Kapitel: 10
 

Kapitel 10

 

„Die Ereignisse, die meine Geschichte formen sollten, begannen bereits kurz nachdem ich geboren wurde. Meine Familie lebte nahe dem Schloss von Hyrule in einem warmen Heim, einem kleinen Adelshaus, und waren glückliche Menschen, soweit man es mir erzählte. Es sind nur Bruchstücke, Erinnerungen habe ich nicht daran“, beginnt er leise.

Dieses Wissen erstaunt mich so sehr, sodass ich ihn beinahe wieder unterbrochen hätte. Er war in Hyrule geboren worden? Und er lebte nicht weit entfernt vom Schloss?

„Mein Vater war Ritter, und ein begabter Schwertfechter und Bogenschütze dazu“, erzählt er. „Meine Mutter entstammte einer Adelsfamilie nahe der Grenze Hyrules. Sie war eine sehr gläubige Person und berief sich auf Prophezeiungen und Weissagungen. Eines Tages begab sie sich mit ihrem Neugeborenen in die Hauptstadt und traf dort eine Seherin. So einfältig und leichtgläubig meine Mutter war, hat sie sich sofort irgendwelchen Unfug einreden lassen.“ Seine Stimme zittert ein wenig. Ich spüre die Verbitterung und Enttäuschung, die er gegenüber der Frau empfand, die ihn erzeugt und sicherlich geliebt hatte. Er seufzt und lehnt sich an das andere Ende des knarrenden Bettes. Aber er mied meinen Blick und starrte an einen unwichtigen Punkt des gemütlichen Raumes.

„Die Seherin erzählte ihr, wenn sie und ihre Familie länger nahe dem Schloss bleiben würden, würde ihr Sohn für eine Adlige sterben, noch bevor er sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hätte. Und es wäre besser für ihn und auch für jenes adlige Mädchen, sie würden weit voneinander entfernt getrennte Wege gehen. Und alles, was meine Mutter tat, war ihre Sachen zu packen und mit einer Kutsche heimlich weg zu reisen. Sie verließ das warme Heim, meinen Vater, ihre Freunde, und entschied sich ihrem Sohn ein Leben zu bieten, das weder ihm, noch irgendjemandem sonst geholfen hat. Ich wuchs in dem Dorf auf, welches sie nahe der Grenze erreichte. Eine Bauernfamilie nahm sich ihrer an. Sie verrichtete dort nieder Tätigkeiten um zu überleben. Ich wusste von alldem nichts, wären da nicht die Gerüchte gewesen, die sich wie ein Lauffeuer in dem Dorf breit machten. Und wären da nicht die entschuldigenden Briefe gewesen, die sie an mich geschrieben hatte, die ich damals noch nicht lesen konnte. Ich fand diese Briefe erst, nachdem das Dorf überfallen wurde und meine damaligen Freunde und meine Mutter abgeschlachtet wurden. Ich habe keine Ahnung, warum ich damals überlebt habe.“ Ich lausche seinen Worten und kann doch das meiste davon gar nicht begreifen. Es schnürt mir die Kehle zu, diesen Worten zu lauschen. Da ist so viel Leid, dass ich mich schäme ihn jemals als kalten und oberflächlichen Helden betrachtet zu haben.

„Ich begann alles anzuzweifeln, was ich wusste. Die Welt war mir gleichgültig. Und ich empfand einfach nur Mitleid gegenüber den Geschöpfen Hyrules, das sie das Leben lebten, das sie dachten führen zu müssen. Ich lachte über billige Vorstellungen von Freud und Leid. Ab da tat ich nur noch das, was ich für richtig hielt. Ich zog von einem Platz zum anderen, in der Hoffnung irgendwann eine Antwort zu finden, warum sich das Leben auf diese Weise für mich gestaltete. Ich suchte auch nach meinem Vater, nur um herauszufinden, dass ihn die Seuche hinweg gerafft hatte. Und die Jahre zogen vorüber, ich schuf mir einen neuen Platz zum Leben in den Wäldern, nur wenige Meilen von der Hauptstadt Hyrules entfernt. Ich verdiente mir meinen Lebensunterhalt mit Holzfällerarbeiten und kleinen Aufträgen. Es war auch zu diesem Zeitpunkt, dass ich herausfand, dass ich sehr gut mit Waffen umgehen konnte…“ Es wirkt beinah, als holt er diese Ereignisse nicht für mich, sondern eher für sich selbst aus den Tiefen seiner Seele, vielleicht um sich ihnen erneut zu stellen und damit abzuschließen. Ich rücke etwas näher, um ihn zu mustern. Aber es ist, als wäre seine gesamte Konzentration auf die Vergangenheit gerichtet und ich existierte in diesem Augenblick nicht für ihn. In seinen meerblauen Augen arbeitete es. Wenn ich genau hinblickte, konnte ich vielleicht sogar die Schatten der Vergangenheit sich winden und vorüberziehen sehen.

