Kapitel: 1
 
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Der Anbeginn einer neuen Zeit…

 

Kapitel 1

In den reichen, vergessenen Welten, dort wo süßliche Winde wehen, die noch leben, wo feste Erde den Saft des Lebens in sich trägt, wo silbernes Wasser plätschert und Flammen mit solcher Kraft und Faszination lodern, das jedes Lebewesen erstaunt, vergehen die Tage und Nächte langsam bis erneut ein Jahr erloschen scheint. Unsere Welt… jene riesige Formation aus Gestein, gestaltet von unseren Wächtern, erbaut auf festem Grund, gekleidet mit Leben in jeder erdenklicher Weise, diese Welt…

Unsere Welt…

Meine Welt…

Sie ist ein Kunstwerk der Seelen. Ein Gemälde mit allen Farben des Lebens, spiegelt alle Gefühle wieder, die den Geschöpfen angeboren sind. Ein reiches Gemälde, Pinselstriche mit allen Gewalten, und jeder Sanftmut…

Manchmal vergeht in jener Welt ein Augenblick so träge, als wäre er unvergänglich. Und oft sind Jahre… Jahrzehnte… Jahrhunderte unbedeutend und leer… Dennoch scheint sich Zeit hier nicht zu manifestieren. Zeiten und Dimensionen, Grundpfeiler eines gigantischen Gebäudes von Glauben, Wissen und Leben, entscheiden über das, was wir sind.

Unsere Wächter hatten entschieden…

Und sie schenkten uns etwas, wonach es unsere Herzen verlangte.

Sie schenkten uns die Freiheit…

 

Von Weiten kann ich die Trommeln hören, heftig, tosend, aber heiter und frohgestimmt, schicken sie ihre Klänge in jene beginnende, sternenklare Nacht. Es war die längste Nacht in unserem Kalender. Eine Nacht ohnegleichen, die für zukünftige Generationen der Tag sein würde, an dem jeder Atemzug, jede Berührung, jedes noch so kleine Gefühl und jeder Gedanke, ein Geschenk sein würden.

Mein Herz schlägt, zusammen mit dem magischen Rhythmus, den die Trommeln vorgeben. Und ich genieße… genieße alles…

Für manche Wesen ist ein Herzschlag etwas alltägliches, etwas, das sie nicht erfüllt mit Dankbarkeit wahrnehmen würden. Es ist etwas so kleines, und doch… konnte ein Herzschlag zu Tränen rühren...

Ein Herzschlag erfüllt alle Gesetze eines kleinen Wunders. Ein kleines Kunstwerk, vor allem in dieser Welt der Magie und Geheimnisse…

Und am heutigen Tag… ein Tag, der in die Geschichte eingehen würde… An jenem bedeutenden Tag würden all die Herzschläge auf der Welt, die leisen, wie auch die starken, die schwachen, wie auch die lauten, eines jeden Geschöpfs aller Völker eins sein…

Eins…

Eins, als der Schrecken endete…

 

Als unser lichtspendender Urgott am Himmelszelt seinen bestimmenden Arm mit der Wucht glühender Feuerbälle über unsere Welt ausstreckt und der Horizont sich in ein Meer aus brennenden, warmen Farben wandelt, schreite ich voran. Mein Ziel sind die Felder des Ursprungs vor jenen gewaltigen Bergen, die niemals vergehen würden…

Erfüllt mit jener Macht, vor der sich der Tod fürchtet, wandle ich mit geschlossenen Augen vorwärts, tauche ein in die Wirklichkeit, die ich zuvor nie erkannte. Jeder Schritt ist ein Ausdruck von unstillbarer Gier nach Genießen… Genuss der Herrlichkeit einer alten Welt…

Ich sehnte mich so sehr danach, zu genießen…

Diese im Wind wippenden Wiesen…

Das saftige, duftende Grün unter meinen Füßen…

Das Gefühl dort zu sein, wo meine Seele tanzen kann…

 

Ich hatte nie so gelebt wie jetzt. Das Kind in mir wusste nichts von den Dingen, die Götter und ihre Diener bereithielten… für dieses Land, für die Geschöpfe, für mich. Als der eine Tag kam, und sich alles in Frage stellte, starb jenes Kind, die Blühte verging. Ich erwachte neu, aus Grausamkeit und sterbenden Wesen, sterbenden Dörfern und sterbenden Hoffnungen…

