Kapitel 97
 

2. „Ein neues Land… aber es wird nicht Hyrule sein...“ Teil 2

 

 

In gemächlicher Geschwindigkeit fuhren die Kutschen über den schneebedecken Weg, hinterließen kaum Spuren im feinen, weißen Zauber, und trugen ihre Gäste links vorbei an einem uralten Wald mit mächtigen Stämmen und von Eiszapfen umhüllter Blättertracht. Selbst Blüten noch nie gesehener Sträucher mit blauen Farben waren umhüllt von glitzernden Kristallen. An den Seiten des Weges standen aus weißem Stein erbaute spitzzulaufende Türme, so groß wie drei übereinandergestapelte Männer waren sie und leuchteten mit silbrigem Licht den Weg. Rechts im Tal lag eine Stadt, soweit man dies mit bloßem Auge erkennen konnte und dahinter erhoben sich Berge, die spitzen Pfählen glichen.

Diese Welt war ein rätselhaftes Traumland. Moderne Energie und eine seltsame Technik trieb vermutlich den Motor der Kutschen an, und schenkte den Lampen an den Wegseiten ihr Licht. Aber irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein. Denn bisher war die Mannschaft der blaublütigen Piratin Tetra auf keinen Menschen, noch nicht einmal auf irgendein Tier getroffen. Wo war das Leben in dieser Welt?

 

Eine ernste Stimmung, die nur von Erstaunen über das Wunderwerk dieser Welt übertroffen wurde, lag über den beiden Kutschen. Niemand sprach ein Wort, sondern jeder schaute sich fasziniert in jener Welt um, die so viele Fragen aufwarf. Wie konnten beispielsweise Blüten zugefroren sein? War dieser Winter mehr als gewöhnlich?

 

„Ich habe noch nie Schnee gesehen…“, gestand Tetra und lächelte dem Götterkind mildtätig zu. „Sag‘, hast du schon welchen gesehen?“

„Ja… in dem Hyrule, das ich kannte, da lag schon sehr oft Schnee. Es gibt dort ein Reich, welches von stolzen Fischwesen reagiert wird. Dort… wenn dort Schnee liegt, da fühlt er sich so rein an. Ein Winter in Zoras Reich ist faszinierend… es ist…“ Dann sah Klein-Link auf und betrachtete sich Tetras Gesicht.

„Zoras, sagst du“, sprach sie grinsend.

„Ja… Wesen, halb Mensch, halb Fisch.“

„Die Vorfahren der Vogelwesen, wie sie ein Freund von Link… und mir ist. Medolie…“

Klein-Link nickte.

„Ich finde es großartig, dass ich euch beide in diesem Abenteuer getroffen habe, auch wenn wir euch beiden bisher noch nicht helfen konnten“, sprach Tetra und blickte in das weite Himmelszelt, welches in dieser Stunde von keinem Nebelschleier beschützt wurde. Ein strahlender, blauer Himmel, der bei längerem Betrachten in den Augen brannte. Und tatsächlich wurden die hellblauen Augen der jungen Piratin gläsern. 

„Und euch läuft auch nicht die Zeit davon, wenn ihr hier ein anderes Abenteuer erleben solltet?“

„Nun, eigentlich nicht… also hoffentlich nicht“, beteuerte Klein-Link. „In unsere Heimatwelt steht die Zeit still, dank dem Medaillon und der alten Okarina der Zeit.“

„Ich verstehe…“, sagte Tetra und grinste wieder. „Ich vermute ein anderer Link, vielleicht ein romantischer Typ als unser Link hier, hat seiner Zelda sicherlich oft die alte Okarina vorgespielt.“ Sie lachte dann und gab dem Götterkind einen herzhaften Schlag auf seinen kindlichen Rücken. „Guter Witz, oder? Als ob Link romantisch sein könnte!“

Er verstand zwar nicht, was daran so lustig war, aber er versuchte mit zulachen.

 

„Findest du es… wirklich okay, dass Link nicht bei uns ist?“, meinte Navi, die ihre Hände im Schoß vergraben hatte und bisher schweigend neben dem Götterkind saß.

Die Piratenanführerin schloss daraufhin einfach nur die Augen. Vielleicht dachte sie, ihre wahren Gedanken damit verbergen zu können. Doch allein ihre Mimik, die Gestik ihrer plötzlich zitternden Hände, erzählten von dem, was sie dachte und fühlte.

 

Irgendwo… das wusste Tetra, hatten sie sich und Link immer verehrt, bis zu einem gewissen Punkt hatten sie einander immer vertraut… bis zu diesem Punkt hatten sie sich beide immer geliebt. Es war kein Geheimnis zwischen ihnen. Sie wussten beide, dass sie sich irgendwie zueinander hingezogen fühlten. Und es gab in den vielen Tagen, da sie auf dem prächtigen Schiff „Falke“ unterwegs waren, genügend Momente, wo sie beide irgendwelche Dummheiten angestellt hatten. Und eine solche Sache wie vor wenigen Stunden im Badezimmer, nun… es gab Momente, in denen es ebenso beinah dazu gekommen wäre. Sie konnten es nicht ändern, beide nicht. Sie waren immer fasziniert voneinander gewesen…

Aber die leidenschaftlichen Minuten im Badezimmer hatten diesen einen Punkt dann doch übertroffen. Tetra bereute es inzwischen ein wenig, wusste sie doch, dass sie als Piratin niemals mit Dingen wie Liebe und Liebeskummer zu tun haben wollte. Warum nur war diese Sache überhaupt passiert, dachte sie? Es musste der Frust gewesen sein, den sie beide trugen. Ja… dieses verdammte Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Das Wissen, dass hylianische, alte Seelen in ihnen beiden schlummerten…

 

In dem Augenblick sprang das Götterkind beherzt ohne jene pelzige Decke, die ihn vorher noch umhüllte, von der weißen Kutsche. Aus einem Augenwinkel hatte er etwas gesehen, welches auf leisen Sohlen durch die schneebedeckten Wälder schlich.

„Spinnst du, Klein-Link!“, fauchte Navi, stand auf ihren klobigen Beinen, klammerte sich an das Geländer und da stoppte die Kutsche ruckartig.

Unbedacht ihrer Stimme rannte der Junge vorwärts und entdeckte jemandem mit violetter Kutte durch die Wälder rennen. Geschwind sauste er hinterher.

„Warte!“, rief er. „Wir wollen doch nur mit jemandem reden!“

Aber die Gestallt rannte weiter, es schien fast so als flog sie über die weiße Schneedecke, die sich in den Wäldern gebildet hatte. Der Umhang war edel, ein samtener Stoff, der auf den Reichtum seines Trägers schließen musste.

Seufzend stapfte Klein-Link vorwärts und rief weiterhin nach der Gestalt, kämpfte sich vorwärts, und da schien es fast so, als würde der Weg der umhüllten Gestalt geebnet werden, aber ihm nicht.

 

Inzwischen war das Götterkind ein wenig tiefer in den Wald eingetaucht und der Schnee stand ihm bis zu den Knien. Weiter zu gehen, war sicherlich nicht ratsam. Hier im dichten Wald konnte er nicht einmal mehr das blaue Himmelszelt entdecken, welches ihm vorher so zugelacht hatte.

 

,Nur die Ruhe‘, dachte er. Er konnte seinen Weg hierher durch seine Fußspuren ganz leicht zurückverfolgen und schaute zurück, wo er eindeutig seine eigenen Spuren im weißen Zauber erblicken konnte. Wieso aber…

Und erst da fiel es ihm auf. Die Gestalt von vorhin. Diese Person mit dem violetten Umhang… warum hatte sie keine Fußspuren im Schnee hinterlassen? Mit leicht Angst verzerrter Miene starrte der Junge in die Richtung, wo das Wesen verschwunden war. Was war hier passiert? Hatte er sich die Gestalt bloß eingebildet? Klein-Link erschuf weitere absurde Vorstellungen in seinem elfjährigen Kopf. Bei Farore, hatte er etwa einen Geist gesehen?

Er schüttelte den Schädel und klopfte sich gegen seine kühle Stirn. So ein Blödsinn, was wollten Geister denn mitten am Tag? So ein Schwachsinn, er hatte nur eine blühende Phantasie, so wie es Nayru immer sagte. Sie hatte ihn einst belehrt, dass er nicht mit seinen unerfahrenen, phantasiereichen Augen sehen sollte. Sie hatte wahrhaft Recht.

Ein wenig lachend schaute er sich noch einmal in Ruhe um, erblickte an einem der langen, knorrigen Äste violetten Stoff. Vorsichtig zerrieb er den Stoff zwischen seinen rotgekühlten Fingerspitzen. Es fühlte sich samtig an, warm… 

Er trat noch ein paar Schritte vorwärts. Noch ein paar. Und ahnte es immer noch nicht. Sorgsam trat er weiter. Und verlor sich in seiner eigenen Neugierde, achtete nicht auf den rissigen Boden unter ihm, der immer dünner zu werden schien. Plötzlich knackte es und da versagte das alte Erdreich, verschlang ihn und von weiten hörte man nur noch einen lauten Schrei.

 

„Was war das?“, seufzte Tetra, die inzwischen auch von der Kutsche gesprungen war.

„Das war Klein-Link!“, rief Navi erschrocken und taumelte in Richtung des Waldrandes. „Da muss etwas passiert sein!“

„Gonzo!“, kreischte Tetra und sprang beherzt und engagiert vor die Kutsche ihrer Piratencrew. „Gonzo, du kommst mit mir. Die anderen bleiben hier und warten auf unsere Rückkehr. Wir müssen den Jungen suchen.“

Der kräftige Pirat Gonzales ließ erschüttert den Kopf hängen. Erneut musste er nach Tetras Pfeife tanzen wegen einem kleinen Bengel, dessen ganzes Aussehen ihn ohnehin an diesen Helden des Windes erinnerte, der wiederrum nur noch ein Dorn in seinem Auge war. Warum nur waren diese zwei Kinder immer noch hier? Aber Tetra hatte eben ihren Dickkopf. Und war er nicht dick, dann war er ziemlich eigensinnig.

Seufzend trampelte der Vierzigjährige aus der Kutsche, fröstelte ein wenig und verdrehte seine Augen.

 

Plötzlich packte ihn der kleine Niko am Ärmel und sprach piepsig zu ihm: „Ähm… Gonzo…“

„Ja, was ist?“, brummte jener und betrachtete sich Nikos Gesichtsausdruck, wo seine piepsige Stimme einen neuen Sinn erhielt. Angst stand darin. Und Nikos winzige Augen waren zu einem Punkt weit nördlich gerichtet.

Auch die anderen hefteten ihre Blicke zurück, entdeckten in der schneeweißen Landschaft, wo Silber funkelte, Schatten… mehrere leise Schatten, die sich auf sie zubewegten. Aber jene Gestalten bewegten sich nicht wie Menschen. Ihre Schrittmuster waren verzerrt, ab und an scherten sie aus, tanzten beinahe. Sie ließen keine Laute von sich und überraschten lediglich mit ihrer Art und Weise über den Schnee zu wandeln. Von hier aus konnte man noch nicht die Gesichter der Wesen erkennen, oder genau deuten, was sie trugen. Aber ihr abartiges Bewegungsmuster, und ihre Schnelligkeit wirkten beunruhigend.

