Kapitel 99
 

4. „Ein neues Land… aber es wird nicht Hyrule sein...“ Teil 4

 

 

Nichtsahnend saß die einstige Fee Navi in jener lilienweißen Kutsche, die sie weit weg der Geschehnisse zu führen schien. Wärmesuchend schmiegte sie sich an jene flauschigen Pelze, die genau für diesen Zweck in der Kutsche lagen. Es war eiskalt… Der Morgen brach gerade an. Königlich und blutrot erhob sich die alte Sonne jener Welt über einem der östlichen Wipfel. Wie Staub schienen ihre Strahlen sich über diese winterliche Landschaft zu legen. Navi dachte daran, was sie zu dem störrischen Helden des Windes sagen wollte, was sie ihm erklären wollte. Außerdem interessierte sie brennend, woher er sie kannte. Er musste sie schon einmal gesehen haben, zumindest sagte sein verwirrter, ernster Gesichtsausdruck ihr das, als sie aufeinander getroffen waren. Navi rieb sich etwas die Hände, als die Kutsche unverhofft stehen blieb.

„Nanu?“, sprach sie zu sich selbst. Sie wusste ja, dass jene Kutsche irgendwie mit Magie arbeitete. Anscheinend mit Tetras legendärer Magie. Aber warum blieb dieses eigensinnige Fahrzeug auf einmal stehen? Navi wollte schon aus der Kutsche steigen, als jene ein Stück zurückfuhr und dabei einen wilden Bogen machte. Wie von Geisterhand wendete sie und fuhr genau den Weg zurück, den sie gerade erst zurückgelegt hatten.

 

„Hey!“, schimpfte die einstige Fee, sie brüllte so laut, dass sie wuchtige Lawinen hätte in Gang setzen können. Sie schnaubte, und diese Situation passte ihr überhaupt nicht. Sie überlegte schon aus der fahrenden Kutsche zu springen, aber welchen Sinn hätte das? Sie konnte ja nicht mitten in dieser Eiswüste herumlaufen! Frustriert lehnte sie sich zurück in den weichen, cremefarbenen Pelz, und verschränkte die Arme. Sie hätte nie gedacht, dass dies ihr Schicksal sein sollte. Sie war einst eine Fee, die den Frieden in magischen Wäldern liebte, wo Feen zart sangen, Kokiris fröhlich spielten und weise, alte Bäume mit knorrigen Gesichtern das Leben beobachteten. Und heute… da Hyrules geschenkte Vergangenheit, nach dem Zeitkrieg, dennoch endete… heute war sie eine Fee, die keine Flügel mehr besaß. Ihr einstiger Feenstaub war vom Wind verweht. Und ihre wahre Gestalt würde nie mehr wieder sein. Konnte es ihr irgendwer nachfühlen, wie es ihr ging? Sie war nicht Zelda, Prinzessin von Hyrule, die alles, was sie hatte, für Hyrule opfern konnte. Sie war nur eine kleine Fee, die mit Hyrule nicht abschließen wollte, und nun spielte sie einen unehrenhaften Aufpasser für das Kind erschaffen von Göttern. Welche bedeutsame Aufgabe war ihr noch zugedacht? Konnte sie sich überhaupt noch irgendwie nützlich machen? Selbst den Helden des Windes konnte sie aufgrund einer eigensinnigen Kutsche nicht überzeugen zu helfen…

Sie war einfach nur noch ein Trampel. Und das in ihrem Alter!

Traurig kuschelte sie sich in jenen Pelz, beobachtete die Sonne, während die Kutsche mit einer noch größeren Geschwindigkeit zurückfuhr. Sie wollte weinen, weil sie sich so verloren fühlte. Sie war einsam. Aber der Gedanke daran, dass sie ihr Schicksal selbst gewählt hatte-  sie verschmähte eine Wiedergeburt- hatte ihr bisher immer geholfen. Sie wusste auch, dass sie stark war. Und sie war stolz auf Link, den Helden der Zeit. Sie liebte ihn als Menschen aufrichtig. Die ganzen Grausamkeiten seines Schicksals, die er überstanden hatte, lösten mehr als Bewunderung in ihrem Herzen aus. Und sie wusste, er war stark. Dennoch fragte sie sich manchmal… war der Kampf gegen Ganondorf, wie er auf der Erde tobte, überhaupt noch zu gewinnen?

Sie beobachtete mit Tränen in ihren leuchtendgrünen Augen, wie die Sonne sich endlich über den Wipfeln Hyrulias erhoben hatte. Sie war wunderschön, brachte ein wenig Wärme in dieses karge Eisland, und auch etwas Wärme in ihre trübsinnigen Gedanken…

 

Währenddessen erreichten zahlreiche tapfere Krieger jenen See ohne Wiederkehr. Abgelegen befand sich dieser See nördlich der Stadt, umzingelt von Bergen mit spitzzulaufenden Wipfeln. Von weitem wirkten jene Gipfel wie graue Türme oder märchenhafte Statuen. Solange man nur etwas Phantasie besaß, saß auf einem der Berge ein gefräßiger Drache und leckte sich die Flügel. Und gleich daneben hockte in Stein gemeißelt eine alte Frau, die etwas stickte. Und wenn man noch mehr Phantasie besaß, schien das Gestein längst vergessene Epochen und vielleicht auch die Zukunft zu beschreiben…

Der See war umrahmt von hohen Laubbäumen, die ihr Wurzelwerk tief in den See vergraben hatten. Mehrere Inseln konnte man von hieraus erkennen und in der Insel, die am weitesten entfernt lag, war ein Gebäude, vollkommen aus Glas geschaffen. Das Licht der aufgehenden Sonne brach sich darin. Aber das Wasser des Sees, dunkel, pechschwarz, fast ölig, war das Einzige (bei der die das wird das Wort, das folgt, großgeschrieben), was diesem Ort etwas Unheimliches aufzwang. Rings herum lag Schnee, und es war kalt… Aber trotz niedriger Temperaturen war das Wasser des Sees nicht gefroren.

„Welche böse Macht hat diesem See sein Gesicht gegeben…“, murmelte Link, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. Es war ruhig hier, der weitreichende See hatte nicht die Spur eines Wellengangs, obwohl der Wind hier heftig wehte.

Die Pferde wieherten und waren sehr unruhig. Viele der einäugigen Krieger mussten absteigen, da die Tiere vor dem Wasser zurückschreckten. 

„Verhaltet Euch ruhig, Männer!“, rief Link, sprang von seiner Stute und trat vorsichtig an jenes Gewässer heran. Er zog sein Schwert und trat sachte mit den schneebehafteten Stiefeln in dieses finstere Gewässer ein. Ein ernster Blick von ihm ging über jene düstere Wasseroberfläche. Es gab keine Brücke, nirgendwo Boote oder irgendeinen guten Weg zu diesem gläsernen Haus, wo Tetra gefangen war. Sollte er zusammen mit diesem Heer durch dieses Wasser schwimmen, obwohl jeder von den Bewohnern Hyrulias wusste, dass hier schlimme Dinge geschehen waren?

Link trat noch einige Schritte vorwärts, spürte, wie ein eiskalter Wind durch seine schulterlangen Haare tobte. Noch ein Schritt. Und noch einer hinein in das Ungewisse. Viele der Männer beobachteten ihn mit ehrfürchtigen und bewundernden Blicken. Link stand inzwischen bis zu den Knien in dem seichten Wasser. Es war wärmer, als er dachte. Er schöpfte etwas von dem kostbaren Gut, hielt es für einen Moment in seinen Händen. Es schien seine Hände schwarz zu färben…

Er spürte das Leben in diesem See. Unsterbliches Leben. Unvergänglich. Suchend und mordlüstern. Es waren keine Geister, das spürte er. Es war etwas anderes. Es mussten die vielen Toten sein, die ein scheußliches Ende gefunden hatten. Als der See entstand, mussten jene Wesen aus ihrem langen Schlaf geweckt worden sein.

So leid es ihm tat, aber er musste diesen See überqueren. Und er würde das Schwert der Legende auch an jenen Wesen, die nur durch Quälerei zu bösartigen Kreaturen mutierten, einsetzen. Und er musste diesen Männern im Hintergrund irgendwie beibringen, dass sie koste es, was es wolle, diesen See überqueren mussten. Sachte trat er wieder aus dem schwarzen Meer heraus, blickte ermutigend in die Augen der vielen Krieger und winkte Aphidel zu, der mit Klein- Link an die Spitze lief.

