Kapitel: 5
 
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Prinzessin des Schicksals…

Welch dummer Titel…

Gerade jetzt, da Impa diesen Namen ausspricht, werde ich mir seiner Absurdität von neuem  bewusst. Dieser Titel, der in meiner Familie vererbt ward, schon seit dem Atemzug der ersten Prinzessin, seit die erste Prinzessin Hyrules das Böse in ihren Träumen sehen konnte…

Es ist nicht mehr als ein Fluch, der Zorn und Verachtung über mein Gesicht wirft wie ein ekelhafter, rauchiger Schatten.

Ich brauche keinen bedeutenden Namen...

Ich verachte ihn… jenen Namen, so lange ich denken kann.

Denn ich brauche ihn nicht, um über Furcht und Grausamkeit belehrt zu werden.

Ich wusste immer, was Schmerz ist, was Hoffnung ist… im Bann des Bösen, gefangen von dämonischen Augen erkannte ich... Und alles, was ich tun konnte, was ich hoffte zu tun, lag versteckt, tief versteckt in der Kraft und Willensstärke der Heroen Hyrules…

Ich kann sehen, wie Sterne vom Himmel fallen… wie rote Monde sich um unsere Welt drehen, wie Stürme in grausamen, unbarmherzigen Rot über das Land fegen… würde ich das auch sehen können, wenn mein Name nichts bedeuten würde?

Wenn die Sonne im Westen aufgeht und im Osten versinkt… wenn unsterbliche Geschöpfe sterben müssen weil der eine Tag gekommen ist… dann braucht unsere Welt den einen Helden…

Das ist die Prophezeiung der Alten und wird sie immer sein. Jenes Stück verruchte Schrift, die junges, glückliches Leben zerstörte. Alles hat seinen Preis.

In dieser Welt gibt es keinen Titel ohne Preis. Nicht für die Weisen. Nicht für mich und auch nicht für den Heroen…

Mit verschränkten Armen tapse ich in Richtung des tiefblauen Meeres, dort wo der Fluss, den ich vorher in seinem Lauf beobachtete, mündet. Und etwas nagt an mir, einmal mehr, einmal so lähmend wie immer. Ein Gedanke an die Welt, in der ich lebe, ein Gedanke an das Glück, das ich einst erfahren wollte, und ein Gedanke an die ernüchternde Wirklichkeit. Ich weiß nicht, wohin mich die nächsten Wege führen werden, wohin sich dieses Land entwickeln wird, und was vielleicht aus mir wird. Ich weiß nur, dass ich bereue und nicht mehr an den Festen überall in diesem Hyrule teilnehmen kann.

Prinzessin des Schicksals…

Ich verfluchte jenen Titel bereits, als ich ihn das erste Mal hörte. Erst jetzt realisiere ich, dass vorher schon eine Abscheu bestand, die ich nicht zu erklären vermag. Eine Abscheu gegen alles Prophezeite, gegen das Prinzip der Vorsehung in meiner Welt und vielleicht auch gegen all jene, die in Verbindung der Legenden standen.

Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, als der Heroe in seiner wiesengrünen Rüstung durch das Schlosstor ritt. Etwas versetzte mir dieser Anblick von Edelmut und Tapferkeit. Ein Anblick von solcher Eleganz, als er auf seinem fuchsbraunen Ross mit erhobenem Masterschwert vor der königlichen Familie zum Stehen kam. Und als er hinabstieg und die Hand meines Vaters küsste, und sein Blick nur kurz aber mit unheimlich geballter Aussagekraft meine Augen streifte, löste dies etwas aus, wovor ich mich fürchtete. Diese Stärke in seinem Blick gab mir das Gefühl schwach zu sein, ein Kind zu sein, töricht zu sein. Und als die Weisen ihn als den Heroen Hyrules akzeptierten, wuchs in mir dieser Hass gegen all das, was mit den Legenden von damals in Verbindung stand. Ich begann ihn zu hassen, bevor ich überhaupt ein Wort mit ihm reden konnte. Und jeder Versuch, jeder dumme Versuch von seiner Seite mit mir zu reden, scheiterte…

