Kapitel: 12
 

Kapitel 12

 

Als mich mein Bewusstsein wiederfindet, mein Körper noch benommen und schwer von dem Einsatz alter Magie, spüre ich zuerst einen kühlen Windhauch, der meine Unterarme streift und ein trockenes Laubblatt tanzt über mein Gesicht. Ehrfürchtig lasse ich die Augen noch ein wenig geschlossen, spüre soliden Untergrund unter meinen Stiefeln und öffne meine Sinne für einen Platz am Rande der Zeit. Für einen Ort, der Gefühle hinterließ. Eine Erinnerung für alle Ewigkeit…

An meine spitzen Hylianerohren dringen neben dem Rauschen des Windes und dem Rascheln von zarten Laubblättern muntere Vogelstimmen, die den goldenen Morgen der Welt begrüßen. Und irgendwo nicht weit entfernt, aber dennoch fast unwirklich kann ich dumpfe, drückende Töne eines Instruments vernehmen. Klänge, melancholisch und verträumt, leidvoll und schwer…

 

Und erst dann öffne ich meine Augen für einen verwunschenen Ort, der noch immer weit entfernt von jeglicher Zivilisation existiert. Vor mir liegen die Überbleibsel eines stolzen Gebäudes, einer Kathedrale oder eines Tempels. Das raschelnde Blätterdach wiegt den heiligen Ort vor meinen Füßen in sanften Schlaf. Moose und Farne wachsen verstreut, schützen, was niemals vergessen werden sollte. Die Zeichen der Zeit scheinen unverwüstlich und hüllen altes, abgetragenes Gestein in einen märchenhaften Zauber. Wenige Meter weiter tropft silbern glitzerndes Wasser aus einer kleinen Öffnung an mit Gras bewuchertem Felsengestein. Ich stehe auf einem steinernen Podest und knie nieder, streiche sanft über feinen Staub und entdecke das wohl bedeutendste Zeichen Hyrules in das Gestein eingraviert. Ein Triforcesymbol, bemalt mit goldener Farbe…

Meine Seele geht auf Reisen, als ich mich weiterhin umblicke. Einst waren hier Bankreihen, mächtige Säulen und ein gigantisches Deckengewölbe. Einst beteten Hylianer an diesem Ort für die Erfüllung unsterblicher Sehnsüchte… und einst war hier ein Altar. Und auf einem Opferstein, kalt und grausam, lag einst jemand, der sein gesamtes Leben in den Dienst Hyrules gestellt hatte. Er war unvergesslich. Sein reines Herz, seine edle Seele und seine Ideale waren das teuerste, was Hyrule jemals besaß. Für einen schwindenden Moment, trügerisch, und fast unnahbar kann ich die Vergangenheit sehen und spüren. Ich war hier, feige und vernichtet…

Von weitem erklingt einmal mehr seine Flöte, spielt ein Lied, das mich traurig stimmt. Und meine Seelenspiegel blicken noch schwermütiger umher, als gerade in dem Augenblick die sanften Flötentöne enden. Und ganz taktvoll und leise höre ich seine Schritte. Ein gedämpftes Tap Tap, bemüht um Demut und vorsichtig bewegen sich seine Stiefel durch das junge Gras an diesem heiligen Platz.

Er spricht kein Wort, aber ich weiß, dass er nicht erwartet hätte mich hier zu finden. Als ich mich zu ihm drehe und sich unsere Blicke kreuzen, kann ich neben der vermuteten Verwunderung einen Schimmer eines alten Gefühls, eines alten Traumes, in seinen dunkelblauen Seelenspiegeln entdecken.

„Dies ist der Tempel der Zeit, nicht wahr?“, murmle ich, und beobachte seine Reaktion darauf kritisch. Sein Blick wird butterweich und er schließt die Augen. Erst jetzt sehe ich das meerblaue Instrument in seiner linken Hand.

„Wenn Ihr dies schon wisst, warum fragt Ihr dann noch?“, spricht er abweisend und lässt sich auf einem abgenutzten Baumstamm nieder. Fast kindlich sitzt er dort.

„Ich erhoffte lediglich Bestätigung…“

„Ihr seid immer noch unsicher“, bemerkt er entrüstet und scheint enttäuscht zu sein.

„Nein, es sind keine Zweifel, es ist eher eine Traurigkeit, eine unverständliche, tiefe Traurigkeit“, sage ich leise, knie nieder, rücke meinen Rock zurecht, schließe die Augen und lege meine Hände in eine hylianische Gebetshaltung. Ich legte niemals großen Wert auf Gebete. Ich war sogar sicher, dass mir diese Form der Ehrerbietung vor den Göttern nichts geben konnte. Jetzt allerdings habe ich das Gefühl, dass ich dadurch Antworten und inneren Frieden erreichen kann. Vielleicht weil mich der Krieg veränderte, oder weil der Heroe es tat…

 

Er setzt das Flöteninstrument ein weiteres Mal an seine Lippen, spielt sehnsuchtsvoll und verträumt, scheint in seinem Musikstück die Zeit zu vergessen, oder vielleicht auch zu vergessen, wozu er bestimmt wurde. Ich beobachte ihn, spüre diese Güte und Zärtlichkeit einmal mehr in den Noten, und summe die trübsinnige Melodie, die er erschafft. Er öffnet die Augen verwundert, aber es steht keine Enttäuschung, noch Schwermut darin. Wenn Augen lächeln könnten, so würden seine es für einen winzigen Moment, für einen Sekundenbruchteil, tun…

„Ihr habt die Melodie nicht vergessen“, spricht er leise. Ich schüttele bloß meinen Kopf und schweige. Nein, nachdem er jenes Lied gesungen hat und jenes Lied ich selbst am Strand hören konnte, nur weil er dort war, würde ich jene angenehme Melodie wohl für immer erinnern.