 

„Wir müssen irgendwie diesen See überqueren…“, sprach der Held des Windes in seiner etwas höheren Stimme. „Das Problem ist nur… ich spüre Hunderte von mordlüsternen Wesen, die nur darauf warten, dass wir zu der Insel schwimmen.“

Wie machte er das, fragte sich Klein- Link. Auch der Held der Zeit hatte diese Gabe, Böses zu spüren, bevor es überhaupt sichtbar war. Er wollte diese Fähigkeit ebenso besitzen, oder zumindest ansatzweise entwickeln können.

„Wenn uns nicht schnell etwas einfällt, ist Prinzessin Zelda von Hyrule…“ Mit einem Mal drehte der Held seinen Schädel, lauschte in die Ferne. Er hatte Schreie gehört, jedoch kamen diese nicht von der Insel. Irgendetwas produzierte einen scheußlichen Lärm, aber er konnte es einfach nicht zuordnen. Er führte seinen Zeigefinger an die Lippen, deutete an, leise zu sein.

„Hört Ihr das auch?“

Und tatsächlich war da von weitem ein Geräusch, welches wie ein hilfloser Kinderschrei durch die Welt tönte. Ein Rascheln war da noch, welches ebenso lauter wurde.

Aphidel nickte. „Was mag das sein?“

„Das hört sich an wie Navi!“, rief Klein- Link dann entgeistert. Er würde ihre Stimme immer erkennen, so oft wie sie ihn schon zu recht gestutzt hatte.

 

Und wie auf Kommando drehten die drei ihre Schädel in Richtung des Geräusches. Auch die anderen Krieger staunten nicht schlecht, als an einem Berg hinter ihnen eine schneeweiße Kutsche mit einer wuchtigen Geschwindigkeit den schneebeladenen Berg hinab sauste. Ein Mädchen mit blauem Kleid und blauen Schleifen in den Haaren stand hilflos in der Kutsche und klammerte sich mit dicken Kinderhänden an das Geländer.

Die Kutsche war außer Kontrolle geraten. Mit hohem Tempo sauste sie dahin und schien direkt auf den See zuzusteuern.

Navi schrie wie am Spieß und wusste nicht, wie sie die Kutsche anhalten sollte. Vor wenigen Minuten hatte es angefangen. Die Kutsche war vollkommen außer Kontrolle geraten und fuhr mit einer übelkeitserregenden Geschwindigkeit weiter. Sie war vom Weg in die Hauptstadt abgekommen und raste mitten in den See hinein.

Neben dem schrecklichen Getöse, welches die Kutsche verursachte, hörte sie inzwischen die Stimme Klein- Links. Sie blickte auf und sah das Heer, sowie den Helden dieser Welt. Und die Kutsche raste weiter, direkt auf diese Krieger zu.

„Hilfe! So helft mir doch!“, rief sie flehend. „Die Kutsche tut, was sie will!“ Sie senkte ihren Kopf und fragte sich, ob dieser Alptraum irgendwann ein Ende hatte. Sie spürte plötzlich, dass die Kutsche vom Erdboden abhob und mit einem heftigen Schlag auf der Wasseroberfläche aufkam. Durch die Wucht wurde eine Welle losgetreten, Wassermengen schnellten wirbelnd umher, Navi wurde durchnässt und ein Großteil Wasser spritzte in alle Himmelsrichtungen. Langsam hob sie ihren Kopf wieder, sah sich selbst auf der Wasseroberfläche und die Kutsche, wie von magischen Händen gezogen, schwamm gemächlich über diesen stillen, mysteriösen See. Die Räder bewegten sich dröhnend, aber versanken nicht. Wenn dies Tetras Magie war, so musste sie auch dies bedacht haben…

 

Navi sah, wie am Ufer Klein- Link und die anderen staunten. Nach wenigen Minuten, ohne Lärm, erreichte die einstige Fee die Insel in der Mitte des Sees. Und sie war damit nur wenige Schritte vom Eingang in die gläserne Gruft entfernt. Natürlich wusste Navi noch nicht um die näheren Ereignisse, und doch ahnte sie, dass diese Krieger vermutlich ebenso auf diese Insel gelangen wollten. Sie lachte, als sie mit zittrigen Beinen aus der Kutsche ausstieg, endlich wieder festen Boden unter den Füßen verspürend. Aber ihr Gleichgewicht konnte sie nicht sofort halten und so sackte sie erleichtert zu Boden. Sie winkte Klein- Link zu, der wie gelähmt am anderen Ufer stand. So, sie war nun hier, aber wie kamen diese Krieger ebenso auf die Insel? Sorgsam sah sie sich um, war aufgeregt und zugleich glücklich. Endlich hatte sie eine Aufgabe in diesem Gefecht.

Zweifelnd trat sie an jenes Gebäude aus Glas heran. Dieses Haus war zwar aus Glas, aber alles funkelte so stark, dass man nicht einmal einen Blick ins Innere werfen konnte. Nirgendwo befand sich ein Fenster und dieses Glashaus wirkte von außen auch nicht sehr geräumig. Es wirkte eher wie die Kuppe eines Daches, denn die Wände waren alle rund.

Direkt vor ihr befand sich nur eine Tür. Ein violett funkelnder Rahmen rundete jene Glastür ab, in welche mit vorsichtigen Händen hübsche Verzierungen und engelsgleiche Gestalten geschaffen wurden. Sie überlegte, ob sie diese Tür wirklich öffnen sollte, oder darauf warten sollte, bis diese Krieger hier waren… Aber diese standen alle so dümmlich dreinschauend am anderen Ufer, dass sie es vielleicht doch wagen sollte. Die Kutsche rührte sich nicht mehr, und vielleicht war es Tetras Wille, dass Navi hier an dieser Stelle blieb.  

 

,Okay‘, sagte sie zu sich selbst, drückte ganz vorsichtig gegen jene türgrifflose Öffnung und wagte einen Blick hinein. Sie trat über die Türschwelle und war erstaunt über den Innenraum. Tatsächlich war jener nicht sehr groß und es standen nirgendwo Möbel oder ähnliches. Aber dieser Raum hatte ein Funkeln, was ihr Tränen in die Augen treiben wollte. Alles glitzerte so schön. Sie fühlte sich verzaubert und irgendwie ein wenig zurück in einer langvergessenen Heimat.

„Wunderschön…“, murmelte sie. Auf dem Boden war ein großes Rad angebracht. Aus einem violett schillernden Metall. Das war das einzige in diesem glitzernden Raum ohne Ecken. Wozu dieses Rad wohl gedacht war? Ob sie es in Bewegung setzen sollte? Das große Rad besaß unzählige Zacken, die raffiniert mit weiteren, winzigen Zahnrädern verbunden waren. Rasch blickte sie sich um und entdecke nicht weit entfernt einen violetten Hebel.

„Das mach‘ ich jetzt!“, rief sie erfreut und hastete zu jenem Hebel. Er war nicht verstaubt. Etwas frisches Blut klebte daran, was ihr sagte, dass er erst vor kurzer Zeit benutzt worden war. Ihr Herz klopfte nun so stark in der kindlichen Brust, dass sie dachte es wollte aus diesem Körper heraus pochen. Ihre ganze Energie galt diesem Augenblick. Sie würde diesen Hebel in Bewegung setzen. Das große Rad würde sich drehen und dann…

Ihre Hände zitterten vor Nervosität und legten sich geschmeidig um das weiche Material an diesem Hebel. Sie drückte jenen mit ihrer ganzen Kraft nach unten, worauf sich das Rad quietschend bewegte. Der Hebel sprang nach oben. Sie betätigte ihn wieder, worauf sich das Rad noch schneller an den anderen kleinen Rädern rieb. Und noch einmal…

 

Außerhalb waren Klein- Link und die anderen sehr beunruhigt, dass jenes Mädchen ganz alleine auf dieser Insel weilte. Wer konnte das verantworten? Wenn sie auf jene Wächter traf, war sie des Todes…

Der Held des Windes wollte gerade Anweisungen geben, dass jeder, der mutig genug war, ihm in diesen See folgen sollte. Schwimmen war vermutlich die einzige Lösung. Er hatte kaum angefangen die Aufmerksamkeit der Krieger auf sich zu ziehen, als jene Aufmerksamkeit von einem weiteren, gewaltigen Ereignis verdrängt wurde. In dem pechschwarzen See stiegen mit einem Mal etliche Blasen auf. Kleine, feine Perlen aus Luft, die zerplatzten, als sie die Oberfläche erreicht hatten.