Es scheiterte, weil ich nie mit ihm reden wollte und auch jetzt nicht mit ihm reden kann…

Vielleicht entstand deshalb auch von seiner Seite diese Abneigung mir gegenüber, ja vielleicht…

Ich tapse weiter, erreiche die weißen Sandstrände im Süden Hyrules und knie nieder. Es ist ungemein angenehm den weißen Sand unter den Fingerspitzen zu fühlen, dessen Wärme zu spüren. Hier und da liegen kostbare weiße Muscheln, die früher nie meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten. Mit Ruhe und Besinnung blicke ich hinaus auf das glitzernde, stahlblaue Meer. Gleichmäßige Wellen schlagen mir entgegen.

In dem Moment erblicke ich jemanden, der in der Nähe des Strandes schwimmt. Da ist ein Mann, der irgendwo ausgelassen und heiter mit den Wellen spielt und das kühle Nass genießt. Als ich realisiere, welcher Mann dort schwimmt, hetze ich schnellen Schrittes zurück und verberge mein Antlitz hinter einem der vielen am Sandstrand liegenden Felsen. In mir pumpt mein Herz das Blut so hastig durch meinen Körper, dass ich fürchte es wollte zerspringen. Ausgerechnet dieser Mann, den ich von allen Männern weit und breit am wenigsten leiden kann, genießt an diesem Tag nicht das Fest, sondern geht ausgelassen im angrenzenden Meer schwimmen. Ich spüre denselben Ärger und dieselbe Wut wie immer, wenn er in der Nähe war. Und erneut fühle ich mich wie ein dummes, ängstliches Kind, verstecke mich aus Angst vor seinem Blick hinter einem Felsen. Ich streiche mir einige Strähnen aus dem Gesicht und schüttle den Kopf.

Oh ja, ich war feige, immer, wenn es darum ging, sich irgendeiner Wahrheit zu stellen. Und auch diesmal ging es um die Wahrheit, die ich fürchte. Als ob an jene Wahrheit etwas geknüpft war, dass ich einfach nicht erfüllen konnte.

Ich seufze und blicke wachsam von dem Versteck hervor. Im selben Augenblick wünsche ich mir allerdings, ich hätte es nicht getan. Denn im herab scheinenden Mondlicht, glitzernd und beinah göttlich, erhebt sich der junge Heroe, in völliger Nacktheit, scheinbar befreit aus dem kühlen, salzigen Nass. Ich erstarre angesichts des Anblicks, hatte ich doch noch nie einen Mann nackt gesehen…

Das bläuliche Mondlicht spiegelt sich schillernd auf seiner nassen Haut. Seine Bewegungen, die wenigen Schritte, die er mit seinem durchtrainierten Körper tut, sind schlichtweg anmutig. Und faszinierend ist irgendwo alles, was diesen Körper ausmacht.

„Bei Nayru“, seufze ich und wende mich rasch ab. Ich habe das Gefühl im Erdboden versinken zu müssen. Ich sinke zusammen und möchte mich mehr und mehr verkriechen. Etwas derart peinliches erlebe ich heute zum ersten Mal…

Dennoch gefiel mir das, was ich gerade eben gesehen habe, ob ich mich nun dagegen wehre oder nicht. Ich spüre, dass sich meine Mundwinkel angesichts des Anblicks zu einem Lächeln verziehen. Auf irgendeine Weise war sein Anblick mehr als angenehm.

