchen an, welches sich in seinem Alter befand. Sie stand im Licht der rauchenden Fackeln und vergilbten Lampen, die einer der Piraten aufgehängt hatte. Im Wind flatterte das Feuer der Lichtquellen ungeduldig. Die Geister des Feuers waren lebendig in dieser Nacht. So lebendig wie die junge Frau vor ihm.

Wie immer hatte sie ihre Arme verschränkt, eine ablehnende Haltung, die sie sich nie abgewöhnen würde. Und dennoch, von dem einstigen elfjährigen Mädchen war nicht mehr viel zu erkennen. Sie hatte sich in den sechs Jahren gewandelt, war erwachsener geworden… und vielleicht auch… irgendwie- was er selbst immer ignorierte- weiblicher…

 

Er zuckte mit den Schultern und blickte dann mit seinen meerblauen Augen in ihre ebenfalls blauen. Einige hellblonde Strähnen ihres unsanft zusammengeklemmten Haares verstreuten sich auf ihrem Gesicht. Der kalte Wind ließ ihre Wangen und die zarte Nasenspitze rosa färben. Aber es machte sie… irgendwie- und auch das ignorierte er wieder- schön.

Ungeschickt drehte er sich um und starrte wieder in die Düsternis des nächtlichen Ozeans. 

„Mach‘ dir dein Herz doch nicht so schwer, Link…“, sprach sie dann leise. Verständnis. Wärme und nahezu überwältigende Herzlichkeit sprachen da aus ihr. Eigenschaften, die er von der damaligen jungen Piratin nicht kannte. Manchmal, so erschien es ihm, war die alte Tetra mit der Welt am Ozean untergegangen. Sie war nicht mehr die gleiche, gelegentlich hörte sie ja nicht mal mehr auf den Namen Tetra…

 

„Was meinst du?“, murmelte er dann und lehnte seine starken Arme- ja, er trainierte täglich- auf das Holzgeländer. Er wusste nicht, warum er sich jeden Tag an Deck so abhetzte. Er übte täglich mehrere Stunden mit dem Schwert, lernte und trainierte, wollte sich stärken, wollte so stark sein wie kein Held vorher. Er wusste ja nicht einmal, ob die Helden in der Vergangenheit überhaupt so stark waren wie er im Augenblick. Und dann seufzte er.

Tetra hatte recht… er machte sich das Herz schwer, vermisste den Sinn, vermisste irgendwie das Abenteuer und gelegentlich auch menschliche Nähe, von der man an Bord nicht viel hatte. Tetra konnte manchmal so zickig sein, nicht wie im Augenblick. Sie konnte manchmal einfach nur unheimlich kompliziert sein.

„Was meinst du…“, wiederholte er noch einmal, weil aus Tetras zuckersüßen Mund- verdammt, warum musste er auch so denken- noch keine Antwort kam. Und erneut verfluchte er sich innerlich. Die Ungeduld, ein neues Hyrule zu finden, wurde sicherlich von einer anderen pubertären Ungeduld noch geschürt. Und als könnte seine heimliche Frustration nicht schon genug sein, begann die junge Piratin auch noch, sich an seinen Rücken heran zudrücken, umarmte seinen Bauch und war ihm einfach nur nah. Er wollte schreien, wegen diesem unersättlichen, angenehmen Gefühl in sich. Das Blut schoss ihm in die Wangen.

„Tetra?“, fragte er leise und wollte schon fragen, was sie da tat. Und da kam die wahre Tetra auch schon wieder zum Vorschein.

„Halt einfach bloß den Mund, Link, mir ist kalt“, murrte sie, ein wenig zickig und ein wenig genervt.

„Ähm, in Ordnung“, war seine banale Antwort. Und nun hatte die ausgefuchste Piratin es geschafft, dass er von sich selbst genervt war. Anstatt sie in einer solchen Situation einfach mal abzuweisen, das schaffte er nicht. Immer wieder suchte sie seine Nähe, und immer wieder ließ er es zu. Und das, gerade das… ließ ihn sich selbst so schwach sehen. Oh ja, er war herrlich schwach in ihrer Nähe…

 

„Zelda?“, sagte er leise.

„Mmh…“, begann sie launisch. Er war der einzige, der sie so nennen durfte.

„Warum tust du das immer wieder?“ Er hob eine Augenbraue und drehte sich zu ihr um. Er packte ihre beiden kalten Arme mit seinen groben Händen und stieß die junge Dame langsam zurück. Er wusste ja, dass sie beide immer eine besondere Freundschaft hatten, aber seit dem Vorfall mit Linebeck und der Phantomuhr suchte sie mehr seine Nähe als jemals zuvor. Er misstraute ihrem Verhalten sogar ein wenig. War etwas geschehen, was er vielleicht nicht wusste? Hatte sie mehr gelitten, als sie zu Stein erstarrt war, als sie zugab? Er wusste sich einfach keinen Rat, und wenn er sie darauf ansprach, dann lachte sie, hob eine ihrer umwerfenden, schmalen Augenbrauen und er erhielt einen gehörigen Anpfiff.  

 

„Warum tue ich was?“, murrte sie, fixierte ihn mit ihren schlauen, strengen Augen, die gelegentlich aus dem Nirgendwo auftauchten, wenn er etwas Dummes plante. Dann stemmte sie ihre schönen Hände in die Hüften. Da, genau da, dachte Link, mit solchen überflüssigen Bewegungen fing es an. Wie sie sich schon kleidete, in dieser knappen, weißen Hose, dem engen rosa Oberteil und dann noch diese…

Er gab auf, Wörter dafür zu finden…

Sie war einfach so frech, so verdammt frech… und…

Es regte ihn maßlos auf…

Wie konnte sie nur so aussehen wie sie eben aussah…

Unverschämt. Einfach nur…

Und in dem Moment rollte Link seine Augen und drehte sich wieder um.

 

„Warum gehst du nicht einfach zurück in deine Kabine und lässt mich ein wenig nachdenken?“, sagte er dann, versuchte freundlich zu klingen.

„Was hältst du davon, wenn ich dir den Befehl gebe, dass du mitkommst?“, erwiderte sie, höflich, aber mit scharfem Unterton.

Und das, genau das, war die nächste Sache, die ihn so aufregte. Sie gab ihm einfach Befehle. Diese Prinzessin. Diese ausgefuchste Piratin!

„Nun, ich fürchte, ich habe einfach keine Lust schon wieder nach deiner Pfeife zu tanzen“, sagte er bemüht, einen ruhigen, sachlichen Ton zu bewahren. Und normalerweise lief diese Sache so ab, dass Tetra so lange irgendwelche spitzen Wörter fand, bis er aufgab. Aber heute, in der Nacht des beißenden Windes, schien irgendetwas anders zu sein. Die blonde junge Frau gab nach, was Link zunächst für den Inbegriff einer neuen Kriegserklärung von Seiten des Kapitäns hielt. Tetra jedoch blickte zu Boden. Ihr hellblondes, weiches Haar fiel ein wenig über ihr schmales, hübsches Gesicht. Dann biss sich auf die Lippe und anstatt eines weiteren zickigen Wortes, drehte sie ihm den Rücken zu. Sie umarmte sich selbst.

Sie sagte kein weiteres Wort und lief langsam wieder zurück in den warmen, inneren Bereich des Schiffes.

Link war verwirrt. Ihn ergriff die Sehnsucht in dem Augenblick in ihre hellblauen Augen zu sehen, darin irgendetwas zu lesen, nur um zu begreifen, warum sie sich so verhielt. Er verstand nicht, was los war. Hatte er irgendetwas verpasst?

 

Und so stark der Link dieser Geschichte auch war, seine Sensibilität war womöglich die eines Urzeitmonsters. Er war nicht mehr der elfjährige naive Schüler des großartigen Königs Daphnos Johanson von Hyrule. Er war eben auch erwachsen geworden in mancher Hinsicht. Und die Weinerlichkeit von damals, über die sich auch Tetra gelegentlich lächerlich gemacht hatte, war schlichtweg erloschen…

Er war ein Mann geworden und würde sicherlich nicht mehr in den kindischen Zustand jenes elfjährigen Kindes zurückfallen.

 

Nachdenklich tapste er voran, und zwang sich seine schwermütigen Existenzgrübeleien für diesen Abend zu ignorieren. Er würde sich schlafen legen und Tetra… sie würde morgen auch wieder so sein wie immer. Er gähnte herzlich, blickte noch einmal mit scharfen blauen Augen zurück und ging ebenfalls den Weg in die Kabinen.

 

Gerade als der Link dieser Geschichte die knarrende, mehrfach reparierte Tür zu den Kabinen hinter sich schloss, purzelten aus dem Nirgendwo zwei schimpfende Wesen auf das blankpolierte, dunkle Schiffsdeck. Eine unbeholfene Navi landete direkt auf ihrem Po und begann in einer überdreht hohen Feenstimme zu jammern. Klein- Link hatte es da besser, landete bauchseitig auf ihrem Schoß, und ruhte sich für einen unschuldig wirkenden Moment direkt auf Navi aus, die ihn nach Wahrnehmung nur mit ihrem sommersprossigen Gesicht anschaute und keine Beschreibung für seine Unverfrorenheit fand. Er grinste dann und hüpfte auf seine Beine. Entschuldigend reichte er der Fee eine helfende Hand und zog sie auf ihre dicklichen Kinderbeine. Sie beäugte ihn weiterhin misstrauisch, sagte aber nichts.

 

„Nun, wenigstens bist du die einzige, die einen blauen Hintern hat“, lachte er dann und hatte keine Ahnung, welch‘ Fettnäpfchen er da verkohlen ließ.

Sie schnaubte, aber unterließ es auf seine dümmlichen, unnötigen Kommentare, die sie auch von dem erwachsenen Link her kannte, zu reagieren. Sie war schließlich reifer als so ein verzogener Naseweis, richtig?

Dann endlich schauten sie sich fasziniert um, fanden sich auf einem gigantischen Segelschiff wieder mit mehreren Segelmasten und einem hohen Aussichtspunkt viele Meter weit oben. Überall war irgendetwas platziert. Dicke Fässer, gefüllt mit irgendeinem Gut. Riesige Kisten mit irgendwelchen kostbaren Waren. Rechter Hand lagen ausgebreitet alte Fischernetze, wo noch ein einzelner Fisch darin zappelte. Und hinter den beiden Knirpsen war eine häufig benutzte Tür ins Schiffsinnere.

Navi zitterte in ihrem blau-weißen Kleidchen, fühlte den starken, vielmehr wütenden Wind, der zornig um das Schiff jagte. Es war schaurig, hier umgeben von den Fackeln und altmodischen Lampen wirkte das Meer und die Dunkelheit der Nacht noch bedrohlicher als ohnehin schon. Und sie beide waren noch nie auf einem Schiff gewesen. Das nicht ignorierbare Wackeln des Schiffes und die seltsamen, knarrenden Laute, die es dabei von sich gab, waren beängstigend.

„Wow, wir sind in der Welt von Windwaker“, jubelte Klein-Link.

„Pst!“, murrte Navi dann und stupste Klein-Link wie immer in seine Rippengegend. „Schau mal dort oben.“ Und ihr knubbliger, rechter Zeigefinger wanderte hinauf zu dem Beobachtungsturm, von woher ein tiefes, zufriedenes Schnarchen schallte.

„Dort oben hält wohl jemand Wache, der seinen Posten nicht gerade ernst nimmt. Wir haben Glück, nicht entdeckt worden zu sein, womöglich wären wir sonst von Bord geflogen“, flüsterte sie. Sie packte Klein-Link am Kragen seiner waldgrünen Tunika und zog den um sich schlagenden Bengel einfach mit hinter einige Fässer, die dicht neben einer abgenutzten Tür ins Schiffsinnere standen.

„Du hättest mich ja wenigstens vorwarnen können, was du vorhast. Ich wäre auch selbst hinter die Fässer gelaufen“, murrte der Bengel.

„Ach so?“, zickte die einstige Fee und wackelte mit ihrer Nase, als ob sie gleich niesen musste. „Blöderweise siehst du so aus, als ob du manchmal nicht annähernd wüsstest, wie man seine Beine bewegt.“

 

Klein-Link ballte seine linke Hand zur Faust und wollte gerne auf Navis Beleidigungen eingehen, als aber die Tür ins Schiffsinnere aufgestoßen wurde. Mit voller Wucht knallte das hilflose Stück Holz an die dahinter befindliche Wand, knarrte und quietschte bitterlich. Eine junge Frau mit kochend rotem Kopf kam heraus gestapft und suchte anscheinend nach einem Opfer für ihren folgenden Wutausbruch.