 

„Verdammt!“, rief Gonzo. „Miss Tetra, lass den Jungen zurück, wir sollten weiter. Wir wissen nicht, womit wir es zu tun haben. Diese Wesen dort hinten haben uns vielleicht noch nicht einmal entdeckt. Wir sollten…“ Doch seine Chefin hob skeptisch die Augenbrauen.

„Hast du etwa Angst?“, giftete sie.

„Nun…“ Gonzales fuchtelte unsicher mit seinen dicken, hornhautwuchernden Händen. „… wäre es nicht… ratsamer…“

„Wir gehen nicht ohne den Jungen! Und du Feigling bleibst eben hier bei den anderen“, entschied sie streng, schnappte Navi an einer Hand und zerrte diese mit sich in die Wälder hinein.

„Falls uns diese Wesen bedrohen, kämpft, was das Zeug hält!“, rief sie noch, und verschwand dann endlich ganz in den glitzernden Wäldern.

 

„Warum bin ich eigentlich nochmal in dieser Piratencrew?“, fragte der kräftige Pirat sein zweites Ich, falls er überhaupt eines besaß, und schüttelte sein Haupt.

„Weil kein anderer Kapitän dich haben will, weichlicher Gonzales“, erklärte Niko besserwisserisch und ließ seine weißen Hasenzähne aus dem Mund blitzten.

„Ich hab dich nicht um deine Meinung gefragt, Zwerg“, murrte jener zurück und gab Niko einen belehrenden Schlag auf den Schädel.

 

Die Wälder wirkten beunruhigend. Ihre beobachtenden Augen waren wachsam und die vielen Arme in Gestalt von langen Wurzeln und reißenden Ästen schienen einen ungewöhnlichen Lebenssaft in sich zu tragen, als wollten sie sich bewegen, als wollten sie an dem Leben mit gellenden Geräuschen und Mimik und Gestik teilnehmen. Selbst das unterirdische Reich wirkte ungewöhnlich. Hellgraue Gesteine mit roten Äderchen umgaben Klein-Link, der sich unbeholfen die Augen rieb. Er war einfach ins Erdreich hineingestürzt. Der Boden hatte sich knisternd aufgetan, von einer Sekunde auf die andere, und er selbst hatte eine harte Landung hinter sich. Es war ungewöhnlich lichtreich hier unten, vermutlich durch die ungetrübten Wände und den silbrigen Schnee, mit dem das Götterkind herabgestürzt war. Sachte richtete er sich auf, fühlte seine Beine schmerzen. Sie schienen fast ein wenig betäubt und sein Gesäß tat ihm furchtbar weh. Er stützte seine rauen Kinderhände im kalten Matsch ab und kam torkelnd auf seine Beine.

Er atmete schlürfend an, hielt seine Hände an den pochenden Brustkorb und dachte schon, er würde umkippen. Der Sturz schien einiges in seinem Köper durcheinander gebracht zu haben. Langsam setzte er einen Fuß nach den anderen und stützte sich mit den Händen an dem hellen Gestein ab. Noch bevor er die glitschigen Wände in diesem unterirdischen Hohlraum berührte, fühlte er, wie unter seinen Händen etwas aufzuckte, etwas pulsierte, als wäre der Stoff der roten Äderchen tatsächlich Blut. Benebelt trat der Junge weiter. Und aus dem unterirdischen Hohlraum wurde ein kleines Labyrinth, welches ihm noch Abenteuer zeigen sollte, die er nicht so schnell vergessen würde.

 

Der Weg führte ihn nördlich, das sagte der Kompass, den Klein-Link einst von Farore geschenkt bekommen hatte. ,Hoffentlich finde ich einen Ausgang‘, dachte er. ,Warum hab ich nicht einfach an der Einbruchsstelle gewartet… Tetra und Navi hätten mich bestimmt gefunden.‘ Dann seufzte er, weil er erstens nicht mehr wusste, wo er war, und zweitens, weil er sich mit seiner ärgerlichen Voreiligkeit selbst schadete, als sich so etwas vorher zu überlegen. Und zurückgehen, war jetzt auch nicht mehr so einfach, er wusste nicht genau, aus welcher Richtung er gekommen war. Bei den ganzen Abzweigungen hatte er sich einfach immer nördlich gehalten…

Das konnte noch heiter werden, dachte er.

Und es dauerte nicht lange, da taten sich vor ihm erneut einige Abzweigungen auf. Und aus einem funkelte begehrlich und stetig ein fuchsiges Licht. Auch es pulsierte, wie die roten Äderchen in den glatten Gesteinen der Wände. Mit mulmigem Gefühl im Magen folgte er dem unsicheren Weg, stapfte durch unberührten Matsch, und kam dem ungewissen Licht näher.

 

Er hörte undurchsichtiges Murmeln und Klänge eines nostalgischen Instrumentes, spürend, wie der mystische Klang durch seine Glieder strömte, ihn durchjagte wie ein Gift, welches ihn liebte. So wunderbar schmerzhaft war die Musik, erfüllte die Ohren mit Wehmut und verschlossener Dankbarkeit dafür, dass man ihr überhaupt lauschte. Klein-Link schloss fasziniert seine himmelblauen Augen, hatte er in seinem Leben noch nie so ein Instrument gehört. Der Klang war so hell, so wahrhaft magisch…

Es zog ihn an, und so tapste er weiter, erreichte den Ort seiner Bestimmung mit immer weniger Angst. Es war nur noch atemberaubende Neugierde…

 

Endlich gelangte der Junge in eine c-förmige Wölbung, die das Erdreich hier unten erschaffen hatte, und das rötliche Licht von vorhin warf seine Ausläufer auch auf ihn. Es waren Lampen, fast wie jene, die er schon einmal in der modernen Menschenwelt erblickt hatte. Ein glitzernder kleiner Kasten aus Glas umgab eine rote Lichtquelle, und jenes Gehäuse mit der fremdartigen Energie war auf einem gläsernen, sich windenden Ständer angebracht. Mehrere solcher Lampen befanden sich hier unten. Und während sich Klein-Link noch unbemerkt umsah, erkannte er drei Gestalten mit violetten Umhängen. Eine saß auf einem glänzenden, gefrorenen Stein und spielte das Instrument, welches den Ohren so lieblich schmeichelte. Es war ein Horn aus Glas mit verschiedenen Ausgängen und Löchern. Das zweite Wesen saß ausgebreitet in einem großen Kreis aus bunten Steinen und von ihr kam das merkwürdige Murmeln, als spräche sie ein und denselben Zauberspruch Dutzende Male.

Und die dritte Gestalt bescherte dem Sprössling der Götter ein Bild, welches ihn zunächst erschreckte. Das Wesen im violetten Umhang stand vor einer gläsernen Skulptur. Einem Gebilde der Kunst, wie man zunächst zu denken vermochte. Eine hohe Glasskulptur, die einem Menschen glich, die einen Menschen vielleicht sogar abbildete. Und das Wesen im violetten Umhang strich vorsichtig und immer wieder über die Eigenheiten des Kunstwerkes. Klein-Link versteckte sich im Schatten des roten Lichtes und trat noch etwas näher, wollte auch erkennen, wie wunderbar diese Kunst war, wollte wissen, wie jemand so etwas Schönes aus Glas oder Eis zaubern konnte. Seine himmelblauen Augen wurden gläsern, als er die Skulptur betrachtete. Er konzentrierte sich sehr darauf zu sehen, woraus sie gemacht wurde, bis in Höhe der Augen der Skulptur plötzlich das Glas von innen beschlug. Er wollte es noch nicht begreifen, bis der sanfte Schleier aus Dunst verging. Und erst da, erst jetzt schauten ihn Augen von innerhalb der Skulptur an, schrien. Schöne, braune Augen, aber sie waren erstarrt. Sie sahen nicht mehr. Gefangen in dieser Skulptur- und das erkannte Klein-Link nun- war Leben…

 

Er musste sich auf die Lippe beißen, um nicht vor Schreck zu schreien. Er wich zurück, stolperte über seine zitternden Füße, bei dem Gedanken, dass jene Wesen in den violetten Mänteln irgendwelche Menschen als lebendige Kunstwerke betrachteten. Diese Welt hier… dieses schneeweiße Niemandsland war nicht leer von Leben… Es war verflucht. Es war bestialisch verflucht. Was, wenn jeder Mensch in dieser Welt in einer solchen makaberen Skulptur gefangen war?

 

Schreckhaft wich der Bengel weiter zurück, kam unabsichtlich an eine der Lampen, die daraufhin ausging…

 

Er begaffte entsetzt jene drei Wesen, die sich alle wie auf Kommando zu ihm umdrehten, ihn direkt fixierten, auch, wenn man ihre Augen durch jene weiten, herabhängenden Kapuzen nicht erblicken konnte. Sie kreischten, genauso wie es Klein-Link angstvoll tat, als sie ihn entdeckten. Das Wesen mit dem gläsernen Horn wich zurück und lief in einen der Gänge. Die Gestalt auf dem Boden rannte ebenso davon. Nur der eine, der an seinem Kunstwerk arbeitete, blieb stehen und schien den Eindringling zu mustern.

 

Das Götterkind zog seinen Dolch und schluckte kräftig. Er wollte etwas sagen, aber er konnte einfach nicht. Wie gelähmt hafteten seine Augen erneut auf dem Kunstwerk aus Eis oder Glas.

„Wie viel hast du gesehen?“, zischte die Gestalt, und da erkannte das Götterkind, dass sie ebenso menschlich sein könnte. Es war eine Männerstimme, gewöhnlich, so wie viele Stimmen, die man im Alltag hörte. An ihr war nichts fremdartiges, noch unheimliches.

„Ich… also… eigentlich hab ich gar nichts gesehen“, lachte der Bengel unsicher und kratzte sich am Kopf.

„Was willst du hier?“, rief der Fremde dann und trat ein paar Schritte näher. „Weißt du nicht, wo du dich befindest, du dummer Mensch!“ Er packte das Götterkind fest und ruckartig an seinen Armen, sodass ihm die kleine Nachbildung des Masterschwertes aus der Hand fiel.

„Du dummes Kind!“, schrie das Wesen. „Du weißt nichts… diese Welt ist verseucht. Du bist hier nicht willkommen!“ Dann ließ das Wesen von Klein-Link ab und lief die Hände über den Kopf gestürzt wie ein Wahnsinniger und mit unsäglichem Tempo durch den Raum.

„Wir hassen die Welt… was aus ihr geworden ist, ist ein Grab…“, sprach er dann, lief zu der Statue und umarmte sie.

 

Damit hob der Junge erleichtert seinen Dolch wieder vom Boden. Mit sicherem Gefühl, dass er sich nicht in Gefahr befand, verstaute er den Dolch wieder an seinem weißen Ledergürtel und musterte die Gestalt im violetten Umhang. Dennoch, was wollte diese Person ihm damit mitteilen? Mit diesem obskuren Verhalten? Was sollte der Mensch im Eis? Und was bedeutete es, dass er meinte, diese Welt sei ein Grab?

