Kapitel I
 
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Kapitel 1

 

Arianas Welt war nie im Gleichgewicht. Jene war nie einfach…

Umgeben von ihren eigenen Monstern, absurden Vorstellungen vom Diesseits und den Welten fern abseits, hatte sie geleugnet, was im Leben Wahrheit sein sollte, was Leben an sinnerfüllten Genuss und auch tieferen, sehnsüchtigeren Gefühlen mit sich bringen konnte. Sie war nur ein verwünschtes, hässliches Kind in der einen großen Welt, die aus vielen Greisen bestand.

Manchmal fühlte sie sich so reich wie die Natur, die sie umgab. Die Erde mit ihren natürlichen Gesetzen, ihrer Grenzenlosigkeit, die doch so abrupt enden konnte, dass es sie schmerzte. Und manchmal war die Welt klein und unbedeutend, einsam und leer…

Sie liebte die Phantasie, verehrte die Feen, geboren und gestorben in alten Wäldern, konnte sie jene spüren, wollte jene singen hören und deren Glückseligkeit mit ihnen teilen. Sie liebte den kristallenen Regen, schmolz an reinen Sonnenstrahlen, die der feurige Himmelskörper niederschickte. Und mehr als dies erfreute sie sich an dem farbigen Regenbogen, wo Kobolde ihre Goldtöpfe versteckten. Und es war mehr als einmal, dass sie versuchte an einem Regenbogen hinaufzuklettern.

Mit einer tiefen Freude, die selten ein menschliches Wesen empfinden, hauchsanft an sich kommen lassen würde, genoss sie die Blütenblätter, die im Frühling von den Laubgeschöpfen fielen. Dort in ihrer Heimat, der geheimen, unschuldigen Welt am Ende der jetzigen, sterblichen.

Ihre ganze Zuneigung, bodenlos tiefe Liebe, galt dem Meer der Fantasie, dem zauberhaften Erinnern an etwas so Geheimes, so Stolzes. Nicht fassbar in Worte, nur fühlbar mit einem Antlitz, welches sich von der Menschenwelt unterschied. Sie war ungewöhnlich, sicherlich, aber sie war sie selbst. Frei und sehnsüchtig. Unschuldig und gewiss, für einen liebenden Menschen, nicht einfach…

Wenn ihre Seele lachte, wenn sie strahlte mit einem so unschuldigen Gesicht, würden vielleicht auch die Elfen tanzen und der Wind seine Magie verkünden. Sie lebte. Sie genoss. Sie war die eine… Besitzerin tiefer, unverständlicher Lebensfreude…  

 

Doch, so wie die Zeit dahinschwand, starb mit jeder Sekunde etwas anderes in ihrem Inneren. Ein buntes Laubblatt, welches in Asche zu Boden fiel, würde niemals genug sein, um ihre sehnsüchtige Welt am Leben zu halten. Die Engel in den Lüften, silbrig schimmernd, freundlich lächelnd, würden vielleicht niemals eine Hand nach dem menschlichen Wesen ausstrecken, welches sie war. Und dieser Gedanke schmerzte…

Menschlichkeit schmerzte…

Ihre geheime Welt war so kompliziert gestrickt, dass sich niemand bemühte jene Welt nur ansatzweise zu verstehen.

Und an einem Tag… schlief diese Welt endgültig ein… sie endete und sie selbst, das Mädchen ohne Gefühl, ohne Herz aber mit Sinn für ein größeres Verständnis vom gewöhnlichen Leben, bemerkte es nicht einmal…

Sie spürte nicht ihre Kälte, die sich in Form von dunklen Gedanken über sie legte. Sie bemerkte nicht, dass sie sich veränderte, dass sie diese eine Welt vermissen würde…

Sie vergaß. Und sie fürchtete sich mehr als alles andere… vor dem Erinnern…

Ihr Gesicht war nicht mehr dasselbe. Die Besitzerin von tiefsinniger Lebensfreude hatte ihren eigenen Glauben, ihr Licht und was am sichtbarsten war, ihr Lächeln vergessen…

Sie hatte noch ihre Träume, aber tief darin verankert sah sie das eine nicht mehr. Das eine winzige Stückchen Glück, leise und wunderschön war es, versunken und heilig. Ein Stückchen Glück in Form von Nähe, Wärme, Zuneigung und unstillbaren Gedanken an Genuss und Ehrfurcht.