„Es ist eine wunderschöne Melodie…“, murmle ich. „Ich war nie an Gesängen und Instrumenten interessiert“, setze ich hinzu. „Es ist traurig, dass ich vorher für diese Dinge so abgeneigt und engstirnig war.“ Und damit umarme ich mich selbst. Muss ich vor diesem Mann jetzt meine Selbstzweifel auspacken?

„Vorher?“, meint er grob. „Vor welchem Ereignis?“

Ich schließe die Augen und seufze. Ist diese Frage aus seinem sonst so kühlen, lauten Mundwerk ernst gemeint? Konnte er sich diese Frage nicht selbst beantworten?

„Ich habe über viele Dinge nachgedacht in den letzten Stunden… und inzwischen zweifle ich an allem, was ich über Hyrule wusste. Ich zweifle an den Überlieferungen, an diesem Herrschaftssystem und an mir selbst…“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage“, entgegnet er ruppig und kühl. „Könnt Ihr Euch nicht einmal klar und prägnant ausdrücken, anstatt um den heißen Brei herumzureden?“

„Es war immerhin ein Versuch, es Euch zu erklären… aber es scheint, als habt auch Ihr inzwischen ein Bild von mir, das sich nicht mehr verändern lässt.“ Er schweigt darauf und blickt nur kühl hinauf in den sanften Morgenhimmel. „Ihr schätzt mich womöglich als kindisch und dumm ein, als eine sture Adlige, die ihre Augen vor Zweifeln verschließt, die nicht in der Lage ist ihren Standpunkt darzulegen, die feige ist. Aber so bin ich nicht und das wollte ich auch nie sein…“

„Ich habe Euch niemals als kindisch oder dumm eingeschätzt…“, spricht er leise. Verärgert hüpfe ich auf die Beine. „Und warum seid Ihr dann immer wieder so plump und taktlos zu mir? Ich bin schließlich nur wegen Euch hierhergekommen, ich habe diesen Ort gefunden, in Euren Aufzeichnungen gelesen. Ich bin kein kleines Kind, das man herum kommandieren muss.“

Er zwinkert und starrt mir überrascht in die Augen, fast so, als wollte er darin etwas finden. Dann schließt er seine dunkelblauen Seelenspiegel wieder, lächelt gezwungen. „Es tut mir leid… Entschuldigt, Prinzessin.“

Und so stehe ich nun da und weiß nicht, was ich mit dieser Aussage anfangen soll. Ich habe erwartet, dass er sich mit mir streitet, dass er mich wieder herausfordert, aber auch diesmal reagiert er unvorhersehbar. Ich seufze bloß und blicke diesen Mann einfach nur an, blicke von seinen verschmutzten Stiefeln zu einem verdreckten Verband, den er um seine linke Wade gewickelt hatte, dann zu der verschlissenen Tunika mit den Blutflecken...

Manchmal wirkt er so kraftprotzend, unverschämt und mutig. Manchmal ist es fast so, als ließ er Zweifel und Ängste nicht zu. Aber manchmal ist da eine Seite, die Wärme ausstrahlte, eine mitfühlende Seite und ein einsames Herz. Wenn ich ihm nur sagen könnte, dass ich es verstand, dass ich mich einfühlen konnte in diese Schicksalsschläge und dass er Bewunderung und Zuneigung verdient hat…

Er tritt zu der kleinen Quelle, schließt seine Hände aneinander und fängt einige Tropfen der klaren, reinen Flüssigkeit darin auf. Er trinkt wenige Schlucke und wischt sich das Wasser von seinen Mundwinkeln. „Wie konntet Ihr diesen Ort finden?“, fragt er dann. Ich spüre, wie sehr er sich bemüht, nicht wieder ausfällig zu werden. Dann beißt er sich noch auf die Lippe, vielleicht um irgendein Gefühl oder eine leichte Ärgernis zu unterbinden.

„Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie ich den Tempel der Zeit finden konnte… ich habe mich einfach leiten lassen.“

„Und vermutet, dass ich mich hier aufhalte?“

Ich nicke mit ernster Miene.

„Warum wolltet Ihr mir überhaupt noch einmal gegenübertreten, habt Ihr nicht selbst gemeint, dass wir scheinbar nicht miteinander reden können?“, sagt er verdrießlich und ich seufze. Da war es wieder. Konnte er seine verbitterte Ader und diese unzarte Stimmlage nicht endlich unterlassen?  

„Ich habe das nicht gesagt…“, stelle ich klar.

„Bitte?“

„Ihr habt gesagt, wir können nicht miteinander reden. Es war Eure Einschätzung, nicht meine…“

Verdutzt dreht er sich zu mir. „Aber Ihr habt zugestimmt.“

„Ich sagte: vielleicht. Mittlerweile denke ich anders darüber. Mittlerweile bin ich der Meinung, es liegt ganz allein an Euch.“ Und sein Blick wird immer entsetzter, weil ich ihm jetzt Vorwürfe mache. „Es gibt scheinbar etwas, was Ihr mir nicht sagen könnt, obwohl Ihr der mutigste Mann in Hyrule sein wollt. Eure eisige Art und Weise sich mit mir auseinanderzusetzen bestätigen mir nur, dass Ihr etwas zu verbergen habt. Ich verstehe nur nicht, warum Ihr es mir verschweigt…“ Es ist fast so, als weicht mit meinen Worten die letzte Farbe aus seinem Gesicht. Fahl mustert er mich und blickt zu Boden.