„Tretet zurück!“, rief der Held, worauf das Heer nur wenige Meter zurückwich. Gewaltige Wassermassen erhoben sich, als vom Boden des Sees ein gigantischer Bau aus Gestein an die Oberfläche kam. Die feinen Räder, die Navi in Bewegung setzte, lösten einen Mechanismus aus, den vermutlich die Wächter an diesem Ort kreiert hatten. Das Getöse endete… Das Gewässer beruhigte sich wieder. Doch vor den vielen Nasen der einäugigen Krieger erhob sich nun stolz, stattlich und stabil eine Brücke aus Stein.

Der Held des Windes grinste. Ja, er konnte gar nicht anders und zog sich an der schönen Stute wieder hinauf in den Sattel.

„Los, Männer! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“, brüllte er und ritt allen voran auf jene Brücke. Die Krieger der Welt Hyrulias folgten ihm tapfer. Einige warteten am Ufer, andere postierten sich auf der Brücke und in etwa fünfzig Männer, zusammen mit Klein-Link und dem erwachsenen Helden schritten direkt auf die Insel. Sie empfingen Navi an der gläsernen Tür in das rätselhafte Gebäude und erklärten ihr, was bisher geschehen war. Einige Männer folgten dem Mädchen schließlich in den Innenraum.

 

„Es ist übrigens beruhigend, dich zu sehen, Götterkind“, sprach Navi sanft. Der Angesprochene grinste darauf nur. Er war mindestens genauso froh, dass diese Nervensäge vor ihm stand. „Und es ist einiges geschehen…“

„Ja, nur sollten wir diese Mission langsam zum Abschluss bringen. Wir haben noch andere Welten vor uns“, meinte sie und präsentierte den Kämpfern endlich den Innenraum.

„Ich habe vorhin diesen Hebel in Bewegung gesetzt. Und neben der Brücke, haben sich unter diesem violetten Zahnrad einige Treppenstufen in der Finsternis aufgetan.“ Tatsächlich waren einige Stufen sichtbar, die in eine tiefe Dunkelheit führten.

Einige der Krieger setzten sofort ihre stählernen Beine in Bewegung und wollten gerade die Treppenstufen hinabsteigen, als der Held des Windes sein Schwert zog und dieses den kampfbereiten Männern vor die Nase setzte.

„Moment. Ich gehe zuerst“, sprach er deutlich und ging vorneweg. ,War ja zu erwarten‘, dachte Navi. So wie sie ihn einschätzte, wollte er sich den ganzen Ruhm alleine einheimsen. Er wollte vermutlich die ersten Gegner unschädlich machen, um zu zeigen, wer hier der Anführer war. Und so schritten jene Männer, und die beiden Kinder in jene Dunkelheit. Die Einäugigen leuchteten den Weg mit violett schillernden Armbändern, die einen angenehmen, hellen Schein in diese Finsternis brachten. Auch Klein- Link und Navi bekamen jeweils eines der Armbänder von Aphidel geschenkt.

Das unterirdische Reich funkelte in einer Schönheit, die niemand der hier wandelnden jemals gesehen hatte. Im Untergrund befand sich ein Schacht, der so tief sein musste, dass es eine Stunde dauerte, ehe sie alle am Boden angekommen waren. Das Gestein an den Seitenwänden schimmerte. Als wären unzählige Glasstücke in allen Farben in den Erdboden eingefasst.

Außerdem bestach dieses unterirdische Gewölbe durch dutzende Treppenabschnitte, die hier und da verliefen oder abrupt endeten. Nur die Treppe, auf welcher die Krieger marschierten, schien bis zum Ende zu laufen. Der Held des Windes war wachsam, richtete seine Augen auf jede noch so kleine Verräterei und flüsterte seinen Mitstreitern mehrmals zu, sich ruhig zu verhalten. So tapsten sie gemächlich vorwärts, lauschten ihren eigenen Schritten in der dünner werdenden Luft, hörten Wasser leise plätschern und ab und an kreischte in diesem Höhlenraum eine Fledermaus.

 

Oberhalb schien noch alles ruhig. Die Sonne hatte sich ganz deutlich über diese Welt erhoben. Ihre Strahlen, wärmend, angenehm und mild, zogen rasch die Aufmerksamkeit der Krieger auf sich, die hier und da standen. Auch an anderen Orten… Am Hafen. In der Hauptstadt. In nahegelegenen Dörfern. Überall pulsierten jene warmen Strahlen, schillerten auf dem unnatürlichen Eis jener Welt…

Es fing unsichtbar an. Niemand konnte es bisher sehen. Keiner der Lebendigen hörte die winzigen Geräusche, die von zersplittertem Eis herrührten…

 

Nach vielen Minuten waren die Kämpfer allesamt am Ende der über hundert Treppenstufen angelangt. Und noch hatten sie ihr Ziel nicht erreicht. Ein hohes Tor im Untergrund galt es nun noch zu öffnen, und das, ohne Aufsehen zu erregen. Link misstraute der Stille ein wenig. Sollten diese Wächter nicht Dutzende von ihren Monstern, wie immer jene auch aussahen, oder irgendeine andere Vorkehrung als Hindernis geplant haben?

„Was schlagt Ihr vor, Held?“, meinte Aphidel und legte eine Handfläche sachte über jenes steinerne, teilweise vereiste Tor.

„Ehrlich gesagt…“ Der Heroe stoppte seine Worte. Beinah hätte er gesagt, er fühlte sich ratlos, was so nicht ganz stimmte. Es gab immer noch die Option einfach dieses Tor aufzubrechen und dann in den dahinterliegenden Raum hineinzustürmen.

„Diese Tür atmet...“, murmelte Aphidel. „Wenn wir sie aufbrechen, wird sie sicherlich sehr ungemütlich werden.“ Mmh, sowas in der Art kannte Link bereits. Während seiner Abenteuer hatte er es schon mehrmals mit verhexten Türen zu tun gehabt. Allerdings ließen die sich durch ein paar robuste Hiebe schnell beseitigen.

„Und was nun?“ Tetra war da drinnen. Und irgendetwas sagte dem Helden, dass das Ritual schon lange begonnen hatte. Navi trat dann vor und legte ebenso eine Hand gegen das magische Gestein. „Dieses Tor ist in Wirklichkeit gar kein Tor“, meinte sie. „Es ist ein verzaubertes Lebewesen.“

„Huch“, entgegnete Klein- Link verwundert. „Woher weißt du das denn?“ Er machte große Augen. „Es ist seltsam, aber ich habe in einem Buch im Hause der Götter über so etwas gelesen. Es gibt so viele Kreaturen auf der Welt, die ihre Opfer in einfache Gegenstände verwandeln. Und wenn dieses Tor atmet, so ist das doch Hinweis genug, nicht?“ Einige Einäugigen nickten.

 

„Da magst du recht haben, Kind“, sagte Link.

„Ich bin kein Kind!“, fauchte sie.

„Nicht? Ihr seht aber so aus.“

„Man urteilt über jemanden nicht anhand von Äußerlichkeiten“, zankte sie und trat dem Kerl ans Schienbein.

„Da hast du Recht…“, murmelte er schmerzverzerrt und streichelte sein schmerzendes linkes Schienbein. „Anscheinend sollte man Kinder tatsächlich nicht unterschätzen“, seufzte er und erhielt dafür einen bitterbösen Blick der einstigen Fee.

„Aber, was tun wir jetzt?“, stotterte der Heroe dann und gab der einstigen Fee Navi milde kleine Knuffe auf ihren blonden Kopf. 

Noch ehe sich der Held versah, packten einige Einäugigen dann seltsame Geräte aus ihren Gürteltaschen. Merkwürdige Stifte. Einer kramte ein Mikroskop hervor. Der Dritte ein Glasauge. Der Nächste eine Glühbirne und eine Kugel. Und der Letzte eine Tafel aus Glas.