 

Wenn sie durch den goldenen Wald wandelte, der sie erinnern wollte an ihr wahres Gesicht, ignorierte sie den Ruf ihres eigenen Herzens, weil sie sich fürchtete. Und wie oft war es in den Wäldern, dass man sie rief, dass dort eine Stimme wartete, die ihr sagen wollte, finde zurück, finde mich und lass dich finden…

 

,Lass’ dich finden…‘

 

Ein Gedanke an Zuhause und eine Welt in Tränen. Drei Worte begleitet mit einem Gefühl bestehend aus verlorener Harmonie und trauriger Aufrichtigkeit.

 

,Lass‘ dich finden…‘

 

Und manchmal im Geheimen, in den stillen Kämmerchen ihres Heimes, in der Einöde der sterblichen Menschenwelt wollte sie glauben, dass jene Worte wahr wären. Gesprochen von dem ihren Verlangen wünschte sie sich deren Existenz.

Es würde der Tag kommen, an dem sie gefunden wurde. Von geheimen Zauberern, von Kindern, die noch lachen konnten, von einem Wesen, welches ihrem glich, von dem Märchen, welches sie auf ewig band. Sie würde gefunden werden, auf eine Weise wie niemand sonst gefunden wurde. Und ihre reine Seele, das strahlende Kind in ihrem Inneren, das goldene Wesen mit gerissenen Engelsflügeln sollte wieder lächeln und fliegen können…

 

Aus dieser Hoffnung bestand ihr Leben Tag ein Tag aus. Sie war so reich, so wunderbar und einzigartig. Eine Hoffnung, die niemals starb, aber ewig auf Erfüllung wartete.

Das Mädchen alterte, wenn nicht äußerlich, dann innerlich. Das Mädchen vergaß immer mehr und behielt doch irgendwo in ihrem traurigen Herzen diese schier unbegreifliche Hoffnung auf unendlich Gutes, auf vergebenes Glück.

 

Sie würde nicht vergessen werden, jene Welt im Geheimen. Sie würde niemals vergessen werden, aber ruhte, um erneut zu erwachen…

 

,Erwache… auch… für mich…‘, summte es in ihren Träumen, die nicht blieben.

 

,Erwache…‘

 

Und wie bei jedem Erwachen schlug das Mädchen hastig, ja ruckartig ihre Augen auf…

 

Das Erwachen am Morgen war immer dasselbe…

Die wärmenden Morgenstrahlen würden über das winzige Dachfenster in das spärlich eingerichtete Zimmer dringen, in welchem sie ihr Dasein fristete.

Dann würde wie an jedem gewöhnlichen Morgen ihr Wecker quietschend klingeln und ein unsägliches Geräusch sollte die angenehme Stille vertreiben, die das Zimmer so friedvoll machte. Sie würde ihre trüben Augen ein weiteres Mal öffnen, sich an eine fast schlaflose Nacht erinnern, in der leidenschaftliche Geschichten eines alten Zeitalters durch ihren Kopf geisterten und sie nicht schlafen ließen. Bilder von blutrünstigen Wesen mit Fell und froschartigem Körperbau, Klauen, an denen getrocknetes Blut hing. Schlachtfelder, wo stattliche Krieger kämpften, deren Edelmut und Kühnheit wie wilde Flammen in ihren Augen loderten.