„An einem schicksalhaften Tag änderte sich dann schlagartig alles. Ich zog oftmals in den Nächten durch die nahegelegenen Städte. Vielleicht weil die Nacht und die Stille etwas Erholsames und Reines für mich besaßen. Nur erfuhr ich in jener Nacht etwas, was mich verstehen ließ, warum ich als Kind diesen niederträchtigen Angriff überlebte und ich begriff, wozu ich in der Lage war und was niemand sonst tun konnte.“ Er macht eine kurze Pause, erhebt sich und nimmt einen Schluck des lauwarmen Tees. Ich frage mich, wie alt er damals war, als er hier in Hyrule auf noch jungen Beinen seinen Alltag bestritt. Und ich bewundere, dass er dies alles bewältigen konnte. Auch ich erhebe mich und habe nun dieses unheimlich tiefe Bedürfnis ihm Trost und Beistand zu schenken. Er scheint erst dann wieder zu realisieren, dass ich im Raum bin, als ich eine warme Hand auf seine feste Schulter lege. Erschrocken taumelt er herum und lässt die Tontasse fallen. Erneut eine Seite an ihm, die ich niemals vermutet hätte. Auch er konnte nervös sein. Auch er war verletzlich…

Ich traue mich kaum etwas zu sagen und blicke ihn einfach nur an. „Ihr müsst nicht weiterreden, wenn Ihr nicht möchtet…“, spreche ich leise.

Er lächelt mich auf eine Weise an, die mir das Herz wärmt. Das ist es, erkenne ich, für dieses Gefühl und für diesen Menschen bin ich zurückgekommen…

„Doch, es ist notwendig…“, entgegnet er und hebt die Tontasse wieder auf. Er tapst ein wenig schwerfällig zu seinem Bett und setzt sich einmal mehr auf die Bettkante. Er lässt seinen Kopf etwas hängen und wühlt mit beiden Händen durch sein dickes, dunkelblondes Haar. Außerhalb erhellen die ersten sanften, wärmenden Strahlen der Sonne das alte, geschundene Land und scheinen durch das kleine Fenster hinein. Wenige Strahlen verlieren sich auf ihm, lassen sein gesamtes Erscheinungsbild edel und beinah vollkommen erscheinen. Je länger ich ihn beobachte, umso mehr frage ich mich, warum ich diese Schönheit nicht schon vorher wahrgenommen habe.

„Ich würde mir wünschen, dass Ihr mir noch etwas länger zuhören könntet“, murmelt er, worauf ich nicke.

Er seufzt und sucht nach einem weiteren Anlauf für seine Geschichte.

„Ihr wart an der Stelle mit…“, spreche ich leise, weil ich vermute, er sucht nach dem roten Faden. Stattdessen hebt er verwundert seinen Kopf und unterbricht mich forsch: „Ich weiß, an welcher Stelle ich war!“

„Verzeiht mir…“, seufze ich. Mit seiner plötzlichen, harschen Aussprache hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Es ist verhext… Wann immer ich diese gute, herzliche Seite an ihm erkenne, so macht er dieses Gefühl in mir mit einem unüberlegten Satz wieder zunichte. Ich seufze noch einmal missbilligend, als er mich wieder anblickt. Rätselhaft. Verwirrend. Und vielleicht hoffend…

„Was ist an diesem schicksalhaften Tag geschehen?“, spreche ich ruhig und setze mich auf den einfachen Holzstuhl, der vor seinem Schreibtisch steht. Er zieht sich weiter zurück, lehnt sich einmal mehr an das Kopfende und schaut hinaus aus dem Fenster.