Dennoch… sie war einfach total schön und attraktiv. Ihr platinblondes Haar, welches sie gerade noch achtlos in einem unsauberen Zopf untergebracht hatte, löste sich und es fiel glatt und seidig an einer enganliegenden, rosafarbene Tunika mit tiefem Ausschnitt hinab. Über ihrer Hüfte trug sie einen schweren Gürtel mit Eisenbeschlägen. Mehrere Dolche hingen daran. Und ihre schlanken und sogar durchtrainierten Beine schmückte eine verboten knappe weiße Hose.

Sie klopfte sich mit einer Hand auf ihre rechte Schulter, die anscheinend ein wenig schmerzte bis sie sich die kühlen Arme rieb. Tatsächlich schien der Wind immer beißender und kälter zu werden.

 

„Wow, ist das die Zelda dieser Welt?“, flüsterte Klein-Link und deutete auf die junge Frau, die auch von Navi interessiert gemustert wurde. „Die ist ja feuriger als Naboru“, lachte Klein-Link und rieb sich die Hände. Eine wunderbare Begeisterung packte ihn. Wenn er und Navi schon durch die unterschiedlichsten Welten zogen, war es doch bestimmt interessant jede Zelda und jeden Link genau kennenzulernen. Vielleicht gab es sogar gewisse Dinge, die Navi und er tun konnten auf ihrer Mission. Und vielleicht gab es so manche Gelegenheiten irgendetwas in Ordnung zu bringen.

 

Die junge Piratin trampelte mit groben Schritten hin und her, bis sie direkt vor den Fässern stand und trat mit einem Fuß einmal kräftig dagegen. Gerade so konnte das Götterkind einen Überraschungsschrei unterdrücken und Navi hielt sich vorsorglich ihren rosa Kindermund zu.

„Dieses Trampel“, schimpfte jene Zelda. Und für einen herzlichen Moment dachte Klein-Link schon, er wäre damit gemeint gewesen.

„Kann er sich nicht einmal…“ Sie wiederholte diesen Satz.

„… nicht einmal…“ Dann wurde sie leiser und atmete tief aus.

„… nicht einmal so verhalten wie früher. Warum hat sich nur alles verändert?“ Ihre blauen Augen, die viel Ähnlichkeit mit jenen Augen der heutigen Zelda hatten blickten hinauf an das stürmische Himmelszelt, die das Gesicht der Nacht verzerrte. Man sah ihr förmlich an, wie Gedanken an alte Zeiten sie einholten. Warme Augenblicke zogen an ihr vorüber, die sie vermisste. Es war ja nicht so, dass sie sehr viel verlangte. Sie war ja nicht der Typ für ständige Umarmungen oder dergleichen. Aber manchmal… da… da hatte sie einfach Sehnsucht nach so etwas…

Sie wusste ja selbst nicht einmal, warum sie sich das ausgerechnet von diesem Trampel Link wünschte!

Dann trat sie noch einmal frustriert an eines der Fässer und stapfte wutgeladen einige Schritte weiter. Ebenso konnte sie sich diverse Aufmerksamkeiten von einem ihrer Seemänner holen. Aber naja… ein Gedanke an die unrasierten, fettigen Gesichter, und die Mundränder, an denen Bier hing, schreckten sie nun doch davor ab. Link war nie ein Vergleich zu Niko, Seneca und den anderen gewesen. Er pflegte sein Äußeres. Er trainierte. Er trank kein Bier. Er…

Zum Teufel, dachte sie. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte Unmengen von Eigenschaften aufzählen, die ihn in positives Licht rücken würden. Aber Link hatte sich eben von seiner Persönlichkeit in den letzten Monaten sehr verändert. Er würde nie wieder der junge, unbeholfene Matrose sein. Nie wieder der kleine, selbstlose Heroe sein, der so naiv dreinschauen konnte. Und Link würde nie wieder so grinsen wie früher… so charmant?

Sie seufzte, streckte sich und rieb sich mit einer Hand wieder die rechte Schulter. Sie schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern, als würde jemand vor ihr stehen. Dann wanderte ihr hübscher Kopf in die Höhe zu dem Wachturm, wo ein herzliches Schnarchen das Meer in den Schlaf lullte. Ihre Hylianerohren waren gespitzt. Und ihr feuriges Wesen lag auf der Lauer.

Sie grummelte etwas und stapfte dann noch wutgeladener als vorhin in Richtung des Turmes. „Niko, na warte!“ Ihre hübsche Stimme wurde trocken und verdrießlich. Anscheinend hatte sie nun endlich den Matrosen entdeckt, der seine Aufgabe alles andere als ernst nahm und lieber in süßen Träumen schwelgte. Tatsächlich war das Schnarchen nicht zu überhören.

Noch einmal rieb sie sich die rechte Schulter und kletterte dann schnell und augenscheinlich mühelos mit ihrem durchtrainierten Körper eine rutschige Leiter nach oben.

 

„Wow, und genauso sportlich wie Naboru ist die auch!“, staunte das Götterkind. „Einfach gigantisch.“

„Bist du bald mal fertig, du Schürzenjäger? Ich wusste gar nicht, dass du so eine Leidenschaft für unsere Wüstenkriegerin hast“, war der Kommentar seiner kindlichen Begleiterin, die es sich einfach nicht verkneifen konnte. Dem Götterkind stieg ein wenig die Schamesröte ins Gesicht, aber er versuchte es zu verleugnen.

„Na und? Wenigstens habe ich es nicht nötig mir irgendwelche Schnulzen durchzulesen wie du!“, pfefferte er zurück. Navi trotzte, dampfte wie ein alter Stier und verschränkte die Arme. Gerade da machte es unvorhergesehen Klick in dem unverschämten Kopf, den Klein-Link mit sich herumtrug. Sorgsam schaute er sich um und tapste aus dem sicheren Versteck hervor.

„Sag‘ mal, spinnst du?“, flüsterte Navi und wollte ihm noch hinterhergehen, aber da war Klein-Link schon lange bei dem Turm angekommen. Hilflos konnte die Fee bloß zu schauen, wie er ebenfalls ein Stück den Turm hinaufkletterte um das Gespräch zu belauschen.

„Verdammte Feengrütze. Ich hasse dich, Klein-Link!“, brummelte sie, spürte Schweißtropfen an ihrer Stirn perlen und stak in einer bitteren Nervosität fest. Was, wenn Klein-Link aufflog? Was sollte sie tun, wenn irgendetwas mit ihm passierte? Link und Zelda würden sie köpfen! Sie war schließlich der Aufpasser dieses Zwerges! Sie setzte an zu einem Schrei, aber unterließ jenen dennoch. Vorsichtig lugten ihre giftgrünen Augen über die Fässer hinweg, schielten beunruhigt zu Klein-Link und beobachteten das Geschehen.  

 

Tetra war indes an der Spitze des Wachturmes angekommen, entdeckte den schlafenden Piraten, der sich auch noch eine wollige Decke und ein dickes Kissen mit hier hoch genommen hatte, und war ein wenig enttäuscht von diesem Pack, welches jeder Faulheit Vorzug vor Pflichtgefühl gab. Sie trat nach ihm, sodass jener Pirat Niko, wahrlich der kleinste und unbeholfenste, von seinem Kissen rutschte. Nur spärlich schlug er seine demütigen Augen auf, öffnete seinen spitzen Mund mit der auffälligen Zahnlücke um lediglich zu grinsen und erkannte sogleich seinen Kapitän vor sich. Ihre Hände in die Hüften gestemmt und das edle Gesicht verzogen zu einer bitteren Fratze, wusste er, was ihn erwartete.

„Niko! Wie oft eigentlich noch? Jedes Mal, wenn du hier Ausschau hältst, verfehlen wir unsere Route, entdecken mögliches Festland nicht! Nimmst du eigentlich nur eine der Aufgaben ernst, die ich dir gebe?“ Er kroch auf allen Vieren näher, um seinem Kapitän womöglich noch die Füße zu küssen. „Verzeihung, Miss Tetra. Es kommt nicht wieder vor.“

„Wie oft hast du das schon gesagt?“, erwiderte sie kalt und schüttelte den Kopf.

„Es tut mir leid, Miss Tetra, ich war so müde“, erklärte er mit seiner piepsigen Stimme und schien vor ihr zu beten.

„Na gut, ist jetzt auch nicht mehr zu ändern“, sagte sie, blickte hinaus auf das fremde Meer und schien von einer Sekunde auf die andere ihr sonstiges Temperament abzulegen. Dann klopfte sie sich wieder auf ihre Schulter und verzerrte kurzfristig das Gesicht.

Der kleine Pirat Niko rückte seinen gestreiften Hut zurecht und kratzte sich an seinem Dreitagebart. Es war nicht zu übersehen, dass er sich wunderte. Normalerweise war Tetra so gehässig, so fies und kommandierte jeden herum. Sie war so ruhig heute, das wunderte ihn sehr.

 

„Miss Tetra. Eine Frage…“, fing er an, worauf sie sich zu ihm wand.

„Warum kann nicht Link mal diesen Posten übernehmen. Es ist ewig her, dass er sich um die Belange unseres Schiffes gekümmert hat“, meinte er vorsichtig und kroch wieder zurück, um seine Decke und sein Kissen an sich zu nehmen. „Wir sind es alle langsam leid, dass er nicht einen Finger für dieses Schiff rührt. Ich geb ja zu, ich bin auch nicht der Fleißigste. Aber er tut den ganzen Tag nur das, was er will. So kann das nicht weiter gehen. Gonzo und die anderen sind in letzter Zeit nicht mehr gut auf ihn zu sprechen.“

Der kleine Taugenichts Niko dachte schon, er bekäme die Predigt seines Lebens, aber stattdessen drehte sich Tetra zu ihm um und lächelte mitfühlend.

„Danke, Niko… ich denke, es war nötig, dass du mir das gesagt hast. Es stimmt…“ Sie lehnte sich sachte an das Geländer hier oben und verschränkte die Arme. „… so kann es nicht weiter gehen. Entweder Link ändert seine egoistische Einstellung, oder er muss das Schiff verlassen.“

Das waren harte Worte, die der kleine Pirat da hörte, aber es wunderte ihn nicht sonderlich. Auch Tetra war nicht mehr so gut auf Link zu sprechen. Woran es lag, das wusste er nicht. Er bemerkte nur lediglich, wie trübsinnig Tetra dreinschaute, wenn Link einfach das tat, was er wollte, sich nicht um die anderen kümmerte, und noch weniger um die Freundschaft, die einst zwischen ihnen allen war.

„Na gut, Niko, geh in deine Kabine, ich bleibe bis zum Morgengrauen hier. Schlaf dich aus!“ Sie grinste ein wenig, und Niko jubelte.

„Aber die Decke lässt du mir hier“, sprach sie und hob eine Augenbraue. Nickend reichte er ihr jene und begann geschwind die Leiter hinabzuklettern. Sie umhüllte sich schließlich damit, ließ die wohlige Decke den Wind doch weniger grausam und kalt erscheinen. Dann starrte die stolze Piratenfrau in die endlose Düsternis. Kein Gott würde im Moment ihre Gedanken lesen können… 

 

Im letzten Augenblick war Klein-Link die Leiter hinabgesprungen, um nicht unmittelbar von Niko entdeckt zu werden. Hektisch hüpfte er von einer Ecke in die andere, aber konnte sich nicht schnell genug entscheiden, wo er sich nun verstecken sollte. Und als Niko über das Deck des Schiffes schlürfte, benommen, sich im Halbschlaf gerade so zu seiner Kabine bewegend, stand Klein-Link einfach nur da. Niko lächelte breit, grüßte ihn sogar noch, schien ihn ja nicht einmal richtig zu registrieren.

„Guten Abend, Matrose. Herrliche Nacht um zu schlafen“, sang der kleine Niko und schlürfte mit dem Kissen, welches beinah größer war als er, an dem Götterkind vorbei.

„Ja, herrliche Nacht!“, erwiderte Klein-Link unsicher und begann zu schmunzeln.