Erneut wage ich einen Blick in Richtung der beruhigenden See, doch der Heroe war nirgends mehr zu entdecken. Ich schaue nach links und nach rechts, aber kann ihn absolut nirgendwo mehr ausmachen. Ich atme erleichtert auf und trete achtsam von dem Versteck hervor. Scheinbar hatte er sich teleportiert oder war einfach zu Fuß ziemlich flott. Mit stetigen Schritten tapse ich noch einmal durch den warmen Sand, entdecke seine Fußspuren im Sand und erinnere die Einfachheit, die er mit seinem Schwimmen im Meer ausdrückte. Für ihn ist es vielleicht nichts Besonderes hier das kühle Nass zu genießen. Für ihn als Mann, der weder adlig, noch streng erzogen ist, kostet es vermutlich keinen Gedanken der Überlegung hier zu schwimmen. Ich bin neidisch auf ihn, ja vielleicht auch das…

Ich lächle und ziehe mir die Stiefel von den Füßen, spüre den warmen Sand unter den Füßen, spüre den Detailreichtum von glänzenden Steinen und Muscheln und beginne einmal mehr zu genießen. Ich lache, spüre erneut das Gefühl des Glücks, realisiere, dass ich leben darf, dass Augenblicke der Freiheit wie dieser, reichen um zu leben. Ich breite die Arme aus, genieße die salzige Luft und den warmen duftenden Wind, der durch meine Haare weht. Ich fühle mich frei, schwebend, und beginne über den warmen Sand zu tanzen. Jemand, der noch nie erlebte, wie unberechenbar und grausam die Welt sein konnte, würde niemals verstehen und erkennen, wie erfüllend wenige Minuten am weißen Strand, in Anwesenheit von Ruhe und angenehmen Empfindungen sein konnte. Ich würde diese Erfahrung niemals missen wollen. Ich würde, selbst nach dem Krieg und den vielen Verlusten, niemals diese Erfahrung vergessen wollen.

Diese Reichheit und das Spüren des Lebens in meinen Adern.

Erfüllung…

Ich schließe die Augen und lache, während sich meine Beine kindlich und ausgelassen über den weißen Sandstrand bewegten. Ich lasse meine Füße von dem kühlen Nass benetzen und lache auch über diese Empfindung.

Ich liebe das Leben… vor allem für solche Momente. 

Irgendwo ist auch das Leben nur ein Tanz.

 

In dem Augenblick packt mich jemand ruckartig, aber durchaus sanft an den Oberarmen. Verunsichert öffne ich meine Augen erneut und staune nicht schlecht, dass der Heroe vor mir steht und mich scheinbar überraschen oder davon abhalten wollte zu tanzen.

Geschockt, dass er sich doch noch hier aufhält, ist mein erster Gedanke, ob er mich womöglich die gesamte Zeit beobachtet hat. Falls er mich die gesamte Zeit gesehen hat, dann ist es für mich mehr als unangenehm und peinlich. Eine Schmach in einem derart kindlichen Treiben beobachtet zu werden.

Erst jetzt realisiere ich den Blick, den er mir schenkt. Ein Blick voller Erwartung und Bewunderung. Und ich realisiere erleichtert, dass er nun zumindest eine braune knielange Hose trägt. Neben seinem intensiven Blick ist es vor allem sein Griff, der mich nervös macht. Meine Lippen finden im Augenblick keine Worte, die Ausdruck geben könnten, was passiert. Meine Lippen scheinen wie gelähmt.

Auch er sagt nichts. Seinen Griff nicht lösend wenden sich seine Augen ab, diese Augen, die sich ins Herz bohren können. Ich kann seinen Blick nicht definieren, was immer auch darin geschrieben steht, ich kenne es bisher noch nicht.

Ich spüre Nervosität in mir aufsteigen. Ich weiß nicht, ob ich ihn zurückstoßen oder einfach nur abwarten soll. Seine blaugesprenkelten Augen begegnen meinen ebenfalls blauen und strahlen nun mehr Entschlossenheit und Standhaftigkeit aus. Er hat ein Ziel, selbst für diesen Moment.

Seine linke Hand wandert dann überraschend zu meiner Hüfte und die rechte umschließt fest, aber keineswegs grob meine Hand. Und noch immer schweigen auch seine Lippen. Ganz leise und gemächlich fängt er an, seine Füße durch den Sand zu bewegen und führt mich dabei mit sich.

Geschockt beobachte ich die Geschehnisse als würde ich nur wenige Meter weiter weg stehen, als hat meine Seele aus Angst und Unsicherheit den Körper verlassen. Ich weiß nicht, warum ich mich führen lasse. Ich weiß nicht, was geschieht.