Mein Selbst erwachte, stieg wie der Phönix aus der Asche, und die Ideale von Damals, die vielen Wünsche an die Zukunft, meine Würde und Heiligkeit, alterte und starb für das winzige Licht, das ich erhielt. Für mich und meine Welt…

Während ich auf die riesige Wiese, wo die letzte Schlacht geschlagen wurde, zusteuere, gedenke ich der alten Tage und lächle schwermütig. Ich war nie bereit für das, was kam. Und doch lebe ich, koste von den vielen Gerüchen und Gefühlen, die in der Magie meiner Zeit atmen. Mein Lächeln ist neu, ich kann spüren, wie es auf andere Gemüter wirkt, wie es nach Erwiderung strebt, wie es lebt…

Es tut gut zu lächeln, heute und hier, in meiner Welt, in meiner Zeit, als ob meiner Seele Flügel wachsen… Die Kämpfe haben sich gelegt. Die Schwerter ruhen und kein Tropfen edles Blut soll mehr vergossen werden. Allein das ist mehr als Grund zu lächeln…

Ich lächle und meine Schritte durch das kniehohe, saftige Gras werden schneller. Die kraftvollen, lebendigen Klänge der Trommeln, welche die Lüfte erfüllen und viele Teile des Landes erreichen werden, rufen mich in den Kreis derer, die ebenso lächeln können. Die Stunden des größten Festes unseres Landes sind gekommen…

Nur noch ein kleiner Hügel trennt mich von den Geschöpfen, die auf den weiten Wiesen vor unseren heiligen Bergen Trommeln spielen, singen und tanzen, Lichter lebendig werden lassen, und deren Herzen in diesen Stunden ein und denselben Wunsch teilen…

Einen Wunsch und eine Hoffnung auf ewiges Glück.

Aus jenen Wünschen erwächst die Stärke dieses Landes… und auch in Zeiten weit abseits unserer würde jenes mächtige, überwältigende Gefühl das Unrecht und die Finsternis in ihre Schranken weisen. Ich schreite weiter, immer mit dem Ziel in meinen Augen teilzunehmen, wo meine Landsleute feiern. Selbst die Götter genießen jene Stunden, sie sind irgendwo dort unter uns, als unsichtbare Wesen, die mit Stolz und unendlicher Gnade, uns begleiten…

Meine Füße schmerzen leicht, von dem weiten Weg meines Heimes, bis zu jenen Wiesen, wo Hunderte von glücklichen Gemütern toben. Und doch renne ich weiter, beginne zu lachen und erblicke ein Bild, das zu Tränen der Freude rührt.

Auf dem Hügel, der mich trägt, wo der grenzenlose in purpurrote Abendlichter getauchte Himmel näher scheint, blicke ich hinab auf ein Meer von Geschöpfen aller Rassen. Sie wirken wie eine Lawine auf den sattgrünen Wiesen, die von den größten Bergen unseres Landes hinter ihnen hinab zu rollen scheint. Ein mächtiger Gesang vermischt sich mit dem Rauschen des Windes und den Klängen des näherkommenden Abends, hier, wo die Sonne glühend versinkt. Ein Gesang voller Lebensfreude, Harmonie und Geselligkeit.

Ich bin bereit ebenso zu feiern, wenngleich die letzten Monate und Jahre mein Selbst veränderten. Die Verluste, der Schrecken und die Schmerzen liegen irgendwo noch versteckt in einer vergessenen Kindlichkeit. Irgendwo lebt die Vergangenheit noch in meinem Herzen und irgendwo hat sie ihre Ausläufer, dennoch würde ich mich mitreißen lassen. Hier und heute.

Ich trete weitere Schritte näher, lausche den atemberaubenden Gesängen, die von der Landschaft und besonders von den Heiligen Bergen im Hintergrund unterstützt werden. Eine Welle von faszinierenden Stimmen begleitet von den starken Trommeln der sturen, stolzen Steinfresser. Jene Trommeln, die mit Leidenschaft und Herz geschlagen werden. Ich sehe jene starken Wesen, die es lieben unter ihres gleichen zu sein, jene Berggeschöpfe mit ihrer Unersättlichkeit, ihrem geschulten Auge für Gestein… Viele von ihnen tanzen, bewegen ihre schweren Körper umher und hinterlassen Erstaunen. Sie wirken so unbeweglich, so träge, und doch beweist ein jeder von ihnen heute, welch‘ Feuer in ihnen schlummert. Manche von ihnen tanzen mit anderen Wesen, selbst mit den kleinen, unscheinbaren Geschöpfen, die irgendwo in den östlichen Wäldern hausen.