Niko nickte, sang und tapste einfach weiter, bis er im Schiffsinnerem verschwunden war. Als jener außer Sichtweite war, begann das Götterkind lauthals zu lachen und hüpfte freudig wieder zu Navi.

„Das nenn‘ ich Spaß“, gab er noch an. „Der hat nicht mal geschnallt, wer ich bin, und dass er mich gar nicht kennt.“ 

Sie fand das wie immer weniger lustig und gab ihm sogleich einen ernüchternden Schlag auf den kindischen Hohlkopf.

Aua…

 

„Mmh, aber der Link dieser Geschichte scheint ein komischer Kerl zu sein“, bemerkte Klein-Link dann und rieb sich über den Kopf. „Der Pirat Niko hat gemunkelt, er wäre ziemlich selbstsüchtig.“

„Link und selbstsüchtig?“, meinte Navi und hüpfte auf ihre Beine. „Das glaub ich nicht.“

„Es soll aber so sein. Tetra hat gesagt, er soll vielleicht das Schiff verlassen“, behauptete sich das Götterkind.

„Das werden wir noch sehen, ich glaub das nicht.“

„Wie du meinst“, murrte der Bengel, hatte er schließlich keine Lust sich schon wieder mit Navi anzulegen.

 

In dem Moment knarrte es heftiger als gewöhnlich auf dem Schiff. Ein zerberstender Ton, als würde etwas das stolze Segelschiff in der Mitte auseinanderreißen. Ein Blitz krachte stimmungsvoll und gefährlich vom Himmelsdach nieder und schlug in der Nähe des Steuers ein, hinterließ eine in Flammen stehende Kiste.

„Um Himmels Willen!“, kreischte Navi und blickte sogleich voller Angst in das Himmelszelt. Klein-Link rannte unbedacht zu der Kiste, egal, ob er von der Crew entdeckt wurde, und wedelte mit einer Plane, um den Brandherd zu löschen.

Auch Tetra kam angestürmt, schaute zunächst verwundert zu dem Mädchen und dem Jungen, der so aussah wie Link, aber dann interessierten die beiden Winzlinge nicht sonderlich. Wie angestochen rannte sie zu dem Steuer und läutete dort eine lärmgewaltige Glocke, um ihre Seemänner an Bord zu holen. Navi und Klein-Link beachtete sie inzwischen nicht mehr. Ihr Schiff war in Gefahr. Und das hatte äußerste Priorität.

 

Im Mittelpunkt des Meeres war die Welt grausam und düster. Ein Schiff war wie ein unbedeutendes Staubkorn innerhalb des riesigen Ozeans, und wie oft erlag es dessen Unvorhersehbarkeit. Tetra hatte nie ihr Schiff einer Katastrophe überlassen und so würde es auch in Zukunft bleiben. Ihr Schiff war ihr Zuhause, wie ein Land, welches sie beschützen würde.

Mit Seilen klammerte sie sich an das Steuer und hielt es straff. Sie blickte mit ihren strengen Augen zu dem Götterkind, welches es endlich geschafft hatte, das Feuer zum Erliegen zu bringen und nickte ihm zu.

„Danke!“, rief sie. Und da wusste Klein-Link, dass er auf diesem Schiff willkommen war. Navi glotzte nur verwundert, als er auch noch zu der andersartigen Zelda hinüberrannte und ihr half das Steuer festzuhalten. „Ich weiß zwar nicht, woher du kommst, und was du hier willst, aber ich danke dir“, sagte die Piratin.

Und daraufhin grinste auch der Bengel.

 

Der Knirps hatte es einfach drauf, dachte Navi. Er kannte keine Ängste, war immer bedacht, anderen in Notlagen zu helfen. Genau das machte einen ‚Link‘ aus. Diese war eine der edlen Eigenschaften eines der legendären Helden der magischen, geheimnisvollen Welt Hyrules. Auch das Götterkind würde an dem Rat teilnehmen, das ahnte Navi nun. Sie lächelte ein wenig und schaute zu Tetra und Klein-Link hinüber.

 

In dem Augenblick donnerte es unheilvoll. Und erneut knallte ein spiegelblanker Blitz in Sekundenschnelle mit großartiger Zerstörungskraft hinab, verfehlte das Schiff nur knapp. Eine Dampfwolke tat sich auf, dort, wo der Blitz in das Meer schlug. Bitterer Rauch tauchte das Schiff in Düsternis.

„Was ist hier nur los? Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“, rief Tetra und endlich kamen auch ihre Seemänner an Deck. Der stolze Gonzo mit seinen breiten Armen. Der verschlafene Niko. Der ein wenig von der anderen Seite stammende Seneca, wie auch Narzo, Zuko und Mokko. Allesamt hatten sie Tetras Läute gehört. Alle, außer Link…

Mit hochgestellten Augenbrauen beäugte Gonzo Navi und auch Klein-Link, ließ beide aber unbedacht, als er die sich anbahnende Katastrophe erkannte.

„Miss Tetra!“, rief er. „Ich übernehme!“ Seine tiefe Stimme schallte umher und schallte nach, als wäre sie ein Gegenfeuer zu den Blitzen, die vom Himmel tobten. Geschwind übernahm er das Steuer.

„Wir müssen schauen, dass wir das Schiff aus diesem Blitzhagel herausbringen!“, rief Tetra und erteilte jedem ihrer Männer eine Aufgabe, die sie alle sogleich befolgten.

„Aber wo ist Link?“

Die meisten schüttelten den Kopf, andere zuckten die Schultern. Tetra schloss die Augen und seufzte nur: „Verstehe…“

 

Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als ein weiterer Blitz niederknallte. Mit erschütternder Helligkeit prallte er über das Deck und schlug irgendwo hinter dem Schiff ins kalte Meer.

Als ob einer der Götter mit ihnen spielte, tobten jene Blitze, rasten an ihnen vorbei und hinterließen nichts als Furcht und Schrecken.

Weitere Blitze krachten nieder, und alle an Bord schauten hinauf in die pechschwarzen Gebilde der Wolken. Etwas Übernatürliches loderte dort oben, strickte ein Nest aus Blitzen, schöpfte Bösartigkeit und Vernichtung.

Eine helle Wand aus Blitzen, mehrere auf einmal, erschuf sich, verbarg den schwarzen Himmel. Jene Wand tänzelte nieder, breitete Fangarme aus, schien zu leben wie das weite Meer. Und es tobte. Säulenartig erhob es sich immer wieder, wuchs bis zum Himmel, sank wieder hinab und verbat dem Schiff die Weiterfahrt.

Und dann kam das Schiff zum Stehen. Das Meer wurde ruhig, die bedrohlichen Blitze stoppten und dennoch war es jene Wand, die blieb. Eine verbotene Zone. Ein Wächter, der das Schiff nicht passieren lassen würde.

 

Die vielen Augen auf dem Schiff sahen gebannt zu, achteten auf jede winzige Bewegung des lichtenen, weißen Vorhangs und niemand ahnte, nun, da die Blitze endeten, was sich dahinter verbarg.

Und dann, in einem Augenblick voller Ruhe, wo selbst der lästige Wind anzuhalten schien, tauchten aus dem hellen Wirrwarr dutzende fransige Fangarme auf, griffen nach den Menschen, die sich an Bord des Schiffes befanden.

„Macht die Kanonen fertig!“, rief Tetra, aber da war es schon zu spät. Unberechenbar schnell sausten die Arme über das Schiff, holten sich zwei der Seemänner, einschließlich des Kapitäns.

Und aus dem weißen Vorhang kam endlich eine kolossale Bestie zum Vorschein, mit mehreren Köpfen und Armen. Ein riesiges geschupptes Wesen, welches aus seinen vielen mit Reißzähnen geschmückten Mäulern Blitze spucken konnte.

„Ein Meerdrache! Auch das noch!“ Tetra schimpfte was das Zeug hielt und strampelte in der riesigen Pfote, die sie festumklammerte. „Wo zum Teufel ist Link?“

Hektisch bewegte sie sich, konnte einen ihrer Dolche ergreifen und fügte der weichen Innenseite der Pfote genug Wunden zu, um sich zu befreien. Mit einem gellenden Schrei fiel Tetra hinab und stieß mit voller Wucht auf die Oberfläche des Meeres auf, bis sie unterging und nicht mehr zu sehen war.

 

Navi und Klein-Link versteckten sich derweil angstvoll hinter einem Fass. Beide fragten sie sich, wo Link war. Wie konnte einer der Helden Hyrules nur so verantwortungslos sein und seine Freunde im Stich lassen?

 

In dem Moment rannte etwas an ihnen vorbei, was sie beide nur noch als einen grünlich- dunklen Fleck deuten konnten. Der Held dieser Geschichte hatte seine Aufgabe gefunden. Mit einem Seil zog sich der mit einem Mantel umhüllte Heroe hinauf auf einen der Köpfe des riesigen Drachens, schlug diesen behände und ohne viel Mühe von dem stattlichen, schuppenbekleidetem Wesen. Es grölte und jaulte. Es zappelte, ließ die beiden Seemänner los, die auf Deck krachten und von ihren Freunden sofort gerettet werden konnten. Der Seedrache schlug weiter um sich und zog sich langsam zurück unter die schäumende Oberfläche des Meeres. 

 

Es wurde wieder stiller auf dem Meer. Noch immer wehte ein beißender, garstiger Wind, kalt und erbarmungslos wie im Winter. Mit kühlem Blick erschien der Held jener Geschichte wieder auf dem Deck und die Kapuze rutschte nach hinten um sein Gesicht preiszugeben. Sein Haar war fülliger und länger als das von dem Link, der auf der Erde lebte. Es fiel ihm ein wenig zerzaust bis auf die Schultern. Seine Augen wirkten ein wenig finsterer umgeben von der Dunkelheit des Meeres und eine kleine Narbe verzierte seine rechte Wange. Sein Antlitz war getrübt. Er zog elegant, vielleicht sogar übertrieben spielerisch das Schwert zurück in die Scheide, kurbelte mit seinem linken Arm und schien sehr zufrieden mit sich. Ohne sich zu vergewissern, ob alle gesund und munter waren, trat er wieder in Richtung des Schiffsinneren.

Klein-Link hatte einmal bei dem Spiel Windwaker zugeschaut, aber sich die Figuren der Geschichte so lebendig und natürlich vorzustellen, hätte er nie gekonnt. Sie waren eben auch Menschen, Hylianer, sie waren nicht nur obskur aussehende Figuren mit verschrobenen Gesichtern und seltsamen Proportionen. Und dieser Link war tatsächlich aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als das Götterkind oder Navi vermutet hätten.

 

Der Heroe war noch nicht im Schiffsinneren verschwunden, als ein Verzweiflungsschrei umher ging.

„Beim Wächter der Meere, wo ist Miss Tetra?“, rief Gonzo. Alle Seemänner stürmten an die Geländer, schauten in die tiefen, verschlingenden Abgründe. Der Wellengang war noch immer so gefährlich wie vorher. Bei den Fluten und der Dunkelheit war es unmöglich einen Menschen auszumachen.

„Nein, Miss Tetra…“, grölte Niko und schluchzte. „Alles nur, weil…“ Dann drehte er sich verärgert um und schaute den Heroen dieser Welt mit einem Blick entgegen, der finsterer nicht sein konnte. „… alles nur, weil Link mal wieder nicht rechtzeitig erscheinen konnte!“ Jener Link trat näher, schien Nikos Anklage einfach überhört zu haben und zuckte mit den Schultern. „Link, verdammt nochmal, Tetra ist irgendwo dort unten!“, rief Gonzo, packte den Heroen am Kragen und war nur kurz davor entfernt ihm eine Faust ins Gesicht zu rammen. „Ist sie dir denn so egal geworden?“

 

Gebannt sahen Klein-Link und Navi weiterhin von ihrem Versteck aus zu, wussten nicht, wie sie sich einmischen sollten, nützlich machen konnten, oder ob es überhaupt etwas brachte. Tetra war verschwunden, war womöglich bereits tot, und diese Seeleute hatten nichts weiter zu tun als sich zu streiten?

„Navi, wir müssen Tetra finden“, sagte er. „Schau‘ mal, dort ist doch ein Boot, wir könnten es doch runterlassen und dann schauen, ob wir sie…“ Klein-Link hatte nicht zu Ende geredet, als Navi mit ihren blonden Locken schon den Kopf schüttelte.