 

„Wie heißt diese Welt eigentlich?“, fragte Klein-Link wissbegierig und vermutete, dass irgendein Elend dieser Welt ihn schlichtweg in den Wahnsinn getrieben haben musste. Er empfand sogar Mitleid, und ahnte nun, dass die beiden anderen aus Angst geflohen sein mussten, nicht um irgendeinen Hinterhalt zu planen.

„Du weißt nicht… wie diese Welt heißt?“, rief der Fremde laut und stark, sodass selbst die einst lebendige Statue vibrierte.

„Nein… Sehen Sie, das Problem ist, ich und ein paar andere Leute sind vor wenigen Minuten erst hier eingetroffen“, versuchte der Junge sein Gegenüber zu beruhigen. „Und seitdem haben wir nicht einen Menschen gesehen.“

„Nicht einen Menschen…“, bestätigte das Wesen, und verriet ihm noch immer nichts über seine Person.

„Ja, genau. Dabei sind hier überall so schöne Gebäude, selbst am Ufer.“

„Richtig, schöne Gebäude… auch am Ufer…“

„Diese Technik. Diese Lampen.“ Und Klein-Link deutete auf jene hier im Erdreich. „Das ist eine bemerkenswerte Modernität.“

„Bemerkenswerte Modernität…“, widerholte der Fremdling, diesmal leise und zerstreut. Er schien nicht einmal mehr zu realisieren, dass das Götterkind hier war. Der Mann im violetten Mantel war einfach zu sehr auf die Statue fixiert, es schien fast so, als wollte er die Skulptur beweinen…

 

Der Blondschopf jedoch versuchte die Ruhe zu bewahren und sich nicht einzubilden, der Typ widerholte seine Worte mit Absicht. Geduldig redete er weiter auf ihn ein, um herauszufinden, wo die Piratencrew gelandet, und welches Schicksal dieser Welt wiederfahren war.

 

„Wir haben versagt… wir waren so dumm…“, sprach der Mensch. „Und jetzt ist alles verloren… das Eis wird nie wieder vergehen… weil diese Welt Lebensenergie auffrisst… Wir hassen unser Zuhause…“, sprach der Mann weinerlich. Und da erkannte Klein-Link eine nie dagewesene Sorge in sich aufkeimen, er fühlte ein Brennen in seinem Kopf, als wäre dies ein Abenteuer, welches er nie hatte bestreiten wollen. Dieser Gefahr… die womöglich irgendwo lauerte, war er gewiss nicht gewachsen. Er war nun mal nicht wie der Held der Zeit, der alle Schwierigkeiten gemeistert hatte. Diese Stärke zu trotzen, jene unglaubliche Tapferkeit besaß er nicht.

 

„Sagen Sie mir bitte… wie nennt man diese Welt?“, wiederholte der Junge und blickte auf seine Füße. Es war fast so, als ahnte er den Namen.

„Den Namen dieser Welt…“, äußerte der Fremdling, aber rückte vermutlich mit Absicht nicht mit dem Wort heraus.

„Welche Gefahr bedroht diese Welt?“, sagte das Götterkind, diesmal schärfer und mit ordentlichem Nachdruck. „Antworten Sie mir bitte!“

„Welche Gefahr…“, sprach der Mann und warf sich der Glasskulptur zu Füßen.

„Siehst du nicht, diese Schönheit… Das Grab unserer Welt ist ein schönes…“

 

Frustriert trat Klein-Link an einen der gläsernen Ständer für diese scharlachroten Lampen, worauf jene umfiel und das rote Licht im Nu verglühte. Er konnte tun, was er wollte, aus diesem Mann konnte selbst der geübteste Psychologe- und er musste an Dr. Richard Raunhold denken- kein vernünftiges Wort herausquetschen. Es war unfassbar. Nicht ein Wort dieses Menschen ergab Sinn.

 

„Jetzt hören Sie auf mir alles nach zu quatschen!“, sagte Klein-Link und trat zu dem merkwürdigen Menschen heran, kniete zu ihm nieder und versuchte ihm unter die Kapuze zu schauen. Er sah nicht viel, aber eine Eigenheit eines elfischen Wesens. Eine Eigenheit… die man Hylianerohren nannte…

War das zu fassen? Dieser Mensch besaß tatsächlich spitze Ohren!

 

Man könnte argumentieren, dass solche Ohren in den Welten von Hyrule nichts Außergewöhnliches waren. Aber… schließlich waren sie hier in der Welt von Windwaker. Nicht jeder Mensch hatte hier spitze Ohren. Und nun waren sie auf neues Land gestoßen, hatten eine eindrucksvolle Pforte durchschritten. Es war alles andere als normal, hier auf Menschen mit spitzen Ohren zu treffen.

 

„Sie haben spitze Ohren!“, tönte es aus Klein-Links frechem Mundwerk heraus. Mit einer unüberlegten Bewegung zerrte der Junge dem Fremdling die Kapuze ganz vom Kopf, erschrak zunächst, aber versuchte ruhig zu bleiben. Sicherlich… dieses Wesen hatte spitze Ohren… aber ein Hylianer war es gewiss nicht. Er war noch ziemlich jung, auch wenn seine männliche Stimme nach der eines Erwachsenen klang, zumindest war es das, was seine reine, weiße Haut vermuten ließ. Sein Mund war schmal, aber auch noch ziemlich gewöhnlich wie Klein-Link dachte. Und auch sonst war an seinem Gesicht nichts Seltsames. Es war nur…

Klein-Link zwinkerte, und grinste dann, um von seiner Unbeholfenheit abzulenken.

Es war nur…

Und da trat das Götterkind wieder einige Schritte zurück.

Es war nur… dass dieses Wesen zyklopenartig ein einzelnes, größeres Auge dort besaß, wo eigentlich zwei sein müssten…

 

„Schau‘ mich nicht so an“, sprach der junge Kerl verdrießlich. „Ich weiß selbst, dass ich komisch aussehe. Aber wir Einäugigen sind die einzigen, die verschont geblieben sind.“

„Verschont? Wovon?“, sagte Klein-Link entrüstet und packte den jungen Mann an den Armen.

„So hören Sie doch, ich möchte bloß wissen, wo wir hier sind. Was ist das für eine Welt, und was ist mit den Menschen geschehen?“ Daraufhin tropften schimmernde Tränen von den traurigen Augen des Mannes und er umschloss die vereiste Statue der Frau wieder, die neben ihm stand. Aber er schwieg wieder. Kein vernünftiges Wort konnte ihm entlockt werden. Kein Trost konnte man ihm spenden für das Elend, woran er siechte. 

„Hier… ist die Welt nicht mehr irrend. Die Wesen verfallen alle dem Schlaf des Eises. Geh hinfort, Fremder. Du wirst hier nicht gebraucht. Geh hinfort… denn diese Welt wird dich auffressen… bis die Königin kommt…“

„Die Königin?“

„Ja, das Licht, dass uns erlösen soll… Hoffen wir nur, dass sie… dass sie sieht…“ Er weinte dann wieder und zog die Kapuze erneut über seinen Kopf.

„Du musst gehen.“

„Ja, aber nicht, bevor ich weiß, wie diese Welt heißt!“

 

Der Fremde stand auf und kramte irgendetwas aus seiner violetten Manteltasche. Ein gläsernes Gerät kam zum Vorschein. Eine Art Pistole, mit einem silbrigen Haar im Lauf der Waffe. Noch ehe Klein-Link reagieren konnte, setzte der Einäugige ihm die Waffe an die Schläfe, drückte ab und alles um den Jungen wurde schummrig. Er hörte keinen Knall, er hatte nur das Gefühl, er wurde unsagbar müde…

„Du sollst diese Welt fürchten… die einen verteufelten Namen trägt… Erinnere dich an…“

Das Götterkind sackte nieder, rieb sich die Augen, wollte unbedingt wach bleiben, aber was immer ihm auch mit der Pistole verabreicht wurde, es wirkte, und es wirkte sehr schnell. Er würgte, hustete, während sich die Welt um ihn drehte.

„Eine Welt…“, hörte er noch leise summen.

„… mit dem Namen…“, sprach der Fremde, stand auf und in der Ferne vermischten sich seine Schritte mit dem Klang des Namens Hyrulia…

Dann schloss das Götterkind seine Augen, erfuhr eine ganz andere Art des Schlafes, die ihn fesselte und doch entspannte, stets begleitet von dem einen magischen Wort, das zuletzt von ihm gehört wurde.

 

Hyrulia.

 

Derweil stand am weißen Ufer, wo das eisige, schäumende Meer mit unerbittlicher Wucht gegen steile, glatte Felsmauern prallte, ein junger Mann und beobachtete die kraftvollen Wogen. Er hatte sich in eine Decke eingewickelt und das stolze Schiff der Piratencrew verlassen und sich zunächst an diesem Ufer ein wenig umgesehen. Irgendetwas an dieser Welt, auch wenn sie so ruhig schien, so friedlich in ihrem Schnee ruhte, erweckte Misstrauen und Argwohn in seinem Herzen. Er hatte schon viele Orte der Welt gesehen, hatte Länder kennen gelernt, die niemand mehr kennen konnte, aber hier… in diesem Eiland stach etwas hervor, was er sich nicht erklären konnte.

Er war vor wenigen Minuten in die Gebäude dieses Hafens eingedrungen, hatte dort nach Hinweisen gesucht, aber nichts gefunden, was sein seltsames Gefühl erklären konnte. Und inzwischen… machte er ich sogar ein wenig Sorgen, ob es richtig war, Tetra mit ihrer Crew und den beiden Kindern ohne sein Schwert in das Herz dieses Landes gehen zu lassen. Ja, er hatte Fehler gemacht die letzten Wochen und Monate. Er war zu einem griesgrämigen, dummen Taugenichts geworden. Er wusste inzwischen nicht einmal mehr… warum er so gehandelt hatte. Tetras und seine Erfahrung in dem Badezimmer hatte ihn irgendwie aufgeweckt… in mehrerer Hinsicht möglicherweise. Er grinste und kratzte sich dann lallend am Kopf. Auch wenn sie meinte, das wäre das erste und letzte Mal gewesen. Diese Sache war doch ziemlich… ziemlich… Und er lachte dann, bevor er seinen Gedanken zu Ende dachte. Wenn Tetra nicht so stur wäre, und wenn sie nicht manchmal so eigensinnig handelte, obwohl er diese Dinge an ihr schätzte, würde er ihr vielleicht sogar gestehen, dass es… ziemlich…

 

Dann gab er sich eine Ohrfeige und lief an einer steilen Treppe hinunter zum Strand, der ebenso in ein wenig weißen Zauber gehüllt war.

Ja, es war wunderbar mit Tetra eins zu sein, dachte er. Es war wunderbar…

Dann grinste er wieder. Und selbst wenn sie es sich einredete, er würde dafür sorgen, dass es nicht das erste und letzte Mal war, dann… wenn er gewisse Dinge mit sich selbst abgeschlossen hatte.