Und da spielen plötzlich an die Hundert Flöten der Geschöpfe, die sich sonst in der Welt der alten Laubwesen verstecken. Sie kommen von weit her, sind aus ihren dichten, majestätischen Wäldern geschlichen um den ersten Sonnenuntergang im Frieden des magischen Landes mitzuerleben. Die Flöten sind rein und fröhlich, locken weitere Wesen zu dem gigantischen Fest. Und nicht nur jene Wesen tanzen. Auch die stolzen Fischmenschen mit ihren eigenwilligen Gesetzen, ihren engelsgleichen dünnen Gestalten und weißen Flossen bewegen ihre glitschigen Füße zu dem magischen Rhythmus. Ihre hohen, reinen Stimmen heben sich elegant ab von den tiefen, brummenden Gesängen der Steinfresser und unterstützen in ihrer Reinheit die Flöten aus den Wäldern…

Und die Kriegerinnen in rot. Ihr Feuer, ihre Leidenschaft. Jeder kennt sie, kennt ihre hitzigen, aufrührerischen Gemüter und ihre faszinierenden Tänze, die eine feurige Weiblichkeit ausdrücken. Sie tanzen in ihren feinen Gewändern, die die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zu spiegeln scheinen. Sie bewegen sich in hüpfenden, springenden und auch sanften Takten um hohe, leuchtende Lagerfeuer, die mit Magie eingedeckt wurden und daher die ganzen Farben der Welt in schillernder, lodernder Weise wiedergeben…

Ich lausche den Gesängen der letzten Völker meiner Welt, der Völker, die kämpften, die für sich und ihre Familien Hürden überwanden mit ihrer Willenskraft und Sehnsucht nach Frieden. Sie alle haben dieses Fest verdient. Sie alle tragen Verluste, sie alle verloren Liebgewonnenes, verloren ihre Würde…

Sie waren so stark, jene Wesen auf den Wiesen des Ursprungs. Unleugbar stark und gütig. Es rührt zu Tränen ihre Stimmen zu hören, hineinzuhorchen, was sie singen und für wen. Sie glauben trotzallem noch an unsere alten Götter, obwohl sie uns so enttäuschten, obwohl sie uns im Stich ließen.

Ich frage mich oft, warum die Götter so viele Gesetze für uns sterbliche Wesen bereithalten… und so viele Prüfungen. Waren sie nicht alle gütig und liebten ihre Familien und ihre Welt? Warum nur existierte die Grausamkeit der letzten Monate? Wofür mussten die vielen ehrenhaften Männer auf den Schlachtfeldern ihr Leben lassen?

Viele von ihnen waren so bedeutend. Jedes einzelne Leben war ein Schatz. Niemand von ihnen hatte eine solche Prüfung von Gottesseite verdient…

Ich… Ich vielleicht… ja, das verstand ich irgendwo.

Denn ich lebte nie so wie jetzt, ich war nie so nachdenklich und dankbar wie jetzt.

Meine Seele musste eine Prüfung durchstehen, es war Schicksal, das ich mich wandelte…

Und vielleicht war das der Sinn meiner eigenen Prüfung. Liebe zu empfinden, nicht nur im egozentrischen Weltbild, welches ich einst hatte, sondern zu dieser Welt in all ihrer Reichhaltigkeit und Herrlichkeit…

Und wieder werde ich daran erinnert, welche Wandlung ich erfahren habe, wie sich Stück für Stück mein altes Weltbild in Luft auslöste und ein Ideal, reichhaltig und unbezahlbar, an jene Stelle trat.

Ich lächle erneut… und ich bin mit dem Lächeln nicht allein. Ich würde es niemals sein…

Die Stimmen, die wohltuenden Melodien des Friedens in meinen Ohren jagen mir eine Gänsehaut über den Rücken. Und ich spüre den Drang mitzusingen, meine Stimmbänder zu erheben, wo ich dies eigentlich nie konnte. Ich bin immer zu schwach um große Reden zu halten, ich bewundere andere dafür, wie gut sie ihr Innerstes in Worte formen konnten, wie reich jene Worte waren, wie verständlich. Ich zittere in jedem Moment, da ich meine Stimme erheben muss…

Und nun kann ich singen, etwas, was ich nie lernte, ich singe und erfreue mich an den Klängen, die im großen Tal hallen.