„Ich beobachtete in etwa fünf Hylianer, zumindest dachte ich, dass sie Hylianer waren. Sie wollten drei in Säcke gepackte Kinder wegschaffen und zu ihres Gleichen machen. Das war vor fünf Jahren, als die Traumphantome sich langsam in unsere Herzen schlichen… Ich war damals fünfzehn Jahre alt und hatte mir das Kämpfen im Selbststudium beigebracht. Dies war vielleicht der Grund meiner eingebildeten Stärke und Sicherheit. Übermütig wie ich war, habe ich mich diesen fünf Monstern in den Weg gestellt. Und schaut mich nicht so an…“, murrt er, als ich verwundert über seine Angabe aufblicke. „Ja, ich habe vor fünf Jahren einige der ersten Traumphantome zur Strecke gebracht ohne, dass es die königliche Familie wusste. Die königliche Familie hat von den Dingen, die im Land vor sich gegangen sind ohnehin immer zuletzt erfahren!“

„Und Ihr solltet aufhören, so schnippisch und gemein zu mir zu sein“, erwidere ich leise. „Ich habe Euch dieses Schicksal nicht gewünscht, was immer Ihr auch ertragen musstet.“ Ich erhebe mich und schüttle meinen Kopf. „In dieser Hinsicht seid Ihr genau wie ich. Ihr wurdet zu oft verletzt und gedemütigt, sodass Ihr Euch vielleicht nach der Dunkelheit in den Träumen sehnt, die manchmal noch einfacher zu ertragen ist als jemand, der zuhören möchte…“ Allmählich werde ich unserer Unterhaltung müde. Kann er nicht einfach weiter erzählen, sodass ich es verstehe? Warum nur ist alles immer so verdammt kompliziert! 

„Bitte erzählt weiter. Ich möchte es verstehen…“, seufze ich und setze mich wieder zu ihm auf die Bettkante. Ich konnte jetzt nicht gehen, selbst wenn ich wollte…

„Konntet Ihr die Phantome aufhalten?“

Er nickt mit einem fast mitleidigen Ausdruck im Gesicht. „Aber nicht so, wie ich es gewollt hätte. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht getötet… Und ich wollte diese Kerle lediglich am Weitergehen hindern. Als ich aber begriff, dass ich diesen Dämonen mit meiner Schwertkunst weit überlegen war, hatte ich das Gefühl für wenige Sekunden diesem Dasein zu entkommen, meine Freiheit zu finden und einfach nur atmen zu können. Ein Rausch überfiel mich, ohne dass ich verstand, was ich tat. Ich entwickelte eine Gier, eine wahnsinnige Lust am Töten… Der Stahl glitt durch die Körper jener Wesen, als bestünden sie aus Butter. Die Schreie des Todes aus ihren stinkenden Mündern gaben mir ein Gefühl von Macht, welches ich mit allen Mitteln vermehren wollte. Es war ein Gefühl, als ob ich endlich, nach all den unausgesprochenen Demütigungen und der Einsamkeit, als ob ich endlich lebte…“ Er verstummt und blickt mit lethargischem Blick zu mir auf, als wollte er das Entsetzen in meinen Augen entdecken. Aber er fand es nicht…

„Als ich aus diesem Blutdurst aufwachte, fiel mein Schwert zu Boden und ein Dämon war noch am Leben. Ich trat zu ihm, wollte vielleicht so etwas wie Ähnlichkeit und Sympathie  entdecken, denn mit meinem Mordtrieb war ich nicht besser als sie. Er grinste mich an, was mich in diesem Moment auf eine Weise anwiderte, die mein Blut kochen ließ. Und ohne, dass ich das Schwert noch einmal in die Hand genommen hatte, ging die Bestie in Flammen auf, als ich meine linke Hand zur Faust ballte. Es war der Moment, in dem ich verstand, dass ich über Magie verfügen konnte…“

Und obwohl er diese Dinge mit einer solchen Teilnahmelosigkeit erzählt, spiegelt sich auf seinem Gesicht ein unglaublicher Zorn und ein Hassgefühl gegen sich selbst. Es ging immer nur um ihn. Er hasste mich nicht, das hatte er selbst gesagt. Den Hass, den er versprühte, richtete er immer nur gegen sich selbst und seine scheußliche Taten.