Und doch bewegt sich mein Körper wie hypnotisiert zu dem angenehmen Rhythmus, den der Heroe vorgibt. Warum nur, bei Nayru, lasse ich dies zu?

Wir tanzen durch den weißen Sand, tanzen schweigend, aber leidenschaftlich als wäre es nicht das erste Mal. Es ist der Rhythmus, der mich ängstigt. Eine Melodie im Hintergrund, der ich immer deutlicher lausche. Und trotz der Ungewissheit und Angst, der Aufregung, die ich empfinde, beginnen meine Seele und mein Körper mehr und mehr zu verstehen. Wir besaßen etwas, ein Band, das nur er versucht hat am Leben zu erhalten. Das Band, vielleicht ein Seelenband, riss ich in Stücke…

Wir tanzen dahin, für viele Minuten in uraltem Rhythmus und einem Gesang, der nur im Herzen existiert. Irgendwo kann ich die Stimmen hören, die dem Lied einen Namen geben. Von weitem lausche ich fesselnden Worten in Althylianisch. Eine Sprache, die ich nie lernte, die ich selbst vorhin noch nicht verstand, und jetzt, flüstert es leidvoll. Es flüstert und nagt an meiner Lebenskraft.

„Oyh ley lorn…

vaahn ju mehn sin… 

ju d hahw biyn myhy melhmoriyn…

Ivmye hoanes ehi ivmye dwys… 

eyn hel l’ough d ju mohr dehn lyv…“

 

Die Verse brennen sich in meine Gedanken wie ein überlegenes Gift, das ich nicht bekämpfen kann. Es schmerzt und wird mit jeder Sekunde immer leidvoller. Es wühlt in mir Wunden auf, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Es brennt…

In dem Augenblick reiße ich mich los. In meinen Ohren tobt es. Mein Puls und mein Herz strafen meine Empfindungen mit Schmerzen und Verletzbarkeit. Ich trete zurück und blicke dem jungen Mann vor mir hilflos entgegen. Sein Blick scheint in dem Augenblick noch trübsinniger als sonst. Und dann wandern seine Augen fast entschuldigend und gedemütigt zu Boden.

Aber er spricht noch immer kein Wort, obwohl ich danach verlange. Ich will es verstehen, mehr als vorher. Ich will doch nur eine Erklärung für das alles… Warum haben wir getanzt? Warum… hat es sich trotz der stetigen Abneigung gegen ihn nicht unangenehm angefühlt?

„Warum…“, murmle ich, so leise, dass er es fast nicht verstehen konnte.

Er wendet den Blick erneut ab, schaut zu Boden und scheint selbst nicht zu wissen, welche Antwort auf die Frage die richtige darstellte. Seine Augen schließen sich lethargisch und seine Hände ballen sich zu Fäusten. „Ich entschuldige mich dafür… aufrichtig. Ich hätte das nicht tun sollen… Es tut mir leid, Prinzessin.“ Mit diesen abschließenden Worten dreht er sich um und tapst etwas schwerfällig weiter.

Erstaunt weiche ich noch ein Stück zurück und zwinkere. Ist das tatsächlich alles, was er mir zu sagen hat! Er bringt mich in diese Situation, lässt mich verwirrende Gefühle spüren, und geht dann einfach weiter seines Weges. Das konnte er nicht ernst meinen. Nicht schon wieder! Erzürnt stapfe ich ihm hinterher und berühre mit der rechten seine nackte Schulter. Er bleibt stehen, aber dreht sein Gesichtsfeld nicht zu mir.

„Warum habt Ihr mich beobachtet?“ Seine Stimme klingt erneut nicht nach dieser männlichen, von Kampfeslust und Todessehnsucht beherrschten, sondern mitfühlend und beinah zärtlich.

,Er hat es also mitbekommen‘, denke ich. Er wusste die ganze Zeit, dass ich hinter diesem Felsen hockte…

„Ich habe nicht…“, will ich erklären. „Nicht mit Absicht…“, setze ich hinzu. „Nicht auf diese Weise…“, stammle ich. Und endlich verdrehe ich meine Augen. Ich weiß selbst nicht, was ich sagen will. Da ist nur diese Nervosität, die nicht mehr verfliegen will. „Ich…“, stammle ich erneut und möchte im Moment noch mehr im Erdboden versinken.