 

Zielstrebig marschierte der junge Held des Windes weiter, bis er mit seinen dunklen, abgenutzten Stiefeln in einer Mischung aus Schnee und Sand stand. Ein wenig schäumendes Wasser des weiten Ozeans- er fragte sich, wie man die See hier nannte- überschwappte seine Stiefel. Seine blauen Augen folgten der Spur des Wassers einmal mehr. Wie es sich zurückzog und dann wieder annäherte. Es brachte Sand mit sich, und in dem Augenblick noch etwas anderes. Verwundert kniete der Heroe nieder und nahm einen vertrauten Stein in seine Hände, rieb den Sand von der glatten, schiefrigen Oberfläche. Er wendete den Stein ein wenig, aber es bestand kein Zweifel… Das Meer hatte den Stein an Land gespült, den er vor wenigen Stunden erst vom Schiff aus ins Wasser geworfen hatte. Er wollte mit dieser Geste etwas abschließen, wollte den Gedanken an Hyrule damit endgültig vergessen. Und nun… schien ein kleiner Wink ihm den Stein zurückgebracht zu haben. Das war kein Zufall, dachte Link… Das war es, was man Schicksal nannte.

Er lächelte.

 

Hyrule abschließen… Die Welt am Grund des Meeres endgültig vergessen… Dies würde wohl niemals gelingen. Und es schien beinah, als wollte das Schicksal ihn mit diesem Stein zurück auf den rechten Weg führen. Er besah sich den markanten Stein ganz genau von jeder Seite. Tatsächlich, es war wirklich sein Stein. Dieses andersartige schiefrige Material, welches es nur in dem einen zauberhaften Land Hyrule gab…

 

In dem Moment fiel der Stein wie von selbst aus Links Händen und sank ein wenig hinein in die samtig anmutende Schneesanddecke des Strandes. Verwundert bückte sich der junge Kämpfer und hob den Stein wieder auf, und steckte jene in seine Hosentasche. Der Heroe war keine zwei Schritte gelaufen, als der Stein- als würde er ein Eigenleben entwickeln- wieder aus der Tasche fiel.

„Das gibt es doch nicht“, grummelte der Heroe, bückte sich wieder und hob den Stein erneut auf, verstaute ihn diesmal in einer Innentasche der Tunika und zog dort den Reißverschluss zu.

 

Dieses Mal schaffte er es in etwa zehn Schritte, bis der seltsame Stein zu Boden fiel. Mit großen Augen beäugte er den Stein genauer, aber konnte daran nicht ungewöhnliches entdecken. Seine zerrissene Innentasche begutachtend wollte der Held des Windes schon anfangen mit dem Stein zu reden, aber unterließ es dann doch mit Hoffnung auf seinen gesunden Menschenverstand.

„Sowas aber auch…“, murmelte er und trat erneut weiter, hatte den Stein nun fest mit seiner rechten Hand umschlossen. Er lief in Richtung des Schiffes, als der Stein wie von selbst aus seiner Hand schlüpfte und sich plötzlich hüpfend in Richtung des Meeres bewegte.

Link schaute nun endlich ziemlich durcheinander drein und wollte seinen Augen nicht glauben, auch dann nicht, als der Stein an ein und derselben Stelle mehrmals auf und ab hüpfte. Der Heroe zwinkerte, gab sich eine kleine Kopfnuss, aber der Stein wollte einfach nicht aufhören herum zu hüpfen.

„Ja, spinn ich denn?“, murmelte der Held des Windes mit seiner hellen Stimme, als der Stein ein paar alte hylianische Worte durch sein Hüpfen in den Schneesand schrieb.

Mit noch größeren Augen trat der Held näher und las die Worte einige Male durch. ,Folge mir‘, stand dort. Zwei einfache, auffordernde Worte. Und der Heroe kam sich vor, als würde er gerade von jemandem sehr veralbert werden. Nur weit und breit spürte er keine Anwesenheit einer Seele. Und er hatte ja nicht einmal ein Tier seit seiner Ankunft hier erblickt.

 

„Ich soll dir also folgen?“, fragte er und verschränkte seine starken Arme. Der Stein hüpfte weiter und bewegte sich dann in Richtung Meer.

„Ich kann nicht glauben, dass ich soweit gesunken bin, und rede mit einem Stein…“, murrte der Heroe griesgrämig und kratzte seine Stirn. Er schüttelte seinen couragierten Schädel und tapste mit raschelnden Geräuschen durch die Mischung aus Sand und Schnee, folgte dem hüpfenden Stein nur widerwillig, aber vielleicht zeigte ihm jener ein großes Geheimnis oder die Wahrheit…

 

Der Stein hüpfte weiterhin in teilweise schwingenden Bewegungen am Strand entlang bis er in das eiskalte Meer eintauchte und dort an ein und derselben Stelle weiterhüpfte. Link schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du willst, dass ich in dieses eiskalte Meer springe?“ Und es schien als hüpfte der Stein noch ein wenig weiter ins kalte Nass und hüpfte umso schneller.

„So nicht, du alberner Stein!“, rief Link. „Ich springe doch nicht in dieses eiskalte Wasser, nur um dir aus Spaß hinterherzulaufen. Ich hab keine Lust mir den Tod zu holen.“ Der mürrische Heroe verschränkte erneut seine muskelbepackten Arme, drehte sich um und wollte vermutlich den Strand verlassen, als aber der Stein mit voller Wucht gegen seinen Hinterkopf prallte und Link zu Boden gerissen wurde. Er jaulte gequält auf und hielt sich seinen Hinterkopf fest. „Na warte!“, murrte er und rannte dem Stein nun mit doppelter Geschwindigkeit hinterher, um ihn zu fassen, und auseinander zu reißen. Er war inzwischen so wütend, dass es ihm gleich war, ob er in das kalte Meer eintauchte oder nicht.

 

Mit einem herzhaften Satz sprang der Heroe hinein in den eisigen Ozean und folgte auch unter Wasser dem Stein, der zu schwimmen schien. Dies war der Beginn eines neuen Abenteuers, und Link war, egal, ob er es wollte oder nicht, mittendrin.

 

Das Meer in der unendlich scheinenden Tiefe kam einem Ort der Verdammnis aus Eis und Salzwasser gleich. Das Gewässer hier unten war klar, fast heilig durch die Sonnenstrahlen, die wie dicke, sich bewegende Säulen den Grund erhellten. Es war schmerzhaft schön, hier entlang zu schwimmen.

Wie Tausende, kleine Nadeln fühlte sich dieses Meer auf der Haut an. Schmerzhaft… und doch war es wunderschön die Welt von hier unten zu betrachten, zu erkennen, wie oberhalb die Lichtstrahlen funkelten. Licht bekam hier eine ganz andere Perspektive. Und die Steine, Muscheln und Pflanzen im Meer erweckten eine sanfte Harmonie, bildeten eine nie gesehene Welt.

 

Link schwamm weiter, mit Aufbietung seiner Kräfte folgte er dem alten Stein aus Hyrule, und als er dem heiligen Meeresgrund näher kam, die Luft in seinen Lungen nun schon zu knapp, als dass er es bis an die Oberfläche schaffen würde, bot sich ihm ein Anblick von tausenden Leiden.

 

Ein marterndes Bild mit der gnadenlosen Wucht peinvoller Gefühle wie Furcht, Hass und Wut prägte sich in ihm ein, ließ ihn unbewusst Luft holen wollen, ließ seine blauen Augen sich weit öffnen und dann zornig werden.

 

Über dem gesamten Meeresboden verteilt, soweit das Auge reichte, zogen sich glitzernde Kristalle. Menschengroße Gebilde. Skulpturen, wie von göttlichen Händen geschaffen, verweilten hier unten, wie eine Armee tot geglaubter Soldaten schienen sie auf ihre Auferstehung zu warten.

 

Mit leichtem Entsetzen in den Augen schwamm der Held näher an jene Kristalle, vergaß die Luft, die er zum Atmen brauchte, vergaß den Stein, dem er gefolgt war, und wurde Zeuge eines unglaublichen Wahnsinns, den diese Welt behütete. Alle Kristalle… all jene gläsernen Gebilde waren nicht geschaffen von Götterhänden. Diese Skulpturen waren nichts anderes als gefangene Menschenwesen mit spitzen Ohren.

 

Langsam strich der Heroe über das Eis einer der Figuren, erkannte ein Kind dahinter in einer bemerkenswerten Pose…

 

Es war als würde dieses Kind und auch die anderen Skulpturen alle beten in ihrer erstarrten Heiligkeit…

 

Das Herz des jungen Heroen kochte nun vor Aufregung und einer maßlosen Wut über das Schicksal dieser Welt. Darum also gab es hier kein Leben. Darum also… hatte ihn ein merkwürdiges Gefühl die gesamte Zeit begleitet.

Wütend schlug er gegen das Eis einer der Skulptur, aber nichts tat sich. Kein Riss… Kein Loch in diesem verdammten Material für die Ewigkeit.

 

Und nun endlich verzog Link das Gesicht, fühlte, wie er unbedingt atmen musste und blickte sich rasch um, entdeckte den schiefrigen, geheimnisvollen Stein aus Hyrule nur wenige Meter weiter an dem Eingang zu einer Höhle. Es war wie als würde jener winken. Link folgte dem Geheiß, schwamm unter Aufbietung seiner Kräfte weiter, verzog immer mehr das Gesicht, da ihm die Lunge brannte. Er wollte atmen, er wollte nur noch atmen…

 

Er wusste nicht, ob er überhaupt noch schwimmen konnte, oder ob es nur das Wasser war, welches sich vorwärts bewegte. Er wollte fast schon aufgeben, als der Eingang zu der Höhle näher kam. Ein schmaler, kurzer Tunnel folgte und dahinter verbarg sich ein zweites Meer. Und von irgendwoher funkelte auch hier im Wasser ein Licht. Nein, mehrere Lichter rötlicher Natur, die eine anmutige Wärme von sich gaben. Es schien das erste Mal für den Helden des Windes, dass ein rotes Licht heilsam, und nicht todbringend war…

Link schwamm nur noch nach oben, hoffte, dass es so etwas wie einen Hohlraum in dieser großen Höhle gab und kniff inzwischen die Augen zu.

 

Als er auftauchte, schien es ihm, als würde er ein zweites Leben geschenkt bekommen. Kühle Luft strömte seine Kehle hinab… mehr als genug Luft zum Atmen. Er röhrte, sog die Luft brennend in seine Lungen ein und zog sich an einer kleinen Erhebung hinauf.

Seine Augen schließend lag er für wenige Minuten auf seinem Rücken, dachte an diese vielen Menschen, die in gläsernen Skulpturen gefangen waren… Soviel Traurigkeit überkam ihn bei einem Gedanken daran. Und eine anteilnehmende Wut für jedes der gestohlenen Leben. 

Was immer hier auch geschehen war, welches Böse diese Welt eingenommen hatte, er musste es finden und vernichten.