„Als ich später herausgefunden habe, dass es keine Hylianer waren, machte das dieses Erlebnis trotzdem nicht leichter. Ich bin zurück in die Wälder geflohen und habe mich geschämt für diesen Ausbruch an wahnwitziger Machtgier. Ich traute mich nicht mehr unter die Augen der Hylianer, weil ich mich irgendwie nicht mehr zu ihnen zugehörig fühlen konnte. Wie auch… ich bin ein Mörder geworden… Und es ist nicht bei dem einen brutalen Angriff von meiner Seite geblieben… Ich habe ganze Dämonennester erbarmungslos ausgerottet…“

Ich blinzle einige Male und versuche das Gefühl in mir zu unterdrücken, was meine Kehle taub werden lässt. Die Tatsache, dass vor mir ein Mann sitzt, den ich so gut verstehen kann, und die Tatsache, dass ich mehr und mehr spüre, wie einsam er ist, macht mir das Herz schwer. Hysons Worte kehren zurück in mein Bewusstsein und beladen mein Herz mit Schuldgefühlen. ,Ohne die eine Seele, rostet die andere.‘ Und seine Seele hatte sich verirrt, verirrt in den dunkelsten Begierden, die ein Geschöpf erfahren konnte.

Und ich trage daran einen Anteil. Ich habe ihn allein gelassen…

Seine Geschichte tut so weh, dass ich beinah weinen muss…

„Weint Ihr wegen mir?“, fragt er leise, aber blickt mich nicht an. Er schämt sich für seine Geschichte, das ist so einfach aus seiner Mimik herauszulesen. Er schämt sich für seine niederen Absichten und dafür, dass er aufgegeben hat an das Gute zu glauben. Etwas, was er in einem anderen Leben vielleicht konnte…

„Das solltet Ihr nicht tun…“, murmelt er und blickt reumütig drein.

„Was? Mitgefühl empfinden? Ach nein?“ Ich hebe meine Hand und berühre seine rechte Wange. Ich weiß nicht, warum ich mich traue, das zu tun, aber es erfüllt seinen Zweck. Es lindert seine Wut ein wenig. Seine Gesichtszüge werden sanft, bis er die Augen schließt.

„Nein…“, meint er leise, umfasst mein Handgelenk und führt meine Hand wieder weg.

„Aber Ihr habt Mitgefühl verdient… Wärme… Respekt und Zuneigung…“

„Ich möchte das nicht aus Euren Schuldgefühlen heraus“, spricht er fest. Und ich kann kaum glauben, was meine Ohren da vernehmen. Ich will ihn trösten, aus ehrlichen Gefühlen heraus, und er weiß ganz genau, dass ich Schuldgefühle habe! Wie genau kennt dieser Mann mein Innenleben?

„Ja, ich habe Schuldgefühle Euch gegenüber… aber jene sind berechtigt… ich habe über Euch geurteilt…“

„Das habe ich auch über Euch…“

„Und deswegen habt Ihr keine Schuldgefühle?“

In dem Augenblick verdreht er seine Augen und lehnt sich wieder entspannt an das Bettende. Ich habe ihn mundtot gestellt, weil ich Recht habe. Warum sollte er sich bestrafen wegen meiner Schuldgefühle? Und er hatte sehr wohl Schuldgefühle mir gegenüber.

„Bitte, erzählt mir mehr…“ Da ist dieses tiefsitzende Bedürfnis diese Geschichte bis zum Ende zu verstehen. Ich brauche ihn… und ich wollte jetzt nicht gehen und vor dieser Konfrontation wieder weglaufen. Er würde doch auch niemals den Feigling spielen…

„Es hat keinen Sinn…“, murmelt er und es entsteht mehr und mehr der Eindruck, dass ihm diese ganze Unterredung nicht das geben konnte, was er brauchte. „Ich weiß nicht, ob das, was Ihr zu erwarten hofft, noch Sinn ergibt.“

„Wollt Ihr das nicht mich entscheiden lassen?“, frage ich leise.

„Ihr habt Euch bisher niemals dafür entschieden mich zu verstehen… oder entschieden mir zu vertrauen. Ihr seid immer, selbst vor wenigen Stunden auf den grünen Hügeln, nur Eurem eigenen Weg gefolgt. Was sollte sich so schnell verändert haben?“

Ich blicke zu Boden. Damit spricht er etwas an, was ich nur zu gut nachempfinden kann. Er weiß nichts von den Gedanken, die in mir wühlten. Er weiß nichts von meiner Unterredung mit Impa oder mit Hyson. Vielleicht hat er das Gefühl, ich spielte mit ihm, genauso wie ich dachte, er spielt mit mir…

„Es hat sich alles verändert. Und ich habe mich entschieden…“, erwidere ich mit fester und starker Stimme.