„Lasst uns das mit diesen magischen Gegenständen durchziehen“, meinte Aphidel. „Wir haben schon mehrere Wesen vom Bann der Wächter befreien können. Wenn das hier der Fall ist, wird es uns gelingen.“

 

Und es dauerte nicht lange, da hatten die Einäugigen die Geräte in der Nähe des Tores platziert. Aphidel las eine komplizierte Inschrift auf jener gläsernen Tafel vor, wiederholte jene, sprach sie immer wieder. Einen Moment lang dachte man, es passierte nichts. Und doch, wenn man auf das Glasauge achtete, so zeigte sich dort eine Färbung des Auges. Es wurde violett. Dann begann es sich zu bewegen, schien eine Linie zu malen und bewegte sich zu jedem der Gegenstände, bis alle Gegenstände zusammen ein Muster gespannt hatten. Es musste eine Glyphe sein, die die Einäugigen gerne verwendeten. Sie glühte, funkelte, und erhob sich träge, nur um wie von Geisterhand im gläsernen Augen zu verschwinden. Dann hüpfte das gläserne Auge an das steinerne Tor. Es knallte mit solcher Wucht dagegen, dass es zerplatzte. Die Scherben hafteten an dem steinernen Tor, drangen in das Material hinein, bis man den Schrei eines Lebewesens hören konnte. Das Tor zersprang ebenso in einer ewigscheinenden Sekunde. Dahinter erschien den Anwesenden ein Tunnel, wo blaue, grüne und rote Lichter an den Seitenwänden die Finsternis vertrieben.

Und auf dem Boden in gläsernen Scherben, in purer Nacktheit mit langem, hellblondem Haar, saß eine junge Frau, die die vielen Männer mit verstörten grünen Augen musterte. Sie war kein Mensch, was jeder der Anwesenden sofort registrierte. Denn auf ihrem Rücken trug sie prächtige, durchscheinende, blauglänzende Flügel. Sogar ihre weiche, ebenmäßige Haut trug einen leichten blauen Schimmer.

 

„Wie könnt Ihr… Wie könnt Ihr es wagen!“, schrie sie und schaute noch verstörter als vorher umher. „Glotzt nicht so! Gebt mir etwas zum Anziehen!“, brüllte sie.

Der Held des Windes kratzte sich am Bart und grinste verräterisch. Sie war nicht nur sehr aufreizend, sondern bis ins Äußerste attraktiv.

„Hört Ihr nicht!“, schimpfte sie, bis ihr Blick zu Navi fiel und sie verstummte. Auch Navi erwiderte ihren Blick und die Röte wich aus ihrem Kindergesicht.

Endlich packte Aphidel einen violetten Mantel aus einer Tasche und reichte ihn der Dame schleunigst, ehe einer der Einäugigen noch Nasenbluten bekam.

„Danke!“, pfefferte sie ihm unwirsch entgegen.

Rasch bohrte sich die vermeintliche Elfe mit ihren Fingerspitzen zwei große Löcher an der Rückenseite der Kleidung, zog sich den Mantel um ihren schlanken Körper und erhob sich. Sie legte anscheinend keinen Wert zu laufen, sondern schwang ihre Flügel, sodass sie wenige Zentimeter über dem Boden schwebte.

„Die Wächter haben mich in dieses hässliche Tor verwandelt, auf dass ich diejenigen vernichte, die versuchen es zu durchbrechen“, erklärte sie. „Ich danke Euch. Hinter mir befindet sich ein kurzer Tunnelabschnitt und dann erreicht ihr die große Halle, wo sich die Wächter aufhalten“, setzte sie hinzu, aber hatte einen etwas grimmigen Ausdruck in ihrem Feengesicht. „Nur seid vorsichtig… Das Ritual hat schon begonnen. Der Prinzessin des Schicksals ist bereits ein Teil Lebenskraft geraubt worden, um zu schmelzen, was geschmolzen sein muss… und um zu erschaffen, was böse ist…“

Nickend zogen die Krieger an der hübschen Dame vorbei. Nur Navi blieb einfach stehen, während auch Klein- Link den dahinter liegenden Tunnel entlang marschierte.

Die einstige Fee verkrampfte ihre Hände und blickte das magische Wesen mit traurigen Augen an. Da war ein Funken Hoffnung in ihren grünen Kinderaugen…

„Euer Name… ist Euer Name Navi?“, fragte die vergessene Fee dann und was sie darauf als Antwort bekam, würde mehr sein als ein ,Ja‘.

 

In eben jenem Augenblick rebellierten die Menschen, die nicht den Kriegern gefolgt waren, in der Hauptstadt und versammelten sich auf dem Platz vor dem Schloss. Die Menge tobte. Die Menschen fühlten sich hintergangen und entehrt… Und in so manchem Haus, wo jene Menschen streng gehütet, verborgen und gepflegt, eine Seele besaßen, die von dickem Eis umrahmt war, war es Zeit, dass die Wunder geschahen, die Hyrulia schon lange vergessen hatte. Und in der Höhle, ebenso behütet, tief unter der Erdoberfläche, wo einäugige Wesen melancholische Melodien erschufen, gespielt von gläsernen Instrumenten, auch dort war das große Wunder gekommen. Selbst am Hafen, wo plötzlich kräftige, stürmische Wogen des Meeres an das Ufer prallten, schien eine Kraft entfesselt, die als das große Wunder Hyrulias in die Geschichte eingehen würde. Auch auf den weiten Wiesen, wo einst Gräser atmeten, wo einst Blumen in jeder Pracht blühen konnten, würde der Wind das Alte hinfort wehen…

Die Krieger, welche auf der Brücke am See ohne Wiederkehr postiert waren, die Menschen an Land, in den Städten und Dörfern, sie alle sahen auf, blickten in den Himmel, als sich die Sonne hinter einem vergehenden, grauen Wolkenfetzen wieder zeigte. Es war als würde das erste Mal seit Ewigkeiten die Sonne in dieser Welt aufgehen, als hätten die Menschen vergessen, wie warm und wohltuend ihre Strahlen sein konnten. Und sie strahlte, sie strahlte brennend…

Auf den weiten Wiesen, schneebedeckt und karg, funkelte die Schneedecke, während sich der Schnee in sein anderes Gesicht, in klares, reines Wasser, wandelte…

 

Navis Augen schlossen sich, als die befreite Fee sie umarmte. „Ich weiß nicht, was mit dir passiert ist“, sprach die, die sich zu erkennen geben wollte. „Mein Name ist zwar nicht Navi, aber Navaeli…“, meinte sie. Bedauernd blickte sie das Kind an. „Du warst einmal wie ich, ich meine, von Gestalt und Zauber her.“

Navi nickte nur und blickte scheu an der Fee vorbei.

„Wo ist dein Zauber hin verschwunden?“

„Das ist eine lange Geschichte…“, meinte sie. „Und ich komme nicht von dieser Welt. Es ist möglich, dass wir einander in verschiedenen Welten entsprechen.“

„Gut möglich… weißt du was? Ich habe eine Idee.“ Und die giftgrünen Augen der Erwachsenen funkelten. Und die Fee zupfte sich eine blauschimmernde Feder aus ihrem Flügelgewand. „Du weißt, was du damit tun kannst?“, meinte sie. Navi nickte und lächelte ein wenig. „Es soll mein Geschenk an dich sein… denn, wenn du aus einer anderen Welt stammst, ist es sicherlich deine Aufgabe weiterzuziehen.“

„Ja, aber jetzt sollten wir den anderen folgen, ich werde dir die Dinge erklären.“ Damit eilten die beiden ebenso den Tunnel entlang.

 

Sie bewegten sich rasch in das hohe, riesige Gewölbe, welches nach dem Tunnel zum Vorschein kam. Einige Krieger waren am Ende des Tunnels postiert und hielten Wache. Sie nickten, als die beiden Feengestalten an ihnen vorbeihetzten. Die Beiden erkundeten dann vorsichtig das unterirdische Reich, waren beide weiterhin mehr fasziniert als beängstigt. Es war ein riesiger Raum hier im Untergrund, wo mächtige Säulen in die Höhe ragten. Abbildungen der Göttinnen, als sie das einstige Hyrule erschufen, waren hier in das Gestein gemeißelt. Und sichtbar funkelnd durch eingefasstes buntes Glas, aber umschlungen von Schatten, war hier ein Weg. Hinter jenem Weg lag die Gewissheit, was mit Tetra geschehen war.

Rasch hetzten die beiden jungen Damen hinter eine breite Säule und sahen nur wenige Meter weiter einige Krieger. Klein-Link und auch der heldenhafte Anführer des Heeres versteckten sich im Schatten jeweils einer Säule. Sie schlichen herum, verbargen ihre Antlitze dann erneut hinter einer Säule und kamen allmählich einem Flüstern näher. Mehrere Stimmen sprachen monoton, schienen verbotenen Stoff aus entweihten Büchern vorzulesen. Es war entsetzlich… Niemand verstand die leisen Worte, aber allein ihr dunkler Klang hetzte den Kriegern Gänsehäute über ihre Rücken. 