Ich liebe das Leben für alles… für jeden winzigen Moment des Glücks…

Ich bin nicht mehr der außergewöhnliche, unnahbare Mensch… das stumme Mädchen mit den großen Tücken und Geheimnissen. Der Krieg veränderte auch mich. Ich lernte mit einem Schwert zu kämpfen, zu verwunden und auch zu töten…

Gleichzeitig hoffte ich aber, dass ich das Schwert, eigens von meiner Schutzgöttin geschmiedet, gut versteckt in meinem eigenen Labyrinth, nie wieder benötigen würde…

 

Während ich weiter wandle, tief einatme, die frische, süßliche Abendluft genieße, bemerke ich neben den fröhlichen, singenden Stimmen vor mir, ein auffälliges Geräusch hinter meinem Rücken. War ich so sehr in Gedanken, dass ich erst jetzt ein Hufgetrappel bemerke?

Ich bin nun nicht mehr allein auf den grünen, duftenden Wiesen, und nicht allein auf dem Weg an dem Fest teilzunehmen. Ich habe Gesellschaft, die vielleicht sicherste, aber auch eine mehr als verwirrende Gesellschaft dieser Tage.

„Milady, Ihr seid spät“, spricht er belustigt mit seiner einprägsamen, tiefen Stimme. Eine Stimme, die genauso bedrohend wie sanftmütig klingen konnte. Ich konnte ihn nie einschätzen, er handelte oftmals anders als man es erwartete. Ebenso jetzt. Klingt seine Stimme deshalb so belustigt, da er es ironisch findet, dass ausgerechnet ich in meiner hohen Stellung in diesem Land das Fest als vielleicht Letzte erreiche, oder hat seine heitere Art seinen Grund darin, dass der Kampf auch für ihn vorbei ist? Wie so oft wende ich mich nicht um. Ich lächele unbehelligt weiter und bemühe mich ihn nicht direkt zu mustern.

„Milady, würdet Ihr mir die Ehre erweisen?“ Überrascht drehe ich meinen Kopf nun doch in seine Richtung und erblicke einen beinah lächelnden, jungen Kämpfer, vielleicht mit einem teilweise tückischen Ausdruck in rätselhaften, blaugesprenkelten Augen. Er springt gekonnt von seinem treuen, fuchsbraunen Ross, welches ihn in jede Schlacht begleitet hat, streicht sich einige seiner viel zu langen, ungepflegten Haarsträhnen aus dem Gesichtsfeld und kratzt sich an der Stirn. Ich mustere ihn ein wenig, bestaune wie immer seine wiesengrüne Kleidung mit all den Flicken und Nähten, entdecke hier und da ein paar Kratzer und blaue Flecken. Sogar einer seiner silbernen Ohrringe fehlt in dem spitzen, markanten Ohr. Zugegeben… es erschreckt mich ein wenig, war ich doch immer von seiner Unverwundbarkeit überzeugt. Wenn es etwas gab, worin ich Vertrauen hatte, dann in die Unverwundbarkeit eines von den Göttern gesandten Wesens. Ein Wesen, welches dazu diente zu kämpfen…

„Prinzessin…“, murmelt er dann leise und reißt mich endgültig aus meinen Gedanken. Da war es schon wieder, das Gefühl, dass irgendetwas an ihm mir nicht gut tut. Er blickt zu Boden, seine Gesichtszüge erneut so ernst, kühl und beherrscht, fast unnahbar. Aber er reicht mir seine linke Hand. Nachdenklich, fast etwas melancholisch versuche ich diese Geste zu verstehen. Mein Blick verweilt auf seiner linken Hand… Ich betrachte den dunkelbraunen Lederhandschuh, etwas mitgenommen, an mancher Stelle zerrissen, und frage mich, wie sich seine verhornten Fingerspitzen wohl anfühlen, die aus dem Handschuh heraus blitzen.

„Möchtet Ihr mit mir zu den feiernden Hyrulianern reiten?“

Überrascht über diese Einladung richte ich meine Aufmerksamkeit auf seine blauen Augen und erkenne das erste Mal so etwas wie Güte darin. Dennoch macht mich diese Einladung erneut unsicher diesem Kämpfer zu vertrauen, der kaltblütig über das Leben der Kreaturen entscheidet, die auf der Seite des Bösen stehen. Jener Schwertkämpfer, der mit einer einzelnen Attacke zehn Geschöpfe zu Asche pulverisieren kann.