Dann sah sie jede Nacht Welten fern abseits, sah stolze Berge, die wie eine gewaltige, einrahmende Kette ein golden schimmerndes Tal umrahmten. Und in diesem Tal fiel der Regen… blau war er… so blau wie das weite Meer.

Eine Welt, die sie zu Tränen rührte, wann immer sie ihr begegnete. Sie war heilig…

Sie war bedeutsam, wenn auch nur eine Phantasie…

 

Da war soviel Wahnsinn in diesen Vorstellungen; soviel Erstaunen und Fassungslosigkeit weckten diese aufregenden, wenn auch grauenhaften Vorstellungen in ihr, dass sie sich selbst fürchtete. Aber es war ihr Lebenselixier…

Es war ein Saft, der sie hinderte auszutrocknen, in einer grausamen Menschenwelt, wo viele Bedürfnisse totgeschwiegen werden mussten.

 

Und dennoch…

wenn der Tag anbrach, schwiegen diese Bilder wieder, sie wurden nebensächlich, wenngleich sie ständig in ihrem Hinterkopf herumgeisterten.

 

Und wie jeden Tag würde sie sich aus den warmen Bettlaken erheben, sich strecken, sich mit dem Morgen herumquälen, weil es- wie es für einen depressiven Menschen gehörte- nichts gab, das motivierte und Freude bereitete…

Obwohl… War sie wirklich depressiv? Vermisste sie nicht nur etwas Sinnhaftigkeit?
Und mit diesem hoffnungsvollen Gedanken, tapste sie in das veraltete, häufig unsaubere Badezimmer, welches in dem Korridor lag.

Als sie in das Zimmerchen trat, welches neben einer engen Dusche, nur ein abgenutztes Waschbecken und eine klappernde Toilette besaß, wurde sie sofort an das Umfeld erinnert, in dem sie wohnte. Es war ein kleines Umfeld, schon fast an der Armutsgrenze…

In diesem riesigen Haus wohnten nur ihr Onkel und sie…

Und sie war die einzige, die sich um die Ordnung kümmern konnte und sie schaffte in dem dreistöckigen Mehrfamilienhaus- ihr Onkel hatte es geerbt- nun wirklich nicht alles allein. 

 

Und die spärliche Hygiene, der Mangel an neuen Dingen in jenem Haus belehrten sie einmal mehr darüber, was sie war, wie sie von anderen jungen Menschen gesehen wurde.

Altmodisch.

Dumm.

Unwichtig…

,Unwichtig‘, dachte sie. ,Genau.‘

 

Sie bereitete sich auf den Tag vor, duschte, putzte Zähne und grübelte über ein paar alberne Schularbeiten nach, die jedoch innerhalb von Sekunden nicht mehr in ihrem Interesse lagen.

Ihre blauen Augen, trübsinnig und leer, wanderten zu dem Spiegel, der etwas wiedergab, was sie erschreckte.

Versteckt liegende Augen, die nicht mehr richtig sahen.

Ein blasses ausdrucksloses Gesicht, kühl und bedrohlich wie der Tod. Verziert von vergangenen Grausamkeiten gestattete ihre Haut keinen lieblichen Anblick.
Und umgeben von dieser Kühle und Trauer, die aus ihrem Gesicht wühlte, hing kastanienbraunes Haar, ungepflegt, zerzaust, fettig- weil es sich für sie nicht lohnte es zu waschen. Sie sah so oder so unwichtig und hässlich aus…

Sie kämmte es kurz, und begann die hüftlangen Haare einfach und unordentlich zu einem Zopf zu flechten, klemmte jenen ab, zog sich ausgewachsene Jeans und weithängenden Pullover über ihren ohnehin dürren, siebzehnjährigen Körper und nahm dann den nächsten Schritt dieses morgendlichen Rituals auf sich.