Und während viele der Krieger begannen zu zittern, spürten, dass nun der Moment gekommen war, in welchem sie ihr Leben lassen könnten, so wuchs in den Adern des Helden, dem Gebieter über das heiligste Schwert der Welt, Aufregung und der Drang zu töten. Er fühlte Wut in sich aufsteigen, roch die Gefahr, und irgendwo in seinem Herzen stachelte ihn die Zuneigung für Tetra an, sich zu beeilen. Etwas stimmte nicht… und es machte ihn rasend.

Die Kämpfer schritten dem Unheil näher. Das monotone Gefasel der Wächter wurde lauter. Und zwischen dem Gefasel, zwischen den unseligen Worten über Tod und Wiedergeburt von namenslosen Kreaturen, erklang ein Seufzen, ein Ächzen und Schluchzen, welches jedem guten Kämpfer den Mut aus den Adern riss. Es klang so schmerzverzerrt, so einsam, so wehleidig, als würde die letzte Seele einer Welt über Einsamkeit und Verluste weinen.

 

Link war dabei jede Geduld zu verlieren. Sein Triforcefragment des Mutes glomm auf und sein letzter Geduldsfaden riss. Mit dem Schwert in der Hand rannte er zu, direkt den funkelnden Weg entlang und stand plötzlich vor einem leichten Abgrund. Die Säulen endeten hier. Ein breiter Riss befand sich hier zwischen verschiedenen Stockwerken, und etwa ein Stockwerk tiefer, hell erleuchtet von magischen Fackeln an allen Seitenwänden, befanden sich jene Wächter und lasen mit zum Beten gerichteten Händen aus einem Buch hervor. Es waren sieben Wächter, allesamt besaßen sie verhutzelte Gestalten. Lange, dünne Finger ruhten auf ihren Büchern. Dunkle Augen blickten argwöhnisch umher. Und auf einer gläsernen, runden Platte, heilig und schön, lag Tetra…

Ihr platinblondes Haar war offen und fiel zerstreut über jene Platte. Es war seidig und glitzerte…

Ihr Körper war umhüllt von einem lila Kleid mit weitem Rockteil. Der samtene Stoff fiel an den Seiten jener Glasplatte hinab.

Silbern schimmernde Fesseln wanden sich um ihre Hand- und Fußgelenke. Und ihre Augen… ein reines Blau voller Sehnsüchte und Macht… war getrübt von kristallenen Tränen, die ihre Wangen hinab liefen. Link musste kein Hellseher sein, um zu sehen, dass sie litt.

 

Augenblicklich suchte er nach einem Weg nach unten. Aber nirgendwo an diesem höllischen Ort befanden sich Treppenstufen, die ihn zu ihr führen würden. Er trat noch etwas näher, als sich Tetras hübsches Gesicht zu seinem drehte. In ihren Augen stand keine Überraschung ihn zu sehen. Lethargie und Traurigkeit waren darin verankert. Sie schloss ihre Augen und schüttelte leicht den Kopf.

Verwirrt schrak der Heroe einen Meter zurück. ,Sie wollte seine Hilfe nicht?‘ Ihr Blick war ein eindeutiger Hinweis. Er taumelte und lehnte sich an die letzte Säule hier oben, bevor der Abgrund kam. ,So war das also…‘, dachte er. Er hatte mit seiner Haltung die letzten Wochen, nein Monate, mehr kaputt gemacht, als er gedacht hatte. Tetra litt, und alles, was sie ihn mit ihrer Gestik sagte, war, dass er ihr nicht beistehen sollte? Was dachte sie sich? Dachte sie wirklich, er wäre so herzlos, dass er sie ihrem Schicksal überlassen würde?

 

Gerade da erreichten weitere Krieger, Klein- Link und Navi das Geschehen.

„Was tun wir jetzt?“, flüsterte Navi, der nicht entgangen war, dass Tetra Qualen erlitt, auch wenn keiner der Anwesenden so recht verstand, was vor sich ging.

„Ich weiß es nicht…“, murmelte Link und ließ das Masterschwert aus seiner Hand fallen. Er war so entmutigt. Alles, wofür er jetzt kämpfen wollte, war Tetra. Es wunderte ihn zwar nicht, dass sie ihn nun mit so gemischten Gefühlen ansah, aber dass sie nicht einmal seine Hilfe wollte, obwohl sie unter Schmerzen stand, das setzte ihm sehr zu.

„Was ist mit dir?“, meinte Klein- Link, stemmte seine Hände in die Hüfte und schaute dann zu dem legendären Masterschwert. Ohne Leuchtkraft lag es da auf dem kalten Boden. Sachte berührte er mit den Fingerspitzen jene heilige Waffe, bis er den ledernen Griff umfasste und es dem Heroen reichte.

„Tetra möchte meine Hilfe nicht…“, sprach der Erwachsene leise. „Und ich kann es ihr nicht einmal verübeln…“

Verwundert blickte Klein- Link zu der Prinzessin des Schicksals. Gefangen in den Händen der Wächter würde sie jeden Lebenshauch verlieren.

„Aber sie stirbt, wenn du nicht etwas tust!“, sagte er lauter, worauf einer der Wächter schon seine Augen nach oben richtete. Schnell senkten alle Anwesenden die Köpfe.

„Das kannst du nicht zulassen… du bist ihr Beschützer…“, meinte Klein- Link weiterhin. „Hast du vergessen, was in dir schlummert? Du kannst diese Wächter zum Teufel jagen.“

„Das weiß ich!“, sprach Link klar und deutlich. „Nur wünscht Tetra meine Hilfe nicht. Was denkt Ihr, warum sie sich in diese Situation gebracht hat? Doch nur, um mir zu zeigen, dass sie das alles auch ohne mich schafft.“ In dem Augenblick hatte der Heroe eine wutgeladene, rechte Kinderfaust in seinem Gesicht. Navi konnte dieses Gejammer nicht mehr ertragen und pfefferte dem Helden einen Faustschlag, der es in sich hatte.

„Du bist eine Schande, Held des Windes“, brüllte sie und hielt sich dann ihre schmerzende Hand. „So einen Feigling wie dich hab ich im Leben noch nicht gesehen!“, schrie sie. „Denkst du, Tetra hat das getan um dir eins auszuwischen? Sie ist sicherlich taff und stark, aber sie ist schließlich auch ein Mensch. Sie ist verletzt! Sie liebt dich, aber sie ist enttäuscht von dir… so sehr, dass sie deine Hilfe nicht erträgt.“

 

Mit aufgerissenen Augen kniete der Held vor der einstigen Fee und blickte jene verwundert an. Es war nicht nur ihre Faust in seinem Gesicht, die ihn aufgeschreckt hatte, sondern das, was sie sagte… Tetra liebte ihn…

Kopfschüttelnd trat er auf seine Beine, kramte den Enterhaken aus einer Tasche und nickte den Beteiligten zu. „Okay… dann lasst uns tun, was getan werden muss.“

,Auch, wenn mich Tetra dafür köpfen wird‘, dachte er still. Sie mochte es nie, wenn er nicht nach ihren Anweisungen handelte. Diesmal jedoch, musste er eine Ausnahme machen, das war richtig. 

 

Die Wächter hielten in dem Augenblick starr und bettelnd ihre Hände in die Höhe, summten, lachten. Und endlich wurden ihre Worte klar.

„Du Weib, welches das Blut das Schicksals in sich trägt. Du Gefallene, die nun uns sieben, wo wir einst eins waren, erwecken und befreien soll. Du unbefleckte Geburt des edlen Königshauses, befreie uns. Du Jungfrau, gib uns deine Macht!“ Ihre schiefen, kratzigen Stimmen ertönten und zerrissen die dünne Luft in diesen Höhlen. Ihre Worte ließen die alten Wände in jenem Untergrund erschüttern. Und aus den langen dünnen Fingerspitzen der Kreaturen wuchs dunkler Rauch. Eine entweihte Seele hob sich aus jenen sieben Wächtern empor, setzte sich allmählich zusammen, wurde eins und sammelte sich über dem wehrlosen Körper der letzten Prinzessin Hyrules… Sie schlug inzwischen um sich, riss an den Fesseln. Kleine Schreie blieben in ihrer Kehle stecken, stattdessen spuckte sie Blut. Die dunkle Seele, welche jene Wächter befreien wollten, sank nieder, suchte die Macht in jenem Körper der Prinzessin. Doch als sich die Seele des Urbösen in ihr manifestieren wollte, zersprang sie plötzlich mit einem lauten Knall.