Wissen die Götter was er im Sinn hat! Ich jedoch habe nicht das Verlangen ihn irgendwie zu verstehen. Er ist im Augenblick charmant ohne Frage. Dennoch misstraue ich ihm. Ich erlebte ihn während des Krieges nie höflich, noch mitfühlend oder gerecht. Er machte mich immer nervös. Erinnere ich die Momente, die doch von seiner Entscheidungsfähigkeit, von seinem Geschick und seiner Stärke abhingen, so machten mich jegliche seiner Worte unsicher. Oftmals begegnete er mir äußerst harsch, und obwohl ich nicht jünger war als er, fühlte ich mich unter seinen kobaltblauen Augen, unter seiner oftmals eisernen Mimik wie ein ungeduldiges, dummes Kind.

Er seufzt, als ich zunächst nicht antworte. Seine Hand sinkt zurück und er starrt, vielleicht in seinem Stolz gekränkt oder einfach nur enttäuscht, zu seinen zerrütteten, in Schlamm besudelten Füßen. Aber was hat er auch erwartet? Was erwartet er von einer adligen Hylianerin, die in teure Kleider hineingeboren wurde, die arrogant und zickig erzogen wurde? Hinzu kommt die unbestreitbare Tatsache, dass er sich mir gegenüber mehr als einmal wie ein riesiger Hornochse benommen hat. Außerdem wusste ich, bei den Göttern meiner Welt, nicht, wie ich auf sein Angebot reagieren soll. Mit Standesunterschieden als Ausrede kann ich an diesem bedeutenden Festtag nicht dienen, das weiß auch er. Dennoch…

Ich kann mich nicht auf eine freundliche Geste seinerseits einlassen, nicht nach den Dingen, die geschehen waren, nicht nach der Tatsache wie harsch und ungerecht er sich mir gegenüber immer verhalten hatte. Wann immer ich versuchte meine Meinung darzulegen, wann immer ich mich einmischte- und meine Worte waren keineswegs überflüssig- fuhr er mir über den Mund, belehrte mich, obwohl er dazu niemals das Recht hatte. Es war mehr als einmal, dass er sich für diesen mangelnden Respekt verantworten musste.

Vor mir. Vor meiner Schwester. Und vor allem vor meinem Vater…

„Ihr habt nicht gerade Vertrauen zu mir, wie mir scheint…“, meint er dann banal. Seine Stimme röhrt genauso trocken und gefühllos durch die Lüfte wie immer. Ich suche seinen Blick, will ergründen, was sich dahinter verbirgt, aber das Blau seiner Augen blitzt nur kühl auf. Wie blanker Stahl in der Nacht, der das Böse niederstreckte… Verschwunden scheint die leise Ahnung von Güte, die in seiner Seele schlummert.

„Wundert Euch das?“, sage ich leise. „Bei all den Ereignissen in den letzten Wochen?“ Kopfschüttelnd wende ich ihm den Rücken zu. Er hatte sich mehr als einmal total daneben benommen, es war für mich schlichtweg unmöglich Vertrauen zu ihm zu haben.

„Nein, eigentlich nicht. Und es sagt mir, Ihr seid eben doch nur eine mehr als gewöhnliche, bockige Prinzessin…“, setzt er hinzu und ich spüre, dass meine Abweisung doch etwas in ihm ausgelöst haben muss. Er fühlt sich angestachelt und etwas gedemütigt. Trotzdem lässt dieser Kommentar nun doch ein wenig meine Stimmbänder vibrieren. Auf eine solche Dreistigkeit und Frechheit sollte ich nicht schweigen. Etwas ängstlich drehe ich mich wieder in seine Richtung, aus der ein kühler Abendwind mein langes Haar in den Lüften spielen lässt.

„Lieber eine gewöhnliche, bockige Prinzessin als ein gewöhnlicher, bockiger Held!“, spreche ich entrüstet.

Auf die Bemerkung verstummt er und mustert mich fahl. Ich weiß nicht, welchen empfindlichen Punkt ich da in seinem Herzen getroffen habe, falls er überhaupt eines hat. Es ist vielleicht das erste Mal, dass ich einen so böswilligen und zugleich schlagfertigen Kommentar parat habe. Ein wenig verwundert über mich selbst rufe ich mir meine Worte noch einmal ins Gedächtnis. Und erst in dem Moment realisiere ich…

Ich habe mit meinen Worten mehr getroffen als einen empfindlichen Punkt in seinem Inneren, ich traf ihn in seinem Stolz, in seinen Idealen. Vielleicht ist er genau das… nur ein gewöhnlicher Held.