 

Sie gähnte, ließ ihre Schultern hängen und setzte die Brille auf, die sie von ihrem Onkel geschenkt bekommen hatte. Sie sah zwar nicht viel besser mit diesen Gläsern, aber immerhin ein wenig, sodass es reichte…

Sei seufzte… einmal mehr… und zwang sich dazu ihr entstelltes Gesicht anzuschauen, betrachtete sich einige breite Narben, die von einem Unfall geblieben waren. Sie konnte sich an die Katastrophe nicht mehr genau erinnern, in welcher sie verwickelt war, und sie wollte es auch nicht. Es lag viele Jahre zurück, das Feuer, der Alptraum.

Ein paar Bilder waren da aber noch, die manchmal wiederkehrten, die sich gelegentlich nicht abstellen ließen.

Hellloderndes Feuer. Gefährlich und fressgierig, als hätte es ein Maul.

Schreiende Menschen, die nichts tun konnten um sich zu retten.

Und ein Licht… ein kühles Licht in der Hitze und der Asche war da gewesen. Es strahlte sehr hell, und es beruhigte sie, ließ sie in jenem Feuerkessel die Ruhe bewahren.

 

Sie war umhergeirrt zwischen verbrannten und bewusstlosen Menschen in einer öffentlichen Einkaufspassage. So lange, wie sie konnte, hielt sie damals die Augen geöffnet, folgte jenem kühlen Licht und es dauert nicht lange, da hatte sie das Licht weggetragen, irgendwohin geführt und dann erinnerte sie sich an nichts mehr, nur daran, dass sie in einem Krankenhaus mit Verbrennungen leichten bis schweren Grades aufgewacht war.

Aber sie lebte und das war ein Wunder für einige.

Und ein Wunder für sie…

Das Licht, still und geheimnisvoll in dem Feuer, hatte sie gerettet. Und seitdem war ihr Leben nicht mehr dasselbe. Sie war reifer geworden, wusste mit Ereignissen in der Welt anders umzugehen, schaute zwei oder dreimal hin, wenn etwas für sie neu war, und hörte zwei oder dreimal mehr zu…

Und gelegentlich sah sie dieses Licht in ihren Träumen, spürte einen leichten Zorn, Wagemut, aber auch wahnsinnige Zuversicht an diesem Licht…


Es war für sie ein Grund an Außergewöhnliches zu glauben. Und die Erinnerung an jenes Licht würde nie vergessen werden…

 

Man hatte damals von Brandstiftung gesprochen und später hieß es, es wäre ein Attentat gewesen. Die Leute hatten sich das Maul zerrupft um dieses Ereignis und bis heute war es nicht vollkommen geklärt. Bis heute wusste man nicht, wo der Brandherd lag. Bis heute gab es keine Verdächtigen, keine Schuldigen. Es gab nur die Erinnerung an die vielen Toten und dieses Mädchen, welches überlebt hatte.

 

Aber sie wusste, dass dieses Ereignis ihr Leben kaputt gemacht hatte.

 

Sie war die einzige Überlebende gewesen, und vielleicht schauten sie deshalb einige Leute in der Stadt so seltsam an, mieden den Blick zu ihr, wenn sie sie direkt anschauen wollte, wechselten die Straßenseite, oder sahen mit Mitleid in den Menschenaugen in ihr entstelltes Gesicht.

 

Einmal mehr sah sie in den Spiegel und hielt plötzlich nicht länger an sich.

Sie schlug mit der blanken Faust an den Spiegel. Sicherlich, sie hatte überlebt und sie hatte etwas Mystisches erfahren, etwas, was sie mit niemandem teilen konnte. Aber was hatte sie davon, dass sie überlebte? Sie war entstellt, ein Kind, ein lächerliches Kind…

 

Es war jeden Morgen so, sie war den Tränen nahe. Konnte sie sich nicht einfach mit ihrem Schicksal abfinden? Damit abfinden, wer sie war…

 

Und so trampelte sie aus dem Badezimmer hinaus, auf direktem Weg in die Küche, wo ihr Onkel- eigentlich nicht ihr richtiger Onkel- wie immer das Toastbrot verkohlen ließ. Er war ein einfacher Mann, Mitte vierzig, und dennoch einer der wenigen herzensguten Menschen, die sie kannte. Es war ewig her, dass er sie zu sich genommen hatte, da er ein Freund ihrer Mutter war. Ihre Mutter, die sich nie um sie gekümmert hatte, von der sie nichts wusste.