„Ich brauche einen Beweis“, seufzt er. „Einen Beweis dafür, dass Ihr hier seid um zu verstehen…“

„Reicht es nicht als Beweis, dass ich zurückgekommen bin? Und dass ich Euch zugehört habe?“

Er lächelt verschmitzt, aber unterlässt dann wieder jegliche Regung auf seinem kühlen Gesicht. „Ich habe gehofft, ich finde auf diese andere Weise einen Zugang zu Euch…“

„Auf welche Weise?“, spreche ich erstaunt.

Er rückt unverhofft näher, greift nach meiner rechten Hand und umschließt diese mit seinen beiden Händen. Warme Hände… beschützende Hände…

„Ja, Eure Gegenwart hier reicht als Beweis… aber ich gebe zu, dass ich nichts unversucht lasse, um zu bekommen, was ich will.“

„Und was wollt Ihr?“

„Einen Kuss.“

Ich blicke ihn fragend an, als habe ich ihn nicht verstanden. Vielleicht wollte ich ihn auch nicht verstehen. Ich ziehe meine Rechte aus seinen beiden umschließenden Händen und zwinkere mehrmals. Habe ich richtig gehört?

„Ihr wollt mich auf den Arm nehmen?“

„Ja, in gewisser Weise vielleicht auch das“, erwidert er mehrdeutig und grinst.

„Ich meine das ernst!“ Und meine Stimme wird wieder lauter. Ich hüpfe so schnell aus dem Bett, als hätten mich Flöhe gebissen und frage mich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ich diese intime Geste, mit ihm auf einem Bett zu sitzen, jemals zugelassen habe. Darauf also war er aus?!

„Ihr veralbert mich schon wieder!“, protestiere ich.

„Nein“, widerspricht er und erhebt sich ebenso. Erneut wirkt er so kühl und bedrohlich, als er mich mit diesem intensiven Blick mustert. Ein Blick, der so tief geht, als erblickte er meine Seele, als wollte er mich aussaugen.

„Ich bitte Euch… Heroe der Legenden… seht mich nicht so an“, flüstere ich.

„Sonst was?“, meint er sanft und tritt ein weiteres Mal ganz nah an mich heran. „Sonst könntet Ihr Eure Beherrschung verlieren? Eure Würde? Eure Selbstachtung? Was würdet Ihr verlieren, wenn Ihr Euch auf etwas so einfaches und doch schönes einlassen würdet wie eine Berührung?“

Zum Teufel, er macht mich schon wieder nervös, und wie nervös. Meine Hände zitterten…

„Zelda…“, murmelt er mit einer Sehnsucht, als hätte er diesen Namen vor Tausenden von Jahren schon ausgesprochen. Er drückt mich ein weiteres Mal an die Wand und ich schaue wie versteinert zu, was passiert. „Ich wünschte, ich könnte die Worte finden, die notwendig sind. Ich wünschte, ich könnte es Euch sagen, aber ich weiß einfach nicht wie. Ich wünschte, Ihr müsstet nicht so viel ertragen…“ Er flüstert diese Worte so nah an mein spitzes Ohr, dass ich seinen Atem spüren kann. „Ich würde Euch niemals verletzen wollen, das werdet Ihr irgendwann verstehen.“ Ich schließe eher unbeabsichtigt die Augen, versuche dieser Stimme zu lauschen, ignoriere, was er sagt und folge lediglich diesem angenehmen Klang. Ja, jetzt begreife ich, wie diese Stimme vor wenigen Stunden so angenehm jenes verwunschene Lied singen konnte…

Und in dem Augenblick, ganz unverhofft, spüre ich wenige Fingerspitzen, die von meinem rechten Schlüsselbein in Richtung Hals wandern, so sanft und feinfühlig. Unheimlich angenehm. Er berührt die Haut meines Halses, streicht darüber wie Federn, die verwöhnen wollten, gelangt zu meinem Kinn, bis diese zwei Fingerspitzen meine Lippen streicheln. Ich wurde in meinem Leben bisher noch nie so sanft und liebevoll berührt…

Als seine Fingerspitzen verschwinden, öffne ich verwundert die Augen und finde nichts weiter als einen träumerischen Blick.

„Das war wunderschön…“, murmle ich, ohne dass ich es wollte. Und er lächelt tiefsinnig.