„Bist du lebensmüde? Du willst bei diesem Wetter mit einem winzigen Boot übers Meer schippern. Was denkst du dir eigentlich?“, sprach sie, und als sie aufblickte, konnte Klein-Link Tränen in ihren Augen sehen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du Recht hast, aber dieser Link dort ist ein Riesen-Volltrottel.“ Dann zog sie ihre Knie zu sich. Sie war traurig deswegen, sicherlich. Sie hätte eben nicht gedacht, dass sich die Links, selbst wenn sie in verschiedenen Welten lebten, selbst wenn sie ganz andere Gewohnheiten besaßen, so derb unterscheiden konnten… Das zerstörte ein Bild in ihrem Kopf. Es zerstörte einen Traum…

 

In dem Augenblick kam eine nasse, eisige Hand zum Vorschein, die sich auf Klein-Links Schulter legte. Ein paar leuchtende Augen schauten aus einem bleichen, nassen Gesicht hervor. Hellblondes, langes Haar lag klebend wie eine hässliche Kopfbedeckung auf dem Kopf einer jungen Piratin, die sich unter Aufgebot ihrer ganzen Kräfte an einem Seil an Bord gezogen hatte. Sie humpelte ein wenig. Ihre Kleidung war nass und kalt. Und ihre Arme schmückten mehrere Kratzer.

„Ganz genau… ein Volltrottel…“, seufzte sie und atmete schwer. „Der kann was erleben…“ Sie war am Ende ihrer Kräfte, da sah man ihr an, aber es gab nun Dinge, die gesagt werden mussten. Und wenn sie umfallen würde, den Willen Link niederzumachen hatte sie noch. Sie ließ es sich nicht nehmen, für Recht auf ihrem Schiff zu sorgen.

Sie knirschte mit den Zähnen und trat langsam vorwärts, setzte dann zwei Finger an ihre Lippen und pfiff so laut sie nur konnte. Alle Seemänner drehten sich auf Kommando um, vor allem Gonzo, der auf sie zustürmte und sogleich mit seinen dicken Armen umklammerte. „Miss Tetra, den Göttern des Meeres sei Dank.“ Sie schluckte nur und schaute bitter und sehr traurig in die Augen des Heroen, der ein wenig abseits stand. „Ist in Ordnung, Gonzo…“ Sie löste sich aus der Umarmung, auch wenn ihr die Wärme gut getan hatte. „Mich haut keiner so leicht aus den Latschen.“ Damit grinste sie und auch die anderen Seemänner lachten und jubelten, freuten sich, ihren Kapitän wieder an Bord zu haben. Dennoch… wäre Link, der doch eigentlich für den Schutz der Leute an Bord sorgte, sich seiner Aufgabe bewusst, wäre jener verantwortungsvoller, hätte man diese Gefahr erst ertragen müssen?

Und Tetra würde sich nach dem Sturz in die Tiefen des Meeres eine üble Grippe holen, das war fast sicher.

Langsam trat sie auf Link zu, blickte ihm starr und eisig in seine blauen Augen. Es waren einst unschuldige Augen, herzliche Augen… Nun aber war da nichts mehr. An seinen eigenen Problemen und Grübeleien hatte er seine Freunde und seinen Edelmut vergessen…

 

„Was… ist nur los mit dir? Die Leute an Bord waren alle in Gefahr. Du bist der beste Kämpfer dieses Schiffes. Du bist der beste Kämpfer weit und breit und du warst einst ein Held. Wo ist der Link, den wir alle einst kannten?“ Der junge Mann ihr gegenüber sagte nichts, er blickte nur an Tetra vorbei. Es war wie als wollte oder konnte er einfach nicht verstehen, was sie meinte. Es wirkte fast so, als wäre es ihm egal.

„Sind wir dir alle gleichgültig geworden? Verstehst du eigentlich, was hätte geschehen können?“ Sie schüttelte den Kopf und stützte sich ein wenig an Niko ab, der inzwischen neben ihr stand. „Ich bin einfach… nur noch enttäuscht von dir!“, sprach sie leiser werdend.

Gonzo und auch die anderen Piraten traten näher und unterstützen ihren Kapitän, so gut sie konnten. „Antworte ihr gefälligst, wenn sie mit dir redet!“, murrte Gonzo mit seiner tiefen Stimme. 

Mit einem unnötigen, kühlen Grinsen sah Link auf und schüttelte das überflüssige dunkelblonde Haar aus seinem Gesicht. Er zog sein Schwert und stemmte sein Körpergewicht darauf.

„Ich habe diesen Meerdrachen zur Hölle gejagt, oder etwa nicht?“, sprach er mit einer helleren Stimme als sie der Held der Zeit besaß.

„Aber du warst einmal mehr nicht rechtzeitig, Link. Es gab Tage, da hast du uns diesen Bestien überlassen. Ein Wunder, dass du es diesmal überhaupt für nötig gehalten hast, an Deck zu kommen!“

Link rollte mit den Augen und grinste makaber. Seine Augen waren kühl. Seine Lippen zierte ein gehässiges Grinsen. „Du willst wissen, was los ist? Ich habe einfach keine Lust mehr auf dieses Schiff, Tetra. Ständig segeln, irgendwohin, auf der Suche nach Sinnhaftigkeit. Denkst du, ich will mein ganzes Leben hier mit dir verbringen?“

„Verstehe…“, sagte sie dann und grinste bitter. „Dann wird es Zeit, dass du dieses Schiff verlässt. Sobald wir Festland erreichen, wirst du weg sein, oder ich vergesse mich.“ Mit diesen Worten senkte sie den Kopf.

„Du machst mich krank! Du bist nur noch ein Egoist geworden. Verschwinde einfach von meinem Schiff!“, sagte sie lauter werdend.

Und das erste Mal erlebten Navi und das Götterkind ein wenig Gefühl in den Augen des Heroen. Es schien, als wollte er noch etwas sagen, als wollte er sich entschuldigen, brachte es letztlich aber doch nicht über seine Lippen. Mit einem unbeholfenen Grinsen drehte er sich um und verschwand in den Kabinen. 

 

„Miss Tetra…“, murmelte Gonzo. „Ist das dein Ernst?” Fassungslos wand er sich zu ihr und schaute sie mit seinen schokoladenfarbenen Augen an. „Du willst ihn von diesem Schiff schmeißen?“

„Es geht nicht anders“, sprach sie, knackte mit ihren durchgefrorenen Gelenken und seufzte. „Link hat einst viel für uns getan, das werde ich immer aufbewahren, ich werde mich immer daran erinnern. Dennoch, wenn es sein Ziel ist, ein anderes Leben zu führen als wir Piraten es tun, wer sollte und könnte ihn daran hindern? Und umsonst, ohne einen Finger krumm zu machen, fährt er nicht länger mit. Basta!“ Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. „Auch ich habe keine Lust mehr auf ihn“, ergänzte sie, versuchte nicht weich zu werden und ihre Ehre zu bewahren.

Mit einem bitteren Grinsen drehte sie sich um. „Was steht ihr denn wie angewurzelt vor mir?“, kreischte sie. „Geht an eure Aufgaben, oder geht zurück in eure Kabinen!“, sprach sie laut, worauf die Piraten grummelnd wegtraten. Gonzo ging in Richtung Steuer. Niko wieder freiwillig auf den Turm. Und seltsamerweise hatte nun jeder eine Aufgabe gefunden.

 

„Wo sind eigentlich diese beiden Knirpse?“, rief der muskulöse Pirat Gonzo schließlich.

„Ach ja“, sagte Tetra. „Die hätte ich ja beinah vergessen.“

Flugs umhüllte sie sich mit der Decke von Niko erneut und trat hinter die Fässer um die beiden unschuldig dreinschauenden Winzlinge hinterhältig anzugrinsen. Sie schmunzelte. „Die beiden sind übrigens meine Gäste, die beiden haben mich gerettet“, sagte Tetra, war eben keineswegs verlegen Lügenmärchen zu erzählen.

 

Verwirrt kam Gonzo angestürmt und blickte ziemlich skeptisch drein. „Aber Miss Tetra! Was haben wir denn mit denen zu tun? Was wollen denn zwei solche Kinder an Bord?“ Er versuchte mit allen Mitteln dagegen zu argumentieren, wusste aber doch von Tetras Hartnäckigkeit.

„Frag nicht, tu einfach, was ich dir sage“, grunzte sie. „Und jetzt geh wieder ans Steuer!“

Gonzo nickte, kratzte sich umständlich an der weißen Seemannsmütze auf seinem Kopf und sprach im Flüsterton. „Ei, ei, Miss Tetra.“

 

„So, und nun zu euch beiden!“, sagte sie heimtückisch, packte beide Knirpse am Kragen und schob sie unter deren Widerwillen in das warme, gemütliche Schiffsinnere.

 

Zaghaft schloss Tetra ihre Kabinentür hinter sich, lehnte sich mit ihrem ganzen Körpergewicht dagegen und endlich ließ sie sich ein wenig fallen. Sei seufzte und presste ihre Lippen aneinander.

Navi und Klein-Link schauten sich verblüfft in Tetras Kajüte um. Es war groß und gemütlich hier drin. Nicht wie der enge Gang außerhalb, den sie gerade beschritten hatten. In der einen Ecke stand ein orientalisches anmutendes Bett, welches mit Vorhängen umrahmt war. An den meisten Wänden hingen weiche Bildteppiche und Schleier, die Tetra aus allen möglichen Ländern als Souvenir mitgenommen hatte. Auf dem Boden lag ebenso ein weicher Teppich, der sich wunderbar unter den Füßen anfühlte. Kleine goldene Schmuckkästchen dekorierten mehrere antike Schränke. In einer weiteren Ecke war ein altmodischer Sekretär mit vielerlei Geheimfächern angebracht, wo die stolze Piratin all die Abenteuer niederschrieb, die sie bisher erlebt hatte. Mehrere vollgeschriebene Bücher und ein Stapel Zettel lagen auf der glatten, staubfreien Oberfläche.

Aber es war angenehm warm in der Kabine, was sowohl Klein-Link und Navi mit ihrer roten Nasenspitze auftauen ließ. Woher aber kam diese Wärme?

Navi staunte nicht schlecht über den Ursprung der wohligen Temperatur. An jeder Seitenwand lagen einige Schälchen, die das Geheimnis offenbarten. Mit ihrer spitzen Nase brütete sie über kugelrunden, großen Steinen, manche von ihnen glühten ein wenig rötlich. 

„Das sind Drachensteine. Sie wurden uns von einem alten Volk geschenkt. Ihr Wärmegehalt hat eine Haltbarkeitsdauer von ungefähr tausend Jahren. Woher sie stammen, weiß man nicht genau, jedenfalls halten sie Räume schön warm“, erklärte Tetra und lief mit einem Lächeln zu Navi. Sie streifte sich die Decke von den Schultern. Und das Ausmaß ihres Sturzes war nun im Licht der Kerzen und Öllampen ihrer Kabine erst einmal sichtbar. Ihre weiße Hose hatte einige Risse und an ihren sportlichen Beinen zeichnete sich so mancher Bluterguss ab. Ihr rechter Arm hatte einen üblen Kratzer, der sicherlich von der riesigen Pfote stammte, die sie vorhin fest umschlungen hatte. Aber Tetra war erstaunlich stark, dachte Navi. Sie zeigte keinerlei Schmerzempfindung. Sie zeigte keinerlei Schwäche. Schutzverhalten wie die Zelda, die sie bereits kannte, oder war es einfach nur protzende Stärke. Navi tippte eher auf letzteres.

 

„Das ist eine tolle Kabine, die du da hast, Tetra.“

„Ja, ich habe mit der Zeit aus meiner Kabine ein kleines Traumland gemacht, in dem man sich nur wohlfühlen konnte. Und ich hatte auch einen guten Grund dazu, an den ich mich in letzter Zeit nur ein wenig ungern erinnere“, sagte sie in ruhigem Ton. Ihre Stimme war ein wenig rauchiger als die der Neuzeit-Zelda, aber dennoch sehr angenehm.

Dann trat Tetra näher, kniete vor Navi nieder und ihre schlauen Augen blitzten unheilvoll.

„Du weißt meinen Namen. Und du wusstest ihn, bevor die Seemänner mich gerufen haben“, sagte sie streng, was Navi irgendwie nervös machte. Tetras bleiches Gesicht blickte sie so unheilvoll an, als wollte sie sie auffressen.

