Kapitel: 2
 
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Kapitel 2

Unbeeindruckt steht er vor mir, lässt den Kopf auf eine Schulter sinken und wartet auf eine Reaktion von meiner Seite.

„Was ist? Hat es Euch die Sprache verschlagen?“, murmelt er und lässt das Schwert wieder sinken. Er wartet darauf, dass ich auf seine Provokation anspringe, nur unterschätzt er mich scheinbar auch in dieser Hinsicht.

„Ihr glaubt nicht wirklich, dass ich einen Kampf gegen Euch führen möchte. Ausgerechnet gegen den Heroen dieses alten Landes. Es ist abzusehen, wer dieses Gefecht gewinnen würde. Schätzt Ihr mich tatsächlich so dumm ein?“ Ich schüttle mit dem Kopf und verschränke die Arme.

Er grinst und stützt sein gesamtes Körpergewicht spielerisch auf sein Schwert.

„Ja, ich bin der Meinung, Ihr lasst Euch darauf ein“, schäkert er.

„Warum sollte ich?“

„Aus Neugier.“

Ich muss zugeben, dass er irgendwo Recht besitzt. Dennoch sträuben sich an meinem Körper alle feinen Härchen bei dem Gedanken daran, gegen ihn anzutreten. Ich werde keine Chance haben, das weiß ich vorher. Nur war es das Risiko, dieses Gefühl der Aufregung, diese Wallung in meinem Körper, einmal mehr meine Macht zu entfesseln, nicht wert genug?

Ich blicke ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an. Tückisch irgendwo und sehr, sehr herausgefordert. Ein Blick, den er erwidert.

„Ihr seid wahrlich unverschämt, Held“, seufze ich.

„Aber ich habe Recht, nicht wahr? Ihr seid tollkühn und abenteuerlustig genug, um es zu versuchen“, bemerkt er dann. Vielleicht lag tatsächlich darin der Reiz. Gefahr zu spüren, das Gefühl einer Herausforderung zu genießen, zu kämpfen. Und ein winziger, womöglich wahnsinniger Teil meiner Selbst sehnte sich danach…

„Sicherlich habt Ihr Recht…“, erwidere ich.

Unsere Blicke treffen sich erneut, gereizt bis ins Mark, gnadenlos aufgeregt angesichts eines Spiels des Kräftemessens.

„Und ich schrecke nicht zurück vor dem Gebrauch meiner heiligen Waffen“, bekräftige ich. „Und ich untersage es Euch aus Rücksicht wie ein Mädchen zu kämpfen.“ Überraschung steht in seinen kühlen Augen, jenen blauen Spiegeln in seine Seele. Diesmal ist er es, der meine Worte nicht wahrhaben und ernst nehmen will. Ich unterziehe jedes Detail seines Gesichtsausdrucks einer Prüfung. Sein Adamsapfel hebt sich, er schluckt, vielleicht aus Ungläubigkeit. Seine Stirn faltet sich kurz und er atmet für einen Augenblick sehr hastig ein und aus. Ob er sich nun doch nicht auf dieses Spiel einlassen wollte? Er hat wesentlich mehr zu verlieren als ich. Ihm könnte der Tod drohen für die Verletzung einer Prinzessin aus dem hylianischen Geblüt.

„In Ordnung“, murmelt er dann unverhofft.

Ich mustere ihn noch einen Moment, höre den Wind rauschen, der sich tosend über jenen Gipfeln erhebt. Er sing sein Lied von Freiheit, gleicht sich den trommelnden Herzen an, die im Rhythmus der feiernden Völker ihre Waffen gegeneinander schwingen würden. Ich spüre das Hervorbrechen alter Zauber, spüre mich selbst als Teil einer unglaublichen, aber fesselnden Wahnwitzigkeit.