„Gebt es zu, Ihr wart neugierig, Prinzessin.“

„Aber ich war nicht… das war Zufall…“, entgegne ich und koche innerlich vor Scham.

„Würdet Ihr endlich mit mir reden… endlich zuhören?“, fragt er, und bleibt immer noch mir den Rücken zugewandt stehen. Seine Hände sind noch immer zu Fäusten geballt. Er wirkt so mitgenommen im Augenblick, nicht wie der kühle, arrogante Heroe. Nicht wie der Mann, den ich abgrundtief hasse…

„Habe ich das vorher nicht getan?“, spreche ich zaghaft und verschränke die Arme. Diese ganze Situation ist so absurd. Was um Himmels Willen ist nur los zwischen ihm und mir? Noch vor wenigen Stunden zeigten wir beide beherzt, dass wir uns nicht leiden konnten. Und jetzt stehe ich hinter ihm, symbolhaft, um ihn kennenzulernen, um zu verstehen, was mit ihm und mir geschehen war. Zum Teufel, ich habe sogar mit ihm getanzt und es war nicht einmal… unangenehm…

„Ihr habt nie zugehört…“, sagt er leise. Seine Stimme scheint so wehleidig, gar nicht typisch für einen stolzen Mann wie ihn. Würde ich, wenn er sich umdreht, ihn etwa weinen sehen? „Aber nicht freiwillig…“, setzt er hinzu und lässt mich mit diesen Worten noch mehr im Ungewissen. Er seufzt nur, tapst noch wenige Schritte und lässt sich entspannt niedersinken. Lässig und unkompliziert sitzt er dort und blickt etwas wehmütig hinaus auf das rauschende Meer.

Ich folge seinem Blick und realisiere einmal mehr die Schönheit und Kraft der See. Irgendwo dort ruhen vergessene Sehnsüchte. Irgendwo dort ist vielleicht alles einfacher.

„Ich bin einmal dort entlang gesegelt…“, spricht er leise. Er wechselt das Thema und ja, ich bin darüber sogar erleichtert. „Hyrule wirkt so unbedeutend und klein von dort draußen.“ Da ich nicht weiß, worauf er hinaus will, tue ich genau das, was er verlangt: einfach zuhören.

 

Ich habe Hyrule noch nie verlassen.

Wie die Welt dort draußen ist…

Welche Schätze ferne Länder hüten…

Und welche Sehnsüchte dort liegen, konnte ich bisher nicht erfahren.

Alles, was ich besaß, was ich einst besaß, lag hier in meiner Heimat Hyrule…

„Es war vor einigen Jahren, dass ich dort entlang segelte“, erzählt er mit so viel Gefühl, dass ich ihn in dem Augenblick für einen völlig anderen Menschen halte. „Damals hatte ich noch ein Ziel.“ Er lächelt etwas, obgleich diese starke Wehmut auch jetzt in seinen Gesichtszügen steht.

„Habt Ihr das Ziel jetzt aus den Augen verloren?“, spreche ich leise und senke mein Haupt.

„Es gibt niemanden mehr, für den es sich lohnt, diesem Ziel nachzugehen…“, entgegnet er mit genauso vielen Rätseln wie zuvor.

„Was war das für ein Ziel?“ Ich weiß, dass ich damit erneut riskiere den Bogen zu überspannen. Denn ich mische mich zu sehr ein, ich verlange zu viele Antworten, die mir doch eigentlich gar nicht zustehen. Seine stechenden Augen blicken in meine Richtung. Und erneut verunsichert er mich damit. Ich starre angestrengt zu Boden und spüre den Wunsch einfach aus dieser Unterhaltung zu flüchten.