 

„Was ist geschehen!“, giftete Eridés und warf das Buch in seinen Händen zu Boden.

„Was habt Ihr getan!“ Er schimpfte und war außer sich. Seine langen groben Finger legten sich um Tetras Hals um sie zu erwürgen. Sie grinste, während Blut von ihrem Mundwinkel rann. „Der Plan von Euch sieben wieder eins zu sein, wird nicht aufgehen. Aber dafür ist nun diese Welt geheilt.“ Sie hustete. „Tut mir leid Euch zu enttäuschen, aber ich bin keine Jungfrau mehr.“ Und fortwährend grinste sie, sie grinste rebellisch. Das also war ihre Absicht gewesen. Tetra hatte jene Wächter nicht nur durchschaut, sie wusste auch, was sie für diese Welt tun konnte, und dass diese Wächter letztlich ihre Ziele nicht erreichen konnten.

„Ihr seid keine Jungfrau!“, schimpfte Eridés und schlug ihr mit der blanken Faust ins Gesicht. „Ihr seid ein dummes Weibsbild, aber keine Prinzessin!“ Gerade da stieß ein kraftvoller Pfeil Eridés in die rechte Schulter und der Wächter ließ von Tetra ab. Alle Augen der bösen Kreaturen richteten sich nach oben, sahen dort einen Helden im grünen Gewand stehen und hinter ihm viele Verbündete. In einer Hand hielt er inzwischen ein zum Töten bereites Masterschwert, dessen heiliger, weißer Glanz sich auf den sieben niederträchtigen Wesen verlor, die inzwischen kreischten. In der anderen Hand hielt der Held die Kette seines Enterhakens, den er zuvor in einem unbeobachteten Moment verschossen hatte. „Ja, sie ist keine Jungfrau mehr, ich war dabei, ich muss es wissen!“, rief der Kämpfer, worauf mancher Verbündeter und auch Tetra nur die Augen rollen konnte. Das war etwas, was niemand so genau wissen wollte. Aber für den Helden des Windes war es ein gefundenes Fressen sich auf diese Weise emporzuheben und wichtig zu machen. Elegant schwang sich der Heroe mitsamt seinem Schwert in der linken Hand nieder, zerstörte alle Fesseln, die Tetra banden mithilfe magischer Strahlen, die der Macht des Schwertes innewohnten. Schneller als die Wächter und Tetra realisieren konnten, packte er die verletzte Schönheit und schwang sich, ohne den Enterhaken loszulassen mit ihr zurück in Richtung des oberen Stockwerkes. Tetra blickte ihn während des Gleitens durch die Lüfte müde an. „Auch… wenn du diesmal nicht nach meinem Willen gehandelt hast, so bin ich echt froh…“, sagte sie leise und schloss dann vor Erschöpfung ihre Augen.

„Ich auch…“, meinte er bloß, und kam beunruhigt auf dem Vorsprung an. Tetra wirkte das allererste Mal zerbrechlich auf ihn. Er wusste mit diesem Gefühl überhaupt nicht umzugehen. Sie war sonst immer so stark und ließ sich von nichts umhauen. Und nun war sie am Rande der Bewusstlosigkeit und hatte für eine ihr fremde Welt ihren Hals riskiert. War sie schon immer so selbstlos, fragte er sich.

 

Navaeli, Navi und Klein- Link nahmen Tetra dann in ihre Obhut. Die erwachsene Fee trug die einstige Prinzessin mit Leichtigkeit auf ihren Armen. „Ich möchte, dass ihr drei zusammen mit Tetra hier verschwindet. Ich schätze…“ Und sein Blick fiel auf jene Wächter, die mit giftenden Blicken in die Richtung der Krieger stierten. „.. hier gibt es noch eine Schlacht zu schlagen. Ehe diese Wächter nicht bezwungen sind, können die Hyrulianer nicht ruhig schlafen.“ Dann fiel sein Blick auf Tetra. „Passt auf sie auf, ja…“, sagte er leise, fast so, als hätte er es gar nicht gesagt. Damit waren die Drei mit der Prinzessin auf dem Weg zurück an die Oberfläche.

 

Und jetzt begann der Kampf, der über das Schicksal Hyrulias entscheiden sollte. Wie Furien zischten die Wächter umher, hoben mit ihren scheinbar gebrechlichen Gliedern vom Boden ab. Von ihren dürren langen Armen spaltete sich jeweils ein gläserner Stab ab, den sie schwangen. Sie erreichten zankend das höhere Stockwerk, stießen wie tollwütige Tiere ihre Stäbe gegen die Streiter des Guten. Endlich brannte die Schlacht. Jeder Schweißtropfen, den die Krieger des Guten hier verloren, war der Hoffnung auf Veränderung, Frieden und Gerechtigkeit wert. Aphidel und seine anderen einäugigen Begleiter fochten die Schlacht ihres Lebens. Sechs Wächter stellten sich ihnen in den Weg, wussten ihre Zauberstäbe gut einzusetzen, und ihr Alter, die Gebrechlichkeit, die nach außen wirkte, war in ihren Schlägen nicht spürbar. Mit einer schier übermenschlichen Kraft raubten sie den Kriegern die Standfestigkeit und verlangten ihnen alles ab, was sie in jahrelanger Fechtkunst gelernt hatten.

Der Held des Windes hatte ebenso seinen Gegner gefunden. Schmierig grinsend stand der alte Eridés vor ihm und ließ seinen gläsernen Stab in der rechten Hand kreisen. Link war davon unbeeindruckt und hob das leuchtende Masterschwert in die Höhe.

„So bin ich denn dein Gegner, Held!“ Es war die Art und Weise, wie verachtend der Alte das Wort Held ausspuckte, was Link fast vertraut erschien.

„Und ich der deine!“, rief Link. Zielsicher sauste er mit dem Schwert in der Linken und dem Schild in der Rechten auf seinen Feind zu, setzte seine Gewandtheit, Kühnheit und Ausdauer in deftige Schläge um, die stets das Ziel nicht verfehlten. Und doch wusste Eridés immer zu parieren, grinste, immer dann, wenn das legendäre Schwert auf das robuste Glas jenes Kampfinstrumentes stieß. Sie schwangen ihre Waffen mit Geschwindigkeit, mit Stärke, bis Link endlich den Glasstab unter seinem Schwert vergrub. „Ihr seid eben doch ein alter Mann“, sprach Link finster und wollte gerade einen weiteren Treffer setzen. Plötzlich aber brach eine violett schillernde Kugel aus jenem Glasstab, traf den überraschten Helden direkt in der Magengegend und schleuderte ihn meterweit an eine massive Säule. Mit einem überraschten Grinsen rappelte er sich auf und wischte sich das Blut von seiner aufgeplatzten Lippe.

„Mag sein, dass ich alt bin, dennoch bin auch ich ein Krieger gewesen, der außer dem Tod, die wahre Natur der Kraft kennt!“, sprach der Alte und winkte dem Heroen zu. Dieser ließ sich sofort provozieren und sauste erneut mit dem Masterschwert auf Eridés zu. Die Waffen prallten mit höllischer Kraft gegeneinander. Funken stoben und heftige Kampfschreie ertönten. Auch Aphidel und seine Mitstreiter wirbelten mit ihren Fechtkünsten umher, griffen manchen Wächter zu dritt an, und doch besaßen jene Kreaturen eine Kraft, die alle drei Angreifer wie von Zauberhand zurückschleuderte. Während sie alle kämpften, fiel so manche Säule um. Manche heftige Attacke hinterließ Löcher in den Wänden. Der Untergrund wurde gefährlich. Nicht nur das Wasser war nun in der Lage hier einzudringen…

 

Währenddessen trug Navaeli die schlafende Tetra an die Oberfläche. Klein- Link und Navi folgten nachdenklich. Jetzt waren sie schon so lange hier, und hatten für den großen Kampf gegen Ganondorf auf der Erde noch gar nichts erreicht.

„Navi?“, meinte der Junge dann. „Mir ist vor einigen Stunden was Blödes passiert.“ Er kratzte sich an der Stirn und versuchte das Ereignis von vorhin, als er blass geworden war irgendwie auszudrücken, aber so recht wollte ihm das nicht über die Lippen gleiten.“

„Was genau?“, wollte sie wissen.

„Nun ja, es ist so“, fing er an. „Ich war auf dem Marktplatz und wollte mit einigen Leuten sprechen. Und dann habe ich mir die Mütze runter gerissen und bin dort drauf herum getrampelt.“ Navi blieb dann stehen und funkelte ihn bitterböse an.