„Nun sag‘ schon, Mädchen“, betonte die starke Piratenfrau. „Woher kennst du meinen Namen?“

„Ähm… das ist eine extrem lange Geschichte“, mischte sich das Götterkind ein, worauf sich die Besitzerin des Segelschiffs zu ihm umdrehte.

„Du kommst auch noch dran, Knirps, denk nicht, das mir deine Ähnlichkeit mit Link entfallen ist.“ Klein-Link schnürte der Blick Tetras ein wenig die Kehle zu und so schwieg er.

 

Die Piratin stand wieder auf und stapelte eine Schüssel Wasser über einen der rotglühenden Steine. Dann knackte sie mit ihren Gelenken, und deutete auf ein zerschlissenes, aber gemütliches Sofa in der Mitte des Raumes. „Wie auch immer. Es ist Zeit, mir eure Geschichte zu erzählen.“

Navi und das Götterkind hüpften beide auf das Sofa und tauschten sich ratlose Blicke aus. Tetra die ganze Geschichte zu erzählen, würde Jahre dauern…

„Ihr beantwortet mir jetzt alle meine Fragen und wehe ich höre ein Murren“, sagte sie dann, holte einen Stuhl heran und platzierte diesen vor der Couch. Ganz sachte setzte sie sich nieder und klopfte sich wie gewöhnlich auf die rechte Schulter.

„Was hast du eigentlich mit der rechten Schulter?“, fragte das Götterkind sogleich. „Ich hab bemerkt, dass du öfters darauf herum haust.“ Dieser Satz schien auch noch die restliche Röte aus Tetras hübschem Gesicht zu ziehen. Genau diese Frage hatte ihr noch niemand gestellt. Genau auf diese Frage war sie nicht gefasst.

Sie hob ihre Augenbrauen und kam mir ihrem stolzen Gesicht näher an das von Klein-Link. „Um mal eines klar zu stellen, ich stelle hier die Fragen“, zickte sie.

 

In dem Moment fing das Wasser in dem kleinen Kessel an zu sprudeln. Die beiden Kinder im Auge behaltend lief sie hinüber, schüttete einen Teil des Wassers in ein Tongefäß und warf einige Blätter irgendeines Krautes dort hinein. Das andere Wasser schüttete sie in eine Wasserschale und warf in dieses auch irgendein Gewürz. Tetra schien einige Ahnung von Heilkräutern und diversen Dingen zu haben. Die flache Schale nahm sie mit hinüber auf ihren Stuhl. Mit einem Tuch tupfte sie über ihre Blutergüsse und über die breiten Kratzer, die sie sich zugefügt hatte.

Sorgsam schauten Navi und Klein-Link zu, bis es in dem Raum wunderbar nach Pfefferminze roch.

„Dort in dem Tongefäß ist Tee. In dem Regal hier drüben…“ Sie deutete nach rechts, entgegengesetzt zu ihrem Bett. „… dort sind einige Tassen. Trinkt etwas, ihr werdet flüssige Kehlen brauchen, um meine Fragen zu beantworten.“

Brav und widerstandslos gingen Navi und Klein-Link hinüber zu dem Regal, nahmen sich Tassen und schenkten sich Tee ein. Sie warfen sich Blicke zu, die ängstlicher nicht sein konnten. „Feuriger als Naboru“, flüsterte Klein-Link zur Erinnerung, worauf Navi bloß ihre Augen rollte. „Halt endlich die Klappe, du kleiner Casanova!“, zankte sie. Und mit einem Mal stand Tetra hinter ihnen, fasste beide an einem spitzen Ohr und zerrte die um sich schlagenden Quälgeister wieder zurück auf das Sofa.

 

Auch Tetra nahm sich eine Tasse des heißen Tees, und trat direkt vor die beiden Kinder. Genießend schlürfte sie das heiße Getränk ihre Kehle hinab, schloss dabei die Augen und fühlte ihre kalten Glieder wieder warm werden. Auch ihr platinblondes Haar war noch nass und hing kraftlos über Tetras zierliche Schultern.

„Als erstes hätte ich gerne gewusst, wie ihr auf mein Schiff gekommen seid. Weit und breit befindet sich in diesen Meeren kein Festland, also wo kommt ihr beide her?“ Sie nahm sich ein Handtuch und umwickelte ihren Kopf damit.

„Also… wir…“, fing Klein-Link an, wusste aber nicht, wie viel er erzählen sollte.

„Wir wurden teleportiert und kommen aus einer weitentfernten Zukunft, von einer Welt, die Erde heißt“, sprach Navi dann.

Tetra schien irgendwie mit dieser Antwort gerechnet zuhaben. Sie schaute weder skeptisch, noch überrascht drein. Sachte rieb sie sich das Haar mit dem warmen Tuch trocken.

„Mmh, teleportiert. Klingt interessant. Und du?“ Sie zeigte mit einem ihrer langen Zeigefinger auf das Götterkind. „Du bist eine Wiedergeburt des Links, der auf diesem Schiff existiert?“, fragte sie.

Klein-Link zwinkerte. „Ähm… das ist ein wenig komplizierter“, murmelte er.

„Genau genommen ist er der Sohn von Zelda und Link“, sagte Navi dann breitgrinsend, wollte eben auch ihr Wissen kundtun, aber das ging wohl diesmal gewaltig daneben. Tetra sprang vor Schreck von dem Stuhl, sodass er um krachte.

„Wie? Du bist das Kind von Zelda und Link?“ Tetras nervöses Gestammel passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war sogar rot im Gesicht geworden.

„Link und Zelda haben ein Kind?“, fragte sie irritiert, hob den Stuhl auf, und ließ sich wieder benebelt auf jene Sitzgelegenheit sinken. Sie schien völlig entgeistert. „Link und Zelda haben in irgendeiner Zukunft ein Kind. Ich…“

Das Götterkind stand auf, lächelte und legte der unnahbaren Piratin eine Hand auf die Schulter. Er grinste. Navi jedoch meinte: „Nun beruhige dich, erst einmal, ist das in der Zukunft eine völlig andere Zelda und ein völlig anderer Link, und zweitens gibt es eine Menge Dimensionen, in denen eine Zelda und ein Link existieren.“

„Und wer bist du?“, murrte Tetra, kniff ihre Augen ein wenig schmaler zusammen und wirkte plötzlich wieder skeptisch.

„So dreist und frech wie du mit deinen Sommersprossen aussiehst, hab ich dich zuerst für eine übermütige Fee gehalten.“ Das traf den Pfeil nun ein wenig zu sehr ins Schwarze.

„Blöde Schnepfe!“, giftete Navi. „Du bist einfach eine total arrogante und widerspenstige Zelda. Die Zelda aus der Zukunft ist viel netter zu mir.“

 

Gelassen sprang Tetra erst gar nicht auf Navis Gezanke an. Sie grinste einfach unverschämt und fing an zu lachen. „Nun gut, ich schätze, ich kann euch beiden Glauben schenken“, sagte sie dann, klopfte sich erneut auf die rechte Schulter und schaute von Navi zu dem Götterkind. „Eure Namen hätte ich gerne noch gewusst, und warum ihr auf dieses Schiff gekommen seid.“

Klein-Link blickte trübsinnig zu Boden und spielte unruhig mit seinen Händen. Navi beobachtete sein Verhalten. Er machte sich Sorgen, das war kaum zu übersehen. Standhaft nannte Navi ihren Namen und den ihres Begleiters.

„Wir sind hier, weil wir Hilfe brauchen“, erklärte sie. „In der Zukunft tobt ein Kampf gegen Ganondorf, der alles Bisherige übersteigt. Hyrule ist tot, genauso wie in dieser Dimension. Und die Wesen Hyrules wurden allesamt in eine neue Welt geschickt, die wir ,Erde“ nennen. Als Ganondorf auch seinen Weg in diese Welt gefunden hatte, strickte er Schritt für Schritt einen unheilvollen Plan, diese Welt zu unterwerfen. Aus dem einstigen blauen Planeten, wie er hieß, ist ein feuerrotes Martyrium geworden. Von den Milliarden Menschen existiert nur noch ein Häufchen…“ Navi biss sich auf die Lippe, bevor sie weitersprach. „Und der neue Link, der Heroe, der einst über die Zeit gebieten konnte, er kämpft nun den grausamsten Kampf, der jemals von einem Heroen Hyrules beschritten wurde. Wir sind hier…“ Sie neigte ihr kindliches Haupt. „Wir sind hier… weil…“

Tetra kniete vor den beiden Kindern nieder. Mitgefühl strahlte aus ihren hellblauen Augen wie ein tapferes Licht. Als Navi ihre Geschichte beendet hatte, war auch noch der letzte Funken Misstrauen aus Tetras Gemüt gewichen.

Sie verstand die Situation der beiden. Sie verstand alles. „Ihr habt meinen Respekt, Knirpse. Und meine Unterstützung.“ Sie lächelte ermutigend. „Ich verstehe es… ihr seid hier, weil ihr den Link dieser Welt um Hilfe bitten wollt. Ihr wollt den Helden des Windes.“ Klein-Link und Navi wippten beide wie unter Strom mit ihren Köpfen. 

„Nur…“, sprach Tetra dann leise. Sie stützte eine ihrer kühlen Hände an den Kopf. „Nur… kann ich euch nicht versprechen, dass Link euch helfen wird.“ Sie ließ nun ein wenig mehr ihr Haupt hängen. „Link hat sich in den letzten Monaten sehr verändert. Desöfteren habe ich versucht mit ihm zu reden, zu ergründen, warum er sich so selbstsüchtig verhält, aber zumeist wollte er nicht mit mir reden, oder wir haben uns gestritten.“

Navi und das Götterkind tauschten ratlose Blicke aus. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass irgendein Link das Hilfeersuchen ablehnen würde. Aber anscheinend waren Navi und Klein-Link auf vieles nicht gefasst.

 

„Aber sagt, wie seid ihr hierhergekommen?“, sagte Tetra dann und grinste wieder ein wenig mit ihrer lockeren Art. Klein-Link holte das alte, kostbare Medaillon unter seiner Tunika hervor und legte jenes in Tetras Handinnenfläche.

„Eine ganz andere, mächtige Zelda hat das Medaillon erschaffen. Damit ist so ziemlich alles möglich.“

„Verstehe…“, sprach die Piratin fasziniert und betrachtete sich das Medaillon von jeder Seite. „Einfach unglaublich, ich denke…“ Sie grinste hinterhältig. „Dieser Schatz würde sich gut in meiner Sammlung machen.“ Navi rutschte vor Schreck vom Sofa und Klein-Link schaute hilflos drein.

„Nur Spaß, Knirpse, ich weiß durchaus, wie wichtig eure Mission ist.“ Und damit reichte sie es dem Götterkind wieder.

„Was wollt ihr jetzt tun?“, fragte sie. Klein-Link zuckte mit den Schultern. Dann wanderte Tetras Blick zu Navi. Mit einem ernsten, gebieterischen Blick stand die einstige Fee auf. „Ich werde mit diesem Link reden, ich will ihn überzeugen, dass er uns helfen muss.“

„Viel Spaß dabei“, brummte Tetra.

„Den werd ich bestimmt haben“, erwiderte Navi trocken.

„Aber ich warne dich, es ist nicht leicht überhaupt mit Link zureden. Der Held des Windes ist schlichtweg ein Vollidiot“, murrte Tetra. „Ich wünschte, die Dinge würden einfacher für euch beide sein.“ Sie rückte wieder ein Stück näher an Klein-Link heran und betrachtete sich seine Eigenheiten. Sein hellblondes, dickes Haar, die neugierigen, offen Augen, die er besaß. Und das gutmütige Grinsen, was sie faszinierte. „Du kannst stolz sein auf deine Eltern, nicht wahr? Auf eine andere Zelda… und einen anderen Link…“

Er nickte und lächelte so breit wie es nur ging.

„Eine glückliche Zukunft wird es wohl… für diesen Link und diese Zelda nicht geben…“, sagte sie leiser, hoffte schon, die beiden Kinder hätten es nicht verstanden.

Flugs sprang sie auf, drehte sich um und meinte: „So, von mir aus, könnt ihr beide hier bleiben. Aber wehe ihr rührt etwas an, ich nehme ein heißes Bad. Danach zeige ich euch die Gästezimmer.“

„Ei, ei, Miss Tetra!“, rief Klein-Link und grinste. Tetra lächelte noch einmal und verschwand dann mit frischer Kleidung und einem Badetuch unter ihrem Arm aus der Kajüte.

