Kapitel: 6
 
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Kapitel 6

In den Traumwelten herrschen andere Gesetze. Träume, so unfassbar und oftmals grausam, belehren, wenn man genau hinhört und hinsieht. Ich träumte seit ich Kind war in erschreckender und wahnwitziger Weise. Ich erträumte Menschen und Orte voller Phantasie und immer mit tiefen Gefühlen zu jedem Detail meiner Phantasiegebilde. Man erzählt sich jene Bilder wären ein Spiegel in eine andere Welt, ein Spiegel in das Land, das in dem eigenen Herzen ruht. Erst jetzt verstehe ich, was die Alten damit meinen…

Und erst jetzt öffne ich das erste Mal ohne Zweifel und Urteile meine sonst so blinden Augen in der Welt, die in mir kämpft. Ich kann den Wind spüren, der über meine Haut streift und sich in meinen langen Haaren verliert. Der Duft saftiger Wiesen und Blumen kitzelt meine Nase. Und als ich meine einst so blinden Augen öffne, finde ich mich auf weiten, sattgrün leuchtenden Wiesen einer Welt, die ich immer verehren werde. Die Sonne steht weit am Horizont und dennoch ist es kühl, hier, wo ich zuhause bin, hier in diesem Land, das meine ganze Liebe auffängt. Ich trete vorwärts in blauem Gewand, das seidig auf meiner Haut liegt und erstaune mehr und mehr. Ist das die Welt in meinem Herzen oder die wirkliche? Die mächtigen Berge liegen vor mir und davor in Melancholie und mein Herz strafend die Täler, die ich so liebte, und wo bereits in Hunderten Schlachten unschuldige Leben genommen wurden. Ich erinnere dieses Bild voller Stolz und doch spüre ich Veränderung. In den Gräsern, die lebendig wippen, in den raschelnden Zweigen der Bäume, die einzeln in der Steppe wachsen, selbst im Wind…

Ich bin nicht in meiner Gegenwart, das spüre ich. Vielleicht eine Vergangenheit oder Zukunft, die ich nicht erinnern oder erfahren wollte. Von weitem erklingen Kinderstimmen, herzhaft lachend und spürbar glücklich schallen jene reinen Stimmen nieder in das Tal. Ich wende mein Gesichtsfeld weiter, kann zwei Kinder entdecken, die nahe einem Baum mit blauen Blüten spielen. Zuerst sind es nicht die Kinder, die meine Aufmerksamkeit bannen. Es ist jenes Laubgeschöpft, großgewachsen, stark und mit tiefblauen, großen Blüten, die mich faszinieren. Großblättrig und duftend nach der Unendlichkeit des Meeres. Ich erinnere auch jene Blüten, bruchstückhaft sehe ich jene Blüten in goldblondem, langem Haar. Für den einen Moment kann ich zärtliche Hände spüren und sehen, die eine solche Blüte halten.

In dem Augenblick rennen beide Kinder an mir vorüber. Sie sehen mich nicht. Als geisterhafter Beobachter bin ich ein Gast dieser Erinnerung. Ausgelassen und ungemein glücklich scheinen jene Kinder nur Augen füreinander zu haben. Zwei Kinder, die ich nie kennenlernte und doch ist da irgendwo ein Gefühl von Vertrautheit und tiefe Gefühle, die ich empfinde. Das Mädchen mit hellblondem Haar und weißem Sommerkleid zieht meinen Fokus zunächst magisch zu sich. Sie lächelt so wie jedes vielleicht zwölfjährige Kind lächeln sollte. Nur nicht in dem Hyrule, das in meiner Realität existiert und einen brutalen Krieg überstanden hatte… Könnte dort ein Kind noch so lächeln?

Von Krieg und seinen Ablegern kann ich in den himmelblauen Augen des Mädchens nichts erkennen. Sie ist glücklich, hier auf den saftig grünen Wiesen, wo sie ihren Kameraden fangen und lachen kann. Auch ihr Kinderfreund, ein Junge, lacht und strahlt. Sein Anblick verwirrt mich ein wenig, so trägt er eine wiesengrüne Tunika, die mich sofort an die Legende der Helden erinnert. Seine helle, angenehme Stimme lässt kleine, aber sicherlich liebgemeinte Gemeinheiten über seine blassen Kinderlippen gleiten.

„Du rennst wie ein Mädchen“, ruft er und lacht, als seine Freundin von der Bemerkung beeindruckt wutstapfend hinter ihm her trottet.

„Ich bin ja auch ein Mädchen!“, zischt sie beleidigt, verhakt ihre kleinen Kinderhände kurz ineinander und teleportiert sich in kühlem blauen Licht schnell und zielsicher näher zu dem Jungen, der sie anscheinend gerne unterschätzte.

Ihr Kamerad ist von ihrem Einsatz an magischer Energie scheinbar so überrascht, dass er kurzerhand zurücktaumelt und über seine Füße stolpert. Beleidigt und etwas trotzig sitzt er im Gras und starrt seine Freundin streitsuchend an.