Mit jenem letzten Gedanken riss er seine Augen auf und brachte seinen kalten Körper auf die Beine. Von seinem dunkelblonden, schulterlangen Haar tropfte stetig Wasser, während er sich vorwärtsbewegte und das rötliche Licht erblickte, welches in gläsernen Kasten gefangen war. Er hatte so etwas noch nie gesehen, ahnte aber, dass diese Lampen eine sehr raffinierte Bauweise besaßen. Sorgsam folgte er einem weiteren von rotem Licht erhellten Tunnel in der gigantischen Höhle. Der Weg wurde ein wenig steiler und auch das Rauschen des Wassers entfernte sich. ,Ein guter Weg‘, dachte der Heroe, der ihn vom eiskalten Meer hinfort brachte.

 

Es dauerte nicht lange und Link erreichte ein aufwendiges Steintor mit verschiedenen Inschriften darin. Aber der Heroe hatte keine Lust und keine Zeit jene erst zu lesen und öffnete jenes Tor ohne weitere Sekunden zu verschwenden. Er wollte Antworten, er wollte die Wahrheit über jene Welt wissen. Ein kleines Geräusch in der Stille ließ ihn noch wissen, dass der schiefrige Stein ihm bis hierher gefolgt war. Seine linke Hand auf dem Griff seines Schwertes ruhend, trat der junge Mann ein, erfuhr Rätselhaftes, betrat ein lang verschollenes Gebäude der Vergangenheit und zweifelte…

 

Gerade in jenem Moment erhellte der gebieterische, erschreckende Schrei einer Krähe die weitgewachsenen Wälder Hyrulias. Ein erstes Anzeichen des Lebens, dort wo alles in Eis und Kristall gefangen zu sein schien.

„Hast du das gehört?“, murmelte Tetra und richtete ihr stolzes Haupt gen Himmel, wo allmählich die Sonne unterging und mehrere rosagefärbte Schleier die Abendsonne verdeckten. Es war unheimlich in den Wäldern, wo sie gerade mit Navi wandelte. Die Dämmerung zog sich mit ihren schattigen Ablegern gefährlich in den Wald hinein, verkündigte Dunkelheit und Finsternis überall.

„Du meinst die Krähe?“, sagte Navi leise und hielt die Fackel in ihrer kleinen Hand nah an ihr sommersprossiges Gesicht, wollte deren Wärme fühlen hier in der Eiseskälte.

„Genau. Das bedeutet hier gibt es ganz sicher Leben. Auch wenn uns noch niemand begegnet ist. Vielleicht kommen wir bald in eine Stadt.“

„Ja, aber vorher sollten wir dieses dumme Kind mit Namen Klein-Link finden. Nun, eigentlich heißt er gar nicht so. Laut seiner Geburtsurkunde heißt er ja Harkenia der Achte.“

 

Tetra verzog eine hellblonde Augenbraue und grinste tückisch. „Soso, Harkenia… ein berühmter Name in der Königsfamilie“, lachte sie und blickte mit ihren scharfen, ernsten Augen wieder durch die Nacht, um eine Spur von Klein-Link zu entdecken.

„Nun, aber nicht so berühmt wie Zelda“, meinte Navi und grinste. Tetra nickte beschwörend. „Vielleicht lege ich den Namen Tetra doch irgendwann ab“, setzte sie hinzu.

„Ehrlich gesagt, gefällt mir Zelda doch besser…“, flüsterte sie dann. Sie kniff Navi in eine Wange: „Aber wehe, du verrätst das irgendwem!“

Die einstige Fee zappelte und fluchte. Sie quietsche regelrecht wegen des Schmerzes von Tetras spitzen Fingernägeln, die ihre empfindliche Haut so bösartig zusammenkniffen.

„Ich schwöre!“, rief sie. „Ich schwöre.“ Erst als Tetra heimtückisch grinste und dann auflachte, fühlte sich Navi wieder sicher. Sorgfältig rieb sie sich ihre rechte Wange und funkelte die Piratin mit immer mehr Wut an.

 

„Wenn du mich weiterhin ärgerst, posaune ich in der ganzen Welt herum, was du mit dem Helden des Windes im Badezimmer des Schiffes getrieben hast“, rief sie empört und konnte nicht mehr. Und wenn Tetra sie an einen Baum aufhing, sie würde sich von dieser unhöflichen, dreisten, noch nicht einmal erwachsenen Person nicht alles gefallen lassen.

Und da verlor Tetra jede Farbe im Gesicht. Ihre schönen Augen weitaufgerissen.

„Denkst du allen Ernstes, nur weil ich aussehe wie ein Kind, bin ich dumm? Ich bin Hunderte von Jahren alt“, erklärte sie.

„Na und?“ Und Tetra grinste wieder, natürlich gab sie Navi eine beherzte Kopfnuss. „Dann hast du halt zugeschaut. Denkst du, da mach‘ ich mir was draus? Link und ich hatten Sex. Na und? Erstens ist mir das nicht peinlich. Und zweitens hat es mehr als genug Spaß gemacht.“ Sie grinste frecher und frecher in der zunehmenden Dämmerung. Navi konnte nicht anders und rollte nur ihre Augen. Tetra konnte aber auch nichts erschüttern, dachte sie. Mann, die hat es echt drauf.

„Ich geb’s auf…“, jammerte Navi und lief schnurstracks weiter, während die ausgefuchste Piratin lediglich grinste und erneut ihren Willen hatte. Manchmal, so schien es ihr, wusste sie ganz genau, wie sie mit manchen Menschen umgehen musste. Sie ahnte, wer aufrichtig war, sie spürte jegliche Art von Heimtücke. Sie war immer gerecht.

 

„Und trotzdem…“, riss Navi sie aus ihren Gedanken. „Du hättest ja wohl kaum mit ihm geschlafen, wenn nicht mehr dahinter stecken würde.“ Sie stapfte fröhlich weiter. „Mir machst du nichts vor, Prinzessin Zelda. Link ist und bleibt… dein Ein-und-Alles.“

Daraufhin erwiderte Tetra nichts, sondern lächelte nur. Vielleicht war es so. Womöglich konnte sie es nicht einmal abstreiten. Also warum sich drüber ärgern?

 

Immer weiter tauchten die beiden Gestalten in den stillen Wald ein, folgten den Fußspuren Klein-Links, die sich im hellen Licht der Fackel preisgaben. Und es dauerte nicht lange, da fanden sie ein riesiges Loch. Hier hatte sich vor wenigen Minuten die Erde aufgetan und die glitzernde Schneedecke hinab gezogen. Und genau hier endeten auch Klein-Links Fußspuren.

Navi brach dann zitternd auf ihre Knie. „Um Himmels Willen. Was machen wir denn, wenn Klein-Link abgestürzt ist!“ Alle möglichen Albtraumszenarien bildeten sich in ihrem Kopf. Und er besaß das Medaillon der Mächtigen. Wie sollten sie die Mission zu Ende bringen, wenn Klein-Link nicht da war? Sie wollte schon anfangen zu weinen, als Tetra ihr eine eisige Hand auf die Schulter legte. Sie grinste und kniff ein Auge zusammen. „Mach‘ dir keine Sorgen.“ Dann deutete sie in Richtung eines Baumes, nur knapp neben dem Erdloch. Ein schlafendes Kind saß darunter, war in einen violetten Umhang eingewickelt und schien von dem Elend dieser Welt nichts mitzubekommen.

„Klein-Link!“, rief Navi und rannte hinüber, legte ihren Kopf an seine Brust und hörte auch sein Herz ganz normal schlagen. Er schien wirklich nur eingeschlafen zu sein. „Den Göttinnen sei Dank.“ Auch das alte Medaillon hing noch um seinen Hals. Und im Schlaf schien er zu lächeln, als hätte er einen wunderbaren Traum…

Nur… woher kam dieser ungewöhnliche, warme Umhang?

 

Tetra stapfte näher und nahm den Jungen auf ihre Arme. „Lass uns wieder zu den anderen gehen. Es ist kalt geworden, jetzt, wo die Nacht hereinbricht“, sprach sie deutlich. „Du leuchtest den Weg mit der Fackel und ich folgte dir.“ Navi nickte.

 

Als sie Gonzo und die anderen fanden, standen jene einfach nur erstarrt neben den Kutschen und hatten ihre Blicke gen Süden gerichtet.

„Was ist passiert?“, murrte Tetra, lud das schlafende Götterkind in die Kutsche und trat dann zu Gonzo, der einfach nur seufzte. „Wenn wir das wüssten, Miss Tetra“, antwortete der kleine Niko dann und trat an sie heran.

Er erklärte und zeigte dabei wieder seine großen Hasenzähne: „Als diese Wesen näherkamen, sind sie wie Geister durch uns hindurch gezogen. Wir mussten nicht kämpfen, wir taten gar nichts. Sie interessierten sich überhaupt nicht für unser Eins.“

„Mmh…“, meinte Tetra und schien zu grübeln. „Wie sahen sie nun genau aus?“

„Wie… Geister…“, sagte Gonzo und heftete seinen Blick noch immer gen Norden. „Sie waren blass… ihre Gesichter alt und ausdruckslos. Sie konnten sogar über den Schnee schweben…“ Tetra rollte mit den Augen und schüttelte nur den Kopf. Beherzt sprang sie in die Kutsche. Sie streckte sich und spürte das erste Mal seit längerem wieder ihre schmerzende, rechte Schulter. Zaghaft griff sie danach und streichelte darüber.

 

„Wie auch immer, ich glaube nicht an Geister“, sprach die Piratenfrau kühl. „Steigt wieder in die Kutschen und lasst uns eine Ortschaft finden. Wenn wir hier bleiben, wird es auch nicht besser. Wir finden unsere Antworten schon…“ Die Gruppe aus Piraten grinste und nickte zufrieden. Ein paar Geister, und was immer jene Geschöpfe auch waren, konnten Tetra nicht einschüchtern. Sie würde mit ihrem Kopf durch die Wand gehen, egal, ob dieser dann blutig war. Sie würde sich ihren Weg suchen, überall. Genau das schätzten die meisten ihrer Mannschaft so an ihr. Sie war tapfer und willensstark, und hatte bei jedem noch so tragischen Schicksalsschlag ihre Hoffnung nicht aufgegeben.

Verwundert stieg auch Navi ein, setzte sich neben das schlafende Götterkind und seufzte. Aber auch ihr kam ein Lächeln auf das Gesicht. Solange Tetra hier war… fühlte sie sich, auch wenn diese Piratenfrau sie dauernd neckte, irgendwie behütet.