 

Als sie das Zimmer verlassen hatte, stürmte Klein-Link von dem Sofa und klatschte sich in die Hände. „Sie ist ein echt guter Mensch, findest du nicht, Navi?“ Er lachte und grinste: „Und vor allem so…“

Navi unterbrach ihn und schüttelte den Kopf. „Jaja, ich weiß es nun, feuriger als Naboru.“

„Volltreffer!“, rief das Götterkind. „Also, ich find es richtig toll hier.“ Freudig hüpfte er auf Tetras großzügig geschmücktes Bett und kuschelte sich an ein mit goldenen Pailletten verziertes Kissen. 

„Aber… Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie wir es anstellen, alle Links zusammenzubekommen? Wir können doch nicht jeden Link mit in irgendeine andere Dimension nehmen… Die meisten Links sind bestimmt in irgendetwas verwickelt, die müssen selbst kämpfen…“, murmelte Navi und schaute sich kopfschüttelnd den Bengel an, der schnurrend in Tetras Bett lag. Sie lief einige Schritte grübelnd zu ihm hinüber.

„Ich habe Angst, dass uns die Zeit wegläuft, dass die Zeit auf der Erde schneller wieder tickt als wir denken. Und dann das Problem mit diesem komischen Held des Windes“, ergänzte sie.

Klein-Link richtete sich wieder auf, mit zerwühlten Haaren. Sogar seine tiefgrüne Mütze war ihm indessen vom Kopf gerutscht. „Nun mach‘ dir doch nicht so viele Gedanken, Navi, ich bin sicher, es kommt alles in Ordnung.“

„So schläfrig und faul wie du im Augenblick aussiehst, hab ich das Gefühl, es dauert ewig ehe alles wieder in Ordnung ist“, erwiderte sie eingeschnappt. „Bist du dir überhaupt im Klaren, wie wichtig das hier ist, was wir tun? Wir haben eine Mission, Klein-Link.“

Er winkte ab. „Wer sagt, dass wir in dieser Mission nicht Spaß haben können?“ Und auch darauf hatte die ausgefuchste Fee eine klare Antwort.

„Ich!“

„Na schön“, murmelte das Götterkind und sprang wieder von Tetras Bett hinab. Er wollte sich nicht überzeugen lassen, erst recht nicht von Navi, aber was blieb ihm im Augenblick übrig? Diese Fee würde sich immer aufführen wie sein Kindermädchen, das war schon so, als er sie das erste Mal im Haus der Götter angetroffen hatte.

 

„Ich mache mir mehr Sorgen um Link und Zelda als du denkst, Navi…“, sprach das Götterkind und schlürfte noch einen heißen Tee. „Und wenn man so sieht, wie sich diese beiden Auserwählten hier, zueinander verhalten, macht mich das irgendwie nachdenklich.“

Navi runzelte die Stirn und murmelte: „Zumindest diese Zelda scheint einiges für ihren Link übrig zu haben.“

„Findest du? Ist das nicht ein wenig übertrieben?“, sagte der Bengel. „Nicht jeder Link, und nicht jede Zelda finden einander… Sie gehören nicht immer zusammen.“

„Das mag sein…“, sprach Navi und blickte mit einem weiteren Stirnrunzeln zu Tetras gemütlichem Bett. „Aber Tetras Verhalten macht mich ein wenig ungläubig.“

„Ungläubig? Sie will ihn von ihrem Schiff schmeißen, findest du also, sie liebt ihn, oder was?“, meckerte der Bengel und erhielt dafür einen weiteren skeptischen Blick seiner Reisegefährtin. Navi zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“

Klein-Link zwinkerte. Er zwinkerte mehrmals.

„Was ist? Bist du jetzt enttäuscht, oder was?“, murmelte die einstige Fee.

„Ich? Enttäuscht? Keineswegs. Ich meine, warum sollte ich?“ Er lachte komisch, als hätte Navis Aussage ihn mehr als irritiert. Und er lachte weiter. Sie schüttelte bloß den Kopf und nahm sich ebenso noch einen heißen Tee…

 

Indes war Tetra voller Ruhe in dem dampfenden Badezimmer angekommen. Die gemütliche, dämmerige Kabine war vollkommen mit dunklem Holz ausgekleidet und im Gegensatz zu anderen Zimmern, hatte die Crew hier die größten Drachensteine ihres Besitzes aufgestellt, weshalb es hier wärmer war als sonst wo auf dem Schiff. Nur zwei größere Kerzen, die auf goldenen Schalen an der Seitenwand angebracht waren, beleuchteten diesen Raum. Angenehme Schwaden aus Wasserdampf zogen an der blaublütigen Piratin vorbei, nahmen ihr stetig die Kälte und die beißenden Schmerzen in ihrem Körper. Ihre Wundversorgung von vorhin hatte ein wenig geholfen und in der Kajüte zum Baden konnte sie ihre Kratzer und Blutergüsse nicht vollständig sehen. Sie seufzte und bemerkte zunächst nicht, dass sie in dem Bad nicht alleine war.

Es war zu dunkel, und Tetra verhielt sich schlichtweg zu leise, als dass sie bemerkt werden könnte. Sie zitterte ein wenig und zog sich dann mühevoll das mitgenommene rosa Oberteil von ihrem Körper. Sie gähnte und strich sich vorsichtig über die rechte Schulter. In der stickigen Dunkelheit war nicht erkennbar, dass ein seltsamer, rußiger Fleck ihre ganze Schulter zierte. Es war unangenehm, zwickte gelegentlich, aber sie hatte es bisher vor jedem verschwiegen. Umso mehr hatte sie die Aussage Klein-Links vorhin erschreckt. ,Diese Knirpse‘, dachte Tetra und grinste. Es war erstaunlich, was sie leisteten, was sie planten. Sie hatte mehr als Mitgefühl für beide, mehr als bloße Bewunderung. ,Ganz anders als der jetzige Held des Windes‘, dachte sie weiterhin und zog sich auch noch eine weiße Korsage vom Oberkörper. Sachte entledigte sie sich außerdem ihrer weißen, zerrissenen Hose und eines hellen Slips.

 

In herrlicher Nacktheit ihres unschuldigen, aber trainierten Körpers tapste sie einige Schritte, als es in dem riesigen Fass, welches zum Baden vorgesehen war, ungeheuerlich plantschte. Mit einem Salto sprang jemand aus dem Gefäß und landete direkt vor Tetra. Wasser und ein wenig Schaum bedeckte an den nicht peinlichen Stellen seinen Körper. Und die Stellen, die ja eigentlich mehr als peinlich waren, konnten sich nicht Tetras neugierigem Blick entziehen. Wie angewurzelt standen beide voreinander. Ein junger, kräftiger Mann, der ein weißes Badetuch auf seinem Kopf hatte, sonst seinen nackten Körper vorführte und nur schluckte. Und die Piratin Tetra, deren Körper noch kein Wasser und keine Seife gesehen hatte, die aber auch schluckte. Unwillkürlich wanderten ihre neugierigen, blauen Augen hinab und ihr einst so bleiches Gesicht machte den Eindruck als könnte es nie wieder bleich werden.  

„Kannst du die verdammte Tür nicht abschließen, wenn du das Bad benutzt!“, kreischte sie, aber fühlte sich so sehr gelähmt, als dass sie fähig war, ihre vielen entblößten Stellen, die auch in der Dunkelheit noch gut sichtbar waren, mit irgendetwas zu bedecken.

Der junge Kerl ihr gegenüber war leider zu sprachlos um nur irgendetwas zu sagen. Er war nicht gerade ein großer Redner, aber in der Situation brachte er noch weniger Wörter aus seinem Mund als ohnehin schon.

 

„Was machst du überhaupt hier?!“, sprach sie übel gelaunt und starrte ihn und seine gut gebauten Körpereigenheiten weiterhin an.

„Du solltest packen, wenn du das Schiff verlassen willst“, setzte sie hinzu. Aber Link, auch bekannt als Held des Windes, rührte sich immer noch nicht. Es schien, als führte er einen Kampf mit sich. Denn auch er starrte Tetra an, und nicht nur ihr Gesicht…

„Bist du bald mal fertig mit Glotzen?“, schimpfte sie. So langsam aber sicher, war die Situation nicht nur peinlich, sondern auch erregend. 

Link zwinkerte und blickte dann mühevoll in Tetras Gesicht. Nur schwerfällig hatte er sich von anderweitigen, wunderbaren Aussichten lösen können.

„Verdammt, du siehst einfach total geil aus“, platzte es aus ihm heraus. Er wollte eigentlich schweigen, und nun sprudelten irgendwelche absurden Sätze aus ihm, weil er sich nicht mehr kontrollieren konnte.

Er wollte so viele Dinge sagen, wollte Komplimente finden für ihre langen Beine, ihre seidige Haut, ihren knackigen Po und diese wunderschöne Brust. Aber er konnte nicht, er wusste nicht, wo er anfangen sollte.

Seine Großmutter hatte ihn einst aufgeklärt, bevor er in die Welt zog. Er wusste, wie die Dinge zwischen Mann und Frau abliefen, nur… er wollte es sich irgendwie nie so recht für sich selbst vorstellen. Vielleicht hatte er auch einfach Bammel davor. Aber Tetras Anblick, diese wunderbare Weiblichkeit, zwang ihn schlichtweg an dieses Thema zu denken. Und mehr noch, diese wunderschöne Piratin verwirrte den Heroen, und im Augenblick ließ sie das Blut in ihm wallen.

 

Tetra selbst blickte nur in seine Augen, und es schien, als leuchtete dort etwas auf, was sie lange nicht mehr gesehen hatte. Eine vergessene Leidenschaft. Sein Satz hatte sie so sehr geschockt, dass sie sich fast wieder zu Stein erstarrt fühlte. Was wollte er? War das eine seiner dämlichen Anspielungen auf irgendetwas total Dummes?

 

Ehe sie sich weitere Gedanken spinnen konnte, trat der junge, gesunde Heroe näher; und sie ein wenig ängstlich immer weiter zurück, bis sie mit ihrem entblößten Rücken an einer der nassen, warmen Wände stand. Aber der junge Mann ließ nicht von ihr ab, er trat immer näher, und stemmte dann seine rechte Hand direkt neben ihrem Gesicht ab. Sie seufzte, schaute überrascht und sehr zweifelnd. Zaghaft sah er in ihre verwunderten Augen. Schöne Augen, deren Glanz er in den letzten Tagen aus irgendeinem Grund vergessen hatte.

„Was ist?“, flüsterte sie, kniff die Augen zusammen, neigte ihr Gesicht zur Seite und hatte Angst vor jeder weiteren Bewegung, die Link machte. Ihr Herz raste und sie mochte das Gefühl im Augenblick ganz und gar nicht.

„Tetra… nein… Zelda…“, murmelte er.

Und sie, gefangen in Unsicherheit und vielen unsinnigen Fragen in ihrem Kopf, wusste nicht, warum ihr Körper im Moment auch noch mit einer eigenwilligen Gänsehaut auf seine unnötigen Worte reagierte. Sie zitterte und auch dieses Zittern gefiel ihr ganz und gar nicht. 

„Was willst du, verdammt nochmal?“, pfefferte sie aus ihrer Kehler heraus, umkrallte seinen rechten Arm mit beiden Händen und schob diesen weg. Mit einer flinken Bewegung wich sie dem Heroen aus.