„Sind diese Konflikte denn nötig? Ich weiß inzwischen, was hinter Eurer Maskerade steckt. Ich weiß, dass Ihr wärmer und zärtlicher seid, als ich dachte. Aber warum benehmt Ihr Euch mir gegenüber immer wieder wie ein Trampel?“

„Weil ich Euch die Schuld gegeben habe, dass Ihr vergessen habt…“, sagt er klar, diesmal nicht abfällig. „Aber Euch trifft keine Schuld…“, setzt er hinzu.

„Was soll ich vergessen haben?“, bohre ich nach. Jetzt, so hoffe ich, bin ich endlich auf der richtigen Spur. Jetzt, würde er mir alles erklären…

„Eure…“, beginnt er unsicher. „Die Zeit, als…“ Aber dann schüttelt er wieder den Schädel. Er tapst schwerfällig durch die halbzerstörte Eingangstür und lässt mich schon wieder hier stehen, mit all‘ den Fragen.

 

Erbost renne ich ihm hinterher, greife nach seinem linken Arm und fasse vielleicht etwas zu fest in seine Haut. Aber es macht mich selbst wütend, dass er weglaufen wollte, wie ein verdammter, eingeschüchterter Schwachkopf. Und nur mit etwas Druck kann ich ihn daran hindern zu gehen. „Bitte bleibt!“, spreche ich laut. „Ihr könnt mich nicht schon wieder mit diesen ganzen Fragen hier stehen lassen…“, murmle ich gezwungen. Inzwischen spüre ich ein Druckgefühl auf der Brust, was ich kaum aushalte. Es schnürt mir die Kehle zu, dass er sich so verschließt…

Und ich erhalte eine Antwort, die sich tödlicher anfühlt als die Klinge meiner Schwester auf meiner Haut: „Ihr habt mich auch oft genug irgendwo stehen lassen.“ Seine Worte versetzen mir einen erinnernden Stich. Abweisung und Sehnsucht. Ja, scheinbar hatte ich ihn enttäuscht. Ich erinnere mich, dass er mich kurz nachdem man ihn als den Heroen Hyrules anerkannt hatte, in den Schlossgärten besuchte. Er erschien mir damals so aufdringlich, wollte mich unbedingt in ein Gespräch verwickeln, ausgerechnet mich, da ich zu dem Zeitpunkt alles andere als Interesse an der Gesellschaft der Ritter oder Helden besaß. Ich weiß noch, dass ich ihn bat zu gehen, aber er ließ sich nicht wegschicken. Ich trat stur durch die Gärten, aber er folgte mir auf Schritt und Tritt. Ich war so dumm, dass ich ihn niemals anhörte…

„Ich verstehe… Und Ihr wollt mich nun bestrafen…“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und lasse den Kopf hängen. 

„Ihr habt Dinge getan… grausame Dinge… nicht nur in dieser Zeit, weil es Eure Pflicht war. Ich habe Euch niemals für irgendetwas bestraft. Ich war sogar noch dankbar“, spricht er trübsinnig. „Aber irgendwann reicht es selbst mir. Ich kann viele Dinge aushalten.“ Er lacht schauspielernd in sich hinein. „Aber ich bin kein Spielzeug. Und deshalb wollte ich mit allem abschließen. Unsere Auseinandersetzung auf den grünen Hügeln der Steppe war mein letzter Versuch etwas zu klären.“ Und er tapst wieder vorwärts. „Ich ließ Euch in der Hütte allein, weil ich herausfinden wollte, was Ihr unternehmt, ob Ihr vielleicht sogar folgt. Aber Ihr habt erneut gezögert. Das ist mir Antwort genug.“ Er wendet sich nicht um und tapst weitere Schritte durch das saftig grüne Gras. Und mit jedem weiteren Schritt, beginne ich zu realisieren, dass er genug hatte, dass er sich verabschieden wollte. „Ihr wollt Hyrule verlassen, habe ich Recht…“, flüstere ich, bemüht etwas zu unterdrücken, was in meiner Seele weh tut. Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe mich noch nie so verzweifelt und verletzlich gefühlt wie jetzt. Es brennt innerlich, es schmerzt. Und noch immer finde ich keinen Zugang dorthin. Erst als ich aufsehe, realisiere ich, dass Tränen meine Wangen hinab tropfen. Ich versuche zu lachen, mich selbst zu verstehen. Kann das nicht aufhören? Warum benehme ich mich in seiner Gegenwart schon wieder wie ein dummes Kind und weine?

„Ja… ich…“ Er atmet tief durch, dreht sich um seine eigene Achse und lächelt halbherzig. „Bei den Göttinnen, ich hadere damit, wirklich… ich wollte…“ Und erst dann blickt er mich an und verliert die Worte, die er sagen wollte. Mit meinen heißen Tränen weicht das dumme Grinsen aus seinem Gesicht.

 

Beschämt drehe ich ihm den Rücken zu, wische die kristallenen Tränen mit meinen Handschuhen aus dem Gesicht und frage mich, was mit mir los ist. Und wenn er Hyrule verlässt, warum soll es mich belasten? Vielleicht ist da eine Vergangenheit, die ich nicht kenne, aber ist es dieses Wissen wert, dass ich mein ganzes Selbstbild und meine Stabilität dafür wegwerfe. Für einen Mann, der es nicht für nötig hält den Mut zu fassen, mir ins Gesicht zu sagen, was geschehen ist?

„Bitte seid nicht traurig. Es ist besser so, wenn ich aufbreche… Vielleicht werde ich irgendwo da draußen mehr gebraucht als hier“, sagt er kühl. Aber ein winziger Funken in seiner Stimme lässt mich zweifeln. Ich nicke, bemüht meine Fassung zu wahren. Ich muss seine Entscheidung respektieren, oder nicht?