„Und um mir das zu sagen, machst du so einen Aufriss?“

„Äh, nein, nein… so meinte ich das nicht. Ich saß dann auf einer Treppenstufe und habe überhaupt nichts von der Kälte gespürt.“ Und immer noch konnte Navi damit nichts anfangen. Hätte das Götterkind gegrummeltes goronisch, im besten Dialekt mit all seinen Eigenheiten gesprochen, würde sie vielleicht mehr verstehen.

„Du bist Hopfen und Malz verloren“, schnauzte sie und lief dann zufrieden neben Navaeli weiter. Das Götterkind aber seufzte und blickte zu Boden.

 

Im Hintergrund erschallten die Nachklänge der Kampfschreie und ließen das alte Gestein hier unten erschüttern. Eine große Pfütze war direkt vor Klein-Links rechten Fuß. Und von oben tropfte stetig etwas Wasser. Er seufzte wiederrum und blickte dann eher rasch, und unbedacht noch einmal in jene Pfütze, wo sich die Decke jenes Tunnels spiegelte. Massives Gestein, dunkel und schwarz. Und direkt über ihm funkelten zwei rote Steine wie Augen. Verwundert drehte er dann seinen Kopf nach oben, und machte dort etwas aus. Zuerst wollte er es nicht so recht erkennen. Es erschien ihm belanglos. Doch dann bewegten sich jene zwei roten Steine und von dem massiven Gestein hob sich etwas ab, was schlürfend und zischend an der bröckelnden Decke entlang kroch. Klein-Links Herzschlag schnellte hinauf. Zitternd fasste er an den Griff seines Dolches, den er irgendwann vielleicht von seinem Vater geschenkt bekommen könnte.

 

„Navi…“, stotterte er, worauf die einstige Fee zusammen mit Navaeli verwundert stehen blieb, und ihn, wie so oft, argwöhnisch beäugte.

„Hast du was gesagt?“

„Wir… wir…“ Und mit einem Mal rannte das Götterkind an ihnen vorbei in Richtung Ausgang. „An der Decke kleben irgendwelche Kreaturen!“, rief er. Auch die beiden Feen blickten nach oben, sahen dort mehr als nur ein menschlich aussehendes, nacktes Wesen mit brauner Haut und rotleuchtenden Augen. Sie krabbelten auf allen vieren an der Decke entlang. Als sich ihre Münder öffneten, um zischende Laute auszustoßen, stachen spitze Zähne und lange Zungen aus den Mäulern hervor.

„Das sind die vergessenen Moorwesen! Lauft!“, schrie Navaeli, die mit Tetra vom Boden abhob und mit hoher Geschwindigkeit vorwärtsflog. Auf der Suche nach Rache für ihre grausamen Morde würden jene jedes menschliche Fleisch mit ihren Krallen zerreißen. Navi und Klein- Link rannten so schnell ihre Beine sie tragen konnten und stießen Schreckenslaute aus. Die Horde an mordlustigen Kreaturen folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Sie waren so schnell auf ihren vier Beinen, so rasch bewegten sie sich über den glitschigen Boden, als würde ihnen dies den Weg ebnen.

In der Schwärze leuchteten dann die Armbänder einiger Krieger des Heeres, die mit schnellen Schritten angerannt kamen. Sie musste jene Schreie gehört haben. Zwischen Navi und Klein-Link hetzten jene gewandten Kämpfer mit gezogenen Schwertern hindurch und schlachteten das rachsüchtige Leben ab. Zischende Laute. Schreie des Heeres. Klirrende Klingen. All dies erfüllte den Untergrund von Hyrulia.

 

Klein- Link blieb ungeduldig stehen, während Navi weitersauste. Die Oberfläche war nicht mehr allzu weit. Inzwischen waren sie in den langen Schacht mit den vielen Treppen angelangt. Und er fragte sich, ob er nicht ein noch größerer Feigling war als der Held des Windes vorhin. Er steckte in einem elf Jahre alten Körper, war so alt wie der Held der Zeit, der einst in jenen jungen Jahren begonnen hatte, das kämpfen zu lernen. Sollte er sich diesen Biestern nicht stellen? Musste er weglaufen wie ein dummes Stück Vieh vor einem Wolf? War es nicht seine Pflicht zu kämpfen? Zaghaft schaute er den Dolch an, den er seit er denken konnte, bei sich trug. Er sprang in seinen Gedanken hin und her zwischen einem erworbenen Angstgefühl… und der Wahrheit in seiner Seele. Er wurde für den Kampf geschaffen. Er hatte sogar schon Ganondorf besucht. Er würde ganz sicher in der Lage sein, wenigstens eines dieser Missgestalten in die Hölle zu schicken.

 

Er drehte um und achtete nicht auf Navis entgeisterten Gesichtsausdruck. Seine kindliche Waffe gezückt rannte er zurück und hörte die Schreie des Heeres wieder näherkommen. Das Götterkind würde sich erst dann in seiner Haut wohl fühlen, wenn er zumindest eines dieser Wesen vernichtet hatte. Ja, er hatte noch nie etwas getötet… Es würde ein schreckliches Gefühl werden, aber verlangten die Götter und sein Schicksal das nicht von ihm?

In der Finsternis erkannte er die lilaschillernden Armbänder, sah jene sich heftig bewegen, so wie die Krieger, die erbarmungslos kämpfen mussten. In dem Augenblick nahm ihm eine flinke, lange Zunge mit einem Schlag den Boden unter den Füßen. Klein- Link krachte schmerzhaft nieder. Sein Dolch fiel ihm aus der Hand und landete irgendwo klirrend in der Dunkelheit. Spärlich diente sein Armband als Lichtquelle. Aber der schwache Schein gab soviel preis, dass er wusste, eines der Moorwesen lauerte hier. Und das Wesen, welches sich ihm in den Weg stellte, zischte, raschelte und sprang mit einem schnellen Satz näher. Gewandt kroch es über den glitschigen, kalten Boden, schlug mit seiner schleimigen Zunge um sich. Es war so schnell, dass Klein- Link nicht wusste, wie er es nur ansatzweise bekämpfen sollte. Er hetzte umher, blickte suchend über den Boden. Wo nur war sein Dolch?

 

Der Angstschweiß tropfte ihm von der Stirn, seine Knie zitterten. Und noch immer hatte er seine einzige Waffe nicht entdeckt. Die Bestie sauste ihm hinterher, streifte mit der schleimigen Zunge knapp sein linkes Schienbein und erneut fiel das Götterkind auf den steinharten Boden. Er hatte Angst, ja… nun wusste er, was Angst war. Hatte er als kleines Kind überhaupt eine Chance gegen so eine Bestie, die sich in der Dunkelheit sicher bewegen konnte, die sich die Nacht zunutze machte? Der Schock saß ihm in den Gliedern, als die Bestie plötzlich vor ihm hockte. Rotgemusterte Augen blickten ihn durchdringend an. Eine krokodilartige Schnauze öffnete sich und gab gelbe, spitze Zähne preis. Mit einem Satz schnappte es nach ihm, biss ihm einige blonde Haarspitzen ab. Geradeso hatte das Götterkind zurückweichen können. Er wollte weiter zurückkriechen, spürte aber dann eine der Seitenwände des Tunnels in seinem Rücken. Und die rotfunkelnden Augen des Moorwesens kamen näher. Es zischte, öffnete erneut sein nach Äther riechendes Maul, bereit dem Götterkind diesmal mehr als nur ein paar Haarspitzen abzubeißen. Klein- Links Hände griffen suchend in den Erdboden neben ihm. Paralysiert saß er einfach da und bewegte sich nicht weiter vorwärts. Nur seine Hände griffen in den kalten Matsch, suchend nach einer letzten Verteidigungsmöglichkeit. Er schloss die Augen, bereit einen Schmerz zu spüren, den er noch nie erfahren hatte. Seine Hände ergriffen etwas. In dem Augenblick wirbelte er den Gegenstand herum, stieß diesen, noch ehe er registrierte, dass es sein Dolch war, kreischend hinein in das stinkende Maul der Bestie vor ihm. Zappelnd schreckte das Ungetüm zurück, ächzte und brüllte, schlug um sich, bis es leblos am Boden liegen blieb.