„Ich weiß es selbst nicht…“, brummte der Heroe, rang damit sie erneut an ihrem Weg zu hindern. Tetra stapfte in eine andere Ecke der gemütlichen Kabine und umwickelte endlich ihren sonnengebräunten Körper mit einem dicken Badetuch. Aber Link hielt es einfach nicht für nötig, irgendetwas an sich zu verstecken. Und irgendwo war jener Link ziemlich hinterlistig, als hätte er dies von der Piratin neben ihm gelernt. Ihm waren ihre Blicke an bestimmte seiner Körperstellen nicht entgangen und vielleicht war ein eingebildeter, männlicher Teil in seinem guten Herzen so überzeugt von sich, um anzunehmen, dass Tetra vielleicht doch Interesse hatte. Ein wenig verlegen, aber irgendwie auch sehnsüchtig, beklemmend, und dringend konnte sich der Held des Windes nur schwerfällig von dem Blick zu ihren langen Beinen lösen. Er rang ja mit sich. Aber da war schlichtweg eine ungeheure Frustration in seinem Inneren. Er war schließlich siebzehn. Er wollte doch einfach nur wissen, spüren, wie es war, ein wenig intimer verwöhnt zu werden. Er wollte so gern wissen, wie es war in den Armen von einem Mädchen einzuschlafen… und wieder aufzuwachen…

Er rang weiterhin mit sich. Konnte er sich das wirklich erlauben? Wie würde Tetra, nach dem heutigen Tag, an welchem er sich wieder wie ein Trottel aufgeführt hatte, reagieren? Sie würde ihm sicherlich eine eisigkalte Schulter zeigen. Warum sollte sie auch verstehen, was mit ihm los war…

 

Mit einer Sanftheit in seinen Augen blickte er noch einmal zu ihr und sah ein wenig zu viel, als sie sich sachte nach vorne beugte um ihre Sandalen von den Füßen zu ziehen. Er sah mehr, als er wollte. Und mehr, als er im Augenblick ertragen konnte. Sein Herz hämmerte wild gegen seine Brust bei einem Gedanken an etwas, was er unbedingt haben wollte. Zärtlichkeit. Befriedigung. Wärme. Er fühlte sich benommen, außer Stande irgendeinen weiteren klaren Gedanken zu fassen und er fühlte sich schlichtweg erregt.

Er schüttelte frustriert den Kopf, sah erneut zu Tetra, welcher das weiße Badetuch in einem ungeschickten Moment herunterrutschte und da war es aus. Als hätte Links Verstand ganz und gar abgeschalten, trat er an sie heran, umarmte sie innig von hinten und drückte ihren zitternden Körper an sich.

Der Ansatz eines Schreies kam aus ihrem blutroten Mund, aber dann seufzte sie.

 

Es war angenehm und warm für beide.

Unsicher legte der Heroe seinen frustrierten Kopf an ihre linke Schulter und seufzte. Er wollte soviel sagen, er wollte alles erklären. Warum nur war es so schwer für ihn? Warum schaffte er es einfach nicht?

Tetras Puls schnellte nach oben, als sie begriff, was sich Link gerade erlaubte. Auch sie war sprachlos. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Link hatte sie noch nie… und erst recht nicht auf eine solch liebevolle Weise umarmt. Er war nicht mal grob, sondern ganz sanft. 

Er seufzte wieder. Und vielleicht klang sein Seufzen sogar ein wenig nach einem Schluchzen.  

Ihre weitaufgerissenen Augen schlossen sich unfreiwillig, um das Gefühl solange es noch da war, zu genießen.

 

„Link…“, sprach Tetra stockend, hatte ein hypnotisierendes Gefühl in sich, auf der Stelle zusammen zu sinken. „Was willst du…“, sprach sie und sah, wie die Luft aus ihren Lungen in weichen Nebelschwaden unterging. Er umarmte sie dann ein Stückchen fester.

„Es tut mir leid…“, sagte er leise, eine Spur wehleidig vielleicht. „Es tut mir alles… so leid…“

Und nun rang Tetra mit sich, nachzugeben, weich zu werden oder doch… ihn einfach in seiner Frustration alleine zu lassen. Sie schüttelte langsam den Kopf und riss sich dann grob aus seiner Umarmung.

„Wie soll ich dir das noch glauben, Link? Du weichst mir aus. Du hast dich die letzten Monate wie ein vollkommener Idiot verhalten. Du hast schlichtweg vergessen, wie wichtig du uns allen bist. Und du hast deine Aufgaben nicht mehr für wichtig erachtet…“ Die Anklage aus ihrem Mund hatte der Heroe erwartet. Er neigte den Kopf und ballte seine Hände zu Fäusten.

„Link… du machst mich traurig… warum kannst du nicht einfach mit mir reden. Sag‘ mir einfach, was los ist.“

Er schwieg wieder, auch wenn man ihm anmerkte, dass er zwingend nach Worten suchte.

„Ich will nicht… dass du das Schiff verlässt…“, sagte sie dann und umarmte ihren nackten Körper in dem dämmrigen Licht. Damit blickte er auf, aber Tetra schaute an ihm vorbei. „Du warst einmal mein wertvollster Freund…“, setzte sie flüsternd hinzu. „Warum ist nur alles so kompliziert geworden…?“ Und mit dieser Frage erstickte ihre Stimme in einem leichten Wimmern. Aber die Frage traf den Pfeil ins Schwarze. Alles war kompliziert zwischen ihnen geworden. Das Piratenleben erfüllte sowohl Tetra, als auch Link nicht mehr, seit sie beide wussten, wer sie waren. Nur beide wurden anders damit fertig. Tetra hatte immer die Kraft ihr Gesicht zu wahren. Sie konnte damit umgehen. Link jedoch schaffte es einfach nicht. Es ging ihm jeden Tag im Kopf herum, dass er ein anderes Leben wollte. Er wollte ein richtiges Heim, wollte eine Familie, wollte beschützen, was er liebte… Und jede Pflicht an Bord, die diese Bedürfnisse nicht stillte, ging ihm einfach nur an die Nieren…

 

Die Adlige vor ihm, in ihrer herrlichen Unschuld, ihren wunderschönen Körper darbietend, lehnte sich nun von selbst an eine der warmen Wände, schloss die Augen und seufzte. Sie rechnete damit, dass Link der Situation ein Ende setzte, dass er aus der gemütlichen Kabine verschwand. Aber nur ein kleiner, sturer Teil von ihr wollte, dass er ging.

„Lass‘ mich jetzt bitte baden…“, sagte sie und rieb sich die Stirn.

Doch der Heroe stand wie angewurzelt vor ihr, immer noch nackt, was Tetra inzwischen versuchte zu ignorieren.

„Link, jetzt verschwinde endlich“, brummte sie. Schamhaft bedeckte sie schließlich ihre feste, jugendliche Brust und hielt sich mit der anderen ihre unschuldigste Stelle zu.

 

Aber das… eben jene, sündenlosen Bewegungen machten den Heroen noch nervöser. Es erregte ihn zunehmend. Es brachte ihn um Kopf und Kragen, ließ ihn innerlich sogar ein wenig leiden.

 

Er würde dem Unbehagen dieser verteufelten Situation ein Ende setzen, aber gewiss in anderer Hinsicht als Tetras es erwartete. Tausende Fragen schossen durch seinen Kopf. Tausende Antworten fanden sich. Aber sein Wunsch nach Wärme und Liebe, seine inneren Bedürfnisse, blieben.

Sachte trat er wieder näher, bis er der jungen Piratin wieder so nah war wie vorher. Er konnte förmlich riechen, wie nervös sie war, als er sie anblickte. Seine Augen erzählten von seinen triebhaften Wünschen…

Sollte er, oder sollte er nicht?

Oder musste die Frage lauten: Wollte er, oder wollte er doch nicht?

 

Perplex sah Tetra zu, wie er begann ihre rechte Wange zu streicheln. Seine rauen, ruhigen Hände glitten gefühlvoll zu ihrem Hals. Und immer noch, verstand Tetra nicht, was er wollte. Sie war fasziniert von ihm, das war sie immer gewesen. Und ihm Augenblick hatte sie das Gefühl, der Link, den sie einst kannte, kam wieder zurück.

Sie begann seinen Namen auszusprechen, als er sie ruckartig küsste.

Sie wollte sich noch wehren im ersten Moment. Ihre zitternden Hände lagen rasch und zwanghaft auf seiner durchtrainierten Brust. Sie seufzte, murmelte irgendetwas… und als der Heroe seine Lippen an ihren Hals sinken ließ, ein wenig sog, den Geschmack ihrer reinen Haut genoss, entpuppte sich ihr Murmeln nur noch als ein zufriedenes Stöhnen.

„Link… was tust du?“, flüsterte sie, fühlte sich erregt und gleichzeitig ängstlich. Sie streichelte durch das dicke, dunkelblonde Haar an seinem Hinterkopf.

„Ich weiß es nicht…“, sprach er betäubt von der Wärme in der Kabine und berauscht von seinen eigenen Wünschen. „Ich möchte doch nur… ein wenig Wärme…“, setzte er leise hinzu. Mit einem Ruck drückte er Tetras attraktiven Körper an sich. Seine Lippen wanderten an ihr linkes Ohr. „Ich weiß nicht… mehr… wer ich bin…“, seufzte er. Sein feuchter Atem kitzelte ihre Haut. „Es ist alles so… schwierig geworden…“ Tetra spürte, dass er alles erklären wollte, dass er es aufrichtig meinte. Aber so leicht konnte sie ihm nicht verzeihen für die vielen letzten Monate. Stellte er sich das tatsächlich so einfach vor? Oder war es eine seiner Launen, weil sie beide nackt voreinander standen und ihre Blicke klar zeigten, worauf sie beide Lust hatten?

„Ich will bei dir bleiben, Tetra… das wollte ich immer… ich hab‘ nur…“ Verwundert öffneten sich ihre Augen; und ihren Kopf lehnte sie genießend an seine glatte, athletische Brust. Seine noch feuchte, heiße Haut war so angenehm…

„… es ist…“, begann er, und dann hatte Tetra seine Erklärungen satt. Egal, was später aus ihnen beiden wurde, sie wollte diesen Moment jetzt genießen. Ihre Arme umschlangen seinen Oberkörper und nun küsste sie ihn, so wie sie dachte, dass man küsste. Es war herrlich. Sie schlang ein Bein um seine Hüfte, genoss das Gefühl betörend. Das innerliche Kribbeln. Ihre beiden lustvollen Blicke. Das schummrige Licht in der Kabine trugen zu dem bei, was sie sich beide ohne Worte schenken würden.

 

Sie fanden etwas Neues. Eine scheinbar verbotene Sache zwischen ihnen. Im Mantel des dämmrigen Lichts spielten sie neugierig mit ihren Körpern, genossen Wärme und Vertrautheit.

 

Die Sekunden flogen vorbei wie in einem unendlichen Traum von Hyrule. Das warme Gefühl von Herzlichkeit und Fürsorge wurde geschaffen um den Kummer und die Verzweiflung zu übertünchen, die in beiden Auserwählten steckte. Zwei bedeutsame Seelen, allein in ihren großen Kampf um ein neues Hyrule… allein und doch bot ihnen das Schicksal immer wieder an, einander zu finden…

 

In der Kajüte der Piratin Tetra war Klein-Link inzwischen auf dem Sofa eingeschlafen. Navi schaute sorgenvoll aus einem der Gucklöcher und fragte sich, wie lange die Zelda dieser stürmischen Welt noch brauchte. Sie war schon seit Ewigkeiten in dem Bad. Ungeduldig tapste die einstige Fee in der Kabine umher, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie trat geschwind hinaus aus der Kajüte in den engen Gang und sah anhand der Umrisse Tetra und eine weitere Person sich flüsternd verständigend aus dem vermeintlichen Badezimmer heraustreten. Noch hatten sie Navi nicht bemerkt. Es war schließlich auch viel zu finster, also lauschte jene Beobachterin mit gespitzten Ohren dem Gesagten.

„Ähm… also, gute Nacht, Tetra…“, murmelte der junge Held des Windes. Navi erkannte seine helle Stimme von vorhin. „Und…“

„Das war eine einmalige Geschichte. Und es hatte keine Bedeutung, und es wird nicht nochmal passieren“, sagte Tetra dann bohrend und schüchtern, was Navi ein wenig erschreckte. Mann, hatte Tetra plötzlich einen piepsigen Ton drauf. Was da wohl passiert war?

„In Ordnung. Das finde ich auch…“, sprach der junge Mann gelassen. Navi hörte nur noch ein Geräusch, welches klang wie ein Knutscher. Sie grinste. ,Na sowas. Von wegen die haben nix miteinander. Zumindest haben die irgendwelche Geheimnisse und das Geräusch war bestimmt ein Kuss‘, dachte die Fee.

 

In dem Augenblick läutete eine sehr schrille Glocke, die einer der Piraten vermutlich in Gang setzte. Entweder drohte ein Unglück vonseiten eines Ungeheuers, ein Sturm tat sich auf, oder sie hatten neues Land entdeckt. Wissbegierig rannten der Held des Windes, dicht gefolgt von Tetra voraus, um nachzusehen, was geschehen war.