 

Die Kutschen fuhren erneut los, folgten einem prophezeiten Weg durch die Welt des lebenden Schnees. Vorbei an einem kolossalen, dunklen See führte die breite Straße einen spitzzulaufenden Berg hinauf und schließlich durch eine gewaltige Schlucht, die bedrohlich zu flüstern schien. Als sie die Felsspalte passiert hatten, eröffnete sich ihnen ein winterliches Bild unberührter Schönheit. Weit konnte man blicken und nur wenige Meilen entfernt leuchtete eine Ortschaft in vielen verschiedenen Farben…

 

Nach einer Stunde endlich erreichte die Meute jene Stadt, die von einer Mauer mächtiger, hochgewachsener Bäume umrahmt schien. Ein hohes Tor mit faszinierenden Kreaturen aller Art, die auf dem weißen Gestein lebendig schienen, lud sie ein. Drachen, Kobolde, Phönixe. Alle möglichen magischen Wesen hatten auf jenem Tor Augen, und gelegentlich sah man, wie sich diese Augen bewegten, jene katzenartigen Augen änderten sogar gelegentlich die Pupillen…

Und so passierten sie das Tor und betraten die Welt dahinter. Moderne, hohe Gebäude, erbaut mit viel farbigem Glas an manchen Seitenwänden, weckten neugierige Blicke der Crew. Mit Silber geschriebene Worte zierten das Gestein von fachwerkähnlichen Häusern. An Stelle von Schiefer bedeckte dickes Glas jene Gebäude und schützte vor dem Niederschlag.

Und in manchen Häusern leuchtete eine rote, eine grüne oder eine blaue Lichtquelle…

 

Tetra lehnte sich zurück und grinste. Sie verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf. „Endlich eine Ortschaft. Nun bin ich ziemlich neugierig, wie die Menschen uns hier gesonnen sind und warum uns die Kutschen hierhergeführt haben.“

Auch Navi blickte sich wissensdurstig um, sah in dem einen Gebäude ein Kind aus einem Rundbogenfenster schauen. Ein süßer Fratz mit großen Augen, die jedoch ziemlich abgeneigt, wenn nicht sogar ängstlich wirkten, starrte sie an und zog dann an jenem Fenster einen Vorhang zu.

Die einstige Fee schrak zurück und murmelte: „Ich schätze, die Menschen hier, sind uns nicht wirklich freundlich gesonnen…“

Ein weiterer Mensch kam zum Vorschein und lief über eine Brücke, die über ihnen gebaut wurde, er hetzte einfach vorbei, würdigte sie keines Blickes, und rannte weiter.

„Das werden wir noch sehen“, sprach Tetra stark und richtete ihre muterfüllten blauen Augen voran, entdeckte die Spitze eines gläsernen Turmes nur wenige Meter weiter. Und während die Kutschen weiterfuhren, gab sich mehr und mehr ein stolzes Gebäude preis, welches majestätisch auf einer kleinen Erhebung, umgeben von einem großen Wasserbett ruhte. Schlangenartig wuchsen hier großblättrige Bäume, allesamt vereist tief hinein in eine hohe, weiße Mauer, die ein modernes, wunderschönes Schloss, beschützte. Erneut passierten sie ein Tor und wurde Zeuge von einer eigenartigen, weitentwickelten Bauweise.

 

Tatsächlich erhob sich hier stolz und königlich ein prächtiges Schloss mit einem hohen Turm in der Mitte. Aber jenes Schloss war umgeben von Dutzenden Brücken, und überall war in dem Grundstein Glas eingefasst. An zwei, drei Stellen strömte ein kleiner Fluss von der Spitze des Turmes hinab und sammelte sich im Schlossgraben. Es schien fast so, als erzeugte eine faszinierende Macht in jenem gläsernen Turm das kostbare Wasser, welches rauschend hinabstürzte.

 

Die Kutschen stoppten direkt vor einer Zugbrücke, die gerade raschelnd hinab sauste. Selbst die Zugbrücke war faszinierend. An den Seiten waren in Drachenköpfe blauleuchtende Lichter eingefasst, die dem Schlossgraben und jenem Tor einen matten Schimmer verliehen.

 

Beeindruckt stieg Tetra mit ihrem Piratenpack aus den Kutschen und passierte jene Brücke, erreichte einen prachtvollen Innenhof mit vielen, schmalen Treppen, die in verschiedene Bereiche des modernen Schlosses führten.

 

„Willkommen, Prinzessin“, riefen und sangen mehrere Stimmen und aus einem gläsernen Haupttor des Schlosses mit goldenen Inschriften kamen mehrere Personen mit festlichen Anzügen. Sie verbeugten sich zunächst und ein bärtiger Alter mit scharlachroter Hose und silbernem Mantel darüber geschlungen, trat an Tetra heran, und verbeugte sich erneut.

„Seid herzlich willkommen in unserem Land“, sprach der Greis und schaute sie mit seinen fast weißen Augen eindringlich an. „Wir alle haben Eure Ankunft erwartet… Endlich ist der Tag der Prophezeiung gekommen. Unsere Königin hat uns erreicht.“

 

Verdutzt wich Tetra einige Schritte zurück und schaute nach links und rechts. „Moment mal!“ Sie fuchtelte abtuend mit ihren Händen. „Wie kommt ihr denn darauf, dass ich irgendwas mit eurem Land zu tun habe. Wir sind hier tatsächlich nur zufällig angekommen. Ich bin Piratin und keine eingebildete Königin, die den ganzen Tag auf ihrem Thron sitzt.“

Tetras Tonfall schien die umgebenden Leute ein wenig zu erschrecken. Sie schauten sich ratlos an und beugten dann die Häupter.

„Wir sind Reisende“, erklärte sie. „.. und entdecken gerne neue Welten. Wir sind mit unserem Schiff im Hafen angekommen und haben zwei Kutschen entdeckt, die uns hierhergebracht haben.“

„Ihr glaubt also nicht… die zu sein, die uns prophezeit wurde…“, flüsterte der Bärtige.

„Prophezeiung?“

„Ja, doch. Seht!“ Der grauhaarige, bucklige Mann holte eine achteckige Brille aus der Innentasche seines Silbermantels und setzte diese auf seine mit Warzen bedeckte Nase. Er trat mit einer knorrigen, weißen Gehhilfe an jenes gläserne Haupttor des Schlosses und deutete auf die goldene Inschrift, welche da lautete:

 

„Zeit und Wind dienen als Vorboten für frevelhaftes Schicksal. Da das Verderben uns heimsucht, wandeln wir auf seidenen Pfaden… die Kräfte eines neuen Gleichgewichtes der Macht erfüllen unsere Welt im Schimmer von Eis und Kristallen… Ein Hyrule, geschöpft aus Hoffnung und Magie. Eine Welt, die sucht nach seiner Königin. Unsterblich soll sie sein. Ihr Name ward ewig. Ihr Lächeln überwand den Tod…“

 

Tetra verzog lediglich das Gesicht. Sicherlich, es war schon verwunderlich, dass sie jene Schriftzeichen kannte und dass sie sich ein bisschen, aber wirklich nur ein winziges Bisschen, davon angezogen fühlte. Trotzdem konnte sie das nicht glauben, oder wahrhaben. Die Königin, von der hier gesprochen wurde, konnte nie und nimmer sie selbst sein. Sie war erst siebzehn. Sie hatte keine Lust ihr Piratenleben aufzugeben. Sie war nicht geeignet für so einen Job. Diese und mehr Gründe schwirrten in ihrem Kopf herum. Warum beharrten diese Menschen hier eigentlich so sehr auf dieser Prophezeiung?

 

„Und ihr denkt jetzt allen Ernstes ich bin diese Königin?“, lachte Tetra und verschränkte die Arme. „Ihr seid alle nicht mehr ganz dicht, um das mal klarzustellen.“ Die Alten murmelten irgendetwas, worauf der alte Mann mit dem langen weißen Bart wieder näher schlich. Er deutete auf Tetras rechten Handrücken, schien ja fast zu ahnen, was sich darauf verbarg.

„Versteht doch…“, begann er und seine Stimme schien bedrückt. „Wir wissen, dass Ihr es seid, Prinzessin. Nur unsere zukünftige Königin hätte diese Kutschen mit ihrer Magie in Bewegung gesetzt, mit denen ihr hierher gefunden habt.“

Tetra fiel derweil aus allen Wolken. „Moment. Ihr wollt mir jetzt allen Ernstes weiß machen, dass diese Kutschen nicht von selbst gefahren sind, sondern, dass ich dafür verantwortlich bin?“ Der Bärtige nickte beschwörend. Tetra schaute ratlos zu Navi und zu den verdutzten Gesichtern ihres Piratenpacks, die nicht wussten, was sie sagen sollten. 

 

Sie beobachtete dann kurzzeitig ihre von der Kälte rotgeschwollenen Füße. „Und was wollt ihr jetzt von mir? Was erwartet Ihr?“ Sie zeigte den umstehenden Leuten dann frech ihren Handrücken, wo sich das Triforcefragment der Weisheit blass zeigte. „Jawohl, ich bin eine Prinzessin, das ist richtig. Und ich besitze Magie, wie ihr es richtig gedeutet habt. Aber ich verstehe nicht, warum ihr überhaupt auf eine Königin wartet! Was wollt ihr von mir?“

Der Bärtige lächelte ein wenig unsicher. „Nun… vor einigen Jahren… als der Schnee immer näherkam und das Eis nicht mehr schmelzen konnte… tauchte hier ein stattlicher Mann auf, der einen Mantel trug, wie ihn nur ein König tragen konnte. Er hat uns etwas geschenkt… und gab uns eine Prophezeiung, dass irgendwann das Geschlecht hylianischen Königsblutes unser Volk retten würde…“

Mehr als verblüfft musste Tetra irgendwo Halt finden und lehnte sich an eine der Kutschen.

„Hylianisches Königsblut?“, murmelte Navi dann und blickte von Tetra zu Klein-Link, der noch immer lächelnd schlief. 

„So ist es“, sagte der Bärtige.

„Und wer seid ihr überhaupt?“, sprach Tetra klar und deutlich. „Welche Rolle habt ihr hier?“

„Nun… mein Name ist Eridés. Ich bin einer derjenigen, die über das alte Land wachen.“ Tetra nickte zufrieden, und es schien als war ihr diese Antwort ausreichend.

„Versteht doch… wir brauchen Euch. Wir sind selbst hylianischen Blutes. Seht ihr denn nicht unsere spitzen Ohren.“ Und die Menschen hier legten alle ihre Kapuzen zurück. Der zweite große Schock erreichte Tetra und sie blickte zornig weg.

Wie konnten diese angeblichen Hylianer das von ihr erwarten? Sie wollte niemals ein solches Leben bei Hofe führen. Und sie würde sich von diesen Leuten nicht überreden lassen, das was sie war, wofür sie lebte, was sie liebte, einfach in alle Winde zu schlagen!

„Auf unserer Welt lastet ein schrecklicher Fluch das Eises, bitte helft uns…“ Und die Anwesenden gingen alle auf ihre Knie.