„Es war das Ziel nach einem gewöhnlichen Leben eines kleinen Jungen, der die Grausamkeit Hyrules noch nicht kannte…“, erklärt er leise. In dem Moment kann ich für Sekundenbruchteile einen kleinen blonden Jungen in meinen Gedanken sehen, der blutüberströmt und weinend durch ein verbranntes Dorf hetzt. Es ist dunkel und nur die Lichter von Feuer und Glut zeigen ihm den Weg durch Asche und über Leichen…

Entsetzt über das Bild in meinen Gedanken blicke ich auf. Ich spüre Schweißperlen über meiner Stirn und Hitze. Das beängstigende Gefühl von Feuer und Asche umgeben zu sein. Es war das erste Mal, dass sich ein Bild unbefugt in meine Gedankenwelt Zutritt verschaffte. War das die Vorsehung? Eine der Fähigkeiten der Prinzessin des Schicksals? Und warum sehe ich ein so plötzliches, heftiges Bild ausgerechnet jetzt…

„Was ist mit Euch passiert…“, entkommt meinen Lippen, noch bevor ich mir im Klaren bin, was ich da erfrage. Besitze ich denn das Recht in seiner Vergangenheit herumzuwühlen? Und diesmal, entscheide ich, bin ich nicht feige. Er starrt mir überrascht entgegen, als ich meinen Rock zurechtrücke und ebenfalls im Sand Platz nehme. 

„Ihr wolltet, dass ich zuhöre. Jetzt höre ich zu…“, spreche ich fest und ignoriere die Warnung, die erneut in meinen Gedanken steckt. Etwas, was mich davon abhalten will mit ihm zu reden. Etwas, was mich immer zwang, ihm keine Chance zu geben.

„Wie alt wart Ihr damals?“, murmle ich, bemüht dieses Bild von vorhin für die Wahrheit zu halten. Ich weiß nicht, was in mir diese Geschichte hören will. Es ist kein Mitleid, es ist etwas anderes. Auch ich blicke hinaus auf die See, deren Wellengang in dem Moment stürmischer zu werden scheint. Inzwischen ist es angenehm nicht alleine zu sein. Vielleicht ist es richtig mit ihm hier zu sitzen, mit ihm zu erzählen, ihn von dieser anderen Seite kennenzulernen…

„Sechs, vielleicht sieben Jahre alt…“ Er lächelt etwas verschmitzt. Er weiß sicherlich, dass ich ihn mit traurigen Augen mustere, auch wenn er mich nicht direkt anschaut. Meine Vision hat nicht gelogen. Das Dorf, in dem er wohnte, wurde niedergebrannt. Und vielleicht ist er mir in dieser Hinsicht ähnlich. Er besitzt niemanden mehr in dieser Welt, den er als lieb ansehen kann.

„Es tut mir leid…“, spreche ich leise. „Wer brannte das Dorf nieder?“

„Adlige“, erwidert er kühl und es ist da, dass ich einiges verstehe. Seine Abneigung gegen Adlige und Ritter. Sein unglaublicher Zorn gegen all jene, die ein sicheres Leben hinter dichten Schlossmauern in Saus und Braus führten, hatte seine tiefen Wurzeln.

„Und wie es mit dem Adel ist, wird dieser für eine Abschlachterei wie diese nicht zur Rechenschaft gezogen“, seufzt er und hüpft auf seine durchtrainierten Beine. Er wirft ein paar Steine in Richtung der Wellen und lässt jene über dem Wasser hüpfen.

Ich schließe die Augen um mir die Tränen zu verkneifen. Ich verstehe, warum er mich blind nannte, selbst vorhin als wir fochten. Vor solchen Dingen war ich immer blind. Dumm und mehr als blind…

Und mehr und mehr sehe ich den Heroen mit anderen Augen. Mir wird immer wärmer ums Herz, je mehr ich über ihn erfahre. Wer nur ist dieser Mann, der trotz solcher Erfahrungen, noch immer für sein Vaterland kämpfte? Wer nur ist dieser Mann, der trotz einer solchen Prüfung ein Heroe werden konnte…