Als wäre der Wind mein Begleiter, lasse ich meine zuvor verschränkten Arme an die Seiten meines Körpers gleiten, erhebe mich in der Macht, die mir zusteht und gleite rasch, als würden meine Füße nicht einmal den Boden berühren über die Wiese. Im Sturz auf meinen Herausforderer, fließt meine Waffe aus meinem Herzen, ich ergreife jene geschwind und lasse das mächtige Schwert mit einem Summen auf den Heroen sausen. Er hatte scheinbar mit der Attacke gerechnet und zieht sein Schwert geschmeidig. Raschelnd und in einem Funkenhagel tanzend, begegnen sich beide Waffen und reiben aneinander. Es fordert alles, was ich in meinem doch jungen Leben an Kampferfahrung und Kraft sammeln konnte. Er ist unglaublich stark und weiß seine Kraft geschickt in das Schwert zu legen, welches just in dem Moment zu schimmern beginnt. Ich spüre, wie mir die Energie aus den Armen weicht, und meine Muskeln zittern.

„Nicht einmal schlecht, Milady“, meint er beflissen. Seine Mundwinkel heben sich, senden mir Signale, dass er tatsächlich nicht vor einer überraschenden, vielleicht auch überlegenen Attacke zurückschrecken wird.

Ich spüre den Wind im Genick und das Brennen von Aufregung, das heftige Pulsieren von Macht in den Adern. Und diese Magie ist nicht nur meine eigene…

Etwas knistert in seinem Blick. Ein Zeichen, dass er nur unbewusst sendet.

Mit einem unverhofften Schlag, einen Streichen der Klinge, wetzt er diese an meinem Schwert, vollführt so rasch und ungezwungen eine schlagkräftige Kombination an Schlägen, derer ich nur knapp ausweichen kann. Ich zucke zurück, spüre das Pumpen meines Herzens, wie es heißes Blut in meinem Körper stößt. An meinem Gesicht rast seine scharfe, summende Klinge nur Millimeter entfernt vorbei.

Gemächlich lässt er sein Schwert sinken. Es klingt leise wie eine Stimmgabel, als es den Erdboden berührt. Etwas melancholisch richtet er sein Haupt gegen den Sonnenuntergang, dort wo die singenden Hyrulianer sich dem Frieden der Welt hingeben. In seinen Augen schillert etwas, was vorher nicht da war. Ein Hauch Schwermut.

„Ihr habt Angst davor zuzuschlagen“, bemerkt er prompt. Im ersten Moment wollte ich seine Worte erst gar nicht verstehen.

„Das ist Unsinn“, sage ich aufgebracht. Warum sollte ich Angst davor haben zu zuschlagen. Dieser Mann mir gegenüber ist nicht gerade ein Sympathieträger.

„Ich sah es an Eurem Blick“, erklärt er. „In Euren Augen, Milady, diesen unbestechlichen, schönen Augen steht die Erinnerung…“, schließt er ab.

Ich weiß nicht, was es ist, aber seine Worte jagen den Zorn in mein Gemüt. Was versucht er mit dieser Bemerkung zu bezwecken? Er besaß nicht das Recht sich in mein Seelenleben einzumischen. 

„Ich kann Euch durchaus beweisen, dass ich zuschlagen kann“, erwidere ich kokett. Dennoch schreien alle Zellen in meinem Körper, dass sich an meinem Elan und meiner Sturheit die Wahrheit in seinen Worten nicht schmälern lassen würde. Irgendetwas ist da, was ihn faszinierend macht, ein kleines etwas, was mir Sorgen bereitet. Und dieser unsterbliche Funken lag tatsächlich in der Erinnerung…

Aufgebracht, in seinen kühlen Augen ein vorher nie dagewesenes Feuer, stellt er sich in Kampfposition und winkt mir zu. Er lockt, mit seinem Repertoire an Strategien, die jeden Gegner zu Boden werfen würden. Und doch… und doch komme ich nicht dagegen an. Ich spüre Zorn und Wut, das Gefühl, etwas beweisen zu müssen, das Gefühl ihm etwas beweisen zu müssen…

„Dann beweist es“, murrt er leise, erneut dieser Hauch von Respektlosigkeit, von Verbitterung, hinter jener mehr zu liegen scheint als ein ungerechtfertigter Selbsthass oder Reue lang vergessener Taten.