Ich erwarte, dass er sich umdreht, dass er sich zurückzieht. Meine Worte waren verletzend, waren demütigend. Entschuldigende Sätze liegen auf meinen bemalten Lippen und doch verzage ich jene auszusprechen. Es mag kindisch klingen, aber wie oft hat er mich beleidigt? Besitze ich nicht das Recht- so unehrenhaft und arrogant das auch klingt- es auszukosten seinen Mund zum Schweigen gebracht zu haben? Ich verlasse mich auf diesen kleinen intriganten und charakterlosen Zug von mir und blickte zurück in das mit Geschöpfen dieser Welt gefüllte Tal. Wie tausende Perlen schimmern die Wesen… Wie Perlen in den prächtigsten Farben… Den Heroen ignorierend lausche ich dem Rauschen des kraftvollen Windes, der sich über uns beide erhebt, genieße den Klang des Chores im Tal. Der Frieden erfüllt diese Welt mit den reinsten Klängen, mit tausenden Herzen, die für diesen Frieden beteten in den Nächten, die lang, pechschwarz und unentrinnbar schienen… Was kümmert mich ein gewöhnlicher Held, wenn meine Landsleute lebten und feierten…

Dennoch gehörte auch er zu jenen Landsleuten…  wenngleich er mir so unsympathisch erscheint.

„Ich dachte immer… Ihr würdet zweimal hinsehen…“, bemerkt er leise. Verwundert drehe ich mich erneut um, erstaunt über diese Weichheit, die mit einem Mal in seiner Stimme liegt. Und wundere mich noch mehr über den Ausdruck, kindlich, unterwürfig und verletzlich, der über seinem Gesicht ruht. Träge hebt er die Mütze von seinem Kopf und das dunkelblonde, ungepflegte Haar wird von den Winden aufgewirbelt.

„Ich habe geglaubt, Ihr wärt irgendwie anders…“, seufzt er. Anders als wer? Adlige Hylianer, in deren Gesellschaft er die letzten Monate verbracht hatte? Anders als er selbst? Aber diese Sanftheit, mit der er spricht, diese Ruhe, die ihn umfängt, habe ich vorher nie wahrgenommen. Zugegeben… es macht mich neugierig, ob nicht doch mehr hinter dem kämpferischen Gesicht jenes Heroen steckt, mehr als Kälte, Zorn und Unberechenbarkeit auf dem Schlachtfeld, wo auch er Tropfen seines Blutes zurückgelassen hat.

Etwas unwirsch pfropft er sich die grüne Mütze wieder auf den blonden Schopf. Er lehnt sich an sein fuchsbraunes Ross und klopft dem schönen Tier auf den schlanken, muskulösen Hals. Er lächelt… Ein Lächeln konnte so vieles sagen… aber das, was in dieser kleinen Geste liegt, in diesem winzigen Stück von Bewegung, sah ich bisher noch nie. Ich weiß nicht, was es ist, und ich weiß auch nicht, warum er lächelt.

Gerade als er einen Fuß in den Steigbügel setzt um sich auf das prächtige Pferd zu schwingen, packt mich der Ehrgeiz herauszufinden, warum dieses Lächeln so berührt…

„Wartet“, rufe ich, mehr ungewollt als mit einer genauen Absicht.

Er wendet sich zu mir, alles an ihm schreit förmlich danach herauszufinden, was sich in seinem Inneren, und auch hinter dem Lächeln von eben verbirgt. Er tapst näher, tritt kräftig mit seinen Eisen beschlagenen Füßen auf den Boden. Er schlucke, als er mich intensiv mustert und erneut diese kühlen, blaugesprenkelten Augen wie in einem tiefen Sturm aufblitzen. Da war er wieder… dieser unverwüstliche Respekt, den er sich mit diesem Blick verschaffte. Das Gefühl von diesen Augen eingemauert zu werden…

 „Wie meintet Ihr das?“, sage ich leise und scheue seinen durchdringenden Blick. Ich spüre die Nervosität aufkeimen, wie eine Pflanze, die sich durstig nach dem ersten Sonnenlicht reckt. Ein Gefühl, welches alle feinen Härchen an meinem Körper zu Berge stehen lässt. Ein Gefühl, welches sich wie Gift in meinen Adern entlang schlängelt…

„Wie meine ich was?“, murrt er und verschränkt die Arme. Er tritt wieder näher und zuerst nehme ich an, er bleibt direkt vor mir stehen. Stattdessen und beruhigend für mich geht er noch einige Meter weiter und blickt hinab zu den feiernden Hyrulianern im Tal.