„Dann werdet Ihr dies akzeptieren und mich nicht aufhalten?“

Ich nicke erneut, ihm den Rücken zugewandt. Einmal mehr würde ich ihn nicht davon abhalten zu gehen. Ich würde ihn nicht aufhalten… 

„Dann kümmert es Euch nicht, dass ich gehe, auch wenn Ihr Euch die Seele aus dem Leib weint…“ Und seine Stimme wird immer leiser, fast so, als bittet er um etwas, als wartet er auf etwas. Ist dies ein Test?

„Es kümmert mich nicht“, lüge ich. Und ich kann spüren, wie er mit diesen Worten innerlich zusammensackt. Meine Teilnahmslosigkeit muss für ihn wie ein Schlag ins Gesicht sein.

„Dann werdet Ihr mich wieder stehen lassen…“ Und diesmal schluchzt er beinahe. „Gerade deshalb wird es Zeit Hyrule zu verlassen, Zelda…“

Ich kann hören, wie sich seine dumpfen Schritte von mir entfernen und seine Schritte immer schneller werden. Aber ich bin wie gelähmt, ich kann ihm einfach nicht hinterherlaufen, obwohl ich es sollte. Ich weiß, dass dies meine letzte Chance ist.

„Ich… werde Euch… vermissen…“, flüstert er abschließend. Und vielleicht ist das der einzige Satz, der den Knoten in meiner Brust löst. Ich drehe mich in seine Richtung, sehe ihn davon stiefeln, verbittert und einsam. Ich werde panisch und realisiere das Gefühl in meiner Brust als Verlustangst, als eine starke, leidvolle Verlustangst. Ich kann ihn nicht gehen lassen, ich kann nicht. Ich muss einmal mehr eine Entscheidung für ihn fällen und ihn an mich binden. Diesmal, so entschied ich, würde ich ihn nicht stehen lassen.

Es ist das erste Mal, dass ich ihm gegenüber rechtschaffen bin. Das erste Mal, dass ich ihn von mir aus berühre. Das erste Mal, dass ich nicht feige bin...

Ich renne so schnell, dass er nicht die Gelegenheit hat sich umzudrehen oder zu wundern. Er seufzt überrascht auf, ein angenehmer Laut aus seiner Kehle, als ich ihn mit einer Umarmung am Weg hindere. Ich stehe direkt hinter ihm, meine Hände finden sich auf seinem Bauch. Ich drücke den Kopf an seine feste Schulter, habe das Gefühl verrückt zu werden, weil ich dies tat, habe das Gefühl zu schwinden, aber ich brauche ihn. Ich kann ihn nicht gehen lassen… Bei Nayru, es tut so weh, sollte er Lebewohl sagen. 

„Ich kann Euch nicht gehen lassen… bitte… ich kann nicht…“, wimmere ich, schäme mich für den kindischen Klang meiner Stimme. Und ärgere mich über meine Tränen. „Ich will nicht, dass Ihr geht. Ich will bei Euch sein…“ Ich muss wahnsinnig sein, dies zu sagen. Was hat dieser Mann mit mir gemacht, das meine ganze Stärke in seiner Gegenwart wie ein Kartenhaus zusammenfällt?

Er packt meine Hände, streichelt diese sanft. „Ihr habt mich aufgehalten…“, murmelt er. Ich kann spüren, dass er angesichts meiner Reaktion noch verwirrter ist als ich. „Warum nun doch?“

Ich bringe kaum einen Ton aus meiner Kehle, schluchze in den grünen Stoff der Tunika, genieße seine Wärme, seinen Geruch, seine Anwesenheit. Und vielleicht genügt meine Verzweiflung als Antwort. Meine Hände krallen sich in der Tunika fest, ich bitte darum, nicht mit Worten, aber mit einem besseren Argument, dass er bleibt…

Er dreht sich zu mir, lächelt so geruhsam, das es mein Herz wärmt. Er wischt die Tränen aus meinem Gesicht. Dann krallt er sich meine rechte Hand und schleift mich zurück in die Ruine. Ich bin so verwundert über seine Reaktion, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll. Er packt mich an beiden Oberarmen und drückt mich auf einen Gesteinsblock. Ich nehme Platz und beobachte ihn kritisch. Nervös läuft er vor mir auf und ab, kratzt sich an der Stirn, beißt sich auf die Lippe und kneift die Augen zusammen.

 

„Ich habe meine Geschichte noch nicht bis zum Ende erzählt“, beginnt er. „Ich will, dass Ihr wieder einfach nur zuhört. Ist das in Ordnung?“ Er prüft mich vorsichtig und als ich nicke, nickt auch er. Seine Stimme wird weich und zärtlich, als er erklärt: „Nachdem ich lernte zu töten, gab es einen Zeitpunkt, dass sich dann alles, woran ich glaubte, veränderte. Ich erhielt etwas zurück, was mir einen Grund gab, weiter zu machen. Ich hatte mich selbst wieder gefunden…“ Er spricht in Rätseln und scheint jene Ereignisse, die ein Lächeln auf sein Gesicht zaubern, nicht teilen zu wollen. „Ich habe vorher nie an frühere Leben geglaubt, bis ich mich an jenem Tage innerhalb von Sekundenbruchteilen an alles erinnerte. An alle Geschehnisse. An alle Menschen. Und an alle Gefühle… Kompliziert wurde es, als ich realisierte, dass von jenen, die ich einst liebte, niemand mehr da war…“