Und ich schlage zu, mehr als vorher, vielleicht mehr, als ich es tatsächlich beabsichtige. Auch ich beherrsche Kombinationen mit meinem Langschwert, tötete ich ja selbst Kreaturen des Bösen dort auf jenen Feldern, wo heute die Menschen singen. Meine Hiebe kommen schnell und zielsicher. Auch die des Heroen donnern mit Wucht und Gnadenlosigkeit nieder. Unter der aufgehenden Sonne führen wir unser Gefecht, verletzen unschuldige Ehre, besudeln Wahrheiten mit Schweißtropfen und leisem Ignorantentum.

Ich weiche in einem weiteren Funkenhagel zurück, mit der Gewissheit den jetzigen Schlag des Gegners, ausdauernd und angereichert mit solcher Stärke mit meinem unterlegenen weiblichen Kampfstil nicht abwehren zu können und seine Klinge bohrt sich heftig und zischend in den unschuldigen Erdboden.

Ich weiß nicht, warum wir kämpfen, ich weiß es nicht mehr. Ich spüre nur Wut und Zorn über das, was ich vergaß, fühle die Wallung, das Sehnen nach Kraft und vielleicht auch die Sehnsucht verletzt zu werden.

Ich schlage zu, mit allem, was ich habe. Meine Muskeln vibrieren, als ich meine Waffe gegen den heiligen Stahl seiner Klinge schwinge und die Schwerter immer wieder aneinander knallen. Er wehrt geschickt ab, rollt sich seitwärts und versucht sich über meine ungeschützte Seite einen Vorteil zu verschaffen. Rasch und gekonnt springt er in die Höhe und verliert keine Zeit sein Schwert sprechen zu lassen. Ich kenne diese Art der Attacke von ihm, habe ich ihn dabei nur allzu oft beobachtet. Er unterschätzt mich, falls er denkt, ich hätte auf diese keine Antwort. Und wie von selbst dreht sich die Klinge in meiner Hand und jene bohrt sich vernichtend und engstirnig nach hinten. Ich spüre einen Widerstand an der Klinge, ein Gefühl, das mich zunächst erschreckt. Ein Gefühl, das mich erinnert…

Mein Körper kann sich der Schnelligkeit des Moments nicht sofort anpassen und erst jetzt wende ich mein Gesichtsfeld zurück.

„Raffiniert, Prinzessin. Ihr habt gelernt!“, zischt er. Tatsächlich muss ich während seines Kampfsprungs sein Haupt nur knapp verfehlt haben. An meiner Klinge wandert träge und sich der Schärfe des Stahls nicht wehrend könnend, seine grüne Mütze hinab. Etwas geschockt fällt das kostbare Stück von grünem Stoff zu Boden, zerfetzt und mitgenommen. Etwas sticht in meiner Brust in diesem Moment. Nicht die Aufregung. Keine Folge des heftigen Schnaubens nach Luft durch den Kraftverlust. Es ist etwas anderes. Etwas Bestimmtes… Verlorenes…

Seine Augen richten sich wehmütig zu der grünen Kopfbedeckung. Und vielleicht aus Selbstschutz, vielleicht auch nur um jegliche Schwäche von sich zu weisen, hebt er die grüne Mütze vom Boden und verstaut jene in seiner magischen Gürteltasche.

„Es tut mir leid um Eure Mütze“, sage ich leise und lasse unachtsam, mich in falscher Sicherheit wiegend, meine Klinge sinken.

„Das muss Euch nicht leid tun…“, erwidert er. „Es ist nur ein Stück Stoff.“ Doch seine Augen lügen. Sie erzählen von Weichheit, Verletzbarkeit und grausamen Dingen aus der Vergangenheit, die er niemals über seine Lippen kommen lassen wollte. Es gibt etwas, was er mit jener wiesengrünen Kopfbedeckung verbindet, das lese ich in jenen sturmblauen Augen. In einer einnehmenden Milde darin, einem starken Gefühl voller Aufrichtigkeit… 

„Aber es bedeutet Euch mehr als Ihr gewillt seid zuzugeben“, sage ich leise und blicke in einen aufhetzenden Sturm in seinen blaugesprenkelten Augen. Etwas lodert darin, da ich etwas sagte, wozu ich nicht das Recht besaß. Ein unheimlicher Blick voller Verachtung sticht mir entgegen, sodass ich zwei Meter zurücktaumele.

