Kapitel: 4
 

Die nächsten Minuten scheinen zu verschwimmen, ich weiß nicht mehr, wohin mich mein Weg führt, wohin ich trete und warum. Ich weiß nur, dass ich gehen muss. Weg von dem Gesang, der sich ins Herz bohrt. Und weg von diesen blaugesprenkelten Augen…

Sein Gesang sitzt tief. Sein Gesang schmerzt…

Und obwohl ich nicht einmal das Althylianisch verstehen kann, nicht einmal einen Hauch des Textes deuten kann, so berührt es mich innerlich. So innig, dass auch jetzt noch Tränen meine Wangen hinab wandern.

Ich erreiche den wohl ältesten Fluss des Landes, der mit lautem Getöse in der Nähe des Festes entlang rauscht und nehme auf einem umgefallenen Baumstamm Platz. Ich hänge den Gedanken nach, und versuche die Dinge zu verstehen…

Ich kann mir nicht erklären, was der Heroe im Sinn hat. Die ganze Situation war so widersinnig. Er verhielt sich oftmals wie der größte Mistkerl überhaupt mir gegenüber und nun sang er ein sanftes, fast schon romantisches Lied. Hasst er mich? Bestraft er mich damit? Oder galt dieses Lied allein dem Frieden…

Ich stütze meinen schweren Kopf auf die Arme, streiche durch mein goldblondes Haar und zweifle. Über mich. Über ihn. Und eine Bedeutung, die vielleicht dahinter steckt.

Ich seufze…

In dem Augenblick legt sich eine tröstende, faltige Hand auf meine rechte Schulter und ich erschrecke für den Moment. Eine schmale Gestalt steht neben mir. Eine vertraute Person mit gütigen, weisen Augen und grauem, langem Haar. Sie ist eine wunderschöne Frau trotz ihres Alters. Und eine starke Frau dazu. Sie hatte mir oft Gesellschaft geleistet, dann… als die Abende düster und kalt waren, dann, als es galt niemandem mehr zu vertrauen.

„Solltet Ihr nicht feiern, Prinzessin?“, spricht sie sanft und um ihre faltigen Mundwinkel zeigt sich ein angenehmes Lächeln.

„Ich sollte… und doch habe ich das Gefühl, irgendwo bestraft zu sein“, antworte ich ehrlich. Es brachte nichts vor dieser Frau eine Unwahrheit über die Lippen gleiten zu lassen. Sie kannte mich … sie kannte mich und meine Charakterzüge seit meiner Geburt.

„Euer Herz ist schwer… und der Verstand begreift es nicht zu fassen…“, spricht sie leise und schenkt mir ein weiteres, tröstendes Lächeln.

„Was ist nur passiert, Impa? Ich verstehe es einfach nicht…“, sage ich leise, blicke zur See hinaus, die von jenem mächtigen Fluss gespeist wird und nur wenige Meilen von hier liegt. Das Salz des Meeres in den Lüften schmecke ich auf meiner Zunge.

Meine Vertraute setzt sich ebenso auf den Stamm des Baumes, blickt in die Strömung, wo sich Sterne und Monde Hyrules spiegeln. „Ich lebe nun schon so viele Jahre, habe so viele Generationen entstehen und enden sehen“, beginnt sie, in ihrer mildtätigen, starken Stimme. „Einst als ich kämpfte, vor Hunderten von Jahren, einst, als ich noch jung war, Zelda… besaß ich schon einmal einen Schützling, der Euch sehr ähnlich war.“ Ich blicke sie hoffnungsvoll an und frage mich, wohin mich ihre Worte führen möchten. „Mein Schützling damals… sie war so voller Ehrgeiz und Kreativität, was Magie betraf. Sie war so edel und aufrichtig. Ein Wesen, das geliebt wurde, nicht nur von ihrem Volk, auch von jemandem, der ihr ins Herz blicken konnte.“ Sie erzählt diese Geschichte mit solcher Weichheit, dass es mich traurig stimmt. Es musste ein Schützling gewesen sein, der sehr bedeutend war.

„Sie war so leidenschaftlich…“, beschreibt sie und lächelt angesichts ihrer Erinnerung. Wenn jener Schützling leidenschaftlich war, wo konnte sie mir dann ähnlich sein, frage ich mich, aber traue mich nicht, meinem Vormund zu widersprechen.