Er lacht etwas in sich hinein: „Und in gewisser Weise hat sich die Prophezeiung der alten Seherin erfüllt. Irgendwo bin ich gestorben, für eine grausame Legende… ein herzloses Krüppel geworden, Und ich wusste, es war mein Schicksal Hyrule zu retten, wie vorher auch. Und ich würde auch die finden, die in jenen Teufelskreis genauso verkettet waren wie ich…“

Ich will gerade etwas sagen, als er vor mir niederkniet und mir einige Fingerspitzen auf die Lippen legt. „Bei Farore, ich kann das einfach nicht mehr“, sagt er laut, als ist in seinem Inneren ein Faden gerissen. Er mustert mich so intensiv, dass es mir einen Schauer den Rücken herunter jagt, diesmal schaut er nicht so unsicher und verwirrend drein wie sonst. Sein Blick verrät weder Wut, noch Scham oder Ungewissheit. Ganz im Gegenteil in seinen blaugesprenkelten, ja anziehenden Augen, zeigen sich Aufregung und Entschlossenheit. Ich kann ihm nicht vertrauen, oder doch?

Die Frage stellt sich nicht mehr, als er meine Hände berührt. Hände so warm und wonnevoll, von denen jeder berührt werden wollte…

Ich mustere ihn, während er zu mir aufsieht. Sein Blick, voller Zuversicht, aber auch Leid, betäubt mich.

Dieses markante Gesicht…

Diese Lippen… verziert von einer kleinen Narbe…

 

„Woher habt Ihr diese Narbe…“, murmle ich, während das Licht der Morgensonne in die Ruine fällt.  

„Ich habe als dummer Junge einmal versucht ein bockiges Mädchen zu beschützen… und nicht geahnt, dass sie nicht beschützt werden wollte“, spricht er leise und in seinen Gesichtszügen bildet sich ein weiteres charmantes Lächeln.

„In diesem Leben…“, frage ich, obwohl ich die Antwort bereits kenne.

„Nein, nicht in diesem…“

Die Sekunden zerrinnen, während wir uns nur schweigend betrachten. Ja, ich habe Angst vor ihm, vor diesen Gefühlen, vor dieser Hilflosigkeit, vor der Gewissheit, dass ich etwas vergaß. Etwas Bedeutsames. Und dass ich vergaß, schmerzt und beschämt mich. Ich schäme mich dafür so sehr, so sehr…

„Ich weiß nicht einmal Euren Namen… nach alle dem…“, sage ich leise. „… nach dem Krieg… nachdem Ihr mich so oft beschützt habt…“ Und es ist als wollte ich weinen, weil ich auch hier die Antwort kenne.

„Link…“, meint er leise.

Wie sehr mich die Gewissheit nun lähmt. Er ist dort gewesen in jenem Traum. Er ist dieser Junge, der mit seiner ,Zelda‘ dort spielte. Dort bei diesem Baum des Vergessens. Und er besitzt diese Blüten selbst hier in seiner kleinen Holzhütte. Wie viele Zufälle mussten noch geschehen, dass ich es realisiere, dass ich es akzeptiere?

Als eine Träne meine Wange hinab rinnt, beginne ich mich das erste Mal nicht dafür zu schämen. Er fängt sie auf mit Fingerspitzen von denen ich immer dachte, dass sie sich kalt und unangenehm anfühlen. Er legte seine linke Hand dann sanft über meine Stirn, packt ohne dass ich es verhindern kann meine Rechte und hält sie sich gegen seine linke Wange.

 

„Bitte… Habt Vertrauen. Ich möchte, dass Ihr versteht…“, bittet er. Und er sagt dies in einem so ruhigen, sanften Ton, dass ich nicht anders kann, als ihm zu vertrauen.

„Schließt die Augen“, spricht er leise. „Ich möchte, dass Ihr seht.“ Sein Blick ist so aufrichtig, dass ich tue, was er verlangt. Seine Stimme so angenehm, schallt in meinen Ohren nach. Meine Augen nun fest verschlossen brennen etwas. Ein Gefühl als würde etwas tief aus meinen Gedanken an die Oberfläche gerissen werden. Es schmerzt innerlich, so sehr, dass ich mich daraus winden möchte. Es quält mich, als schlitzt etwas dort, wo meine Seele sitzt.

„Bleibt ruhig…“, murmelt er. „Bleibt standhaft…“

Diese Bitte, diese Worte, so ungemein aufrichtig. Doch was erwartet er von mir? Kraft, mich auf Bilder einzulassen, die er mir schicken will, um zu verstehen? Bilder, die ich in meinen eigenen Gedanken sehen soll?

Und plötzlich verebbt der Schmerz und alles, was bleibt ist ein Bild. Ich kann sehen, wie der Heroe an einem vergangenen Tag mit kühlem Blick einen der geschmückten Schlossgänge entlang tapst. Seine linke Hand ruht auf seinem glänzenden Schwertgriff, als wollte er diese Waffe sofort benutzen. Ich kenne die Gänge, die er entlang wandelt. Es ist der Korridor, welcher einst zu den Gemächern meiner Schwester Damora führte. Ohne zu klopfen platzt er einfach ein. Seine Gesichtszüge so scharf und eisig als will er jemanden töten. In ihm brodelt es vor Wut. Etwas ist geschehen, dass ich nicht weiß…

„Ihr seid meiner Einladung also gefolgt?“, spricht es dann leicht zischend hinter ihm. Ich erkenne jene Stimme auf Anhieb, ist es doch eine oftmals verführerisch klingende, vielleicht auch teuflische Stimme einer einst so unschuldigen, jungen Frau. Der Heroe wendet den Blick nicht ab, lässt sich von Lady Damora mit keiner Silbe aus der Fassung bringen.