 

Ihr Onkel las gerade die Morgenzeitung und saß wie an jedem gewöhnlichen Morgen in seinem Lieblingssessel, der sogar einen Ehrenplatz in der Küche des Hauses hatte.

Ein zaghafter Versuch eines Lächelns huschte dem Mädchen über das Gesicht, als sie in die unaufgeräumte Küche trat und als erste Amtshandlung das verkohlte Toastbrot in den Mülleimer warf. Gerade da lugte der ältere, stämmige Mann mit seiner Halbglatze über den Zeitungsrand und musterte sie mit seinen schokoladenbraunen Augen. Verwunderung stand in seinem Gesicht und wie auf der Suche nach des Rätsels Lösung blickte er hinüber zu dem alten Toaster, dessen Tasten häufig klemmten.

„Du hast das Weißbrot wieder vergessen, Onkel Lyssardt…“, sprach das Mädchen und hob ihre beiden braunen Augenbrauen.  

Er grinste wie immer. Die vielen Falten in seinem runden Gesicht gaben sich preis, wenn er so grinste, aber es war ein herzliches Grinsen. Er hob eine Hand und fuhr sich damit durch das wenige Haar seines Hinterkopfes. Dann kniff er die Augen verspielt zusammen.

„Oh, ich weiß wohl, dass du immer darauf achtest“, lachte er und deutete auf den freien Platz ihm gegenüber, wo eine Tasse warme Milch stand. Wie auf Befehl setzte sie sich und versuchte zu lächeln. Ihr Onkel war der einzige Mensch, mit dem sie reden konnte, der einzige vernünftige, wie sie manchmal dachte.

„Ich hab gestern sogar Honig von der Nachbarin bekommen“, riss er sie aus ihren Gedanken. „Ihr Mann hat noch Unmengen von Gläsern übrig, die sie nicht verbrauchen.“ Dann lächelte er und zeigte mit der Hand auf das unbeschriftete Glas. Es freute sie ein wenig; und so belud sie eine Scheibe ungetoastetes Weißbrot mit dem Honig und biss genüsslich hinein.

Derweil erhob sich Lyssardt und kramte zwischen den Briefen umher und zog einen bestimmten heraus, der an das Mädchen ihm gegenüber andressiert war.

„Heute ist ein Brief für dich gekommen, aber es steht kein richtiger Absender darauf. Hier!“ Und damit schob er das Schriftstück über die Tischplatte.

Merkwürdig, dachte sie. Sie bekam doch nie Post. Wer sollte ihr überhaupt schreiben?

Dann las sie die unsinnigen Worte auf dem Absender. ,An mich selbst…‘ Sie wischte sich den restlichen Schlafsand aus den Augen und las das Geschriebene noch einmal. Aber der Brief war tatsächlich an sie adressiert.

,Was war das für ein dummer Streich?‘, fragte sie sich, öffnete den Brief verärgert, aber fand darin nur ein leeres, weißes Blatt Papier. Was sollte das? Verärgert knüllte sie den Brief zusammen und dachte ungewollt an einige Jugendliche, die gelegentlich solche Dummheiten ausheckten. Warum war bloß immer sie diejenige, die solche Verwirrung stiftenden Dinge abbekommen musste? Dann sah sie auf, verwundert, weshalb ihr Onkel angesichts des merkwürdigen Absenders kein Zeichen Überraschung zeigte.

,An mich selbst.‘

 

Sie schüttelte den Kopf und ließ den Brief auf dem Tisch liegen. Dann tapste sie zu ihrem Rucksack, der in der Küche stand.

