Kapitel: 11
 
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Kapitel 11

 

Es musste Schicksal sein, hier an diesem Ort. Schicksal, sich zu erinnern und einfach nur Schicksal, sich auf etwas Vertrautes, Beständiges und doch Unerreichbares einzulassen…

Ich wusste, von Anfang an… Ich wusste, dass er mich finden würde, und ich mich auf diesen absurden Teufelskreis vergessener Wünsche, verheimlichter Gefühle und herber Abschiede, einlassen würde. Ich wusste es…

Und hier stehe ich nun in des Helden einfacher Behausung, unsicher, mit all den verwirrenden Gefühlen und Gedanken, die von weit herrühren, von einem Gestern, das mein gesamtes Weltbild in Frage stellt… und meine eingebildete Stärke schwindet…

Ich spüre, wie dieses Ich, vielleicht ein schändliches, oberflächliches und einfältiges Ich, immer mehr einzustürzen beginnt. Ich wollte nie die Hylianerin sein, die tatsächlich in mir schlummerte. Nie das Wesen sein, das sich mit aller Gewalt zu befreien versuchte. Nie dieses unheilige, verfluchte Etwas in mir an die Oberfläche lassen. Da war immer ein heimlicher, destruktiver Gedanke an eine verdammte Vergangenheit, auch wenn ich keine Bilder dazu besaß. Da war Gefahr und Hass… Bilder von Schlachten und unsäglichen Dämonen, die Hyrule zerstörten…  

Es ist niemals leicht Bilder der Nacht und Gedanken zu testen, sie nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, und noch schwerer ist es, die Realität für derartige Phantasien in Frage zu stellen. Wir Hylianer sind doch eigentlich um Beständigkeit bemüht, um ehrliche Aufgaben, auch wenn wir viele Dinge mit Magie anpacken. Wir sind bemüht aufrichtige und verlässliche Wesen zu sein. Da war kein Platz für alte Geschichten, für Aberglauben und wenn uns Kriege oder Schlachten bevorstanden, so versuchen wir jene doch abzuschließen, das Leben zu genießen und unseren Sinn zu finden. Wir ziehen doch eigentlich eine klare Grenze zwischen Phantasien und der Realität… und ich, wo ich mich vor den Bildern in der Nacht fürchtete, besaß herbe Zweifel über die Realität, wie ich sie sah. Wie oft lag ich nachts wach mit dem Gedanken daran, dass dieses Leben ein unechtes ist. Wie oft kam mir der Gedanke, nicht die Hylianerin zu sein, die ich doch war… und alles nur, weil ich vergessen hatte. Ja, jetzt, wo ich hier bin, in des Helden Heim, seinen Worten lauschte, jetzt endlich, ergibt das alles den einen Sinn, den ich herbeisehnte wie nichts anderes auf der Welt…

Ich bin nicht mehr Zelda, die junge, unwissende und beschützungswürdige Prinzessin von Hyrule… Der Heroe hat mich mit seinen Worten, seinen Blicken und Taten auf eine ernüchternde Weise aufgeschreckt…

Mit einem sanften Lächeln tapse ich zu dem kleinen Schreibtisch in seiner Behausung, nehme auf dem knarrenden Stuhl Platz und mein Blick schweift beinah tranceartig zu den vielen Pergamentblättern. Er ließ mich nicht ohne Grund allein in dieser gemütlichen Hütte. Er wollte, dass ich etwas entdeckte, dass ich vielleicht die Dinge las, die er nicht über seine Lippen brachte. Die Frage ist nur, was ich von diesem Wirrwarr an Selbstgeschriebenem tatsächlich lesen sollte…

Ich fand Einträge noch vor seinem ersten Besuch in die Hauptstadt, noch bevor er sich mit seinem heiligen Schwert dem Königsrat stellte. Ich fand Aufzeichnungen und trübsinnige Worte über die Kämpfe, die er bestreiten musste. Ich fand so vieles und doch nicht das, was mir im Augenblick das richtige erschien. Seufzend schob ich den Stapel Blätter außer meiner Reichweite und öffnete ein kleines Schubfach, das in den Schreibtisch eingefasst war. Als meine blauen Augen über weitere beschriebene Blätter glitten und ich nur Bruchstücke lesen konnte, wusste ich sofort und mit einem schweren Gefühl in meiner Brust, dass es diese Einträge waren, die ich lesen sollte. Ich las kurze Abschnitte über eine Nacht, in der ihn sonderbare Träume einfingen, ich las Zeilen, in denen Sehnsucht stand und ich las zu oft den Namen Zelda. Es stand nirgendwo Prinzessin oder Königstochter oder dergleichen… einfach nur mein Name…

„Wenn ich der alten Göttin gegenübertreten könnte, wenn ich noch einmal wählen und mich selbst in ihrem Antlitz erblicken könnte, ich würde beschämt sein über den Ausdruck in ihren Augen. Ich ging ihre Absichten ein, ohne mir bewusst zu sein, was ich tat, ohne Bewusstsein dafür, was ich für meine Seele in den nächsten Jahrhunderten entschied. Ich entschied mich benutzt zu werden, immer und immer wieder, für ein Land und die Geschöpfe, die es hervorgebracht hat, für einen sinnlosen Krieg und absurden Kreislauf, nur damit Legenden geboren werden konnten. Ich bin nur ein Werkzeug für all‘ die, die selbst nicht kämpfen können…“

Jemand, der diese Zeilen schrieb, so denke ich, musste so viel Blut gesehen haben, dass es für eine neue, vielleicht bessere Welt reichen könnte. Da war eine Traurigkeit und unsagbar viel Leid in diesen gefühlvollen Worten, dass meine Augen feucht werden.