„Ihr sagtet, Ihr habt mich anders eingeschätzt“, erkläre ich. „Wie meintet Ihr diesen Satz?“ Ich beobachte ihn, kann mir nicht erklären, warum er mich gleichzeitig so abschreckt, aber auch fasziniert.

„Das meinte ich so wie ich es gesagt habe“, setzt er hinzu und lässt mich weiter im Ungewissen, in dem Rätsel seiner selbst und in dem Verbot, niemals hinter seine Fassade blicken zu dürfen. Ich seufze, aber ich wundere mich nicht über seine Bemerkung. Das ist eine seiner Eigenheiten, er antwortet oftmals in schnippischer, unvorhersehbarer Weise. Und ich weiß auch, was folgt. Er wird mich ignorieren. Jeder Satz aus meinem Mund wäre nur eine Bestätigung für ihn, dass ich mich rechtfertigen wollte. Ich beobachte ihn noch einen Augenblick. Mir den Rücken zugewandt steht er dort. Melancholisch. Lethargisch. Und irgendwie nicht von dieser Welt. Wie eine göttliche Kreatur ohne Heimat. Sein Blick vertieft in das märchenhafte Tal, dort wo Hunderte Wesen singen. Und gerne hätte ich erfahren, was in ihm vorgeht, gerade jetzt, da ein Teil der Freude und Ausgelassenheit der tanzenden Geschöpfe, ihm zu verdanken ist. Registriert er womöglich nicht, dass ein Teil der Hyrulianer auch für ihn singen?

Für das, was er geleistet hat, als die Tage düster waren.

Für das, was er auf seine jungen Schultern nahm, als niemand mehr Bürden tragen konnte.

Und für das, was er an gefährlichen Orten zurückließ…

Er ist ein einsamer Streiter, das sagte mir meine Vertraute, und sie sagt es mir immer wieder, als würde ich ihre Worte nicht verstehen. Es ist offensichtlich, dass ein Leben für den Frieden dieses Landes, für Gerechtigkeit und gegen dunkle Kreaturen mit Schmerzen, Verlusten und auch Einsamkeit verbunden ist. Nur muss man dafür Herzlichkeit, Freude und Anständigkeit so wegwerfen wie er?

„Ich würde Euch gerne verstehen…“, sage ich leise. Etwas widersinnig blicke ich auf, versuche den Stolz zu wahren, den die Obrigkeit von mir erwartet. Wollte ich das wirklich? Einen Kämpfer, der mehr Leid gesehen hatte, als zehn Herzen ertragen konnten, verstehen lernen?

Ehe ich mich versehe, tritt er an mich heran. Ich erstarre angesichts seines schneidenden, eiskalten Blicks, der sich durch meine Augen bohrt. Das Metall an seinem Körper klappert beängstigend bei jedem Schritt, den er über das junge, saftige Gras setzt. Ungehemmt neigt er seinen Kopf näher und kitzelt mit heißem Atem mein rechtes Ohr. Es ist erschreckend diesem Kämpfer so nah zu sein. Sein Geruch erinnert an die duftenden Wiesen, an Heu und irgendwo auch an Schlachtfelder…

Er flüstert: „Wer glaubt Ihr zu sein, dass Ihr dies dürft?“ Ich kann nicht definieren, mit welchem Unterton, mit welchem Ausdruck er diese Worte spricht. Ich fühle nur Herausforderung und Angriffslust.

„Scheinbar nur eine mehr als gewöhnliche, bockige Prinzessin…“, erwidere ich spitz, bemüht mich von seiner Nähe nicht lähmen zu lassen. Meine Augen wandern zu seinem markanten Gesicht, so nah es auch ist. Seine blassen Mundwinkel ziehen sich gemächlich nach hinten, geben ein Grinsen preis, sagen mir, dass mein Kommentar nicht auf falsche Ohren gestoßen ist. Tatsächlich hat er ein angenehmes Grinsen, diesmal keine Spur der Kälte und Unberechenbarkeit, die sich sonst um seine Person aufbaut, wenngleich eine kleine wulstige Narbe sich über seine Oberlippe erhebt.