„Ich gebe zu, dass ich nicht erwartet hätte Euch hier vorzufinden, Heroe der Legenden.“ Er erwidert zunächst nichts und auch als Damora in ihrer aufreizenden Art, in ihrem feuerroten Gewand, um ihn herumtänzelt, schmachtend und begierig, bleibt er kühl und uninteressiert. „Mutbringer, Ihr solltet Euer Herz nicht so schwer belasten“, flüstert sie. Sie flüstert ihre Worte ganz nah an sein Ohr, sodass selbst ich, wo ich als ein Teil seiner Realität, seiner Erinnerungen, diese Erlebnisse sehen kann, ihren Atem spüre. „Habt Ihr über mein Angebot nachgedacht?“ Sie wendet ihm den Rücken zu, bewegt sich elegant und anmutig durch den Raum und summt. Wie ich sie hasse… selbst wenn ich sie hier in den Erinnerungen sehen kann. Wie ich sie verachte angesichts der Grausamkeiten, die sie hinter unserer aller Rücken plante. Wollte sie den Heroen tatsächlich auf ihre Seite ziehen? Welches Angebot hatte sie ihm unterbreitet?

„Euer Angebot interessiert mich nicht“, sagt er entschlossen.

Lachend, so höhnisch lachend, tänzelt sie wieder zurück in seine Nähe, streicht mit ihren Fingerspitzen über seine linke Wange. Selbst mir war diese Berührung einfach nur unangenehm.

„Das heißt, Ihr verschmäht mein Angebot der Zuneigung, meinen Körper und meine Ergebenheit, und hofft immer noch darauf, dass meine lausige Schwester das Gespräch mit Euch sucht?“

Sie hat ihre Worte kaum ausgesprochen, packt er sie grob an der Hand, sodass sie aufschreit und presst sie fast ein wenig brutal an die Wand. Er drückt die Schwertspitze an ihre Kehle, entschlossen und gnadenlos. Aber seine Augen, die ich in dem Augenblick sehen kann. Seine schönen blaugesprenkelten Augen sind voller Pein und Angst.

„Lasst jene Spielchen!“ Seine Stimme schallt so rau und kalt durch ihre Gemächer, dass es mich an die Schlachtfelder erinnert.

„Denkt Ihr, ich weiß nicht, was Ihr Eurer Schwester antut?“ Er packt sie an der Kehle und schleudert sie einmal quer durch den Innenraum. Ich wusste nicht, dass eine solche Gewalt und Brutalität auch einer Frau gegenüber in diesem Mann steckte.

„Aber damit ist Schluss!“, dröhnt er umher. „Ich sorge dafür, dass sie nicht noch einmal Euer Gift essen wird.“ Gift? Ich schaudere, als dieses Wort in meinen Gedanken nach Erkenntnis sucht. Es war Damora, die mich vergiftete? Diejenige, die mich vergessen ließ?

Damora jedoch wirkt weder eingeschüchtert noch ängstlich. Zielbewusst tritt sie einmal mehr an ihn heran und lacht. Sie lacht, als hätte sie ihren Verstand verloren. Spielerisch fährt sie durch ihr langes, schwarzes Haar.

„Und was“, lacht sie. „Was wollt Ihr dagegen tun, Mutbringer?“ Einmal mehr erhebt er das Schwert. Der glänzende, gesegnete Stahl spiegelt sich auf Damoras Körper, als wollte selbst die Seele in jenem Schwert sie richten.

„Ich würde euch töten, wenn es sie beschützen würde. Ich würde nicht zögern Euch die Kehle durchzuschneiden für Zelda…“, spricht er standhaft. „Und wenn ich selbst dafür gehängt werde, ich täte nichts lieber als Euch unter der Erde zu wissen… nur für Zelda!“ Seine Augen lügen nicht.

„Obwohl sie Euch vergessen hat, ausgerechnet Euch, wo Ihr vielleicht als Einziger einen Zugang zu ihrem Herzen besitzt. Ihr seid erbärmlich!“, höhnt sie. Und in seinen Augen, in diesen wunderschönen blauen Augen, glitzern Tränen.

„Sie wird sich erinnern. Das weiß ich… Und Euch, wird man nur verachten. Ich hasse Euch dafür, was Ihr meiner Prinzessin angetan habt… Ihr seid eine traurige, dumme Seele… Ihr werdet fallen…“, sagt er, führt das Schwert zurück in dessen Scheide und wendet ihr kühl den Rücken zu. Ich kann seine Augen sehen. Diese Augen leiden… und mehr noch… ich kann Tränen sehen. Und dann, überraschend, kann ich mich selbst sehen. Unwissend und zweifelnd erblickt mich der Heroe vor den Gemächern und mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Ich kenne diese Erinnerung. Und ich weiß, was er sagen wird. ,Prinzessin wartet… Es ist nicht so, wie Ihr denkt.‘

Nein, das war es nie. Es war nie so wie ich dachte. Der Heroe besaß immer Treue für seine Ideale. Und in seinem Herzen, diesem reinen, guten Herzen schlug ein Teil nur für mich…

 

„Zelda…“, sagt er dann leise und unterbricht diese seelische Verbindung. Ich blinzle, besinne mich darauf hier zu sein, in der alten Ruine des Tempels der Zeit. Der Heroe hat indes seine Hand von meiner Stirn gelöst, aber kniet noch immer vor mir. Als er in meine Augen blickt, ahnt er, dass ich gesehen habe. Wir blicken einander nur an, als suchen wir Antworten in gegenseitigen Blicken. Antworten auf die vielen ungestellten Fragen. Ist dieser Mann, dieser sonst so kühle, distanzvolle Mann, wirklich das, was ich inzwischen in ihm sehen will? Ist dieses Band, das nun wächst, ein Seelenband, verletzt gewesen durch das Gift meiner Schwester?