„Das ist etwas, was ich auch bei Euch sehe. Leidenschaft. Stärke. Ihr habt leidenschaftlich gekämpft für unser Hyrule“, sagt sie voller Stolz und Zuversicht. „Und in Eurem Herzen und Eurem Geist liegt ebenso eine Leidenschaft versteckt, die ihr abbremst und zurückhaltet, obwohl es Euch gut täte, jene zuzulassen.“

„Impa…“, ist alles, was ich dazu sagen kann. Und ich spreche ihren Namen sehr deutlich und markant aus, um sie zu unterbrechen. Ich blicke sie erstaunt und fassungslos an. „Seid Ihr sicher, dass Ihr damit kein Bild von mir beschreibt… Gerade mir fehlt in vielen Dingen jene Leidenschaft, die meine Schwester besaß.“ Als ich Damora erwähne, packt mich Impa mit ihrem festen Griff am Kinn und zieht mein Gesicht zu sich.

„Ihr habt es nicht nötig Euch mit Ihr zu vergleichen“, zischt sie streng. „Tut dies nie wieder. Ihr wisst es nicht, aber sie hat Euch einiges genommen… einiges…“, setzt sie hinzu und hinterlässt in mir erneut ein Gefühl der Hilflosigkeit, ein ähnliches Gefühl, das mir der Heroe schickt. Ich weiß auch nicht, worauf sie hinauswill. Tatsächlich kann ich mich nicht darauf besinnen, dass Damora mir etwas genommen haben soll. Ganz im Gegenteil, ich war immer das Lieblingskind unseres Vaters…

„Impa… Ihr sprecht in Rätseln“, erwidere ich.

Sie wendet ihren klaren Blick zu mir. Ihre roten Augen schimmern wie Rubine aus ihrem blassen, faltenreichen Gesicht hervor. „Möglicherweise tue ich das, ja…“ Und sie lässt in mir nur noch mehr Rätsel zurück. Ich versuche anhand ihrer Mimik mehr zu erfahren. Und neben den Rätseln in ihrem gütigen, faltenreichen Gesicht stand etwas Wehmut…

„Euch beschäftigt etwas“, murmele ich. „Ich kenne Euch gut genug… Ihr wart immer mein Vormund.“

Erneut blicken mich ihre scharlachroten Augen eindringlich an. „Mich beschäftigt mein Schützling von Damals, Prinzessin.“ Sie macht eine kurze Pause und blickt hinaus aufs Meer. „Es scheint mir, als wäre ihre Erinnerung, einst so stark und kraftvoll, nur noch ein Schatten… es kümmert mich.“ Es ist der Lauf der Dinge, dass Erinnerungen verblassen. Das weiß Impa genauso wie ich. Und manche Erinnerungen sind geboren um nur wieder am Meeresgrund zu versinken…

„Erzählt mir mehr von Eurem Schützling damals… war sie leidenschaftlich… auch den Männern gegenüber?“ Ich weiß nicht, warum mich das interessiert. Und ich stelle mir auch nicht die Frage nach der Ursache, hatte ich jenes Thema doch immer vermieden.  

„Nur einem gegenüber…“, entgegnet sie und schaut mich verschmitzt an. Sie lacht.

„Einem gegenüber?“, wiederhole ich. „Sie hatte Interesse an einem einzelnen Mann. Also ganz und gar nicht wie Damora“, setze ich hinzu. „Sie hätte der königlichen Familie sicherlich Ehre gemacht.“ Und auch sie, denke ich still, war womöglich viel mehr eine Prinzessin als ich…

„Oh, das hat sie, Prinzessin. Sie war selbst eine Tochter des hylianischen Königshauses. Und sie war ohne Zweifel verliebt.“ Einmal mehr hüpft Impas eigensinniges Lächeln über ihr Gesicht. „Ihr überrascht mich, Prinzessin. Gerade Ihr habt Euch nie Gedanken um solche Dinge wie Liebe gemacht, nicht wahr?“

Das ist richtig. Ich machte mir nie viel aus Männern.

Beziehungen. Liebe. Leidenschaft.

Das waren Dinge, für die ich in meinem jungen Leben nie Interesse hatte. Ich weiß nicht einmal warum… Aus welchem Grund ich so bin, kann ich nur erahnen.

„Woher der Sinneswandel?“, fragt sie grinsend. „Warum interessiert Euch das Thema ausgerechnet jetzt?“

Das ist eine gemeine Frage. Sicherlich weiß ich um die Ursache einer Veränderung, die ich aber Impa nicht rückmelden werde. Es ist das rührende Lied von vorhin. Es steckt wie eine nagende Schraube in meinen Gedanken. Und es quält…

„Es ist als quält mich etwas, das ich nicht erinnere…“, seufze ich und fahre mir mit den Händen über die Kopfdecke. „Oftmals ist es als wollte etwas an die Oberfläche meiner Gedanken“, erkläre ich. Und jedes Wort, jedes einzelne Wort fällt mir schwer. „Als steckt etwas tief verwurzelt an Orten in meinen Gedanken, aber ich sehe keine Bilder dazu. Ich höre keine Stimme zu den Gefühlen. Ich kann es einfach nicht erreichen…“

„Ist es schmerzhaft?“, fragt meine Vertraute leise und faltet ihre grauen Hände.