„Woher wollt Ihr, Prinzessin, nur annähernd wissen, was manche Dinge einem Mann bedeuten, der mehr leblose und verbrannte Körper gesehen hat als Ihr Euch vorstellen könnt“, entkommt seinen Lippen, so rau, so gefährlich, als wandelt sich sein Gesicht allein durch ein paar Worte in das eines mörderischen Tieres.

„Ihr kennt nicht die Entscheidungen, die jeden Tag zu fallen waren. Ihr saßt sicher in Eurem teuren Schloss, wenngleich nicht so feige wie Eure verräterische Schwester“, endet er. Seine Hände sind zu Fäusten geballt. Sein Gesichtsausdruck schmerzverzerrt.

Obgleich er mit diesem Ausbruch an Emotionen die Last auf seinen Schultern schmälern konnte, so bestärkt sich mit seinen Worten nur noch die Wut und die Trauer auf meinen. Der Gedanke an meine Schwester beschämt mich…

Sie war niemals das, wofür ich sie hielt.

Meine ältere, einfallsreiche Schwester mit ihrer Eleganz und Weichheit.

Sie war auf ihre Weise immer eher eine Prinzessin als ich…

Vorhin noch spürte ich den Wunsch in den Worten des Heroen, seinen Handlungen und vielleicht auch in seinen rätselhaften Augen Frieden zu finden, vielleicht auch mit mir als Symbol für die Menschen, für die er gekämpft hat. Nun aber kann ich von der Milde und Warmherzigkeit jenes Mannes nichts mehr spüren, und das lediglich angesichts eines unüberlegten Satzes. Wie ist es möglich, dass sich jemand wie er, der Stolz und Ehrgefühl spüren durfte, der Ruhm verdient und Mitgefühl geschenkt bekommen könnte, innerhalb weniger Sekunden so wandelt?

Er seufzt lediglich. Die aufhetzende Wut in seinen Adern scheint sich zu legen und dennoch knistert die Luft zwischen uns vor Erwartung. Ich fühle mich gekränkt und entehrt, sagte ich mir oftmals, dass ich an dem Verrat meiner Schwester keine Schuld tragen kann. Und doch fließt in ihren Adern dasselbe königliche Blut, dieselbe Dummheit, derselbe ignorante Stolz wie in meinen.

Ich wende dem Kämpfer den Rücken zu, sehe ich das Gefecht, welches doch in Freundschaft enden sollte, als beendet an. Und nur eines bleibt: Wut und Zorn. Erneut jene Gefühle, die ich vorhin mitten im Kampf in solcher Ausdrucksweise gespürt habe. Ein weiterer Stich in meiner Brust versetzt mich in dieses unbeschreibliche Gefühl, in diese Leere, obgleich doch die Hylianer im Tal so ausgelassen singen konnten. Das Gefühl ein Teil jener Menschen zu sein, mich anzuschließen, ebenso zu feiern endete. Es endete, als ich ihn traf…

„So lauft Ihr weg?“, ruft er auffordernd, während vor Wut mein Puls in die Höhe schnellt. Doch ich wende mich nicht um, ich trete weiter, überlasse ihn sich selbst in seinem Groll, dessen Ursprung ich nicht kenne.

„Ist es das, was die königliche Familie nicht am besten kann? Weglaufen?“, brüllt er und wirft die heilige Waffe in seiner Hand zu Boden. Ich höre das Klirren, als das Schwert niederkracht. Und erneut sticht etwas in mir. Ein Schmerz erfüllt mich, der mich ängstigt. Ein Gefühl, das mir Tränen in die Augen schießen lässt. Meine Schritte stocken ebenso wie diese plötzliche Verletzbarkeit. Etwas berührt mich trotz der Kälte und Unnahbarkeit jenes Heroen, trotz des Hasses, den er wie eine Mauer auf mich niederkrachen lässt.

„Das ist es, was Euer Vater tat“, sagt er noch immer so aufgebracht, noch immer voller Groll gegen die Obrigkeit. „Zuschauen, wie sich Verräter in diesem Reich an Unschuldigen vergehen. Und Ihr mit Eurer Überheblichkeit, Eurer Unwissenheit… Ihr seid zu blind um nur irgendetwas sehen zu können“, endet er. Seine Worte nun ruhiger, sein Gemüt kühler.