„Das war wieder nur… ein dummer Scherz, nichts wichtiges…“, sprach sie finster und nahm den Rucksack auf ihren schmalen Rücken. Sie stand mit dem Rücken zu dem Mann, der sie aufgezogen hatte und ahnte, dass er noch etwas sagen wollte. Eine unangenehme Pause entstand.

 

„Ariana…“, meinte Lyssardt dann. „Wie lange willst du dich denn noch verkriechen?“

Sie hatte es geahnt. Seit Wochen und Monaten hatte der ältere Mann gemerkt, dass es ihr nicht sonderlich gut ging, dass sie sich verkapselte, in ihre eigene kleine Scheinwelt zurückzog.

„So lange…“ Sie hielt kurz die Luft an, weil sie nicht wusste, was sie antworten sollte. „… es nötig ist…“ Dann biss sie sich auf die Unterlippe.

„Du bist siebzehn Jahre alt, bald erwachsen…“, meinte er dann und trat auf seine schweren, abgenutzten Beine. 

„Ja, Onkel…“, erwiderte sie verärgert, aber drehte sich nicht um.

„Geh‘ hinaus… entdecke das Leben…“ Er konnte leicht reden, dachte sie. Wohin sollte sie gehen, wenn sie von den meisten Menschen merkwürdig gemustert wurde, als ob sie ein Alien wäre.

Sie ballte unbewusst die Fäuste. „Dann sag‘ mir… sag‘ mir, wohin ich gehen soll!“ Ihre Stimme erhob sich, ihre kleinliche, zarte Stimme, auch nur um wieder zu verstummen.

 

Sie hatte keine Freunde, nur solche, die die Hausaufgaben von ihr abschrieben, solche, die hinter ihrem Rücken sehr gern lästerten. Einst dachte sie, sie hätte so etwas wie eine Freundin. Jemand, dem man alles erzählen konnte. Jemand, mit dem man etwas teilte, was verband. Aber je älter sie wurde, umso mehr verstand sie von den gefährlichen Persönlichkeiten und den Intrigen, die manchen Menschen innewohnte. Menschen veränderten sich, manchmal nicht zum Guten…

 

Ihr Onkel stand plötzlich hinter ihr und legte eine Hand auf ihre magere Schulter. „Ariana, du bist etwas besonderes, vergiss‘ das nicht. In dir schlummern so viele Talente.“

Sie nickte, aber der skeptische Ausdruck in ihren Augen blieb bestehen. Sie wollte es wirklich glauben… nur war es nie so einfach. Ja, sie hatte Talente. Sie war eine Träumerin, deren Herz über eine Phantasie verfügte, die viele Menschen gerne teilen würden. Und sie hatte ihre Wege jene Phantasie um zusetzten. Manchmal malte sie Bilder… manchmal schrieb sie Geschichten.

„Diese Welt vergisst so viel, Ariana. Ich glaube daran, dass es Wege gibt, die niemand mehr beschritten hat. Ich glaube, dass es hinter dieser Welt Geheimnisse gibt, die nur bestimmten Menschen bestimmt sind. Und ich glaube noch immer… dass wir Menschen vergessen haben, dass es andere Dinge gibt, wofür es sich lohnt zu leben…“ Ariana lächelte mit Traurigkeit in ihren Augen. Dann drehte sie sich zu ihrem Onkel um.

„Du bist so ein herzensguter Mensch, danke, Onkel“, sagte sie, schnappte sich ihren und war aus der gemütlichen Küchenstube verschwunden. Ihr Onkel sah aus dem Fenster und beobachtete das Mädchen die Straße hinunterlaufen. Eine große Tasse Kaffee in der Hand, murmelte er: „Ja… du besitzt mehr Macht, als du dir jemals vorstellen kannst…“

Dann zog er die Vorhänge zu, und der stämmige Mann war vom Fenster verschwunden…

 
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