 

Tetra ließ dann den Kopf hängen, atmete laut ein und sagte: „Ich kann euch nicht helfen. Ich bin nicht diejenige, die mit ihrer Magie und Stärke alles gerade biegen kann, ihr sprecht mit der falschen Person. Denjenigen, den ihr sucht, ist nicht königlich. Derjenige, der euch helfen kann, der wirklich kämpfen kann, der vielleicht in der Lage ist, einen Fluch zu brechen, hat meine Mannschaft verlassen.“

Gerade da mischte sich Navi ein: „Aber nicht doch, Tetra. Link wird kommen, ganz sicher. Er würde sicherlich kämpfen, egal, welchen Kampf es zu bestreiten gibt, egal, welchen Fluch er brechen muss.“ Doch da schüttelte die blaublütige Piratin ihren hübschen Kopf: „Wenn er nicht kämpfen will, wird er es nicht tun.“

„Aber er wird es, ganz sicher, ich werde mit ihm reden, ich werde ihn überzeugen.“, rief sie und sprang zurück in eine der Kutschen. „Bitte Tetra, darf ich zu ihm fahren?“

„In Ordnung…“, meinte sie lediglich und die Kutsche sauste davon. Doch weder Tetra noch irgendwer sonst konnte verstehen, wie Tetra die Kutschen steuern konnte. Es war ihnen allen sehr unbegreiflich. Und Navi… sobald sie Link erreicht hatte, würde sie erkennen, dass es alles andere als nötig war, ihn zu überzeugen…

 

„Und was tun wir jetzt?“, sprach Tetra an ihre Mannschaft gerichtet.

„Erlaubt mir ein Wort, Prinzessin… Bitte folgt uns in das alte Schloss unseres Landes und lasst uns erklären, was geschehen ist, was es mit dem Fluch auf sich hat.“ Die Piratenanführerin nickte und tapste schließlich hinter den Bewohnern dieser Welt hinterher, hinein in das zauberhafte Schloss. Gonzo folgte mit Klein-Link über seine rechte Schulter hängend, und auch die restlichen Piraten schlossen sich an.

 

Der Held des Windes fand sich währenddessen in einem schönen, ausgeschmückten Gewölbe wieder. Zierliche Glaskristalle schwebten hier anscheinend selbstständig über dem Boden, trugen alle Farben der Welt und schnitten die Lichtstrahlen weiterer eigenartiger Stehlampen. Erneut diese modernen, gläsernen Gehäuse mit den roten, blauen oder grünen Lichtkugeln in ihrem Inneren. Der junge Mann trat näher, tapste unabsichtlich in einige kleine Pfützen und berührte eine der seltsamen Lampen, strich ganz vorsichtig über das gläserne Gehäuse und fühlte sich umschmeichelt von sanfter Energie, die über seine Fingerspitzen streichelte. Das farbige Licht im Inneren jenes viereckigen Gehäuses glomm kurz auf, und ging dann langsam aus…

Schritte rissen den Heroen dann aus seinen Gedanken und die steinerne Pforte, der Zugang zu diesem Gewölbe schloss sich. Nun aber stand dort eine weitere Person und schaute ihn aus befehlsgewaltigen, weisen Augen heraus an. Link traute seinen Sinnen nicht mehr und sackte auf die Knie. Seine blauen Augen unterlegt mit einer hoffnungslosen Fassungslosigkeit. Er kannte den Menschen, der nun vor ihm stand. Er kannte jene Augen, und diese undefinierbare Gewalt in ihnen. Dieses verdeckte, majestätische Gemüt, welches sie untergruben.

„Ihr…“, brachte Link aus seiner Kehle und konnte es immer noch nicht glauben. Für einen Moment blickte er weg, zwinkerte mehrmals und starrte sein Gegenüber erneut an.

„Ihr seid es wirklich…“

„Ja, Link“, erklang eine tiefe Stimme und schallte in dem Gewölbe umher wie ein anbrechender Donner. Es war ein älterer Mann, breit gebaut mit muskelbepackten Armen, die er unter seinem feuerroten Mantel versteckte. Das Alter hatte sich in Form von Falten in seinem Gesicht vergraben. Ein weißer, kurzer Bart schmückte sein Kinn und buschige, weiße Augenbrauen grenzten seine Stirn ab.

„Daphnos… wie ist das möglich?“, murmelte er, richtete sich auf und klopfte sich die schmutzige Feuchtigkeit von der rehbraunen Hose. Langsam trat der Angesprochene näher und betrachtete sich währenddessen seine großen Hände.

„Ich bin hier… ja, durch eine Gunst der Göttinnen…“, erklärte er und auf seinem Gesicht zeigte sich ein großherziges Lächeln. „Du bist sehr reif geworden, Link. Erwachsen, sicherlich, aber da liegt irgendeine Sorge auf deinem Herz?“ Daraufhin schaute der Held des Windes unsicher weg.

„Es ist keine leichte Zeit, erwachsen zu werden, nicht wahr?“, sprach der kräftige Mann, der einst ein ganzes Königreich an edlen Kämpfern, treuen Untergebenen und wissenden Feinden unter sich hatte.

„Gewiss nicht“, murmelte der Heroe, trat näher und nahm die Hand an, die sein Gegenüber ihm bot. Er küsste diese.

 

„Ich kann es immer noch nicht glauben…“, sagte Link. „Ihr steht tatsächlich vor mir. Der König des untergegangenen, magischen Landes Hyrule…“

„Eine Welt nach der sich ein vergessener Teil deiner Selbst sehnt, nicht wahr?“ Und wieder blickte Link ernüchtert weg. Woher wusste Daphnos das? Ja, er vermisste diesen Sinn ein Kämpfer für ein Königreich zu sein. Er vermisste es, eine große, verantwortungsvolle Aufgabe zu haben. Irgendetwas in ihm hatte das Piratenleben schlichtweg satt.

„Aber wie ist es möglich, dass Ihr nun hier seid? Ich verstehe noch nicht ganz. Eine Gunst der Göttinnen?“

Der einstige würdevolle Herrscher nickte. „Wir haben nicht viel Zeit…“, sprach er leise.

„Nicht viel Zeit?“, wiederholte Link verwundert. „Zeit wofür?“ Der König trat ein paar Schritte und berührte ebenso eine der leuchtenden Lampen, die bei der Berührung wie ein sterbender Stern hell aufleuchtete und dann einging…

„Ich verstehe das nicht, Daphnos. Warum seid Ihr hier? Was hat es mit dieser Welt auf sich? Am Meeresboden…“ Link konnte kaum noch atmen, so hastig und aufgeregt sprach er und breitete seine Arme weit auseinander. „Am Meeresboden befinden sich Dutzende Leichen, eingehüllt in irgendwelche merkwürdigen Kristalle. Wo, zum Teufel, sind wir hier?“

 

Als Daphnos sich zu ihm wand und seine Lippen bewegte, schien es Link als würde die Zeit gefrieren und die Winde der Welt allesamt still stehen. Es war diese Schwermut, die den alten König von Damals umhüllte, diese Trauer und Enttäuschung.

„Wir sind in einer Welt, die gegen viele Gesetze verstoßen hat. In einer Welt, die sich weiterentwickelte, die ihr Grab nicht akzeptieren wollte. Eine Welt, die einen Namen trägt, vor dem ich mich fürchte…“ Seine Worte hatten das Vergessene angekratzt, von dem Link hoffte, es könnte niemals wahr sein.

„Wie heißt diese Welt?“, sagte Link laut.

„Hyrulia. Das vergessene Land. Das Eiland ohne Königin. Das verfluchte Land tausender Ströme der Magie.“

Link schluckte: „Hyrulia…“, wiederholte er fragend. „Aber wie…“

 

Daphnos trat näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter, schaute aber bewusst an ihm vorbei. „Ich versteh es selbst nicht. Hyrule ist damals untergegangen. Das ist richtig. Es wurde von der großen Flut überrollt und nur die Spitzen der Berge sind noch zum Leben gedacht. Nur jene sind noch bevölkert. Aber hier… dieses Hyrule…“ Daphnos rieb sich seine Stirn. „Link, sag‘ mir… hast du einmal schon den Schrei eines neugeborenen Lebens vernommen?“ Darauf nickte er und dachte an seine kleine Schwester. Er war dabei… er hatte bei ihrer Geburt den allerersten Schrei gehört. Es war ein Schrei des Glückes und der Zuversicht. Es war unbeschreiblich.

 

„Und hast du schon einmal den Schrei… den heftigen Klageschrei eines sterbenden Wesens vernommen?“ Auch hier musste Link nicken, erinnerte sich gespenstisch an die vielen Moblinköpfe, die er abgeschlagen hatte.

„Stell dir vor, du vernimmst beide Schreie zu ein und demselben Zeitpunkt. Kraftvolle Schreie, die sich mit einem Wahnsinn vermischen, den der weiseste Mensch auf der Welt nicht zu beschreiben vermag. Eine Kraft steckt dahinter, die man nicht kontrollieren kann. In einem Bruchteil von Sekunden stirbt etwas. In einem Bruchteil von Sekunden beginnt etwas zu leben. Die unerschütterliche Macht des Lebens schafft es Dinge hervorzubringen, die unmöglich scheinen. In der letzten Sekunde eines Menschenlebens zerreißt es jenen Menschen mit einem Gefühl von Gleichgültigkeit und unentrinnbarem Wahnwitz. Die Sekunde vor dem eigenen Tod entfesselt etwas in uns, was selbst die Götter fürchten. Etwas Mächtiges. Eine Kraft, die stärker noch scheint als das vereinte Triforce…“

 

Link lauschte, fühlte sich betäubt, wollte die Dinge verstehen, aber er konnte es nicht.

„Hyrule… ja, ich habe nie umsonst gesagt, es lebt. Und es ist schon oft gestorben in seiner endlosen Geschichte, die über die Dimensionen und verschiedensten Planeten des Universums verstreut ist. Und es wird noch viele Male geboren werden.“

Seine Stimme wurde ruhiger, und der Blaublütige schloss seine Augen. „Nur manchmal… geschehen selbst Dinge, die die Göttinnen nicht vorhersehen konnten. Hyrule hat sich, gefangen in einer Gier um Macht, konfrontiert mit dem Gesicht des Todes gespalten, wie es die Seele eines Menschen tut, wenn man sie leiden lässt. Hyrule, ernährt vom dem Triforce, ist kein Land mehr, welches man einfach so vernichten könnte. Es lebt, Link… es lebt…“

Mit offenem Mund stand Link einfach da und hatte keine Fragen mehr in seinem jugendlichen Kopf. Er wusste nicht, ob seine Fragen überhaupt noch einen Sinn ergaben. Das alles ergab keinen Sinn. „Und nicht nur in unserer Dimension, Held des Windes. Auch in anderen lebt Hyrule noch immer, obwohl es tot sein sollte…“

„Ihr wollt mir nicht wirklich damit sagen, dass dieses Land hier… diese Welt… sie ist Hyrule?“ Daphnos nickte. „Hyrulia, wie sie von seinen Bewohnern genannt wird.“

„Aber ich verstehe kein Wort von dem, was Ihr mir sagt. Das ergibt alles keinen Sinn. Hyrule wurde am Meeresboden versiegelt, zusammen mit euch, damals, als wir auch Ganondorf mit dem Masterschwert bannten.“

 

Daphnos nickte, aber runzelte seine faltenreiche Stirn. „Ich weiß, Link. Ich weiß. Und hier, genau hier, wo wir stehen, hat das Hyrule vom Meeresboden, ein echtes, unvergleichliches Abbild von sich erschaffen, weitergelebt, mit Bewohnern, aber ohne eine Königsfamilie ist hier das Leben weitergegangen, als wäre die große Katastrophe vor Hunderten Jahren nie passiert. Und es hat sich weiterentwickelt. Die Bauweise wurde raffiniert. Die Energienutzung hat bahnbrechende Fortschritte gemacht. Nur…“

Link rieb sich die Stirn und dann die Augen. „Ich glaub‘ das alles nicht…“

„Ich auch nicht…“, sagte der einstige König und ließ das Haupt hängen. Eine unangenehme Pause entstand. Man hörte das weite Meer singen. Ein Klagegesang, als wollte es nach dem einen Helden rufen um erlöst zu werden.