„Es zerreißt mich.“ Meine Worte sind so ehrlich wie mein Herz. Und dennoch sticht in mir Unaufrichtigkeit. Ich springe auf meine Beine und trete noch etwas mehr in Richtung der rauschenden Strömung.

Ja, es zerreißt mich innerlich. Es zerreißt mir meinen Seelenfrieden.

„Impa, wie mag das sein, wenn man erkennt, wenn man begreift, wozu man geboren ist, wozu man lebt. Wie ist es, wenn man erfahren hat, was das Schicksal plant, wenn man die Menschen trifft, die das eigene Schicksal bestimmen?“ Ich wende mich nachdenklich zu ihr. „Fühlt es sich heilsam an?“ Ich kann sehen, wie sich meine blauen Augen in ihren spiegeln…

„Es fühlt sich richtig an“, erwidert sie und steht auf ihren Beinen. „Ihr werdet es spüren, Zelda. Denn Erinnerung… liegt auch noch in anderen Orten als in den Gedanken… vielleicht erinnert Ihr Euch an diesem anderen Ort…“

„Aber woran?“, sage ich erstaunt. „Woran soll ich mich erinnern? An friedvolle Zeiten? An ein anderes Leben? Soll ich danach suchen, so verbissen und verdorben wie meine Schwester?“ Ein weiterer Gedanke an sie, der mich quält. Sollte ich mich in letzter Instanz in meiner Situation doch an ihr orientieren?

„Niemand sollte sich an jemandem orientieren, der Verrat und Böses seiner eigenen Familie vorzieht, Prinzessin“, spricht sie und schaut noch einmal melancholisch in meine Richtung. „Sie wurde durchschaut, noch bevor sie anfing sich ihre Seele zu verderben… selbst von dem jungen Heroen.“ Impa seufzt verdächtig, als sie ihn erwähnt. Ich schüttle mit dem Kopf. Denn mir gefällt ihr Unterton ganz und gar nicht. Sie verheimlicht mir etwas, wofür ich nun auch die Bestätigung habe.

„Impa, sagt mir, kennt Ihr das Lied, das er gesungen hat?“

Sie nickt lediglich.

„Könntet Ihr es mir übersetzen?“

Und daraufhin schüttelt sie den Kopf.

„Aber Ihr versteht Althylianisch. Ihr habt als Angehörige der Schatten schon damals gelebt“, argumentiere ich verbissen. Denn diesmal weiß ich, weicht sie mir aus.

„Trotz allem wage ich nicht es zu übersetzen… es ist ein trauriges Lied, bestimmt nur für einen einzigen Hylianer.“ Erneut spricht sie in Rätseln, die inzwischen Wut in mir schüren. Sie tritt ein paar Schritte zurück zu dem Fest und wendet noch einmal ihr Gesichtsfeld zu mir. „Prinzessin, ich sehe, dass irgendwo in Euren Gedanken noch eine Frage steckt. Stellt sie mir…“ Sie schleicht sich unbefugt in meinen Kopf, noch eine Sache, die mich wütend macht. Ich schnaube und verschränke die Arme.

„Wusstet Ihr, dass sich der Heroe bereits seit Monaten hier in unserer Provinz aufhielt? Und dass er damals schon gegen die Bedrohung kämpfte?“ Meine Worte kommen wie zischende Schlangen ans Tageslicht. Alles an mir lässt den momentanen Groll an die Oberfläche. Einen Groll, den ich mir nicht wage zu verstehen.

Es stand keine Überraschung in Impas Gesichtszügen, welche es mir leicht machten, die Wahrheit abzulesen.

„Ihr wusstet…“, sage ich erstaunt. „Ihr wusstet und habt der königlichen Familie das nicht gesagt?“

„Hätte es etwas geändert?“, entgegnet sie und lässt mich verstummen. Nein, das hätte es gewiss nicht. Für niemanden. Er war als der Heroe zu uns gekommen und wurde sofort akzeptiert. Scheinbar aus diesem Grund wusste auch niemand etwas über seine Herkunft… über seine Vergangenheit und dem, was hinter den blaugesprenkelten Seelenspiegeln ruhte.

„Zelda… eines noch. Er beobachtete Euch die ganze Zeit. Im Schloss. Selbst auf dem Schlachtfeld…“

„Warum tat er das?“

„Er hatte immer ein Auge auf euch… ein beschützendes, wie ich finde. Urteilt nicht zu leichtfertig… Prinzessin des Schicksals… “ Damit tritt sie weiter, verschwindet in den Schatten, so unscheinbar, als wäre sie nie hier gewesen…

 

 
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