Klein- Link nahm einen tiefen Atemzug, schien nun endgültig zu Boden zu sinken und umarmte seine Knie. Er hatte es geschafft. Er hatte eine Bestie umgebracht… nur… Er war nicht so stolz darauf, getötet zu haben, wie er es erwartet hatte. Es war ein unwürdiges Leben, welches jene Kreatur fristen musste. Aber hatte sie deswegen den Tod verdient? Zweifel überkamen ihn. War das sein Schicksal? Ja, er wollte irgendwann so heldenhaft wie Link werden. Er wollte seinen Mut beweisen. Aber es widerte ihn plötzlich an, dafür jemals wieder einen Dolch oder sogar ein Schwert in die Hand zu nehmen. Er wollte das nicht. Er schüttelte den Kopf, rappelte sich auf, und ließ den Dolch einfach mitsamt der sterbenden Bestie liegen. Er rannte auf seinen zittrigen Knien vorwärts, kniff seine Augen zusammen. Und rannte. Nichts wie weg…

 

Die Schlacht im Untergrund war indes an ihrem Wendepunkt angekommen. Aphidel und seine Streiter hatten die Übermacht, einige Wächter getötet und andere lagen bewusstlos am Boden. Drei jener Wächter waren angekettet und sollten vor dem Gericht Hyrulias eine gerechte Strafe verdienen. Nur Link und der Anführer der Wächter schlugen weiterhin wie wahnsinnig mit ihren Schwertern aufeinander ein. Ihre schnellen Bewegungen, ausgefuchsten Schläge, selbst die Magie, mit derer die beiden arbeiteten, war hypnotisierend und genial.

Während des Kampfes wurden so viele Säulen hier unten zerstört, sodass dieser Untergrund nicht mehr lange bestehen konnte. An vielen Wänden bröselte das braune Gestein, mit dem der Untergrund erschaffen wurde.

Erneut knallte eine Säule mit einem ohrenbetäubenden Krach zu Boden, sprengte den Boden etwas entzwei und Wasser drang langsam in jene Höhlen ein. Link wich gerade zurück, lehnte sich erschöpft an eine Seitenwand und verschnaufte kurz. Eridés stand lauthals lachend gegenüber, triumphierte markerschütternd und grinste teuflisch. Für einen Moment zogen sich die vielen Falten in seinem Gesicht zurück, gaben ein starkes Männergesicht preis. Seine in dunkle Augenhöhlen versunkenen Glaskörper erhoben sich und Augen mit goldener Farbe blickten den Helden eindringlich, gefahrvoll und verachtend an. Weißes Haar wurde feuerrot…

 

„Denkst du, ich habe nicht gemerkt, dass du einer der wiedergeborenen Helden bist?“, rief sein teuflisches Gegenüber und wuchs um die Hälfte an. Sein Körper war nun tatsächlich nicht mehr der eines Greises. „Erkennst du deinen Erzfeind endlich!“, fauchte die Kreatur und schickte dem Heroen eine Kugel mit blanker schwarzer Magie entgegen, die er vor Schreck nicht zurückschleudern konnte. In letzer Sekunde wich er dem Geschoss aus, spürte noch eine gnadenlose Hitze und Wucht jener Kugel, die an seinen schulterlangen Haaren vorbeischrammte. Der Held des Windes konnte es nicht glauben… und die Dinge, wie sie jetzt waren, ließen sich einfach nicht begreifen… Warum hatte ihn Daphnos, wo er ihn vor wenigen Stunden getroffen hatte, nicht vorgewarnt? Warum musste selbst ein abgespaltenes Hyrule wie dieses seinen Teufel haben?

 

„Es ist immer… immer das gleiche irrwitzige Spiel um die Macht, Held!“, rief Eridés, der seinen wahren Namen nicht aussprach. Erneut schickte er eine zerstörerische Energieansammlung in des Helden Richtung. Und diesmal schleuderte Link es geschickt und mit großer Stärke zurück. Eridés lachte, nahm jene Energie in seine rechte Hand auf, und endlich versank die Kreatur wieder in das Wesen eines alten Mannes.

 

„Link!“, rief Aphidel. „Beeil dich, diese Höhlen werden einstürzen!“

Der Heroe nickte, ließ aber sein Gegenüber nicht aus den Augen. Er sah etwas gefahrvoll blitzen in jenen dunklen Augenhöhlen, wusste, dass dieser Feind seinen letzten Trumpf noch nicht ausgespielt hatte.

„Geht!“, brüllte der Held des Windes. „Geht, Aphidel!“

Die Einäugigen nickten lediglich, packten die bewusstlosen drei Wächter, um jene von gerechten Händen richten zu lassen, und verschwanden in der Finsternis.

„Nun zu uns!“, sprach Link unter den erschütternden Schlägen, die umfallende Säulen und herabfallende Gesteinsbrocken erschufen. Sein wildes, dunkelblondes Haar war inzwischen mit feinem Staub bedeckt, sein Gesicht etwas dreckig. Und getrocknetes Blut hing störend an seinen Mundwinkeln.

„Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast selbst in dieser Welt zu existieren, Teufel!“, rief der Heroe und spuckte etwas Dreck und Staub mitsamt der Spucke aus seinem Mund.

Als Antwort ließ der Alte eine weitere zischende Energiekugel auf den Schwertkämpfer zuwandern. Aber auch diese schlug er behände zurück. „Unkraut vergeht vermutlich nicht“, murrte Link und hob eine Augenbraue. Daraufhin lachte Eridés: „Das könnte ich auch zu dir sagen, Held!“ Mit einem Kampfschrei, der tief seiner Kehle entsprang, stürmte Link erneut auf seinen Erzfeind nieder. Die Waffen prallten mit gnadenloser Zerstörungskraft aufeinander, während Wasser in dieses unterirdische Reich einströmte, Säulen umfielen und Gesteinsbrocken niederregneten.

„Auch wenn du mein Erzfeind bist… du hast an Kraft verloren, Teufel!“, fauchte Link, schwang das Schwert immer gnadenloser und schneller. Er ließ jenes mit einer Kraft niederkrachen, die Eridés in dem Augenblick zurückschleuderte. Der gläserne Kampfstab brach entzwei und eine große Platzwunde ließ dickes, schwarzes Blut über das faltenreiche Gesicht des Alten wandern. Dennoch grinste jene dämonische Kreatur und begann zu lachen. Wild geworden warf er einen nach dem anderen Energieball nach Link, der jene sicher abzuwenden wusste. Einige schleuderte der gewandte Kämpfer direkt zurück zu Eridés, dessen Leib jene tödlichen Kugeln mit heftigen, zuckenden Bewegungen aufnahm. Dennoch lachte der Alte, bis er auf seine dürren Knie stürzte.

„Du bist schwach“, sprach Link furchtlos und trat mit dem gezückten, scharfen Masterschwert näher. „Dumm und wertlos.“

 

Inzwischen wurde der Untergrund unpassierbar. Größere Wassermassen drangen durch alle möglichen Risse und Löcher im Gestein ein, begannen den Innenraum zu fluten. Der Krieger stand bereits mit seinen Stiefeln in dunklem, öligem Wasser und es stieg stetig.

„Ich schätze, du bist nur ein Siebtel deines wahren Gesichts, Teufel“, sagte der Held leise. Seine Stimme war ruhig, aber in seinen blauen Augen stand Hitze und Zorn, Anspannung und Verachtung. Eridés lachte weiterhin grunzend: „Irgendwann, Held, gehen auch in diesem Hyrule die Lichter aus. Hyrule… ist kein Land, das die Ewigkeit vor sich hat. Ich werde zurückkehren. Und auch dieses Hyrule wird enden…“

„Genug geschwätzt, Bestie!“, fauchte Link. Gnadenlos richtete er das Schwert in die Höhe. Er wusste, was es zu tun galt. Der Streiter des Guten wusste es, seit er das Böse das erste Mal gefochten und bezwungen hatte. Nur aus diesem Grund trainierte er. Nur aus diesem Grund existierte er…

„Dies ist für die Menschen Hyrulias“, sprach der Held, setzte das Schwert tiefer. Und in dem Augenblick, wo er den Göttern im Tod eine neue Seele schickte, war es fast so, als kam mit diesem Kampfende eine Welle Heilsam über ihn. Er empfand Ruhe. Inneren Frieden.

„Und es… ist für Zelda… meine Prinzessin“, sprach der Held des Windes und schlug der Kreatur zielsicher und erbarmungslos den Kopf von den Schultern.

Es war vorbei. Der Anführer der Wächter hatte sein Ende gefunden. Nun galt es nur noch sicher und lebend hier herauszufinden. Mit diesem Gedanken hetzte der Held in Richtung Ausgang.

 

 
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