Nur rechnet er in dieser Sekunde nicht damit, dass sich in mir all sein Hass abgeladen hat. Er ist ebenso jung wie ich, aber im Gegensatz zu mir, unterschätzt er die Kraft von Gefühlen, die man jemandem zuspielen kann. Und in dieser Situation unterschätzt er mich maßlos.

Ich spüre mein Blut wallen vor Ärger über seine Worte, diese verletzenden, giftigen Worte, derer ich mich nicht anders erwehren kann als mit meinem Schwert. Ich umfasse den Griff meines Schwertes so fest, dass ich das Leder atmen hören kann. Es raschelt unter meinen Fingern, als wollte es zerbersten. Ich kann den Wind fühlen, der mich diese Sekunde begleiten wird. In Magie. Im Ausleben meiner Wünsche. Eine Böe kommt auf, zerreißt die Ruhe, lässt die Stimmen der singenden Völker nicht mehr näherfließen. Eine Böe voller Wut und Zorn. Ein kräftiger Windstoß als Zeichen. Meine Augen lodern nun angesichts der Gefühle, die hervorzubrechen drohen. Sorgfältig verschlossen hatte dieser Mann, der nicht einen Funken Anstand besaß, die Gnadenlosigkeit in mir herausgefordert. Ich zwinkere lediglich, meine Magie trägt mich schnell und unbarmherzig zurück, direkt zu dem inzwischen unbewaffneten, wütenden Hylianer, der meinen ganzen Hass herausgefordert hatte. Seine Augen spiegeln Überraschung und Verwunderung wieder, als er getroffen von meiner magischen Kraft an einen der Felsen knallt, seine Hände vom Gestein umschlungen, als würden Pflanzen aus selbigem sich fesselnd um seine Handgelenke winden. Er starrt mich erschrocken an. Seine blaugesprenkelten Augen blicken in meine, vielleicht mit so etwas wie Verständnis, etwas, was ich darin noch nie sah. Vielleicht mit etwas wie Sehnsucht… als sehnte er sich nach dem Tod.

Mit Tränen in den Augen setze ich die heilige Klinge an seine Kehle, schnaube angesichts der Magie, die ich aus meinem Körper gestohlen habe und wünsche mir nichts sehnlicher als diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Ihr Götter, ich hasse ihn. Ich weiß nicht, warum ich ihn so sehr verabscheue. 

„Ihr… Ihr seid lediglich verbittert über all die Schicksalsschläge, die auf Euch niedergeprasselt sind. Wütend auf Euch selbst, weil auch Ihr kein Gott seid, der die Hylianer vor dem Tode retten kann! Aber ich sage Euch etwas, auch ich ertrug Verluste. Auch ich habe den Tod gesehen. Ich sah wie mein Vater abgeschlachtet wurde, viehisch und grausam, ich sah wie sich meine Schwester denen anschloss, die Verderben über unser Land brachten und Ihr erzählt mir etwas von Blindheit? Ihr wagt es mir etwas von Feigheit zu erzählen? Mir, da ich meine eigene, verräterische Schwester tötete?“ Die Tränen, die vorher noch in meinen Augen standen, lassen sich nicht mehr bekämpfen, im Gegensatz zu jenem engstirnigen Mann, der mir etwas von Verlusten erzählen wollte. Ihn kann ich bekämpfen. Ich kann ihn mundtot stellen, denn ich ertrage seine Worte und Anschuldigungen nicht mehr.

„Nennt mir einen Grund, warum… warum urteilt Ihr so maßlos über mich!“, fauche ich und starre in diese blauen Spiegel seiner Seele. Eine angenehme Farbe, würde nicht so viel Verbitterung darin lasten. Er weicht meinem Blick aus. Er wird mir nicht antworten, erahne ich, zumindest nicht so wie ich es erwarte.