„Und du bist so ängstlich wie ein Mädchen“, lacht seine Freundin und behält auf eine gemeine Art die Oberhand. Ich muss lächeln angesichts dieses Bildes. Es löst in mir jegliche Anspannung und es ist wie ein heilsamer Schauer, der über mein Herz tropft.

Entschuldigend reicht das Mädchen ihm die Hand und lächelt verschmitzt. Er schüttelt den Kopf, lässt sich von ihrem angenehmen Lächeln mitreißen und besänftigen. Und die streitsuchenden Worte scheinen vergessen.

„Du weißt eh, dass du schneller zu Fuß und mutiger bist als ich, Link“, spricht sie dann erheitert, als er neben ihr auf den Füßen steht.

„Zum Glück“, lacht er albern und kratzt sich an seiner Stirn. Erst jetzt fällt mir auf wie ansehnlich der Junge ist. Er besitzt dickes, dunkelblondes Haar und Augen voller Mut und Tapferkeit. Augen so voller Aufrichtigkeit und Verständnis, die nicht vergessen werden sollten…

Augen… die man nicht vergessen durfte…

Ich weiß nicht, was die beiden Kinder in mir auslösen und was es bedeuten soll, dass ich sie beobachte. Sie sind so glücklich, so wie ich es niemals mehr sein kann. War dieser Traum eine Erinnerung an Glück? An die Fähigkeit glücklich zu sein, die in jedem Menschen steckt? Es ist nicht alles, wie ich realisieren werde, nicht alles, was der Traum mir sagen will. Ich werde verstehen, dass es Dinge gibt, die man vergisst, und Dinge, die nie vergessen werden sollten…

„Weißt du, wie diese Bäume heißen?“, fragt das Mädchen dann und streckt sich bis sie eine der Blüten zupfen kann. „Es ist der Baum des Vergessens, hat mein Vater mir erzählt. Es sind Blüten, die einen vergessen lassen“, erklärt sie.

„Du meinst es gibt Menschen, die diese Blüten nutzen um Erinnerungen zu löschen?“, entgegnet der Junge wissbegierig.

„Ja, ich weiß, dass mein Vater es bei manchen seelisch verletzten Menschen als Heilung erlaubt hat… aber ich denke nicht, dass man etwas wirklich vergessen kann. Vielleicht sieht man keine Bilder mehr, und hat keine richtige Erinnerung zu den Gefühlen… aber das, was im Herzen ruht, bleibt doch sicherlich da.“

Das Mädchen spricht weise Worte. Ich kenne diese Blüte nicht. Und noch nie habe ich von jenen Blüten gehört, durch die man wohl ein Serum gewinnen kann, das für Erinnerungen tödlich wirkt. Aber falls etwas Derartiges existiert und man es anwendet, bleibt da nicht im Herzen das erhalten, was den Menschen ausmacht?

Der Gedanke ängstigt mich und die angenehme Situation, diese Zweisamkeit der beiden Kinder lässt mich zweifeln…

Ich fürchte die Worte, die über die Lippen der beiden Kinder gelangen. Ich fürchte mich vor meiner eigenen Erinnerung und dem Vergessen…

„Kann man damit die Erinnerung an einen bestimmten Menschen töten?“, fragt der Junge und in seinen Augen lese ich Beunruhigung.

„Das weiß ich nicht“, spricht sie. „Aber es wäre grausam…“ Auch das Mädchen wird melancholisch und blickt zu Boden.

„Ah, ich weiß“, meint er dann, nimmt ihr die Blüte aus den Händen und steckt jene in ihr Haar. Es ist ein liebevolles Bild, das mich zu Tränen rührt. „Diese Blüte ist wunderschön, aber sie kann uns nichts anhaben“, sagt er Mut erfüllt. „Versprechen wir uns, dass wir uns niemals vergessen?“

„Ein Versprechen?“

„Jap“, meint er begeistert.

„Worauf willst du das Versprechen besiegeln?“, sagt sie und grinst.

„Wir versprechen es im Angesicht des Baumes des Vergessens, ja?“

„In Ordnung, Link. Ich verspreche, dass ich dich nicht vergessen werde“, sagt sie sanft und ihr Lächeln, dieses scheinbar sorgenfreie, sichere Lächeln, rührt mich erneut zu Tränen. Ich spüre, wie eine warme, salzige Träne über meine linke Wange tropft. Und ich realisiere in diesem Moment, dass dieses Geschehnis mich aus tiefem Grund so traurig stimmt. Mehr Tränen folgen, weil ich weiß, was seine nächsten Worte sind. Ich weiß, was mich zerreißt und ich weiß, dass ich mit diesen Gefühlen in mir nur weinen kann…

„Ich verspreche dir, dass ich dich nicht vergessen werde, Zelda…“

Ein Versprechen über Welten und Leben hinaus.

Ein Versprechen, das er hielt…

 

 
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