„Es tut mir leid“, beginnt er. „Ich habe Euch jetzt noch mehr verwirrt…“, setzt er unsicher hinzu und wendet sich ab. Nein, seine Handlungsweise ist es, die mich verwirrt. Er hat mir Bilder gezeigt, und das unter eigenen unangenehmen Gefühlen. Er hat den Wunsch geäußert, dass ich endlich verstehe und nun wendet er sich einfach ab? Ich habe erwartet, dass er sich erklärt, dass er mir die letzten Fragen beantwortet und stattdessen zieht er sich vor mir zurück. Er ist ein solcher Feigling!

Angestachelt hüpfe ich auf meine Beine, trete zu ihm hinüber und lege eine kühle, leicht zitternde Hand auf seine rechte Schulter. Ich verstehe mich selbst nicht. Seine Nähe nun suchend, atmet in mir das Bedürfnis ihn einfach nur zu berühren. Überrascht dreht er sich um und blinzelt.

„Ich habe vergessen…“, spreche ich leise. „Ich habe… einfach vergessen… Warum musste das geschehen?“ Ich spüre Verzweiflung. Es schreit alles in mir danach diese Erinnerungen zu fassen, endlich alles zu verstehen.

„Erklärt es mir. Ich bitte Euch!“, sage ich laut. „Ich will doch nur wissen, was geschehen ist…“ Meine Traurigkeit, die er spürt, besiegelt diesen Wunsch. „Ist das alles wirklich wahr? Haben wir…“

Er nimmt meine Hände, diese zierlichen Hände in seine starken und unterbricht mit dieser Zärtlichkeit mein wirres Gedankenkreisen.

„Ja… wir besaßen ein Seelenband. Und wir besitzen es noch…“, sagt er hoffnungsvoll. Ich bin so durcheinander, dass ich auch jetzt nicht weiß, was ich sagen soll. Er führt mich zurück zu dem Altar und wir knien beide nieder. Er hält noch immer meine Hände fest und sicher.

„Ihr sagtet einst, Ihr würdet nicht vergessen… aber Ihr habt es getan… Ihr habt mich vergessen…“, erklärt er leise. „Ausgerechnet unter der Pflanze, die Euch vergessen ließ, besiegelten wir einst das Versprechen. Ein Versprechen für die Ewigkeit… und über Leben hinaus.“ Ich kann spüren, wie schwer es ihm fällt, diese Dinge zu erklären. Ich sehe Schmerz in seinen blaugesprenkelten Augen. Diesen einfühlsamen Augen, wo ich endlich eintauchen und erkennen kann.

„Es war ein Leben, als Hyrule eine andere Gestalt besaß, eine andere Zeit und Welt… noch vor der großen Wende… ein vergessenes Hyrule…“, sagt er ruhig und streichelt über meine Hände.

„Ich träumte davon…von diesem Versprechen.“ Ich will, dass auch er weiß, dass mir viel daran liegt, es zu klären. Ich will, dass er weiß, dass ich aufrichtig für das stehe, was mir eine Schuld aufgeladen hat. „Ich sah zwei Kinder auf weiten Wiesen… in einem Hyrule, das vielleicht schon lange zurückliegt. Sie versprachen einander sich nicht zu vergessen…“ Er nickt lediglich und blickt auf meine Hände. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht stehen auch jetzt wieder Tränen in seinen Augen.

„Man kann tatsächlich ein Serum aus jener tiefblauen Blüte gewinnen. Eure Schwester Damora machte sich dies zu Nutze. Ich weiß nicht, wann sie damit begann, es Euch unter das Essen zu mischen. Ich weiß nur… ich erlebte nur…“ Er wird unsicher in seinen Worten. Und seine Nervosität legte sich auch auf seine Hände. „…ich erfuhr nur… den Schmerz, als ich in die Hauptstadt kam und erkannte, dass Ihr mich nicht erinnert... Ich wusste nicht damit umzugehen… Ich wurde eisig und unnahbar, weil ich auch mich dafür hasste, es nicht verhindert zu haben.“ Und selbst dieses Schuldgefühl nagt an ihm. Ich spüre es deutlich.

„Eure Schwester brachte Euch um Eure Erinnerung an Euer früheres Leben… um sich jene selbst einzuflößen. Sie wollte immer ein Teil der alten Legenden sein. Ich weiß, ich hatte nie das Recht über Euch… über dich zu urteilen… weil du nicht freiwillig vergessen hast… Nur wollte ich es einfach nicht akzeptieren und aus den Erinnerungen und Wünschen… aus der Sehnsucht entstand Hass…“ Er blickt auf und schaut mir so tief in die Augen, dass es mir schwindlig wird.

„Zelda… wir kannten uns… wir kannten uns immer… wir waren verbunden, immer… wir waren…“ Und für die Sehnsucht, die zu leben beginnt, für diesen Moment kann ich pulsierende Bilder… Leidenschaft und Liebe… sehen. Tiefe Gefühle in Gestalt von Nähe, sorgenfreien Lächeln und zarten Berührungen. Sehnsüchte, an denen man vergehen könnte. Und doch wählte ich diese einst.

„Ich kann nicht rückgängig machen, was passiert ist… zumindest weißt du jetzt…“, sagt er sanft und seine warmen, diese mitfühlenden, Hände legen sich auf meine Wangen.

„Ich sehnte mich so sehr danach, dass du dich erinnerst… an mich…“, gesteht er. Und in seinen blaugesprenkelten Augen spiegelt sich das überwältigende Gefühl von Vertrauen, das mich gerade einfängt. Ich vertraue ihm, so deutlich, so sehr, dass es schmerzt.