„Ich konnte den Tempel der Zeit finden, nun nur noch eine Ruinenlandschaft, mit dem Gedanken, das alles, was einst war, nur noch verschwindende, grausame Schatten der Vergangenheit sind, zurückgelassen um zu vergehen. Ich frage mich, ob es an jenem magischen Platz, erbaut auf heiligem Grund, jemals eine Antwort auf den Sinn hinter den Kämpfen um die Macht Hyrules geben wird… und ob dieser Ort für mich auch in diesem Leben wieder bedeutsam sein kann. Es ist vielleicht der einzige Wunsch, den ich aufbringen will.“

Ich kenne viele magische Plätze in diesem Zeitalter und ich hatte in alten Büchern meines Vaters wahrlich oft von dem Tempel der Zeit gelesen. Aber in jenen Büchern war dieser Platz nicht mehr als ein Wunschtraum, ein Ort, der schon lange als vergessen und versunken galt. Dort, wo man den Tempel der Zeit vermutete, waren Abgründe, die niemand überqueren konnte. Und man erzählte sich auch, dass an jenem einst so verruchten Platz sehr viel Blut vergossen und edle Herzen gestorben wären, dass es sich nicht lohnte einen verteufelten Ort wie jenen überhaupt noch finden zu wollen. Mein Vater hatte die Suche danach sehr schnell aufgegeben, vielleicht auch, weil er Angst hatte vor dem, was er finden könnte.

„Wenn die Zeit reif ist, wenn ich Antworten suche, ist der Tempel der Zeit, der einzige Ort, an dem ich zu finden sein werde. Ich werde warten, so, wie ich es immer tat…“

Das waren die letzten Worte, und der vielleicht letzte Eintrag, den der Heroe auf den Pergamentblättern hinterlassen hatte. Es klang beinah wie eine Aufforderung in meinen spitzen Hylianerohren, wie ein Ruf, dem ich nachgehen sollte.

Ich lese die Worte noch einmal, und noch einmal, versucht und bemüht meine eigene Begriffsstutzigkeit zur Seite zu schieben und vielleicht auch das leichte Misstrauen gegenüber diesem warmherzigen, edlen Mann endlich zu begraben. ,Er würde warten‘, so hatte er geschrieben. ,So, wie er es immer tat.‘ Warten auf ein neues Zeitalter, oder warten auf den einzigen Menschen, dem der Tempel der Zeit ebenso viel bedeutete?

Etwas unruhig erhebe ich mich, laufe von einer Zimmerecke in die andere und versuche seine Worte mehr und mehr zu deuten. Konnte es sein, dass er sich gerade jetzt an diesem Ort aufhielt? War dies ein Test, der verlangte, dass ich diesen Ort finde? Und weitere, vielleicht auch paranoide Gedanken finden den Weg in meinen Kopf. Das war absurd, sagte mir mein Verstand. Warum sollte er an diesem heiligen Ort auf mich warten? Warum sollte er überhaupt in jener Minute dort sein?

Er sprach davon, dass er etwas brauchte, als er ging. Und ich hatte beinahe das Gefühl, dass er mich gerade jetzt nur mit Unwillen in seinem Heim ließ. Fast so, als suchte er sich dies alles nicht aus, als fürchtete er sich selbst vor dem, was sich mir preisgeben könnte.

Ich versuche mich zu konzentrieren, stapfe von einer Zimmerecke in die andere und höre mein aufgeregtes Stiefelgeklapper auf dem Boden. Ich verschränke die Arme, seufze und habe den Eindruck, dass mir jeglicher vernünftiger Gedanke entflieht. Hat das, was ich hier tue, was ich mir über dieses Band zweier Seelen zusammenreime, denn überhaupt noch einen Sinn?

„Ich werde warten…“, flüstert es irgendwo aus der Stille. Der Wind scheint diese Worte näher zu tragen, als wollte er mich bestärken, dass jene Worte an mich gerichtet waren und an niemanden sonst.

„Ich werde warten…“ Und es ist, als setzt der Wind weitere Worte hinzu. Vielleicht ist es meine Hoffnung oder Phantasie, die mir einen Streich spielte. Aber es ist wie, als flüsterte es auf den sanften Wogen noch einmal. „Ich werde warten und kämpfen… Zelda… für immer.“

Und es ist dann, dass ein neues Gefühl in mir erwacht. Mit einem ungewollten Schrei, reiße ich die Tür auf, hetzte vorwärts über die saftgrünen Wiesen, durch den dichten Wald und schließe die Augen. Ich hatte mich schon einige Male teleportiert, zwar nie an einen Ort, der mir fremd war, den ich nicht kannte, aber das Risiko, so spüre ich, diesen Schritt zu wagen, will ich nun eingehen. Die Zeit sich tragen zu lassen, von neuen Gefühlen zu gefährlichen Gefilden, hinein in ein abenteuerlustiges Risiko, war reif. Und die Magie, die meine Adern entlang fließt, sich wie ein Stromschlag über meiner Haut verteilt und meinen Körper beinah zerreißen will, trägt mich hinfort, dorthin, wo das Schicksal wartet…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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