„Ihr seid schlagfertiger als ich dachte“, bemerkt er, und wendet sich endlich ab. Eine Welle der Erleichterung kommt über mich, als er zurück zu seinem treuen Ross tapst. Erleichterung, weil er mir nicht mehr so nah ist, und weil sein Atem meine Haut nicht mehr streift. Trotzdem lädt seine Bemerkung ein, sich vielleicht doch etwas länger mit ihm zu unterhalten, obgleich ich nicht weiß, was ich erwarten sollte, und ob das, was ich erwarte, nicht zu wenig ist…

„Wenn ihr schlagfertig seid, Prinzessin…“, spricht er leise und irgendwo sanft. „Könnt Ihr diese Schlagfertigkeit auch mit Eurem Schwert ausdrücken?“ Und dies habe ich so wie ich befürchtete, nicht kommen sehen. Er wendet sich zu mir, seine linke Hand elegant auf dem Griff seines Schwertes, welches bereit und doch schlafend an seinem Gürtel hängt. In seinem Blick steht jene Herausforderung, die ich vorher in mir selbst spürte…

„Ich sah Euch kämpfen, auf den Feldern vor den Bergen der Vorsehung, als eine der wenigen adligen Ladys. Trotz Eurer Position in diesem Reich habt Ihr Euch nicht versteckt, sondern seid mit Euren Landsleuten in den Krieg gezogen…“ Seine Worte verraten so vieles. Aber das, was mich am meisten verwirrt, ist dieser Hauch von Bewunderung darin. In all der Zeit hat jener Held nie ein beruhigendes, freundliches Wort für mich übrig gehabt und nun besaß er die Impertinenz mir zu schmeicheln. Nicht einmal auf dem Schlachtfeld, in der Stunde, als das uralte Böse bezwungen wurde, und er war ständig in meiner Nähe, sprach er ein aufmunterndes Wort zu mir. Er fauchte, er schrie, er tobte, wann immer ich einen Fehler machte, wann immer er mich beschützen musste…

„Ihr seid stark, Prinzessin des Schicksals…“, flüstert er. Es scheint fast so, als wollte seine Stimme weinen, als er dies sagt. Man muss kein Seelenseher sein, um zu spüren, wie schwer es ihm fällt, Gefühl in seine Worte zu legen. Es scheint fast so, als hätte er dies nie gelernt. Und gerade da wird mir klar, wie wenig ich eigentlich über seinen Ursprung weiß, über seine Herkunft.

Überall gilt er nur als der Erretter, als der eine Heroe, dem es bestimmt ist, große Taten zu vollbringen. Überall wird er als ernst, stark und eiskalt dargestellt. Und auch ich machte mir nie die Mühe ihn anders zu sehen…

„Und deshalb... deswegen…“, meint er und atmet dabei tief aus. „Wenn ich Euch herausfordern würde, wenn ich gewinne, würdet Ihr dann trotzdem mit mir zu den feiernden Hyrulianern reiten?“  Verdutzt zwinkere ich mehrmals. Das konnte er nicht ernst meinen! Wenn sein Blick nicht so erwartungsvoll wäre, würde ich anfangen zu lachen. Wie sollte ich ihn in einem Gefecht besiegen? Ich, da ich eine Frau bin, ich, da ich weitaus weniger Kraft, Erfahrung und Technikreichtum aufweise als er? Er muss den Verstand verloren haben, wenn er annimmt, ich lasse mich darauf ein.

„Ihr beliebt zu scherzen“, erwidere ich.

„Ich scherze keineswegs“, entgegnet er kühl, lässt mich verstummen und blickt mich sekundenlang erstarrt an. Und dann zieht er geschmeidig und mit einem leichten Grinsen sein Schwert. Es knistert in seinem Blick. Ein Blick ohne Tücke, sondern erfüllt mit Ehrlichkeit und Herausforderung. Mit erhobenem Schwert tritt er näher und setzt mir dir eiskalte Klinge an die nackte Haut meines Halses.

Der Wind pfeift unruhig, singt ein schrilles Lied in die anbrechende Nacht, vermischt sich mit dem Klang der trällernden Geschöpfe im Tal, singt leise über den magischen Felder und Wiesen, rauscht dahin bis über die Landesgrenzen… bis dorthin, wo er Frieden findet…

 

 
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