„Würdet Ihr einen Kuss immer noch für so unmöglich halten?“

„Nein…“

„Würdet Ihr jemals wieder urteilen…“

„Nein…“

„Würdet Ihr flüchten, wenn ich Euch umarmen wollte?“

Und auch diesmal sagt meine Stimme ein säuselndes, unvernünftiges „Nein…“ Ich schließe die Augen ein weiteres Mal und warte auf ein Gefühl, dass ich noch nie empfunden habe. Ich musste meinen Verstand in dem Gespräch mit ihm verloren haben, denn alles, was ich jetzt noch denken kann, ist der Gedanke daran, umarmt zu werden…

Aber die Berührung, die ich fast schon verlange, bleibt aus.

Er wendet sich ab und tritt zu seinem Schreibtisch und hinterlässt nichts als Unverständnis in mir zurück.

„Das darf doch langsam nicht mehr wahr sein!“, platzt es aus mir heraus und ich stapfe zu ihm hinüber. Er konnte doch nicht andauernd diese Gefühle in mir provozieren, andauernd mich auf etwas derart Angenehmes hoffen lassen, mich verwirren, bis mein Herz es nicht mehr ertragen konnte und mich dann einfach so stehen lassen. Mein Geduldsfaden ist äußerst dünn geworden!

„Ihr seid der eingebildetste, gemeinste und anstrengendste Hylianer, der mir jemals begegnet ist!“ Ich bin soweit, dass ich ihn für dieses Annähern und mich dann wie einen Tölpel vor sich stehen lassen, erdolchen könnte!

Er wendet sich verwundert zu mir und scheint nicht verstehen zu können, warum ich plötzlich so wütend bin. „Es ist interessant für mich zu sehen, dass Ihr scheinbar eine Umarmung oder einen Kuss von mir so dringend haben wollt!“, spricht er belustigt.

Ich weiche zurück, seufze und spüre meine Wangen sich erröten. Ich würde mir am liebsten die Zunge abschneiden, weil ich es nicht schaffte in irgendeiner Weise gegen ihn anzukommen. Hinzu kam die Tatsache, dass mein Körper tatsächlich nach ihm verlangte…

„Ihr macht mich hilflos…“, murmle ich, schüttle meinen Schädel und wende ihm nun auch den Rücken zu.

„Ihr mich ebenso…“, entgegnet er, tritt an mich heran und legt seine Hände auf meine Schultern. „Verzeiht mir meine Worte. Ich wollte Euch nicht zu nahe treten. Es war nur… es hat mich an etwas erinnert, dass ich mich so mit Euch unterhalten und Euch herausfordern konnte.“ Seine Worte… seine Stimme ist so unglaublich warm. Ich will ihn reden hören, dieser Stimme noch ein wenig länger lauschen, einfach nur lauschen und mich erinnern. Dieser Klang schmeichelt mir, bis ich die Augen schließe.

„Zelda… Wenn Ihr nur wüsstet…“, spricht er sanft und wendet sich dann ab. Er zieht sich rasch seinen Mantel über und tritt an die kleine Eingangstür.

„Zelda… Ich reite kurz in die nahegelegene Stadt… Ich brauche… Schließt die Tür hinter Euch, ja?“ Das konnte jetzt nicht sein Ernst sein, oder? Er ließ mich einfach hier stehen mit all den Fragen in meinem Kopf. Er ließ mich tatsächlich allein in seinem Haus? Wollte er, dass ich herumschnüffelte?

„Warum…“, beginne ich und komme nicht einmal dazu meine Frage auszusprechen, dass er schon antwortet.

„Ich habe meine Gründe…“, schließt er ab und ist flugs aus dem Häuschen verschwunden. Ich schüttle meinen Kopf und komme mir einmal mehr wie ein dummes Kind vor, welches einfach nicht verstanden wurde. Ich wollte mit ihm reden, ich wollte endlich eine Antwort auf diese quälende Frage in mir: Kannte ich ihn einst? Kannte er mich? Aber einmal mehr, so wie immer, lässt er mich mit diesen Fragen allein zurück.

Ich wende meinen Schädel zu dem Fenster und sehe ihn liebevoll seine Stute am Hals streicheln. Er hüpft auf ihren Rücken und blickt in meine Richtung. Er lächelt schwach und unterbindet den Blickkontakt. Zielstrebig reitet er von dannen…

Und meine Gefühle… sie wandeln sich mehr und mehr. Als er von dannen zieht, schleicht sich ein neues Gefühl in mein Herz. Ich beginne mich nach ihm zu sehnen. Ich beginne ihn zu vermissen…

 
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