„Ich urteile… weil Ihr vergessen habt…“, sagt er leise. Seine sonst so kräftige, kalte Stimme nur ein Schatten ihrer selbst. Die Stärke und Rauheit jener Stimme scheint überdeckt von Gefühlen, die der Heroe in sich verschließen will. Da ist Wärme, Empfindungen, die mehr als nur verstanden werden konnten. Und ich zweifle, zweifle immer mehr über das, was dieser Mann ist oder war…

Ich weiß nicht, was ich erwidern soll. Seine Worte erstaunen mich irgendwo. Erneut spricht er etwas an, was ich nicht verstehe. Er redet von Vergangenem, von Erinnerung, etwas, was jenseits der Grenze liegt. Und vielleicht will ich seine Andeutungen nicht verstehen.

„Ist etwas, das vergessen wurde, wert erinnert zu werden, wenn inzwischen Hass diese Erinnerung erfüllt…“, spreche ich leise und wische mir die wenigen Tränen zur Seite, die sich heiß und salzig auf meiner Haut anfühlen. Es sind Tränen, die ich noch nie weinen musste. Tränen, die brennen…

„Ich wollte nicht, dass Ihr weinen müsst…“, meint er leise. Auch diesmal weiß ich nicht, wie lange seine scheinbare Aufrichtigkeit, diese sanftmütige Seite, anhält. Ich sehe vielleicht Gefühle in seinen Augen in dieser Sekunde, vielleicht einen Hauch Wärme und Licht. Aber niemand konnte sagen, wann die Dunkelheit sich erneut über dieses Licht legen würde.

„Möglicherweise wolltet Ihr keine Tränen, aber Ihr habt es genossen zu verletzen“, erwidere ich, löse die Fesseln und wende mich ohne weitere Blicke ab. Da war es erneut, dieses ungewisse, verdammte Gefühl in mir. Dieses leise Stechen im Herz, das mich belehren wollte. Ich sollte mich noch einmal zu ihm drehen, nur einmal, um vielleicht diese ganze Begegnung auf den grünen Hügeln, die so außer Kontrolle geraten ist, zu verstehen. Ich sollte auf ihn zugehen, genauer hinschauen, zweimal hinschauen, ebendies sagte mir mein junges Herz. Und doch konnte ich nicht… denn diesmal entschied ich, war ich feige…

Ich höre seine Schritte noch im Gras, erahne, dass er sein Heiliges Schwert erhebt und zurück in die Schwertscheide sinken lässt. Ein Pfiff tönt durch die Lüfte und Hufgetrappel folgt. Er erhebt sich auf sein treues Ross um nun doch noch allein zu den feiernden Hylianern zu reiten. Er hatte das Gefecht verloren…

Und ich, beschämt, nicht mehr glücklich an dem Fest teilzunehmen, im Karussell von verwirrenden Gefühlen, trete zaghaft und allein über die alte Wiese hinunter zum Tal, wo Instrumente und Stimmen die Hymne unseres Landes singen. Das Bild berührt mich nicht mehr, zusehen, wie meine Landsleute feiern. Das Gefühl des Glücks, das Frieden herrscht, ist in den wenigen Minuten an einer stupiden Auseinandersetzung mit dem Heroen Hyrules gestorben. Und kein Funken in meiner Seele gibt mir die Antwort nach dem Warum.

Das Hufgetrappel nähert sich noch einmal. Ich spüre eine Sturheit in mir, dir mir diktiert mich nicht auf ein weiteres Wort von ihm einzulassen. Und doch erhebt er seine Stimme, auf eine Weise, wie mir scheint, nicht wirklich sein kann: „Wir lassen das, was wir erlitten… die vielen ungesagten Worte und Gefühle, den Hass, das Unverständnis unserer Existenzen, aneinander aus… dafür sind wir verbundene Seelen…“, flüstert er. „Es tut mir leid, Zelda…“, setzt er hinzu. Seine Stimme glitt hinüber in eine Vertrautheit, die mir das Herz zerreißen könnte, würde ich sie zulassen. Ich blicke auf und versuche trotz der Demütigung noch einmal in seine Seele zu schauen, aber er schließt die Augen und prescht vorwärts, hinein in das Tal der feiernden Wesen, um vielleicht doch etwas von Glück und Leben spüren zu können…

Etwas von Erinnerung…

 

 
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