„Und dieser Zweig, der noch immer bei mir steht… Ich war im Zweifel. Ich wollte auch vergessen…“ Und zwei Tränen tropfen, weil wir beide verstanden haben. Die Verwirrung hat endlich ein Ende. Ich sehe diesen Menschen vor mir, einen Heroen, der für die Rettung unseres Seelenbandes, alles auf sich genommen hätte. Und was ich empfinde, unabhängig von den Bildern, die vielleicht niemals ganz zurückkehren würden, war über die Welten hinaus geblieben. Nein, Erinnerungen im Herzen kann man nicht löschen…

 Ich erinnere mich an ihn an diesem anderen Ort, einem Ort in meiner Seele, an ihn und unsere Verbindung.

„Ich habe immer auf dich aufgepasst… nicht weil ich es musste, ich tat es aus freien Stücken. Ich wollte nicht, dass du das als Kränkung empfindest…“, sagt er leise und blickt zu Boden.

 

Meine nächste Handlung überrascht mich selbst. Ich berühre seine rechte Wange mit meiner Linken. „Ich verstehe es jetzt… ich verstehe dich, Link…“

Ein Lächeln liegt auf meinen Lippen, als er aufsieht und wir uns vielleicht das erste Mal auf diese andere Weise begegnen. Weder urteilsvoll, noch blind…

„Ich war blind… Aber ich möchte es in Zukunft nicht mehr sein. Ich kann mich erinnern, an dich… nicht in Gestalt von Bildern, aber vielleicht dort, wo es noch viel wichtiger ist.“ Und auch er lächelt.

Wir umarmen einander, nicht weil es unabdingbar ist, dass sich zwei verbundene Seelen nahe waren, sondern weil es in diesem Moment so unglaublich notwendig ist. Nach all den verletzenden Worten, den verwirrenden Blicken, ist diese Umarmung fast wie ein Heilzauber das Ungesagte und Schmerzhafte hinter sich zu lassen. Ich dachte nie, dass eine einfache Umarmung so gut tun kann. Ein erstes Mal, dass ich mich wirklich sicher und aufgehoben fühle. Beschützt, nicht weil ich jung und schwach bin, beschützt, weil ich wichtig für diesen einen Menschen bin…

„Sag‘… das Lied, verstehst du es jetzt?“, meint er leise und streichelt mit seinen warmen Händen meinen Rücken.

„Ich denke schon“, flüstere ich und lache ein wenig. Unser Lied ist das schönste Musikstück meiner Welt, das mein Herz nicht vergessen hatte. Selbst über die Leben hinaus. Und nun, da ich das Flüstern in meinem Herzen nicht mehr ignoriere, kann ich es mehr und mehr verstehen…

„Warum hast du mir das alles nicht früher gesagt…“, murmle ich und genieße diesen innigen Moment.

„Wenn du mich gelassen hättest… nur du hattest immer deinen eigenen Kopf“, erwidert er, ein wenig belustigt. Ich will gerade etwas sagen, als er fortfährt: „Aber… du warst schon immer so. Und das ist vollkommen in Ordnung. Verzeih‘ mir, dass ich so ein Feigling war…“ Er drückt mich näher an sich.

„Ich war auch feige. Ich wünschte, ich wäre damals in den Gärten einfach stehen geblieben und hätte dir zugehört. Es tut mir leid…“, spreche ich aufrichtig. Wie konnte ich ihm nur jemals misstrauen. Jetzt, in seiner wärmenden Umarmung, erscheinen die letzten Wochen und Monate so unwirklich. Es ist unbegreiflich für mich, dass ich ihn abgewiesen habe.

 „Ich bin so dankbar“, spricht er, erneut mit dieser für mich in Zukunft nur mehr liebevoll klingenden Stimme. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich ein Gespräch mit dir herbeigesehnt habe.“

„Wir können das bewältigen… wie in anderen Leben auch…“

„Die Hindernisse und Schicksalsschläge…“, murmelt er. „Ja, das können wir…“

Auch ich bin dankbar, unendlich dankbar für die Erinnerung, die in mir lebendig wird. Und auch in Zukunft atmen wird.

Er weicht langsam aus der Umarmung, hüpft auf seine Beine und reicht mir seine linke Hand. „Würdest du jetzt vielleicht doch mit mir zu dem Fest reiten?“ Er lächelt so hoffnungsvoll und sanft, das mein Herz nur noch für diesen Moment leben will. Alles ist sicher… alles ist gut…

Ich lächle ebenso, nicke dankbar und glücklich und reiche ihm die Hand…

„Nur ist das Fest schon lange vorüber“, spreche ich leise.

„Das macht nichts…“, murmelt er sanft.

 

Und als wir über die Wiesen reiten, Hyrule spüren in seiner ganzen Faszination, mit all seinen Düften und seinen Farben, wirkt das Schicksal, dass irgendwo da draußen wartet, ganz unwichtig. Das, was in diesen Minuten zählt, sind die Gefühle, nicht die vielen Bilder des Glücks. Und jetzt endlich, ja aufrichtig, kann ich feiern, vielleicht mit meinen Landsleuten zu Ehren des Friedens, der mit dem Sonnenaufgang über diese Welt gefallen ist. Endlich kann ich genießen, weil ich verstanden habe. Ich lebe… und das nicht allein. Hier im lichten Anbeginn der neuen Zeit.

Endlich bin ich vollkommen dankbar für das, was mir das Leben brachte.

Es brachte mich zu ihm…

Ein Dank erfüllt mein Herz, der nur ihm gebührt… danke für alles.

 

 

Und so geht die kleine Zelink-Märchenromanze in einem frei erfundenen Hyrule zu Ende.

Lg an alle Leser

 

 
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