 

„Und aus diesem Grund steht Ihr nun… vor mir, obwohl Ihr tot sein solltet?“ Insgeheim entschuldigte sich Link für diese ungehobelte Frage.

Der einstige König lachte nur erheitert: „So ist es, Link. Dein schiefriger Stein, dein Erinner-Mich an Hyrule, hat nun hier in jenem Land auch ein Eigenleben entwickelt, wie mir scheint. Und dich hierher geführt.“

„Zum Glück!“, sagte Link und kratzte sich kindisch am Kopf. Der Stein hüpfte daraufhin in seine Hosentasche und schien dort endlich wieder still zu sein.

„Ich bin ziemlich froh…“ Link schaute betreten zu seinen Füßen und schabte mit jenen auf dem glitschigen Boden. „… Euch wiederzusehen, Daphnos.“

„Nur leider kann ich nicht allzu lange bleiben, da die Götter mir nicht sehr viel Zeit gewähren, Held des Windes…“, erwiderte jener. Es war traurig, das zu hören, aber Link hatte es von vornherein vermutet.

„Wir müssen uns beeilen. Vielmehr… du musst dich beeilen. Ich bin nur ein Abgesandter, jemand, der dir die Wahrheit über Hyrulia erzählen soll, damit einer… einer die Wahrheit wirklich kennt.“

 

Link nickte und lehnte sich dann mit seiner Stirn gerichtet an eine der glatten Wände. Er war noch so durchnässt von vorhin, und spürte erst jetzt, wie kalt seine Glieder waren. Die Wiederbegegnung mit dem einstigen, letzten König Hyrules hatte ihm einen ziemlichen Stich versetzt. Und die vielen Menschen am Meeresboden, eingehüllt in abartige Kristalle, allesamt betend, als wollten sie kämpfen und schreien, als würden sie schrecklich leiden. Waren jene Menschen auch ein unglücklicher Umstand, dass Hyrule ein eigenes Bewusstsein entwickelt hatte?

 

„Was ist mit den am Meeresboden begrabenen Menschen, Daphnos…?“, sprach Link leise, während noch immer einzelne, salzige Wassertropfen an seinen dunkelblonden Haaren hinab rannen.

„Sie sind nicht begraben, Link.“

Verblüfft wand sich der junge Mann in einer heftigen Bewegung um.

„Sie leben, Link. Sie sind alle am Leben, nur befallen von etwas… was diese Welt zu verantworten hat.“

„Sie leben?“ Und Links Gesicht erhellte sich. Als wurde ein makaberer Zorn dort einfach weggewaschen werden. „Wie ist denn nun das schon wieder möglich?“, murmelte der Heroe, und fragte sich, wie oft er jene Frage heute noch stellen würde.

„Es war ein schreckliches Experiment in einem Abbild Hyrules, in welchem die Göttinnen kein Triforce hinterlassen haben. Man hat versucht die Energie aus diesem Land zu ziehen, versucht jene zu spalten. Ein dummer Versuch, Energie zu vermehren… um des Fortschritts Willen…“, murmelte Daphnos und begann weiterhin zu erklären. „Es gibt einige, die sich die Wächter dieses Landes nennen. Für mich… sind jene…“ Er setzte einen finsteren Blick auf und schlug seine rechte Faust wütend in die naheliegende Felswand. „… nur Scharlatane, die sich hinter ihrem Wächtertitel verstecken und in Wahrheit nach der Herrschaft über dieses Land streben.“ Den Heroen des Windes erschlugen diese Anschuldigungen beinah. Er kannte die Menschen, die hier lebten, nicht, aber das überraschte ihn nun doch ein wenig. Hier gab es kein Triforce, oder doch? Also hinter welcher Macht waren diese Wächter her?

 

„Die Energie, die man hier nutzt, man kann sie nicht einmal richtig erklären…“ Und Daphnos tapste an eine der rotglühenden Lampen. „Sie lebt wie der Wind, der um stolze Baumwipfel pfeift, wie die Meeresströmung, oder wie Feuer. Aber berührt sie ein Mensch, geht sie aus.“ Und er berührte jene, worauf sie kurz aufglomm und dann zur Neige ging.

„Es gibt hier ein Volk, welches man ,die Einäugigen‘ nennt. Nur sie sind in der Lage, solche Energien ,einzufangen‘“, erklärte der einstige Herrscher weiterhin. „Nur seit dem verteufelten Experiment, welches von den Wächtern Hyrulias durchgeführt wurde, sind jene zu Unrecht verschrien. Man beschimpft sie, am Schnee schuld zu sein, der nie wieder vergeht, beschimpft jene zu Unrecht, für die vielen in Eis gefangenen Hyrulianer Verantwortung zu tragen, wo es doch die Wächter sind, die man sühnen lassen sollte.“

 

„Einäugige Hylianer?“, wiederholte der Held des Windes und setzte einige Finger an sein Kinn und streichelte dort seinen Dreitagesbart. „Zyklopen?“

Daphnos nickte breit grinsend: „Nun, du hast auch schon mal weisere Fragen gestellt, Held des Windes.“ Jener wurde gleich puder rot und schaute betreten zu seinen verdreckten Stiefeln. Er kratzte sich am Kopf. Sicherlich, es war ja sonnenklar, dass man einäugige Wesen Zyklopen nannte, nicht?

 

„Wie auch immer“, redete sich der Heroe heraus. „Es ist meine Pflicht etwas zu tun, um diese Hyruler am Meeresboden zu befreien… und…“ Er blickte unsicherer zu seinen Stiefeln und dem schlammigen Erdreich. „… und Tetra…“

„Ich sehe… du hast Zelda und die anderen gehen lassen…“, meinte der König der alten Zeiten und trat mit kühlem, ernstem Blick näher.

„Ich musste. Ich hab mich die letzten Monate wie ein Idiot benommen. Ich hab gar nicht mehr das Recht, überhaupt noch etwas für die Prinzessin zu tun. Ich hab mein Recht als Held und Beschützer verwirkt.“ Daraufhin lief der Heroe genervt im Raum hin und her. „Wie konnte ich nur so dumm sein…“, seufzte er und schmiss dann wütend die nächste, moderne Stehlampe in diesem Raum um.

„Link…“, sagte der König, aber jener Heroe hörte nicht zu, sondern trat mit seinen Füßen an eine Seitenwand.

„Link!“, meinte er ein zweites Mal, worauf der Held aufsah, und man Schwermut und Selbstverachtung in seinen Augen so klar lesen konnte wie in einem Buch.

„Wie wäre es, wenn du zunächst anfängst, dir selbst zu verzeihen, mein Sohn.“ Daphnos lächelte leicht und legte ihm erneut eine Hand auf die Schulter. „Ich bin mir sicher, Tetra hat es doch schon längst getan, sie hat dir sicherlich verziehen. Außerdem…“ Und der König im roten Mantel schloss seine Augen. „Sind nicht auch Helden fehlbar? Sind nicht auch Helden nur Menschen?“

 

Der Held des Windes schluchzte. „Dennoch… ich war so ein Idiot, mein König. Ich hab nicht einmal realisiert, dass ich Tetra hätte sterben lassen können in meiner Ignoranz. Ich hab sie in so vielen Situationen sich selbst überlassen…“

„Dann ist nun die Zeit gekommen, es wieder zu ändern“, sprach der staatliche Mann aufrichtig und hob sein Haupt in die Höhe. Die vielen funkelnden Kristalle in jener Höhle drehten sich, als er sie anblickte.

„Ich war schon einmal in diesem Land, als Bote… Dies soll euer neues Land sein. Aber es liegt in Zeldas und deiner Entscheidung, ob ihr in dieser Welt euer Zuhause finden wollt.“

 

Der Held des Windes beobachtete die vielen funkelnden Kristalle in dem Gewölbe, die zu tanzen schienen. Ein Gefühl von Ruhe und Erleichterung überschwemmte ihn während die vielen winzigen Gebilde sich nach Daphnos‘ Magie drehten wie Hunderte sterbliche Wesen. Wie jene Menschen am Meeresboden, die wieder tanzen können würden. Dann… genau und nur dann, wenn der Held dieser Welt sein Gesicht zeigte und sie zurück in die Freiheit führte.

„Sie ist in Gefahr…“, sprach Daphnos leise. „Jene Wächter in dieser Welt werden versuchen ihre Macht zu rauben. Ich kenne jene, die unmenschliches Verderben an ihre Nachkommen weitergeben. Und das hyrulianische Volk, noch vertraut es den falschen Wesen. Aber die Zeit ist reif für einen Neuanfang. Die Zeit ist reif, dass dieses Hyrule die Chance bekommt, die das alte Hyrule, welches ich regierte, nie besaß.“

 

Link sah zu ihm auf, jenem König der alten Zeiten, sah seine Gestalt in einem fast tränenden weißen Licht Rechtmäßigkeit verkünden. Das war es, was er immer an ihm bewundert hatte. Der alte, gute Leuenkönig sprach so gerecht, er hatte jene Erfahrung, Weisheit und Weitsicht, die über das Schicksal entscheiden konnten. Der Held des Windes hatte in ihm immer ein Vorbild, Stärke und einen Vater gesehen…

 

„Wann immer du meine Hilfe brauchst, Held des Windes, werde ich dir erscheinen. Doch nun verweilte ich schon zu lange. Die Göttinnen rufen mich nach Hause.“ Link nickte und verbeugte sich ein letztes Mal vor ihm.

„Ich danke Euch, Daphnos“, murmelte Link, und vergoss eine Träne, da er sich selbst wieder erkannte, da er wieder wusste, warum er lebte, da sein wahres Ich zurückgekehrt war. Und die heilige Erscheinung des letzten Königs von Hyrule machte sein Herz schwer.

„Ich vertraue dir Zelda an“, sagte Daphnos. „Prinzessin Zelda ist dein Schicksal… Beschütze sie… ihr Geschlecht darf niemals aussterben. Niemals…“

 

Eine Gänsehaut überkam den Heroen, als die Ströme von weißer Magie den alten König umhüllten, ihn in diese entsetzliche Heiligkeit hüllten, die von der Nachwelt gegeben war, und sein Abbild verschwand…

Des Helden ernster Blick war in die Höhe gerichtet. Seine Beine setzten sich in Bewegungen. Und er selbst, das einst so tapfere, gerechte und selbstlose Herz in seiner Brust, schlug tosend vor sich hin. Das Schicksal hatte ihn wieder. Die Welt hatte ihn wieder. Und auch Tetra, nein, Prinzessin Zelda von Hyrule, hatte ihren Helden wieder!

 

 

 
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