Als der Heroe das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen entdeckte, blieb er kurzfristig stehen und schien für einen Moment dreinzuschauen, als hätte er einen Geist gesehen. Er sackte auf die Knie, umfasste Navi an den Armen und blickte sie bohrend an.

„Du…“ Es schien ihn nicht zu interessieren, wo sie herkam, sondern eher, wer sie war.

Navi ließ ihren Kopf grüblerisch auf eine Schulter sinken und fasste den Heroen an seine lange, spitze Nase. Verdutzt schaute er noch intensiver ihre giftgrünen Augen an, beobachtete ihr Grinsen, leugnete ein tieferes Wissen. „Du warst dort…“

„Hm?“, grunzte sie. „Wo war ich?“

„Dort, wo…“ Er verlor seine Worte, biss sich auf seine Lippe und ließ von ihr ab. Kopfhängerisch trat er auf seine Beine. Es schien beinah so, als kannte er sie von irgendwoher. Der Held des Windes hatte nicht nur eine Veränderung seiner Seele hinter sich… da waren tiefe Geheimnisse, die es zu lüften galt.

 

Tetra packte ihn dann an seinem rechten Arm und zerrte ihn mit.

„Link, das erklär‘ ich dir später. Los, an Bord, Matrose.“ Er nickte unsicher, schaute Navi aber immer noch fassungslos hinterher, bis er mit seinem Kapitän an Deck verschwunden war.

 

,Was war das denn?‘, grübelte die einstige Fee, und ahnte, dass diese lange Reise noch sehr interessant werden könnte. Geschwind hastete sie in Tetras Kajüte, weckte das murrende Götterkind und rannte mit ihm ebenso an Deck…

 

Die magische Welt außerhalb des Schiffsinnerem war nun, hier am Tag des beißenden Windes, nicht mehr eine Welt, die kannte, was sie besaß. Das stürmische Eiland der Vertrautheit entblößte ein neues Zeitalter mit reicherem Leben. Generationen, die in Harmonie und Zuversicht dem Schicksal huldigten. Eine Welt ohnegleichen. Der Tag der Prophezeiung war gekommen.

 

Die Crew der Prinzessin Zelda von Hyrule war auf altes, schüchternes Land gestoßen. Gefangen im Nebel hatte das prachtvolle Schiff eine weiße Straße nicht erblickt, die sie unschuldig zu dem Eiland geleitete, wo neue und alte Wünsche zum Leben entfacht werden sollten. Die Zeit war reif. Und der Wind hatte das Schiff an den Ort geführt, wo sich die Rückkehr einer Dynastie entscheiden sollte. 

„Wo sind wir…“, sprach die tapfere Piratin an Bord ihres Schiffes, in welcher tief versunken eine Königin schlummerte. Ihre Worte tanzten im Rhythmus der Welt einer vergessenen Königin. Ihr Atem wandelte sich in ein Glitzern, trug die Magie ihrer Seele an eine gläserne Pforte, direkt vor dem Schiff. Ein gewaltiges Tor aus Kristallen, welches zeitlos, gigantisch und atemberaubend das kühne Meer versilberte und Tausende Schleier aus Kristallen wie Regen niederfallen ließ. Magie spielte an jener Pforte wie viele Kinder in der unschuldigen Zeit ihres Lebens auf den saftig grünen Wiesen Hyrules… 

Und als Tetras stiller, sanfter Atem, glitzernd und beständig an die gläserne Pforte traf, taten sich mit großer Kraft jene gewaltigen Mauern auf. Sie lärmten, gaben aber alsbald Schönheiten preis, die allein bei einem Blick durch die gläserne Pforte nicht sichtbar waren. Ein geheimnisvolles Eiland lag dahinter, erstrahlte in einer weißen Sonne, die sich am Himmelszelt mit drei kleineren Himmelskörpern jagte. Stattliche Berge, einmal spitz zulaufend, und dann manchmal rund, gaben der Welt ihr Gesicht. Kristalle und Schnee bedeckten weite Wiesen und Felder. Silbern schimmernde Türme thronten in dieser Welt wie vom Boden erwachsene Eiszapfen.

Im Schatten der majestätischen Berge und Türme durchzogen glänzende Flüsse aus Eis die Landschaft, wie gigantische diamantene Schlangen erfüllten sie den Horizont mit ihrem Schimmern. Rauchende Schlöte in wenigen Dörfern ragten in diesem Gemälde der Natur hervor, und gaben die Einwohner dieser neuen Welt preis.

„Eine neue Welt…“, sprach Link leise und lief einige Schritte um über das Brüstung zu schauen. Unsichtbare Seile schienen das Schiff voran zuziehen, führten es auf einer seichten Wasserstraße weiter, die von einer weißen Kette aus glitzernden Kristallen umrahmt war.

Als das Schiff die gläserne Pforte passiert hatte, schloss sich jene, kündigte das Ende sehnsüchtiger Träume an, die in der anderen, nun vergangenen Welt zuhause waren. Die Pforte schloss sich mit einem lauten Knarren und als sich die Segel trafen, weitere Kristalle umher tanzten und das herrliche Schiff mit einem Film weißen Schimmers überzogen wurde, verschwand die Pforte und was blieb, war nur die offene See und das prachtvolle Eiland im Winter.

 

Mit einem kräftigen Ruck stieß das Schiff hinein in einen funkelnden Hafen. Weiße Türme standen hier wie wunderschöne Denkmäler. Sie waren reich verziert mit einer alten geschwungenen Schrift, die auf so manchem Stein angebracht war. Sie waren perfekt gebaut, als ob die Götter persönlich dieses Land geformt hatten und nicht ein einziger Mensch bei der Bebauung teilhaben durfte. Die wenigen Zinnen am Hafen luden ein, die Welt hinter ihnen kennen zu lernen. Wer immer die Crew hierher geführt hatte, tat dies mit einem Gefühl von Vorsehung. Denn es war das einzige Schiff, welches in diesem Hafen ankern würde. Sachte stieg die Crew von Bord, erstaunte angesichts der Stille jener Welt, der unverbrauchten Ruhe, die sie wiederspiegelte. Es schien kein Wind zu wehen. Der Wind hatte seine Aufgabe erfüllt…

 

Bedächtig stapfte Tetra mit ihren Sandalen und der frischen Kleidung durch kristallenen Schnee, erblickte unter dem Gewand aus Eis bunte Blätter, die dem Herbst gehörten. Sie war fasziniert. Sie hatten tatsächlich ein neues Land gefunden. Einen Ort, den sie noch nie irgendwo auf ihren Seekarten verzeichnet hatten. Ihre blauen Augen funkelten wie der sanfte Schimmer, der flockenartig vom Himmel rieselte. Tetra hatte noch nie Schnee gesehen. Umso faszinierender war diese Erfahrung für sie.

Sie war zu verwundert, um zu spüren, dass sie fror. Sie ließ sich einfach sinken, wischte mit ihren Händen über den Schnee und schaute tiefsinnig durch eine Schicht aus Eis auf den Grund. Dort waren neben den bunten Blättern auch Schriftzeichen in den Boden gemeißelt. Wundersame Gebilde einer Sprache, die sie einst irgendwo gesehen hatte. Sie konnte nicht alles davon lesen, aber jene Worte waren ihr vertraut. Wie von selbst lasen sich die Zeichen, und so las sich in den wenigen Buchstaben ihre Zukunft und ihr Schicksal…

 

„Zeit und Wind dienen als Vorboten für frevelhaftes Schicksal. Da das Verderben uns heimsucht, wandeln wir auf seidenen Pfaden… die Kräfte eines neuen Gleichgewichtes der Macht erfüllen unsere Welt im Schimmer von Eis und Kristallen… Ein Hyrule, geschöpft aus Hoffnung und Magie. Eine Welt, die sucht nach seiner Königin. Unsterblich soll sie sein. Ihr Name ward ewig. Ihr Lächeln überwand den Tod…“

 

Das angenehme, wärmende Gefühl eines dicken Mantels riss sie aus ihren Überlegungen. Mit rätselhaftem Blick stand der Held des Windes hinter ihr und hatte der frierenden Piratin seinen Umhang über die Schultern gelegt. Sie schaute ihn verwunderter an, als jene Schriftzeichen im Boden, bis er wegblickte. Seine Unsicherheit preisgebend, vergrub der Heroe seine Hände in den Hosentaschen, wurde unruhig, weil Tetra nicht reagierte und fragte sich, nun, da sie neues Land entdeckt hatte, welches Schicksal ihm nun bereitstand.

 

„Miss Tetra!“, rief Gonzo und marschierte mit seinen muskulösen, beharrten Beinen näher. „Schau mal dort oben.“ Sich tief in dem Umhang vergrabend folgte sie Gonzos Blick, entdeckte zwei elegante, weiße Kutschen mit Schimmeln vorgespannt. Auch auf den Kutschen standen magische Schriftzeichen. Aber nirgendwo, und dies verwunderte, war die Spur eines Kutschers oder eines anderen Menschen im Augenblick zu entdecken. 

 

Die gesamte Crew, wie auch Navi und das Götterkind traten weiter, bis sie vor jenen Kutschen standen. Der kristallene Weg würde über eine Brücke führen, die eine tief Schlucht überwand, weiter über eine Kette von Bergen, vorbei an wenigen Dörfern und vielleicht war das Ziel das noch größere Abenteuer.

„Lasst uns einsteigen“, sprach Tetra aufgeregt und lächelte. Ihre zarte Nase war ein wenig rotgefroren und ihre Lippen aufgesprungen, aber die Kälte war aus irgendeinem Grund nicht fühlbar für sie.

„Und wer passt auf unser Schiff auf?“, rief Niko und blickte dann gleich verärgert zu Link, hoffte, der unsäglich egoistische Matrose, der sich ein Held nannte, müsste diese Aufgabe übernehmen.

„Das wird nicht nötig sein, Niko…“, sagte Tetra voller Zuversicht und erfreute sich immer mehr an einer Welt, die ihr vertraut erschien, auch wenn sie vielleicht nichts besaß um das Herz einer kämpferischen Piratin zu stillen.

Mit einem Sprung hüpfte die Blaublütige in die Kutsche und machte es sich auf den weißen, pelzigen Sitzen bequem. Auch Navi und das Götterkind folgten ihr.

Tetras Piratenpack stieg ohne Worte in die zweite, weiße Kutsche ein. Nur Link blieb nachdenklich stehen. Besaß er überhaupt noch das Recht mitzufahren? Neben seinem Kapitän Platz zu nehmen, als wäre nichts geschehen?

Erneut vergrub er seine Hände in den Hosentaschen.

„Ich werde alleine hier bleiben…“, sprach er leise und grinste bitter. Er blickte auf und entledigte sich eines charmanten Lächelns, welches Tetra sicherlich vermisst hatte.

„Du willst nicht mit uns kommen?“, fragte sie, schaute weg und es schien, als wollte sie der Situation entfliehen. Sie schienen beide hin- und  hergerissen.

 

„Aber er muss mitkommen“, sagte Navi, hüpfte wieder aus der Kutsche und packte den Heroen an den Händen. „Ich bitte dich, wir müssen doch mit dir reden…“

Der Held des Windes schaute verwundert auf. „Ich weiß doch, dass du nicht so ein Egoist bist, wie dich die andern vielleicht sehen. Bitte steig ein.“ 

„Ich kann nicht…“, erwiderte er. „Ich habe Fehler gemacht, viele… Und irgendetwas sagt mir, ich dürfte nicht hier sein.“

„Aber…“, sagte Navi enttäuscht. Auch Klein-Link blieb wortlos. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Auch der neugierige Blick des Heroen des Windes schien ihn nicht zu interessieren.

„Ich habe alleine etwas zu klären… ich weiß nicht, wie lange das dauern wird… Wenn ich weiß, dass ich das Recht habe, Prinzessin Zelda weiterhin ein Freund zu sein, werde ich euch folgen…“ Mit diesen leisen Worten drehte er um und rannte wieder zurück zum Ufer, kletterte an Bord und verschwand mit einem unsicheren Winken im Schiffsinneren.

 

Die Kutschen aber fuhren endlich los, ließen vieles hinter sich. Eine Vergangenheit. Die Gegenwart und eine vergebliche Zukunft…

 

Der Tag der Prophezeiung war gekommen.

 
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