„Ich liebte diese Welt einmal so sehr…“, gesteht er. Ich kann seine Atmung hören. Tief und genießend atmet er die salzige Luft ein. Selbst diese Geste lässt ihn mich mit ganz anderen Augen entdecken…

„Tut ihr dies jetzt nicht mehr?“

„Vielleicht bin ich deswegen der Heroe geworden… weil ich es nicht mehr konnte…“, erwidert er, erneut mit seiner nur mehr zärtlichen Stimme. Er dreht sich in meine Richtung und ich erstaune erneut über so viel Anmut. Die Art und Weise, wie sich das Licht des Mondes auf ihm verliert, wie das kühle Licht seine nackte Haut streift, versetzt mich in Trance…

„Ich entschied mich selbst, der Held zu sein…“, entgegnet er. „Es war kein Gott, keine Prinzessin und auch kein anderes Geschöpft auf Erden, welches mich auswählte.“ Und ja… ich spüre in diesem Augenblick, das niemandem sonst jemals diese Aufgabe zuteilwerden konnte. Nur ihm. Nur der mächtigen Seele, die in ihm schlummert. Ich fange an ihn zu bewundern.

„Warum habt Ihr Euch für diesen Weg entschieden?“

„Ich wollte diesen Platz in Hyrules Geschichte… Ich wollte alles ändern. Ich wollte diese Ungerechtigkeit ändern…  Nur ahnte ich nicht, dass… dass ich, sobald ich das Schloss betrete, noch mehr hassen würde…“ Er blickt seufzend seitlich und streicht sich durch sein dickes, blondes Haar. Er weicht nun meinen Blicken aus und tapst einige Schritte.

Er hasste mich, soviel verstehe ich. Es ist erschreckend, wie diese Einsicht so schlagartig weh tun kann. Er hasste mich wie ich ihn…

„Ihr habt mein Mitgefühl, Heroe… mehr als vorher. Aber warum erzählt Ihr mir das alles?“ „Ihr seid die einzige, die es verstehen kann…“, spricht er leise und setzt noch etwas hinzu, als besitzt er Zutritt zu meinen Gedanken. „Ich habe Euch niemals gehasst…“

Damit scheint unser Gespräch vorerst beendet. Gemächlich folgt der Heroe dem Weg zu einigen Felsen, wo er seine Kleidung abgelegt hat. Er zieht sich ein silbernes Kettenhemd und die grüne Tunika über den Kopf, schlüpft in seine Stiefel und festigt den etwas zerschlissenen Ledergürtel um seiner Hüfte.

Und ich, begreifend wie warm und liebevoll dieser Mensch ist, sitze einfach nur am Strand und habe das Gefühl mich selbst verraten und hintergangen zu haben. Was war die letzten Monate und Wochen nur so verdammt schief gelaufen?

Und was ist mit den vielen ungeklärten Fragen…

Die Art und Weise, wie er mich vorhin in den Tanz geführt hat.

Das Lied, welches verstehen will…

Ich will weinen und weiß nicht einmal den Grund dafür…

 

In Gedanken lausche ich noch immer der Melodie und sehe Bilder des Tanzes von vorhin, als wäre nur ein Teil von mir tatsächlich dort gewesen. Und der andere Teil sah alles von weitem…

Etwas reagiert auf diese Bilder in meinen Gedanken.

Es ist mein Herz.

 

In dem Augenblick höre ich den Heroen rufen. Er brüllt etwas, dass ich nicht sofort verstehe. Ich blicke zu ihm und sehe erneut etwas in seinen blaugesprenkelten Augen aufblitzen. Dasselbe Entsetzen und einmal mehr jene Todessehnsucht stehen in seinem Blick. Er beginnt zu mir zu rennen und erst da realisiere ich die Gefahr.

Etwas schlängelt sich fest und erbarmungslos um meine beiden Füße. Zwanghaft kralle ich mich im Sand fest, mit der Gewissheit, nirgendwo Halt zu finden. Ich schreie. Diese Stimme hallt in meinen Gedanken nach, als wäre sie nicht meine eigene. Und ruckartig wirbelt mich die Kreatur aus den Meeren durch die Lüfte. Brutal und entsetzlich.

Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen. Mein Herz rast mit Angst hinein in seinen eigenen Abgrund. Ich hole tief Luft, denn das ist das einzige, was ich noch tun kann und werde dann hastig hinein in das Meer gezogen.

Die Kralle um meine beiden Füße verschwindet nicht und ich werde stetig, aber nicht mehr so schnell, hinein in das dunkle Meer geschleppt. Von hier unten kann ich den Mond funkeln sehen, während ich meine gesamte Energie in einem Strudel von hetzenden, ängstlichen Bewegungen, verpulvere. Wasserblasen steigen gemächlich nach oben, als wollten sie vor mir fliehen…

Meine Angst beginnt mich zu lähmen. Ich möchte nur noch atmen, weiß ich doch mit Gewissheit, dass mein nächster Atemzug der erste meines Untergangs sein würde. Ich will schreien, strample mit aller Kraft gegen jene fesselnden Schlinge. Meine Luft wird knapp. Ich werde panisch, bewege mich immer heftiger und flehe. Den Krieg habe ich überstanden und nun verschleppt mich so ein einfacher Wasserdämon in sein Reich. Wohin nur ist meine Magie. Ich kann nicht… Ich kann nicht mehr kämpfen…

Gerade da strahlt von oben her ein kühles, helles Licht und blendet. Wie in Trance beobachte ich die Schönheit, die von oben herab strahlt und das Meer erhellt. Ich spüre, dass sich die Fesseln um meine Knöchel lösen, aber ich fühle mich starr und unbeweglich. Jegliche Kraft scheint aus meinem Körper gepumpt. Ich fühle mich am Rande der Ohnmacht und nur das angenehme Licht von oben hält mich wach.

Plötzlich packt mich jemand am Arm und zerrt mich mit einer schier wahnsinnigen Kraft nach oben. Ich spüre die salzige Luft, die brennend in meine Lungen strömt und habe gerade da noch mehr das Gefühl mein Körper wollte mein Bewusstsein ausschalten. Wenige Augenblicke später sinke am Strand zusammen und fühle mich zittrig und am Ende. Aber ich habe nicht die Möglichkeit mich auszuruhen. Mahnend und deutlich entsetzt kniet der Heroe vor mir nieder. Sein Blick ist strafend und belehrend wie immer… aber es steht noch mehr in jenen klaren und schönen Seelenspiegeln. Ist es Angst?

Mit dem wachsenden Schamgefühl erneut von ihm gerettet worden zu sein, senke ich meinen Blick.

„Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen? Könnt Ihr nicht einmal auf Euch aufpassen!“ Seine Vorwürfe kommen kalt und schimpfend über seine blassen, trockenen Lippen. „Musste das sein, dass Ihr Euch schon wieder in Gefahr bringt?“ Er packt mich fest an meinen Oberarmen, so fest, dass es schmerzt. „Könnt Ihr nicht zumindest in diesem Leben auf Euch aufpassen!“ Und den letzten Satz scheint er sogleich zu verfluchen. Er lässt mich los, starrt mir entgegen, als will er sehen, ob ich jene Worte überhört habe. Er stapft wutgeladen wieder in Richtung der See und schlägt einige Steine und Muscheln mit seinen Füßen hinweg. Die Wut übermannt ihn. Vielleicht eine Wut auf sich selbst.

Und ich, wo ich mich gerade von dem Schrecken erhole, kann einfach nicht klar denken. Ich schließe die Augen und lehne mich für einen Moment zurück, spüre den weichen Sand unter mir und lausche den Klängen der Nacht. So gerne ich es täte, ich kann mich im Moment nicht konzentrieren und auf ihn achten. Ich brauche einen Augenblick nur für mich… zu realisieren, dass ich angegriffen wurde.

Um zu realisieren, dass ich erneut von ihm gerettet wurde…

In dem Augenblick wird es endlich schwarz vor meinen Augen. Meine Kräfte schwinden noch immer und ein Gefühl des Fallens umfängt mich.

Ich falle… diesmal falle ich tief…

 

 
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